„Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“

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Der Filmemacher, Romancier, Essayist und Mahner Ralph Giordano

Von Roland Kaufhold
Aktualisierte Version anlässlich von Giordanos 100. Geburtstag

 „Es hat lange gedauert, bis ich mich öffentlich „Schriftsteller“ genannt habe.“
Ralph Giordano (2007, S. 488)

„Es dauerte geraume Zeit, bis Roman Bertini das Loch in der Mauer passiert hatte. Er entzündete eine Kerze und stellte sie an das obere Ende seines Lagers. Dann nahm er die Waffe aus der rechten Hosentasche, legte die Pistole neben die Menora, rückte das Buch Schau heimwärts, Engel von den Manuskripten, holte unter dem Umschlagdeckel sein silbergraues Notizbuch mit dem Goldschnitt hervor und schrieb da hinein: `Wir sind befreit.`“ Ralph Giordano war 22 Jahre alt, als er am 4. Mai 1945, dem Tode näher als dem Leben, nach einem mehrjährigen Überlebenskampf aus seinem Versteck, einem dunklen Loch einer Ruine, in Hamburg kroch. Dass er noch lebte, gemeinsam mit seiner Mutter Lea, vermochte er selbst kaum zu glauben.

52 Jahre später formuliert er in seinen „Erinnerungen eines Davongekommenen“: „Ich ging nicht, ich schwebte; ich atmete nicht, ich trank die Luft wie Nektar. (…) Freiheit, Freiheit! Und das war vor allem Freiheit von Angst. Wenn ich heute, im neunten Lebensjahrzehnt, morgens die Augen aufschlage, frage ich mich immer noch verwundert und ungläubig: `Bist du wirklich da? Hast du das wirklich überstanden?´“ (2007, S. 247)

Ralph Giordano1985, beim Erscheinen der Bertinis, war Ralph Giordano, der am 20. März 1923 in Hamburg geborene jüdische Publizist und Filmemacher, eine öffentliche Person. Er symbolisierte mit seiner Vita als Überlebender, als einer der ganz wenigen jüdischen Publizisten, die „dennoch“ in Deutschland geblieben sind, die existentielle Notwendigkeit des Erinnerns. 1942, in der Phase der Verfolgung, hatte er das Buch bereits geplant, sich versprochen. Und doch hatte er 40 Jahre gebraucht, um seine literarische Familiensaga Die Bertinis – die Dokumentation des Wunders seines Überlebens – zu verfassen. Die Bertinis wird sein bedeutsamstes Werk bleiben, neben seinen „Erinnerungen eines Davongekommenen“ (2007). Heinrich Böll bezeichnete es als „ein Buch der Empfindsamkeit“: „es ist voller Weh, hat keinen Platz für Wehwehchen“. Diese Beschreibung sagte Giordano zu; in seinen „Erinnerungen eines Davongekommenen“ (2007, S. 410) zitierte er sie zustimmend. 1988 wurde das knapp 800-seitige Werk als fünfteilige Fernsehserie ausgestrahlt. Ein Kreis hatte sich für Ralph Giordano geschlossen – und zugleich begann mit diesem Werk „die Ära der Lesereisen“ (ebda.): Nun trat Giordano, der Mitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland ist, auch als Schriftsteller öffentlich auf. Er hatte lange gebraucht, sich dies zuzugestehen.

Publizistische Anfänge

Ralph Giordano, als Sohn eines Pianisten und einer jüdischen Klavierlehrerin in Hamburg aufgewachsen, überlebte die Jahre der Verfolgung. Er hatte unglaubliches Glück gehabt – und bereits als 20-jähriger eine lebensrettende Verantwortung für seine Familie übernommen. Kurz nach dem Krieg wurde er Journalist, publizierte von Anfang an und bis heute für die Jüdische Allgemeine, bald auch für den NDR und den WDR.

Einem Millionenpublikum bekannt wurde er durch seine 23 Bücher, vor allem jedoch durch seine Fernsehdokumentationen: 1961 erhielt der 38-jährige einen Anruf, er solle sich in einem NDR-Fernsehstudio einfinden. Es gäbe ein Projekt, bei dem er mitwirken könne. Seinen ungläubigen Hinweis, dass er mit diesem Medium keinerlei Erfahrungen habe, wischte der Redakteur lapidar hinweg: So sei es ihnen allen ergangen. 27 Jahre lang, bis 1988, produzierte Giordano für den NDR und, ab 1964, für den WDR 100 dramatisch, aufklärend konstruierte Fernsehdokumentation aus zwölf europäischen und fünfundzwanzig asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern, dokumentiert in dem Band An den Brandherden der Welt (1984). Ein treuer Kollege war ihm hierbei der Kameramann Jossi Kaufmann. Für die ältere Generation eine Erinnerungsreise. Einige Titel: Heia Safari – Die Legende von der deutschen Kolonialidylle in Afrika (1966), Hunger – Herausforderung auf Leben und Tod (1968), Der perfekte Mord – Wie die Nazirichter freigesprochen wurden (1988) prägten zwei Generationen. Sein 45minütiger Dokumentarfilm Die armenische Frage existiert nicht mehr – Tragödie eines Volkes (1986), in dem er an den Völkermord an den Armeniern erinnert, löste Hunderte von erschütterten Leserbriefen aus, brachte ihm jedoch auch zahlreiche Morddrohungen ein. Selbst die Schnittarbeiten im Studio hatten nur unter Polizeischutz stattfinden können. Ralph Giordano, dessen Adresse und Telefonnummer stets im öffentlichen Telefonbuch zu finden war, musste erneut um sein Leben fürchten. Sehr konkret. Von Kollegen erhielt er nachhaltige Unterstützung. Der zuständige Abteilungsleiter Gerd Ruge beließ es bei der Auftragerteilung bei dem lapidar-knochigen, nuscheligen Kommentar „`Ja, mach das doch!´ – einer der souveränsten Kommentare, mit denen ich je auf Drehreise geschickt worden bin“ (1984, S. 208).

Bücher, Bücher

Anmerkungen über einige seiner Bücher, die in ihrer Summe ein Millionenpublikum erreichten: Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein (1987) ist seine bekannteste Auseinandersetzung über das Fortleben des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik. Keine der Unzahl von Publikationen zu diesem Thema  der letzten 25 Jahre vermag ohne auf einen Verweis auf Giordanos Werk auszukommen. Er schreibt über die „zweite Schuld“, die aus der Unfähigkeit und Unwilligkeit breiter Bevölkerungsteile erwachsen ist, die nationalsozialistischen Verbrechen aufrichtig anzuerkennen. Die Unwilligkeit, den Opfern Gerechtigkeit, Entschädigung zukommen zu lassen. 1989 folgte Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte.

1991 legte er mit Israel, um Himmels willen, Israel eine berührende, vorzüglich geschriebene Rundreise durch Israels Geschichte und Bevölkerung vor. Zugleich ist es eine sehr persönliche, leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Ort seiner Liebe, seiner brennenden Sorge: Israel. Es gehört in den Bücherschrank jedes an Israel Interessierten.

Im Dezember 1967 hatte Ralph Giordano Israel erstmals besucht. 2007 fällt es ihm in seinen Erinnerungen  immer noch schwer, seine seinerzeitigen komplexen Empfindungen in Worte zu fassen: „Ich betrete den Boden des Judenstaates mit Gefühlen, die ich nur schwer beschreiben kann. (…) Es hatte in diesen neunzehn Jahren (seid der Staatsgründung, RK) keinen Tag gegeben, an dem ich nicht daran gedacht, an dem ich nicht um Israel gebangt, mich nicht mit ihm gefreut oder getrauert hätte. Israel – das schwamm mir im Blut mit, war ständige Gegenwart, es öffnete mich.“ (2007, S. 353)

1990 reiste er endlich für sechs Monate nach Israel. Aufgrund seiner Klaustrophobie – eine Spätfolge seines Überlebenskampfes im Hamburger Versteck – vermochte Giordano seit einigen Jahren nicht mehr zu fliegen. So fuhr er von Köln aus mit seinem alten Ford los, nach Bari, dann mit dem Schiff über Patras bis nach Haifa. Sechs Monate lang dokumentierte er die landschaftliche Schönheit, die politische Konfliktlage, führte einen leidenschaftlichen Kampf für die Unteilbarkeit der Humanitas. Und: Er fand, durch Zufall, ein Adoptivkind – ein zwölfjähriges palästinensisches Mädchen. Der familiäre Kontakt ist geblieben, bis heute.

Israel blieb der Ort seiner leidenschaftlichen Liebe. So verwundert es nicht, dass er in der Aprilausgabe 2007 der Jüdischen Allgemeinen auf die Frage: „Wenn Sie Deutschland den Rücken gekehrt hätten, wo wären Sie hingegangen?“, spontan entgegnete: „ Nach Israel! Deutschland ist zwar mein kulturelles Vaterland, aber der jüdische Staat mein Mutterland. Israel ist meine Liebe, meine Sehnsucht, meine Sorge und meine Kritik, aber diese Kritik ist in meine Liebe zu und Sorge um Israel eingehüllt. Im Nahostkonflikt gibt es keine einseitigen Schuldzuweisungen! Und: Israel ist in diesem Konflikt der weitaus bedrohteste Teil. Ich gestehe: Mein Herz bebt und zittert oft genug um dieses Mutterland.“

Israel, seinen Bürgern gegenüber, fühlte er sich verbunden, verpflichtet – zeitlebens. Im Januar 2007 erinnert Giordano in einem Nachruf an Teddy Kollek, Jerusalems legendärer Bürgermeister von 1965-1993. Kollek, in Wien aufgewachsen, hatte ihm eine komfortable Unterkunft im Gästehaus Jerusalems angeboten, für seine Recherchen. Vor allem jedoch hatte er ihm die Türen zu prominenten Gesprächspartnern geöffnet. Giordano fühlt sich mit Teddy Kollek tief verbunden: „So oft wir uns auch gesprochen und geschrieben haben, ich habe diese Stunden, in denen ich Dich ganz allein hatte, nie vergessen. Und erst recht nicht Deinen Satz beim Abschied, der wohl bis zuletzt galt: „Immer, wenn ich Kinder sehe, muss ich an die umgekommenen jüdischen Kinder denken. (…) Es ist auch mein Reflex, Teddy – so lang ich leben werde“ (Jüdische Allgemeine 1/2007).

Weitere Bücher dieses kreativen, streitbaren Publizisten: Die Reden- und Aufsatzsammlung „Ich bin angenagelt an dieses Land“ (1992) umfasst eine Sammlung von Essays aus den Jahren 1988-1992. Zugleich ist sie eine Dokumentation seiner ungebremsten, lebenslang anhaltenden außergewöhnlichen Schaffenskraft. Es finden sich hierin Würdigungen des von ihm höchst geschätzten Carl Ossietzky, des ehemaligen Kommunisten Alfred Kantorowicz und des zwangsweise nach Köln übergesiedelten Lew Kopelew. Dieser hat es ihm angetan mit seinem ungebrochenen Engagement, trotz seiner Ausweisung aus der Sowjetunion. Vor allem aber berührt ihn Kopelews Schrift Aufbewahren für alle Zeit. Ihm imponiert die „dichte Menschlichkeit“, die er zwischen Raissa und Lew Kopelew erlebt, in deren Kölner Wohnung.

Es findet sich hierin auch sein stolzes Bekenntnis „Ich bin und bleibe Hamburger“, welches er an seinem 65. Geburtstag eben dort verkündete: Seine Kinder- und Jugendzeit im Hamburger Versteck bleibt prägend für ihn, trotz seines heute knapp 50-jährigen Wirkens in Köln. Der WDR hatte ihm unvergleichliche Arbeitsmöglichkeiten als Fernsehdokumentarist ermöglicht. Dennoch: „Herzklopfen immer wieder, bei jeder neuen Ankunft hier, bei jedem abermaligen Anblick Hamburgs (…) Herzklopfen bis zum Halse!“ (S. 121)

Und doch ist diesem emsigen, produktiven Publizisten irgendwann, inmitten von Filmaufnahmen, einmal die Sprache ausgegangen, im wörtlichen Sinne – als er den Bereich „jenseits der Sprache“ betrat: Mitte der 1990er Jahre, bei einem Besuch des über 70-Jährigen in Auschwitz. Diese Konfrontation mit dem Ort der modernen Hölle ließ ihn verstummen:

„Auf der Rückreise nach Deutschland bin ich (…) quer durch Polen nach Auschwitz gefahren, mit kurzem Aufenthalt in Krakau. Ich habe das Stammlager aufgesucht und das Vernichtungslager. Habe die Schienen angefaßt, die gesprengten Krematorien und Gaskammern und habe meine Gedanken und meine Gefühle auf Band gesprochen. (…) Als ich nach Hause kam, den Text abgeschrieben hatte und beginnen wollte, darüber zu berichten, konnte ich es nicht. Und so ist es bis heute geblieben und wird es bleiben. Ich habe von meinem Gang über die Erde von Auschwitz nichts schreiben können, kein Wort, keine Silbe. Ähnliches ist mir nie passiert, weder vorher noch nachher. Auschwitz hatte mich stumm gemacht“ (2007, S. 477).

Auszeichnungen

Es findet sich auch viel Dankbarkeit in diesem Werk, Dankbarkeit für das eigene Überleben, aber auch für die nicht wenigen Auszeichnungen und Ehrungen, die er empfangen hat. „Aber du hast doch gar kein Abitur!“ ist seine Dankesrede für die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Gesamthochschule Kassel im Jahr 1990 überschrieben – jene Gesamthochschule, die auch Hans Keilson und Ernst Federn in vergleichbarer Weise auszeichnete. Der 67-jährige erinnert sich an „Freunde, Helfer, Lebensretter“ – und spürt doch immer wieder die Fragilität seines seelischen Abwehrsystems: „Die Erinnerungen daran werden durch keine Zeit geheilt, im Gegenteil. Je weiter sich jene zwölf Jahre entfernen, desto greller werden die Bilder von damals, desto peinigender“ (S. 196). Er bleibt ein Überlebender, mit der damit verbundenen Last, aber auch einem Gefühl der Verpflichtung. Und er wiederholt auch bei dieser Feierstunde sein immer wieder formuliertes Credo: „Ich bin geblieben, weil die Täter geblieben sind und weiter gewirkt haben, auch darum bin ich geblieben“ (S. 198).

Ein Feld heftigster Auseinandersetzungen, die Ralph Giordano immer wieder ausgetragen hat, findet sich in diesem bunten Sammelband: „Wieder Deutschlands trauerunfähige Linke!“, publiziert 1992 im Spiegel. Nach der Befreiung, von 1946 bis 1957, gehörte Giordano der KPD an. Elf Jahre lang glaubte er an die Möglichkeit eines demokratischen Sozialismus, vertraute er dem antifaschistischen Credo. Mit ungläubigem Staunen hatte er erleben müssen, wie sich ehemalige Verfolgte, ehemalige Opfer, in einfühlungslose stalinistische Täter verwandelten. 1955 war er sogar für neun Monate in die DDR übergesiedelt, kehrte danach jedoch desilluioniert nach Hamburg zurück. 1961 publizierte er seine Abrechnung mit dem Stalinismus in Die Partei hat immer recht“. Energisch wendet er sich gegen jegliche Versuche, die totalitäre Vergangenheit der DDR „nostalgisch zu verklären und zu rechtfertigen“ (S. 317). Unterstützung fand er hierbei vor allem in seinem Freund Wolfgang Leonhard.

Der verbale Heißsporn Giordano wählt angesichts der von der deutschen Regierung offensichtlich geduldeten Giftgaslieferungen an Saddam Hussein deutliche Worte: „Helmut Kohl selbst, der Dreisteste der Dreisten“ (S. 237) Wenig später, im Januar 1992, formuliert er einen „Offenen Brief an Helmut Kohl, überschrieben mit „Und Auschwitz, Herr Bundeskanzler – Auschwitz?“ (S. 272ff.)

Wird Deutschland wieder gefährlich? – Brief an Kanzler Kohl

„Ich habe immer Angst gehabt, mein ganzes Leben hindurch, sie hat mich keine Sekunde verlassen, von meiner Kindheit an bis heute, durch alle Stadien meines Daseins hindurch.“
Giordano in: „Wird Deutschland wieder gefährlich?“ (Giordano 1993, S. 66)

Dieses Thema vertiefte Giordano in seinem mit heißer Feder verfassten „Wird Deutschland wieder gefährlich? Mein Brief an Kanzler Kohl – Ursachen und Folgen“ (1993). Die Streitschrift löste heftigste Kontroversen aus. Nach den Mordanschlägen von Hoyerswerda, Solingen und Mölln, nachdem ihn brieflich die 221. Morddrohung erreicht hatte, rief er öffentlich zur Gegenwehr auf. Sein fulminantes Werk wurde viel rezipiert, eine öffentlichkeitswirksame Intervention, die eine breite gesellschaftliche Diskussion auslöste. Zurückgenommen, bedauert hat er seine deutlichen Worte niemals. Sie blieben für ihn lebensnotwendig.

Zugleich ist dieses im journalistischen Eiltempo verfasste Buch, das ich seinerzeit in der  psychoanalytischen Fachzeitschrift psychosozial (Nr. 56 (2/1994), S. 131-134) rezensierte, aus meiner Sicht ein Schlüsselwerk, um Giordanos wenige Jahre später verfassten öffentlichkeitswirksamen Attacken und Polemiken gegen den Kölner Moscheebau wirklich zu verstehen.

Giordano fühlte sich durch die rechtsradikalen Mordanschläge, die wenige Jahre nach der Wiedervereinigung über Deutschland hinwegfegten, massiv als Jude bedroht. Er hatte den Eindruck, dass der noch in der Nazizeit verwurzelte Neonazismus, vor dem er immer wieder in seinen Werken gewarnt hatte, wieder die Oberhand gewann. Und er fühlte sich vor allem durch den bundesrepublikanischen Staat und die Polizei ungeschützt – ein „jüdisches“ Gefühl, das er in seinen autobiografischen Werk Die Bertinis (1982) auf unnachahmliche literarische Weise entfaltet hatte.

Um nicht von Ohnmacht gelähmt und hierdurch wehrlos zu werden startete der Zeitzeuge Giordano binnen zwei Wochen zwei massive öffentliche Interventionen. Er teilte mit, dass er ab nun, im Gespräch mit einigen jüdischen Freunden, zum Selbstschutz greifen werde. Er und einige Freunde würden sich in geeigneter Weise bewaffnen – Details nannte er bewusst nie – um seinen Todfeinden nicht mehr wehrlos gegenüber stehen zu müssen. Über Jahre hatte er Morddrohungen erhalten: Erst von Nazis, dann von türkischen Nazis, und nun erneut von Rechtsradikalen. In seinem Buch (S. 70-108) hat er eine Auswahl von ihnen  dokumentiert.

Am symbolreichen 9.11.1992 stellte Giordano bei der Civis-Preisverleihung in „seinem“ WDR-Sendesaal seine Warnungen öffentlich vor: Durch „die nahezu tagtägliche Kette rechtsextremistischer Brandstiftungen, Gewalttaten und Mordanschläge“ sei das Gesicht der Republik verunstaltet worden. (S. 19) Ein befreundeter jüdischer Emigrant, der 1965 nach Deutschland zurückgekehrt sei, habe ihm konsterniert die Frage gestellt: „Werde ich nun wieder vertrieben? Schlägt Deutschland mich noch einmal in die Flucht? Muss ich aufs Neue um Leib und Leben fürchten?“ (S. 20)

Giordano legte noch einen drauf: In Übereinstimmung mit „anderen Überklebenden des Holocaust und ihren Kindern“ (S. 20) spreche er hiermit die Warnung aus, kraft seiner Zugehörigkeit zu den „abermals Bedrohten“ dass sich sie „bis in die Selbstbewaffnung hinein“ (S. 21) schützen würden.

Es war keine verbale Entgleisung, es war eine bewusst, wohl formulierte Warnung, die Giordano vor seinen Berufskollegen aussprach.

Zwei Wochen später wiederholte er diese noch einmal, in noch direkterer Weise: Er schickte Kanzler Helmut Kohl einen umfangreicheren öffentlichen Brief, in dem er seine scharfe Warnung noch einmal dezidiert wiederholte: „Nie wieder werden wir Überlebenden des Holocaust unseren Todfeinden wehrlos gegenüberstehen – niemals!“ Begründend sprach er von der „unentschuldbaren staatliche  Schwäche gegenüber den rechten Mördern“ (S. 13). Diesen Brief setzt er an den Anfang seiner gleichermaßen von Besorgnis wie auch von Wut inspirierten Streitschrift.

Die Reaktion der konservativen Elite – denn eben diese attackierte Giordano 1993 sehr bewusst – ließ nicht lange auf sich warten – und fiel noch einfühlungsverweigernder aus, als er wohl selbst erwartet hatte: „Verfehlte Schuldzuweisung“ seien „kein Beitrag zur Problemlösung“, hieß es von hohen CDU-Funktionären. Giordanos Angriffe auf den Kanzler Kohl seien „unerträglich und entbehren jeder Grundlage“ (S. 15). Aus dem Bundeskanzleramt hieß es gleichfalls dass Giordanos Äußerungen unerträglich und ehrverletzend seien.

Konrad Weiß, ostdeutscher Bürgerrechtler und Grünen-MdB, der schon zu DDR-Zeiten zum Rechtsextremismus in der DDR recherchiert hatte, zeigte hingegen in einer Bundestagsrede „Verständnis für die Entschlossenheit meines Freundes Ralph Giordano und anderer Überleben der der Schoah.“ Manchmal frage er sich, ob man nicht doch „den Einsatz von UNO-Blauhemden in Deutschland erbitten“ solle. (S. 17)

Der 70-jährige Giordano stellt nachfolgend seine journalistischen Rechercheergebnisse zum Rechtsradikalismus vor. Er sah keinen Sinn mehr in einem weiteren Austausch mit der Regierung sondern ermutigte Ausländer, sich entschieden gegen ihre Angreifer zu wehren: „Wehrt Euch, laßt Euch nicht länger von deutschen Verbrechern abfackeln, duldet nicht, daß sie Eure Mütter, Eure Väter, Brüder, Schwestern, Söhne und Töchter toten! Seid vorbereitet, wenn sie kommen, erwartet, daß sie kommen könnten – heute Nacht, morgen Nacht und lange noch. (…) Es ist genug, es ist übergenug – wehrt Euch, endlich!“ (S. 24f.)

Im Folgenden greift Giordano seine Publikationen zu der Zweiten Schuld – also der Verdrängung der ersten Schuld, der Nazibarbarei, durch die Deutschen in der alten Bundesrepublik – auf. Die heutigen rechtsradikalen Übergriffe seien die Saat dieser gesellschaftlichen und individuellen Versäumnisse, der mangelhaften „Aufarbeitung“ dieser „ersten Schuld“ Es seien die Folgen dieser kollektiven Trauerunfähigkeit der Deutschen, über die bereits die Mitscherlichs bereits in den 1960er Jahren geschrieben hatten. Es seien, um einen weitere zentrale Formulierung von Giordanos Schriften aufzugreifen, die „Spätfolgen des großen Friedens mit den Tätern.“ (S. 29)

Es dürfte deutlich geworden sein, in welchem Ausmaß der 70-jährige Giordano aufgebracht, entsetzt war. Als sein Wirken im Land der Täter schien ihn offenkundig vergeblich. Hiergegen begehrte er nach der 221.ten konkreten Todesdrohung, die ihn brieflich erreichte und von denen er zahlreiche in diesem Buch veröffentlicht, in einer drastischen Weise auf.

Oder in Giordanos dichter literarisch-journalistischen Sprache:

„Der Tornado der rassistischen Fremden- und Ausländerfeindlichkeit, diese Renaissance einer ungezügelten und zu jeder Untat fähigen Gewaltbereitschaft, sie wurzelt tief in den Unterlassungen der Verdrängungsgesellschaft West und Ost. Deutschland – deine Täter…“ (S. 29)

Immer wieder spricht Giordano in seinem bestürzenden Werk von der „seelischen Ungeschütztheit“ der Juden in Deutschland (S. 38). Ohne eine Einfühlung hierein durch die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft sei ein Verständnis seines Briefes an Kanzler Kohl nicht möglich. Die vermeintliche Gewissheit, in einer stabilen Demokratie zu leben, die auch die Juden schütze, habe sich ihm „als Illusion entpuppt.“ (S. 39)

Diese Erfahrung der schrittweisen Desillusionierung, was seine vermeintliche Sicherheit als Jude in Deutschland betrifft, wurde Mitte der 1980er Jahre in Folge seines Fernsehfilmes über den türkischen Völkermord an den Armeniern (Akhanli 2018, Kaufhold 2015, Kaufhold 2018a, Kessler 2015) zusätzlich schwer erschüttert – dies führe ich an anderer Stelle in dieser biografischen Studie aus. Das für ihn bestürzendes, sehr konkrete neue Bedrohungsgefühl kam von Seiten „rechter“ türkischer Einwanderungsgruppen. Sie waren als unterprivilegierte Einwanderer etwa als billige Arbeitskräfte nach Köln zu den Fordwerken gekommen. Sie fühlten sich weiterhin der Türkei, bzw. islamistischen oder sehr rechten, geschichtsleugnenden Gruppierungen innerhalb der Türkei zugehörig, identifizierten sich mit diesen. Und sie errichteten, wie etwa die Biografie des großen deutsch-türkischen Schriftstellers und Menschenrechtlers Dogan Akhanli (Kaufhold 2020) belegt, in der Bundesrepublik ein Spitzelsystem gegen türkische Oppositionelle und Menschenrechtler. Ihr besonderer Hass jedoch galt Dogan Akhanli, weil dieser den Völkermord an den Armeniern immer wieder literarisch und erinnerungspolitisch erinnerte (Akhanli 2016, 2018, Kaufhold 2015). Deshalb betont Giordano in „Wir Deutschland wieder gefährlich): „Diese Sicherheit, mit der ich körperliche Angriffe gegen mich ausschloß, bekam einen Stoß erst Mitte der achtziger Jahre. Aber das kam nicht von deutscher Seite.“ (S. 45) Sie setzte ein mit der Ausstrahlung seiner 45-minütigen Fernsehdokumentation „Die armenische Frage existiert nicht mehr – Tragödie eines Volkes“ am 21.4.1986 (vgl. Giordano 2015, Kaufhold 2018a).

Wird Deutschland wieder gefährlich? ist vermutlich Giordanos zornigstes, von starken Emotionen gespeistes journalistisches Werk.

Vehemente Kritik am Kölner Moscheebau

Im Jahr 2007 eröffnete sich für den Schoah-Überlebenden Giordano – vielleicht, im Rückblick betrachtet: zu seiner eigenen Überraschung – ein neues Streitfeld, in welchem er in kürzester Zeit zu einer Symbolfigur avancierte: Der Kölner Moscheebau. Über Jahrzehnte hinweg hatten sich moslemische Gläubige in Köln in diversen „Hinterhofmoscheen“ getroffen, nahezu unbemerkt von der deutschsprechenden Mehrheitsgesellschaft. Im Jahr 2007 hatten alle im Kölner Stadtrat vertretenen Parteien – mit Ausnahme der mit fünf Sitzen im Kölner Stadtrat vertretenen Rechtsradikalen – für den Bau einer großen Moschee im „Arbeiterstadtteil“ Ehrenfeld ausgesprochen. Insbesondere der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma positionierte sich, zur Überraschung Vieler, in volkstümlich-kölschem Dialekt anfangs als ein überzeugter Anhänger eines Moscheebaus. Betreiber der geplanten Moschee ist die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.), diese ist dem türkischen „Präsidium für Religionsangelegenheiten“ kurz DIYANET, zu- bzw. untergeordnet. Aufgabe der DITIB ist es, sich für die Religionsangelegenheiten der Türken im Ausland zu kümmern. Sie ist, dies sollte nicht unerwähnt bleiben (s.u.), politisch-religiös immer so wie die jeweilige Regierung in der Türkei ausgerichtet. Politisch ist sie sehr konservativ und unbeweglich (wie die katholische Kirche auch). Viele progressiv-demokratisch ausgerichtete Kölner Kurden und Türken betrachten deren Wirken äußerst skeptisch, sehen deren konkretes Handeln als kaum vereinbar mit demokratisch-liberalen Werten und Grundüberzeugungen – insbesondere, was die Rechte von Frauen betrifft.

Von der DITIB wurde ein renommierter Architekt, Paul Böhm, mit der architektonischen Planung und Gestaltung beauftragt. Böhm unterstützte das Bauvorhaben auch in seiner Gigantomanie: Es ist eine 35 Meter hohe Kuppel mit zwei Minaretten von je 55 Metern Höhe vorgesehen, die 1.200 – nach anderen Zahlen sogar 4000 – Gläubigen Platz bieten soll. Von Kritikern, zu denen keineswegs nur Giordano gehörte, wurde diese optisch gigantisch anmutende Bauversion als eine Geste der (religiösen) Macht interpretiert. Es dürfte vor allem dem Ansehen Paul Böhms geschuldet sein, dass diese Bedenken sich anfangs weitgehend nur verklausuliert bemerkbar machten.

Giordano hatte sich bereits in seinem Werk „Erinnerungen eines Davongekommenen“ (2007) sehr kritisch mit diesem Bauvorhaben auseinander gesetzt. Nach einem vom lokalen Kölner StadtAnzeiger moderierten Streitgespräch Giordanos mit Bekir Alboga, Dialogbeauftragter des Bauherrn Ditib, am 16.5.2007 ((KStA: Ralph Giordano: „Stoppt den Bau dieser Moschee“, http://www.ksta.de/koeln-uebersicht/-stoppt-den-bau-dieser-moschee-,16341264,13378094.html; weiterhin: http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article10256801/Ralph-Giordano-schreibt-dem-Bundespraesidenten.html; http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article13924008/Ralph-Giordano-kanzelt-Ex-Kanzler-Schroeder-ab.html)), eskalierten die Auseinandersetzungen. Giordano äußerte eine vernichtende Kritik an dem Großprojekt sowie dessen Betreiber Ditib. „Es ist ein falsches Signal. Wahr ist, dass die Integration der muslimischen Minderheit in Deutschland gescheitert ist“, so sein Credo, welches er in diversen Interviews wiederholte. Der Bau der Moschee sei ein falsches Signal, die Integration sei gescheitert. Vermutlich empörte ihn insbesondere die parteiübergreifende Unterstützung der Moscheebaupläne. Die „Regierenden“ würden in einer illusionären Verkennung der Wirklichkeit die Augen vor der Gefährdung der westlich-demokratischen Werte durch „den Islam“ verschließen, so sein Vorwurf. Der Islam gehöre nicht zu Europa, wiederholte Giordano immer wieder. Unterstützung erfuhr er hierbei u.a. von einigen bekannten Publizistinnen wie Necla Kelek, Alice Schwarzer und Seyran Ates.

Sein Kölner Kollege Günter Wallraff  entfaltete zeitgleich eine eigene Initiative, um die Dialogbereitschaft der Ditib bzw. deren Ankündigung, sie wolle die Moschee auch für kulturelle Veranstaltungen öffnen, zu überprüfen. Er kündigte an, in der Kölner Moschee aus den „Satanischen Versen“ seines Freundes Salman Rushdie zu lesen. Diesem hatte Wallraff  seinerzeit Unterschlupf geboten. Die Ditib lehnte sein Vorhaben ab. Daraufhin formulierte Wallraff eine sehr scharfe, persönliche Kritik am Ditib-Vorsitzenden, die sich von Giordanos Diktion kaum unterschied. Wenig später wurde Wallraff unter Polizeischutz gestellt, da er von der Organisation „Islam News Center“ im Internet als „Islamfeind Nummer eins“ bezeichnet und mit dem Tode bedroht wurde. ((Der Spiegel, 10.7.2007: Günter Wallraff will in Moschee aus Satanischen Versen lesen, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/islam-debatte-guenter-wallraff-will-in-moschee-aus-satanischen-versen-lesen-a-493666.htmlSZ;
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/streit-um-moscheen-lesung-wallraff-beschimpft-islamfunktionaer-a-507861.html; 19.5.2010: Günter Wallraff im Visier von Radikalen. Mit dem Tode bedroht. http://www.sueddeutsche.de/kultur/guenter-wallraff-im-visier-von-radikalen-mit-dem-tode-bedroht-1.889224 In einem Interview mit der Jüdischen Zeitung (8/2007) distanzierte sich Wallraff von Giordano. Dieser lege „eine Härte an den Tag, die mir völlig unverständlich ist. Er schließt Menschen aus und gibt ihnen überhaupt keine Chance. (…) Giordano gibt sich plötzlich als Islamexperte und kommt mit dem Begriff der Taqivya.“.))

Besonders empörte Ralph Giordano der Anblick von burkatragenden Frauen in Köln, die er wiederholt als „menschliche Pinguine“ ((Der Spiegel, 24.5.2007:  Islamdebatte: Pinguine, Burkas und der Nazivorwurf. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/islamdebatte-pinguine-burkas-und-der-nazivorwurf-a-484685.html)) bezeichnete. Dieser Anblick sei ihm persönlich unerträglich. Er erinnerte auch an die bekannt gewordenen Pläne der moslemischen Attentäter des 11.9., u.a. auch den Kölner Dom in Trümmer zu legen.

Zugleich wies er darauf hin, dass ihn seit der Veröffentlichung seiner „Erinnerungen eines Davongekommenen“ sechs Morddrohungen, offenkundig von moslemischen Fundamentalisten, erreicht hätten – eine neue und dennoch vertraute Erfahrung für den streitbaren Publizisten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten den 84-jährigen 1300 Morddrohungen von Rechtsradikalen sowie von Leugnern des Völkermordes an den Armeniern erreicht. ((Spiegel  25.5.2007: Moscheekritik: Morddrohungen gegen Ralph Giordano. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/moscheekritik-morddrohungen-gegen-ralph-giordano-a-484937.html))

Diese pauschalisierende, vehemente Ablehnung von moslemischen Gotteshäusern löste im liberal-linken politischen Spektrum z.T. scharfe Kritik aus. Ein Teil dieser Polemiken bedarf aus meiner Sicht keiner Erwähnung. In liberalen Blättern wie der SZ ((Giordanos Islam-Kritik. Der alte Mann und die Moschee: http://www.sueddeutsche.de/kultur/giordanos-islam-kritik-der-alte-mann-und-die-moschee-1.881427)) und der ZEIT („Das ist die unrühmliche Abdankung eines Mannes, der einmal ein Aufklärer war“) ((Die ZEIT, 7.9.2007: Jörg Lau: Ralph Giordanos intellektueller Selbstmord http://blog.zeit.de/joerglau/2007/09/07/ralph-giordanos-intellektueller-selbstmord_717)) wurde hingegen eine bedächtige, argumentierende Kritik an Giordanos Positionen formuliert.

Die ZEIT (23/2007) gab zu bedenken: „Moscheen sind keine Signalanlagen der Integration – ebenso wenig wie die neuen Synagogen der wachsenden jüdischen Gemeinde. Aber zweifellos kann man an ihnen etwas ablesen. Die Kölner Moschee, gegen die Giordano streitet, ist das Zeugnis eines neuen Selbstbewusstseins. Und das ist kein Grund zur Sorge, sondern zur Hoffnung.  (…) An dem Ort, an dem die Moschee entstehen soll, beten Muslime unbescholten schon seit Jahrzehnten. (…) Dies ist das Signal von Ehrenfeld: Muslime wollen selbstbewusst in der deutschen Gegenwart ankommen, sie wollen aus Fabriketagen und Hinterhöfen in die Öffentlichkeit. Wer ein Interesse an Reform und Einbürgerung des Islams hat, sollte das begrüßen. Ein Islam, der sich nicht versteckt, muss und will sich auch kritischen Fragen stellen.“ ((Die ZEIT, 12.6.2007: Raus aus der Fabrik. Muslime wollen in Köln eine neue Moschee bauen – kein Grund zur Aufregung http://www.zeit.de/2007/23/Giordano))

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (2009) formulierte in einem Buchbeitrag, der explizit Giordanos Entwicklung hin zum „Islamkritiker“ analysiert, eine auch sprachlich scharfe Kritik an dessen politischer Entwicklung. „Das halbierte Humanum. Wie Ralph Giordano zum Ausländerfeind wurde“ ist sein Diskussionsbeitrag dementsprechend betitelt. ((Micha Brumlik (2009): Das halbierte Humanum. Wie Ralph Giordano zum Ausländerfeind wurde, in: T. G. Schneiders (Hrsg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden 2009 (VS-Verlag), S. 469-475.)) Brumlik konstatiert einleitend:

„Ralph Giordano war einmal eine moralische Autorität in Deutschland. Mit seinen aufrüttelnden Reportagen (…) sowie seinem politisch – psychologischen Traktat die „Zweite Schuld“ gehörte er über Jahrzehnte zu jenen Stimmen, die einer selbstgerechten und indolent gewordenen westdeutschen Gesellschaft den Spiegel vorhielt. Nun jedoch (…) ist der Autor zu eben dem geworden, was er jahrelang analysiert und damit an den Pranger gestellt hat: zu einem von dumpfen Ressentiments getriebenen Kleinbürger, der – von undurchschauten Vorurteilen getrieben – seine Liebe Not und Mühe hat, sich des überreichen Beifalls von der falschen, der rechten Seite zu erwehren“ (Brumlik, 2009, S. 469).

Giordanos islamkritisches Engagement sei eher kein „Ausrutscher“ sondern ein „kontinuierliche(r) Zug seiner politisch-charakterlichen Entwicklung“ (ebda.). Dessen Auslassungen über den Islamismus seien durch einen „zutiefst illiberale(n) Duktus“ geprägt und von “Ressentiment(s)“ motiviert, die früher das „Charakteristikum einer ethnozentrischen, wenn nicht rassistischen Rechten gewesen“ sei (ebda.) Giordanos Bewältigung seiner zutiefst traumatischen Lebenserfahrungen während der Zeit der Verfolgung münde, so Brumliks auch tiefenpsychologische Interpretation, in einem „Appell“, einem „Imperativ, derlei nicht mehr zuzulassen und zu bekämpfen – ein Imperativ, der alleine das Überwältigtwerden durch traumatische Erinnerungen verhindern kann.“ (ebda.) Sein immer wieder formulierter Anspruch von der „Unteilbarkeit der Humanitas“ sichere diesem zwar „psychische Stabilität und persönliche Identität“, sei jedoch „in der Sache nicht durchzuhalten“ (ebda.). Dessen verallgemeinernde Anklagen des Islamismus seien „kenntnislos“, „während ihm die vielen einzelnen muslimischen Immigranten in auch ihrem nicht einfachen Leben zu einer verächtlichen Totalität zusammenschrumpfen, zum „Integrationsreservoir““ (Brumlik, 2009, S. 475).

Abschließend hebt Brumlik hervor:

„Die traumatische Erfahrungen der NS-Verfolgung lassen sich im Fall Giordanos offenbar nur dadurch ertragen, dass er diesen Feind immer weiter bekämpft, auch wenn er die Gestalt gewechselt hat. Derzeit hat er die Gestalt der Türken in Köln Ehrenfeld angenommen. (Brumlik, 2009, S. 475).

Ralph Giordano ließ sich durch diese kritischen Repliken in seiner Vehemenz nicht irritieren. In rechtspopulistischen und rechtsradikalen Internetmagazinen avancierte er durch seine Äußerungen ungefragt zum „jüdischen Kronzeugen“ gegen „die islamische Gefahr“. Als auch die im Kölner Stadtrat vertretenen Rechtsradikalen den Versuch unternahmen, Giordano verbal zu vereinnahmen, reagierte er in gewohnter Deutlichkeit: „Pro Köln“ sei „die lokale Variante des zeitgenössischen Nationalsozialismus, Leute, die mich, wenn sie könnten, wie sie wollten, in die Gaskammer stecken würden.“ ((Der Spiegel, 31.5.2007: „Gaskammer“-Streit: Giordano und Pro Köln gehen vor Gericht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gaskammer-streit-giordano-und-pro-koeln-gehen-vor-gericht-a-485894.html; http://www.publikative.org/2007/05/28/nrw-pro-koln-verklagt-giordano/))  Trotz des expliziten „Gaskammer-Vorwurfes“ trauten sich die Kölner Rechtsradikalen nicht, Giordano zu verklagen.

Dass sich Giordano inmitten des Kampfgetümmels zu einer Verteidigung des eitlen Rechtspopulisten Thilo Sarrazin verleiten ließ gehört für mich zu den wenigen Befremdlichkeiten Giordanos, auf die man vielleicht nicht eingehen sollte. ((http://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article9388479/Wider-die-Kreidefresser.htmlhttp://www.fr-online.de/die-neue-rechte/sarrazin-debatte-ist-die-islamophobie-der-neue-antisemitismus-,10834438,4924994.htmlhttps://www.hagalil.com/2010/08/29/sarrazin-6/http://www.tagesspiegel.de/kultur/sarrazins-buch-radikalismus-der-mitte/1915830.html))

Die Vereinnahmungsversuche durch Rechtsradikale machte Ralph Giordano  offenkundig vorsichtiger: Im Dezember 2010 wollte er anfangs auf einem internationalen „Anti-Islam-Kongress“ in Paris auftreten. Sein Name stand bereits auf den Plakaten. ((https://www.hagalil.com/2010/12/06/anti-islam-kongress/))

Kölner Freunde informierten ihn, dass dort auch zahlreiche Shoah-Leugner als Referenten auftreten. Am 7.12. sagte er seine Teilnahme in einer eilig verfassten Pressemitteilung ab: „Ich wurde auf eine falsche Fährt gelockt“, betont er hierin. ((https://www.hagalil.com/2010/12/07/giordano/))

In Giordanos Tagebuch „Mein Leben ist so sündhaft“, 2010 erschienen, ist seine seelische Erschütterung über die dieses Thema, aber auch über die soeben beschriebenen Angriffe gegen seine Person überdeutlich. Sein scheinbar gehärtetes Selbstbewusstsein – auch heute noch steht seine Telefonnummer im Kölner Telefonbuch –  erscheint als zutiefst erschüttert, er sehnt sich nach „Normalität“, nach einem stabilen Deutschland. Micha Brumliks sowie Claus Leggewies Kritik empfindet er als eine „Fatwa“, er fühlt sich durch „professionelle Hassprediger“ bedroht.

Zurück zum geplanten Moscheebau: Im November 2011 kündigte die Ditib unter fadenscheinigen Gründen ausgerechnet dem Architekten Paul Böhm, der maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass der Moscheebau in Köln von allen großen gesellschaftlichen Gruppierungen unterstützt wurde (s.o.) – trotz allen spürbaren Unbehagens. Die Süddeutsche Zeitung titelte am 10.11.2011: „Neuer Streit um Kölner Moschee. Christliche Symbole „eingeschmuggelt“?“ und sprach von „bizarre Vorwürfe gegen den Architekten Paul Böhm“. ((http://www.sueddeutsche.de/kultur/neuer-streit-um-koelner-moschee-christliche-symbole-eingeschmuggelt-1.1185270; taz: 28.10.2011 http://www.taz.de/!80839/)) Seitdem ist der Moscheebau weitgehend zum Erliegen gekommen, Gerichtsprozesse sind anhängig. Als Grund für die Kündigung gelten interne Machtkämpfe in der Türkei: Die fundamentalistische Gruppierung Milli Görüs versucht, ihren Einfluss auf die Moschee zu vergrößern. Der Beirat der Kölner Moschee – u.a. der ehemalige OB Fritz Schramma (s.o.) – wurde über die Veränderungen nicht informiert und musste diese der Presse entnehmen. Ein Jahr später demonstrierte die Ditib erneut ihre Kommunikationsunfähigkeit und ihr problematisches Verhältnis zu demokratischen Umgangsformen: „Die Ditib brüskiert Köln“ titelte der KStA – der den Moscheebau anfangs mit Sympathie unterstützt hatte – am 11.10.2012. ((http://www.ksta.de/debatte/moscheebau-die-ditib-brueskiert-koeln,15188012,20571678.html)) Weiterhin heißt es: „Die Öffentlichkeitsarbeit der Türkisch-Islamischen Union bleibt problematisch. Dass nun beinahe der komplette Vorstand ausgetauscht wurde, behandelt die Kölner Ditib wie ein Staatsgeheimnis. Nur türkische Medien waren eingeweiht.  (…) Der Bauherr, die Türkisch-Islamische Union (Ditib), geht mit ihrem deutschen Partner um, als handele es sich  bei dem Gotteshaus um türkisches Hoheitsgebiet. Wieder einmal ist der Kölner Moschee-Beirat durch die Informationspolitik der türkischen Organisation brüskiert worden. Informationen über den Führungswechsel innerhalb des Ditib-Vorstands musste der Beirat den Medien entnehmen. Kein Wort darüber im Vorfeld gegenüber denen, die diesem Bau stets offen, voller Verständnis und mitunter in Freundschaft gegenüber standen und halfen, Missverständnisse, Ängste und Befürchtungen auszuräumen.“

Die Machtverhältnisse innerhalb der Türkei hatten sich erneut zugunsten konservativ-fundamentalistischer Kräfte verschoben, dementsprechend wurde der Kölner Ditib-Vorstand ausgetauscht, der Architekt Böhm gekündigt. Was die Zukunft bringen wird bleibt ungewiss.

Freundschaften

Das Alter bringt für Ralph Giordano eine traurige Pflicht mit sich: Er muss an das Wirken verstorbener Freunde, Weggefährten erinnern. Giordano hat dies in der Jüdischen Allgemeinen (JA) in den letzten Jahren immer wieder getan.

Der Tod Paul Spiegels im Jahr 2006 war für ihn ein Schock. In der Jüdischen Allgemeinen (5/2006) erinnert er voller Wehmut an die Lebensstationen des 15 Jahre Jüngeren: „Es gibt Freundschaften, die keiner Vorverständigung bedürfen, diese war so eine. Sie sollte 48 Jahre dauern, bis zu seinem Tod am 30. April. (…) Wo fände man einen zweiten Menschen, mit dem man fast ein halbes Jahrhundert kommunizierte, ohne dass es je auch nur zu einem Anflug von Streit, Spannung oder gar einer Verletzung gekommen wäre?“

Vor zehn Monaten, im Mai 2012, erschien sein mit „Chronist des Widerstands“ betitelter Nachruf auf Arno Lustiger – diesen autodidaktischen jüdischen Überlebenden und Zeitzeugen, der den absurd-törichten Mythos von der „jüdischen Wehrlosigkeit“ eindrucksvoll widerlegt hat. Es ist der „Tod eines Aufrechten“ – ihm, dem Gleichaltrigen, fühlt er sich besonders verbunden. Gemeinsam mit seinem Freund nahm er die Last auf sich, das Todeslager Bergen-Belsen zu besuchen – immer bedroht von der Sorge, von den eigenen mörderischen Erinnerungen überwältigt zu werden. Im Nachruf erinnert sich Giordano:

„Eine Szene wie gestochen, obwohl sie so lange zurückliegt, Mitte der 90er-Jahre. Arno Lustiger und ich auf dem Territorium des ehemaligen Konzentrations- und Todeslagers Bergen-Belsen, mitten im Gelände und an diesem Morgen als die einzigen Besucher. Da beginnt es zu regnen, aber nirgends eine Unterkunft. Wir werden nass und gehen weiter. Diesen Gang hatten wir uns lange versprochen. Nun war es endlich so weit. Da griff der um ein Jahr Jüngere nach meiner Hand und sagte vier Wörter: »Die Kinder, die Kinder …« Ich könnte alt werden wie Methusalem, diese Szene wird immer wie eingebrannt in meinem Kopf sein.“ (JA, 5/2012)

Abschiede haben Giordanos letzte Lebensjahre geprägt. Der Tod seiner zwei Ehefrauen an Krebs setzte ihm schwer zu. Und doch hat er seine bemerkenswerte publizistische Produktivität nie abbrechen lassen. Sie ist seiner Verbundenheit mit den Ermordeten geschuldet. Aufgegeben hat Ralph Giordano nie.

Erinnerungen eines Davongekommenen, Köln (2007)

Im Jahr 2007, Giordano ist da 84 Jahre alt, legt er mit seinen Erinnerungen eine Davongekommenen eine literarisch-autobiografische Fortsetzung seiner Bertinis vor. Ralph Giordano vermag sich noch einmal einer Konfrontation mit seinen traumatischen Jugenderfahrungen in der Nazizeit zu stellen. Er lässt den Strom seiner fürchterlichen Erfahrungen als Jugendlicher und junger Mann in der Nazizeit zu – und schreibt diese auf.

Giordano schreibt in sehr direkter, den Leser in den Bann ziehender Weise über das unvorstellbar Schreckliche, das sich von 1933 bis 1945 hinzog.

Wir sind im Jahr 1939, Giordano ist 16:
„Kriegsausbruch und meine Verhaftung fielen zusammen. Sie kamen am späten Nachmittag, zwei Ledermäntel, zeigten wortlos auf mich und faßten mich an den Armen. Auf der Straße wartete ein Auto mit laufendem Motor.“

Es ist Giordanos erste Festnahme und Verhör durch die Gestapo in der Leitstelle der Geheimen Staatspolizei. „Totale Einsamkeit. Angst, für die es keine Worte gibt.“ (S. 141) Die Tage des Verhörs, der Folter, der Hoffnungslosigkeit. Sprachlose Angst, selbst in der Erinnerung 70 Jahre später. Irgendwann setzen sie ihn vor die Tür. Ihm gelingt es, bis nach Hause, in die Hufnerstraße zu laufen. Er weiß nicht wie. Als seine Mutter ihn sieht ist sie „versteinert vor Kummer. Daß sie unfähig war, meine Umarmung zu erwidern. Mein älterer Bruder: „Wir dachten, du kämst nie wieder…““ (S. 143)

65 Jahre später ist er in einem Hamburger Hotel. Er blickt aus dem Fenster, schaut ahnungslos auf das Portal des Stadthauses, des Ortes seiner Folter. Giordano verliert das Bewusstsein, wird gefunden.

Er blieb ein Gezeichneter, ein Leben lang. Und doch legte Giordano immer wieder Zeugnis ab, erinnerte sich immer wieder neu, trotz aller eruptiv aufbrechenden Ängste. Selbst mit 88 Jahren legt er in seinen Erinner4uingen eines Davongekommenen noch einmal Zeugnis ab. Und erneut wird ihm schlagartig bewusst: Er und seine Familie wurden verfolgt nur aus einem einzigen Grund: Weil sie Juden waren. Nur deshalb: „Unser Verbrechen war unsere physische, unsere biologische Existenz, war der Umstand, daß wir da waren auf der Welt, war die Tatsache, daß wir lebten.“ (S. 145)

Zwei Jahre lang darf er seine Schule noch besuchen, erlebt nahezu täglich die Bedrohung als Jude, die Erniedrigungen. 1941 dann der Ausschluss mitten im Schuljahr. Er muss seine geliebte Schule urplötzlich grußlos verlassen, ein letzter Blick auf das Gebäude, dann urplötzlich ein rasender Schmerz. „Ich kroch mehr nach Hause, als daß ich ging.“ (S. 149) Immer wieder sollte dieser Schmerz in den Jahrzehnten danach eruptiv wieder auftreten, ihn übertrollen. Auslöser war der „Tag, da ich erfuhr, daß auf dem Johanneum in jenem Jahr alle versetzt werden würden, alle – au0er mir.“ (ebd.)

Giordano beschreibt, erinnernd, wie seine Eltern immer wieder von neuen antisemitischen Gesetzen entrechtet wurden, aus ihren Berufen als Musiker hinausgeworfen wurden. Wie ihre Angst, die Familie nicht mehr ernähren, nicht mehr beschützen zu können, immer stärker wird. 1941 hört Giordano erstmals von Auschwitz, weiß, was dort geschieht. Und doch muss das Wissen um das, was ihnen bevorsteht, verdrängt werden, um überhaupt irgendwie weiterleben zu können.

Jede noch so winzige Information über militärische Rückschläge der deutschen geben ihm Mut. Dann sieht er aus seinem Fenster erstmals einen Bomber der Royal Air Force, ist begeistert – und darf seine Freude doch auf keinen Fall außerhalb seiner Wohnung zeigen.

Im Herbst 1940 schaut er sich, mit schwerer Ambivalenz, mit einem antifaschistischen Freund einen Nazifilm an, immerhin Kino, das er als Jude doch noch zu betreten wagt. Es ist ausgerechnet der vulgäre Nazifilm „Jud Süß“. Es war ein zutiefst verstörendes Erlebnis, die Schauspieler trugen alle bekannte Namen. Vermutlich war Giordano der einzige Jude im Saal. Die mörderisch aufgestaute Atmosphäre nach Filmende spürte Giordano noch Jahrzehnte später: „Die Luft war schwer, die mörderische Wirkung des Films überwältigend präsent.“ (S. 159)

In Hamburg-Barmbeck begegnete Giordano auch erstmals „unangepasste Jugendliche“, die sich von der Kleidung und der politischen Grundauffassung her dem totalitären Nationalsozialismus verweigerten, „Undeutsche“ (S. 161), die man in Hamburg teils als Swing-Jugend und die sich in Köln als Edelweißpiraten bezeichneten (vgl. Finkelgruen 2020, Kaufhold 2020).

Nach seinem Rauswurf aus der Schule empfand Giordano, gerade auch durch die konkret erlebte Solidarität, die ihm Mitschüler wie der später berühmt gewordene Literaturwissenschaftler Walter Jens in der Schule zeigten – wofür er in seinem Buch zahlreiche eindrückliche und berührende Beispiele schildert – keine Gefühle von Enttäuschung oder innerlichem groll: „Ich habe sie und die Mitschüler in guter Erinnerung, ohne jeden Mißton, obwohl alle wußten, daß ich unter die Nürnberger Rassengesetze fiel.“ (S. 164)

Giordano versuchte nun, eine Lehrstelle zu erhalten. Im Bewerbungsschreiben musste er immer die Angabe „jüdischer Mischling ersten Grades“ hinzufügen. Von einer Stahlfirma bekam er eine Zusage.

Von der Wehrmacht wurden er und sein Bruder als „Mischling ersten Grades“ als wehrunwürdig abgelehnt. Er ahnte, spürte, dass dieser Ausschließungsprozess ein weiterer Schritt hin zu seiner Erfassung und Ermordung darstellte. Auch seine Mutter ahnte das. Ihr gemeinsamer Untergang, ihre familiäre Ermordung rückte im Bewusstsein seiner Mutter immer näher. Es spiegelte sich im „Gesicht meiner Mutter, und ich sehe es, an die achthundert Monate später, noch heute vor mir.“ (S. 170)

Im Oktober 1941 erhalten die Giordanos heimlich Besuch von einer russischen Jüdin. In gebrochenem deutsch berichtete diese ihnen von der systematischen Ermordung der Juden in der besetzten Sowjetunion: Dass „Juden zu Tausenden und Abertausenden von eigens dazu aufgestellten Kommandos ermordet würden, und das überall, wohin die Deutschen kamen.“ (S. 172) Die Deutschen verlagerten ihr millionenfaches systematisches Morden, auch in der Schlucht von Babi Jar in die von ihnen überfallenen Gebiete. Sie spürten doch eine minimale Form von „Schuld“ über ihren barbarischen und umfassenden Mordplan – den sie bewusst in Auschwitz, in Polen, Russland und in der fernen Ukraine in die Tat umsetzten (vgl.) – und nicht in Deutschland.

Dem 86-jährigen Giordano gelingt es in diesem großartigen, erschütternden Werk, ihr eigenes familiäres Schicksal in Hamburg als exemplarisches Beispiel für die Shoah zu erzählen. Deshalb fügt er an dieser Stelle, auf S. 173, hinzu: „In der familiären Verfolgungsgeschichte jedenfalls markierte der Tag mit der russischen Jüdin eine weitere Vernichtung – erst mit ihm wurde die Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttot zur vollständigen Wirklichkeit. Aus der Ahnung war Gewissheit geworden.“ (S. 173) Im gleichen Monat, am 25. Oktober 1941, fand die erste Deportation Hamburger Juden statt.

Giordanos Beschreibungen der nahezu ausweglosen familiären Situation in Hamburg sind literarisch und psychologisch bestechend. Er beschreibt auch, wie in ihm der Plan zum verfassen einer Familienchronik wuchs – „den Teil ab 1933 jedoch unter Auslassung aller Aufzeichnungen, die mir im Fall einer Beschlagnahme hätten gefährlich werden können.“ (S. 177) Er legte sich eine Mappe zu, die die Aufschrift „Manuskripte“ trug. Er befragte seine Familienangehörigen, in der Situation der tagtäglichen Bedrohung, nach seiner jüdischen Familiengeschichte. Diese Mappe nahm er in seine verschiedenen Unterschlüpfe mit – auch mit in den von Wasser überfluteten Luftschutzkeller, in dem er sich und seine Familie ab Januar 1945 versteckte; meisterhaft nacherzählt in beiden literarischen  Familienbüchern.

Er benötigte mehrere Jahrzehnte, um diesen Plan in Buchform – in Die Bertinis (1984) und seinen Erinnerungen eines Davongekommenen (2017) zu realisieren.

Die Bedrohungen der jüdischen Familie verschärften sich. Sein Vater wurde wohl 1942 aufgefordert, sich von seiner jüdischen Ehefrau, von Lilly, zu trennen. Dies verweigerte er. Zugleich waren die Brüder vor allem von einer Sorge bestimmt: „Mutter darf nicht in die Hände der gestapelt fallen.““ (S. 181). Giordano bekam irgendwann einen Revolver. Im Falle ihrer Festnahme, ihrer Aufdeckung im Versteck, würde er Lilly erschießen. Folter, eine Verschleppung nach Auschwitz oder nach Theresienstadt würden sie nicht zulassen.

Die Phasen der familiären Flucht, so 1943, nach der Ausbombung der Wohnung Untertauchen in die 500 Einwohner zählende Gemeinde Bösdorf, werden nacherzählt. Langsam wuchs er, 20-jährig, in die Rolle des wichtigsten Beschützers seiner Familie hinein: „Das Schicksal hatte mir eben das Kommando übergeben“ notiert er 1942 (S. 186)

Giordano beschreibt die Veränderungen im Wesen seines Vaters nach, unter dem täglichen massiven Druck. Er verlor schrittweise die Kontrolle über sein Handeln, greift 1943 seinen Sohn Egon, Giordanos 14 Monate älteren Bruder, an: „“Papa ist dem Druck nicht mehr gewachsen. Neben dem Feind von außen haben wir von jetzt an auch einen Feind von innen“.“ Notiert Giordano (S. 198)

Es folgen immer neue Beispiele von Erlebnissen der massivsten Entwertung, der rassistischen Entwürdigung, der existentiellen Bedrohung. 1944 ist Giordano so weit, drei konkreten Tätern den Tod zu wünschen: „Fast auf die Stunde elf Jahre, nachdem ich am ersten Tag auf dem Johanneum ausgesondert wurde, war ich bereit und fähig, zu röten“ erinnert sich Giordano (S. 206). Er und seine Familie waren erneut unmittelbar in der Hand der Gestapo, beschreibt er auf S. 206 seiner 551 Seiten umfassenden Erinnerungen – wobei seine Erinnerungen bis zu seiner Befreiung auf S. 244 enden.

Immer neue verzweifelte Fluchten, Versuche, ein Versteck zu finden, um die Ankunft der Befreier doch noch in Hamburg zu erleben. Und immer wieder begegnen sie dennoch widerständigen Menschen in Hamburg, die ihnen zu helfen versuchten, trotz der hiermit verbundenen Eigengefährdung.

Auf S. 218, im Sommer 1944, dann Giordanos ungläubiges Eingeständnis: „Wie, frage ich mich heute, wie haben wir das alles damals ausgehalten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur – heute würde ich es nicht aushalten, nicht einen Bruchteil, nicht einen winzigen Bruchteil davon.“ (S. 218)

Am 6.2.1945 kommt dann per Post von der Geheimen Staatspolizei ein „Verschickungsbefehl“ (S. 225) Seine Eltern verstummen immer mehr, vermögen sich kaum noch zu bewegen. Giordano hatte in den Monaten zuvor auf eigene Initiative nach einem Versteck, einem Kellerloch in Hamburg Ausschau gehalten.

Die folgenden 17 Seiten handeln von den drei Monaten im wasserüberfluteten Versteck, ein täglicher Kampf mit dem Tode, in nahezu vollständiger Dunkelheit, Ratten nagen an ihnen. Einzig ihre Verbündete Grete Schulz versorgt sie mit Nahrung, neben Giordanos nächtlichen Erkundungsgängen, irgendwo Nahrung zu finden. „“Es gibt keine Worte für meinen Dank an diese Frau“ notiert er voller sprachloser Dankbarkeit (S. 232).

Anfang April, nach seinem dritten nächtlichen „Versorgungsgang“ (S. 235), der „Beginn eines Tages, wie es keinen zweiten in meinem Leben gegeben hat.“ (S. 235). Erneut müssen die Giordano die Entdeckung ihres Versteckes befürchten, die Brüder schauen sich sprachlos und erwägen die Erschiessung ihrer Mutter mit ihrer Pistole, um ihr das Leid einer Verschleppung in eine Vernichtungslager zu ersparen. Ein verzweifelter Schrei von Grete Schulz, die unweit ihres Loches wohnte. Es war nicht die Gestapo, die ihr die letzte Verzweiflung einbrachte. Es war die Nachricht, dass ihr Mann „Für Führer, Volk und Vaterland gefallen“ sei (S. 236).

Es ist die Phase ihres vollständigen Verfalls; einzig die Aussicht, dass die Alliierten Hamburg befreien werden, hält sie am Leben: „Der Hunger hatte jede Pore von uns erfaßt. Es war also kein Gefühl im Magen oder im Darm, sondern ein Zustand völliger Mattigkeit.“ (S. 242)

Dann die Nachricht im Versteck im Versteck durch ihre einzig verbliebene Verbündete, dass Hitler sich das Leben genommen habe. „“Die Scheiße hat also ein Ende!““ notiert er auf S. 243. Als er, aus ihrem Loch kriechend, die Panzer sah, die weißen Haare seiner Mutter und die silbern verfärbten Haare seines Bruders wahrnahm, nahm er sein Manuskript heraus und notierte: „“4. Mai 1945: Wir sind befreit.““ (S. 244)

Auf den folgenden über 300 Seiten seiner Erinnerungen eines Davongekommenen folgen weitere dramatisch gut und persönlich gehaltene Erinnerungen aus seinen nachfolgenden 42 Lebensjahren. Es sind Lehrstücke eines jüdischen Kampfes und Engagements als Journalist und Schriftsteller, wie sie nur selten in dieser Qualität und Dichte geschrieben worden sind.

„Von der Leistung kein Zyniker geworden zu sein“

2010 legte er ein Tagebuch „Mein Leben ist so sündhaft lang“ vor, 2012 folgte „Von der Leistung kein Zyniker geworden zu sein“ – ungebrochene publizistische Kontinuitäten eines Unermüdlichen.

Auch in den letzten Jahren ist Ralph Giordano sich gleich geblieben. Unvergessen seine Titulierung eines Oberstaatsanwaltes als „emotionslosen Ochsenfrosch“, in einer Rezension von Peter Finkelgruens Buch „Haus Deutschland“. Der engagierte Publizist ist keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen, wenn er sich für Freunde, gegen erkennbare Ungerechtigkeiten zu engagieren vermochte.

In den letzten Jahren folgten weitere Werke und vereinzelte Auszeichnungen, Teilnahmen an unzähligen Fernsehdiskussionen über den Nationalsozialismus und den Rechtsradikalismus. 2007 legte er mit Erinnerungen eines Davongekommenen noch einmal eine grandios geschriebene autobiografische Schrift vor. Sie hat viele Leser gefunden. „Ich bin ein Glückskind und weiß das auch“, bemerkt er hierin ganz nebenbei.

An diesem Mittwoch ist das Glückskind 90 Jahre alt geworden.

Masel Tow und bis 120!

Eine gekürzte Version erschien in der Jüdischen Allgemeinen v. 20.03.2013.
Foto: Ralph Giordano im März 2008, © CC BY-SA 3.0, MMH

Das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland veröffentlicht zu Ralph Giordanos Geburtstag den Band: „Jubeljung begeisterungsfähig – Zum 90. Geburtstag von Ralph Giordano“ (mehr dazu).


Literatur

Akhanli, D. (2016): Die Tage ohne Vater: Klagenfurth: Kitab.

Akhanli, D. (2018): Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur?, Köln: Kiepenheuer & Witsch. 

Finkelgruen, P. (Hg., 2013): Jubeljung begeisterungsfähig – Zum 90. Geburtstag von Ralph Giordano. Books on Demand, Norderstedt 2013. Buchbesprechung: http://buecher.hagalil.com/2013/04/giordano/

Finkelgruen, P. & R. Kaufhold (2022): Köln bräuchte eine Ralph Giordano Straße… Oder: Warum die liberale Großstadt Hamburg eine Ralph Giordano Straße hat, Köln jedoch nicht, haGalil, 3.5.2022: https://www.hagalil.com/2022/05/koeln-braeuchte-eine-ralph-giordano-strasse/

Giordano, R. (1961): Die Partei hat immer recht. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (1984): Morris. Geschichte einer Freundschaft. Berlin 1948. Als Taschenbuch Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000.

Giordano, R. (1987): Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein. Hamburg: Rasch und Röhring.

Giordano, R. (1989): Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg. Hamburg: Rasch und Röhring.

Giordano, R. (1990): Wie kann diese Generation eigentlich noch atmen? Briefe zu dem Buch „Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein“. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (1990a): An den Brandherden der Welt. Ein Fernsehmann berichtet. Hamburg: Rasch und Röhring.

Giordano, R. (1990b): „Die armenische Frage existiert nicht mehr.“ Erfahrungen mit einer Fernsehsendung II. In: Giordano, R. (1990): An den Brandherden der Welt. Ein Fernsehmann berichtet, Hamburg (Rasch & Röhring), S. 193-228.

Giordano, R. (1990c): Ein Leben als Kunstwerk. Besprechung von: Peggy Parnass: »Süchtig nach Leben«, Der Spiegel, 27.5.1990:  https://www.spiegel.de/kultur/ein-leben-als-kunstwerk-a-2d0d480b-0002-0001-0000-000013500930

Giordano, R. (1991): Israel, um Himmels willen, Israel. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (1992): Die Bertinis. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main: Fischer.

Giordano, R. (1993): Wird Deutschland wieder gefährlich? Mein Brief an Kanzler Kohl, Ursachen und Folgen. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (Hg., 1993a): Deutschland und Israel: Solidarität in der Bewährung. Bilanz und Perspektive der deutsch-israelischen Beziehungen. Gießen: Psychosozial Verlag.

Giordano, R. (1994): Ostpreußen ade. Reise durch ein melancholisches Land. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (1994a): Ich bin angenagelt an dieses Land. Reden und Aufsätze über die deutsche Vergangenheit und Gegenwart. 

Giordano, R. (1996): Mein irisches Tagebuch. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (1996a): Hier war ja Schluß… Was von der deutsch-deutschen Grenze geblieben ist. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (1997): Der Wombat und andere tierische Geschichten. 

Giordano, R. (1998): Deutschlandreise. Aufzeichnungen aus einer schwierigen Heimat. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (1998a): Wir sind die Stärkeren. Reden, Aufrufe, Schriften zu deutschen Themen und Menschen unserer Zeit.

Giordano, R. (2002): Sizilien, Sizilien! Eine Heimkehr. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (2007): Erinnerungen eines Davongekommenen (Autobiographie). Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (2010): Mein Leben ist so sündhaft lang. Ein Tagebuch.  (Tagebuch 20. März 2009 bis 20. März 2010.) Köln: Kiepenheuer & Witsch. 

Giordano, R. (2012): Von der Leistung kein Zyniker geworden zu sein. Reden und Schriften über Deutschland 1999 bis 2011. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Giordano, R. (2012a): Für Peter Finkelgruen. Zum 70. Geburtstag…, haGalil, 5.3.2012:  https://www.hagalil.com/2012/03/finkelgruen-6/

Kaufhold, R. (2013a): Unermüdlich streitbar: Filmemacher, Romancier, Essayist und Mahner: Ralph Giordano wird 90, Jüdische Allgemeine, 20.3.2013  https://www.juedische-allgemeine.de/politik/unermuedlich-streitbar/

Kaufhold, R. (2013b): „Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ Filmemacher, Romancier, Essayist und Mahner: Ralph Giordano wird 90, haGalil, 21.3.2013.  https://www.hagalil.com/2013/03/giordano-4/

Kaufhold, R. (2013c): „Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ In: Finkelgruen (Hg., 2013), S. 51-66.

Kaufhold, R. (2015): „Die armenische Frage existiert nicht mehr – Trägodie eines Volkes“, Ralph Giordanos frühe Fernsehdokumentation (1986) zum Völkermord an den Armeniern, haGalil, April 2015: https://www.hagalil.com/2015/04/armenische-frage/

Kaufhold, R. (2018a): Völkermord an den Armeniern: „Das Ziel der Verschickung ist das Nichts, Belltower, 27.4.2021: https://www.belltower.news/voelkermord-an-armenierinnen-das-ziel-der-verschickung-ist-das-nichts-114881/

Kaufhold, R. (2018b) Der Weg des Widerstands. „Verhaftung in Granada“: Dogan Akhanli hat ein Buch über seine Verfolgung, aber auch über Schuld und Liebe geschrieben, Neues Deutschland, 3.4.2018: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1084180.dogan-akhanli-der-weg-des-widerstands.html

Kaufhold, R. (2020): Die „Kölner Kontroverse“? Bücher über die Edelweißpiraten. Eine Chronologie. In Finkelgruen (2020), S. 217-342.

Kaufhold, R. (2021): »Als wir Jahre später freigelassen wurden, waren wir unter dem Erlebten brotkrumenklein geworden«. Doğan Akhanlı war Weltbürger und Menschenrechtler, seine größte Waffe waren die Worte. Ein Nachruf, StadtRevue 12/2021, 25.11.2021 https://www.stadtrevue.de/archiv/artikelarchiv/07350-als-wir-jahre-spaeter-freigelassen-wurden-waren-wir-unter-dem-erlebten-brotkrumenklein-geworden/

Kessler, J. (2015): „Wandernde Konzentrationslager“. Ihre „Umsiedelung“ kostete bis zu 1,5 Millionen Armenier das Leben. Auch 100 Jahre danach ist der Genozid in der Türkei mit Tabus besetzt – und nicht nur dort, haGalil, 2015: https://www.hagalil.com/2015/04/wandernde-konzentrationslager/

Parnass, P. (2014): Mein lieber Ralle. Letzter Gruß an einen alten Freund: Die Hamburger Autorin Peggy Parnass verabschiedet sich von Ralph Giordano, Jüdische Allgemeine, 15.12.2014: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/mein-lieber-ralle/