Israel: Studieren mit Down-Syndrom

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Irgendetwas an dieser Klasse ist anders: Als die Dozentin für die kommende Woche einen Test ankündigt, brechen die Studierenden in Begeisterungsrufe aus…

Vielleicht liegt das daran, dass die Teilnehmer (noch) keine gewöhnlichen Studierenden sind. Sie sind Teil eines Programms an der Bar-Ilan-Universität, das es erstmals in Israel Menschen mit geistiger Behinderung ermöglicht, Hochschulinhalte zu studieren.

Im Rahmen des M.A.-Studiengangs Sonderpädagogik unterrichten Studierende hier Kursteilnehmer, die etwa das Down-Syndrom haben. Initiatorin des Projekts ist Prof. Hefziba Lifshitz-Vahav, die das M.A.-Programm leitet.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer studieren hauptsächlich Inhalte, die aus Programmen der Fernuniversität stammen, und sprachlich aufbereitet wurden. Ziel ist jedoch, dass zumindest ein Teil von ihnen im zweiten Studienjahr in das reguläre B.A.-Programm wechselt.

Auch dort stünde ihnen allerdings immer ein Mentor zur Seite, der sie während der Vorlesungen und Seminare begleitet. Eingeschrieben wären die Studierenden mit Behinderung dann als Gasthörer mit der Möglichkeit, an Prüfungen teilzunehmen.
Die Perspektive für einen Wechsel sehen die Kursleiter etwa bei Shimrit Kroitero, Odelia Yona Gabai und Oded Naftali, die mit Begeisterung dabei sind. Auf die Frage, was sie besonders interessiere, muss Kroitero kurz nachdenken und entscheidet dann: „Alles. Für mich ist das eine ganz neue Welt, eine Welt der Wissenschaft. […] Geben Sie mir einen Bleistift und einen Radierer und ich setze mich für Stunden hin und lerne.“

Eine engagierte Diskussion entspinnt sich unter den drei Kommilitonen, als es um das Thema Inklusion geht, das zurzeit auch in Deutschland viele Gemüter bewegt. „Meine Eltern haben dafür gekämpft, dass ich auf eine normale Schule gehen kann“, so Naftali. Gabai dagegen ist sich nicht sicher, ob die Inklusion für Kinder mit Down-Syndrom das richtige ist.
Livshitz-Vahav erklärt, die Teilnehmer wüchsen während des Programms weit über den ihnen zugeschriebenen IQ hinaus. „Daher interessiert mich ihr IQ auch nicht […]“, so die engagierte Professorin. Ich möchte beweisen, dass sie es im Studium schaffen können. Der Himmel ist die Grenze, und wir fangen jetzt erst an.“

© haAretz, 21.01.13, übers. Newsletter isr. Botschaft

3 Kommentare

  1. Beispiel Pablo Pineda: „Leider haben die meisten Menschen mit Down-Syndrom wenig Selbstständigkeit entwickeln können, weil ihre Eltern es gar nicht zugelassen haben. Diese unterschiedliche Entwicklung wird mir manchmal sehr schmerzlich bewusst. Ich habe wenig Kontakt zu anderen Menschen mit Down-Syndrom, denn die Down-Realität geht in eine Richtung und meine Realität in eine andere. Das ist manchmal hart. Ich habe viele Freunde, aber die meisten haben nichts mit dem Down-Syndrom zu tun.“

    „Ich glaube, dass der Film außerdem für die Gesellschaft eine ganz klare Botschaft hat: Das wir, diese schweigende Minderheit der Menschen mit Down-Syndrom, immer Teil der Gesellschaft waren und auch immer noch sind. Aber das bedeutet nicht, dass wir keine Wünsche oder Bedürfnisse haben, …Me too ist ein Plädoyer für Gleichberechtigung!“

  2. Welch schöne Meldung! Mit höchstens Mitleid Betrachtete beweisen, dass mehr in ihnen steckt als ihre sprichwörtliche Freund- und Friedlichkeit. Der Bericht sollre allen Eltern mit Kindern, die das Syndrom aufweisen, zugängig gemacht werden.

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