
Die 86-jährige Kölnerin Margret Müller wurde von der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit dem diesjährigen Giesberts-Lewin-Preis ausgezeichnet. Letztlich ging der Preis auch an ihren vor einem Jahr verstorbenen Ehemann Werner Müller: Gemeinsam hat das christlich motivierte Ehepaar seit 30 Jahren ein Lebenswerk der „Versöhnung“ geschaffen, das es in dieser kontinuierlichen Form heutzutage vielleicht überhaupt nicht mehr gibt.
Von Roland Kaufhold
Die Preisverleihung fand, wie meist in den vergangenen Jahrzehnten, in den Räumen des am Kölner Neumarkt gelegenen Käthe Kollwitz Museums statt – ein sehr würdiger Rahmen. Finanziert wird dieses Museum von der Kölner Kreissparkasse, im Rahmen ihres kulturellen Engagements. Rolf Tegtmeier von der Kölner Sparkasse hielt demgemäß auch einführend eine Rede, in der er die vielleicht kölnspezifische Verbindung zwischen Ökonomie und Erinnerungsarbeit nachzeichnete. In eindrücklicher Weise musikalisch umrahmt wurde die Preisverleihung durch die aus der Ukraine gebürtigen Geschwister Victoria und Galyna Gusachenko. Das inzwischen renommierte internationale Duo hat u.a. auch an der Kölner Musikhochschule seine Ausbildung gemacht.
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Namensgeber für den Preis sind der ehemalige Kölner Schuldezernent Johannes Giesberts (1909-1981) und der israelische Pädagoge und Diplomat Schaul Lewin. Giesberts und Lewins gemeinsames Wirken, ihr Brückenschlag zwischen Tel Aviv und Köln ab Anfang der 1960er Jahre war eine wirkliche Pioniertätigkeit: Nur 15 Jahre nach der Shoah hatten sie doch zwischen den Städten Köln und Tel Aviv den ersten deutsch-israelischen Schüleraustausch organisierten – zu Zeiten, als es noch keine diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland gab.
Der Pädagoge Johannes Giesberts war bereits wenige Tage nach der Neueinweihung der Kölner Synagoge in der Roonstraße im Dezember 1959 nach Tel Aviv gereist und hatte dort Kontakt zu seinem Tel Aviver Kollegen Dr. Shaul (Shalom) Lewin (1916 – 1995), einem israelischen Politiker und Diplomaten, aufgenommen. Nach einem langen Gespräch waren sie sich darin einig, auf informeller Ebene Begegnung zwischen jungen Deutscher und jungen Israelis zu initiieren, als wirkungsvollste vorbeugende Methode gegen den Antisemitismus. Hierdurch wurden sie von Tel Aviv und Köln aus zu wirklichen Pionieren des deutsch-israelischen Jugendaustauschs. 1970 wurde ihnen hierfür der Leo-Baeck Preises verliehen. Der Schüleraustausch lebt auch heute noch, was Jürgen Wilhelm von der Kölnischen Gesellschaft in seiner Laudatio hervor hob.
Eine lange Kölner Tradition
Prof. Dr. Jürgen Wilhelm erinnerte in seiner Laudatio an die vorhergehenden Kölner Preisträger, darunter Ralph Giordano, Heiner Lichtenstein, Gerhart Baum, Beate Klarsfeld, Esther Bejarano, Volker Beck, Tamar Dreifuss und den Kölner Gedenkort Jawne.
Für Margret und Werner Müller, noch in der Nazizeit geboren, war die absolute Destruktivität des deutschen Nationalsozialismus und dessen radikalem Antisemitismus nie eine abstrakte, theoretische Kategorie. Sie haben diesen als Kinder erlebt – und auch dessen Folgewirkungen und Fortleben in den 1950er und 1960er Jahren. Für Werner Müller, dessen engen Verwandten teils mit dem Nationalsozialismus sympathisierten und der am 16.04.2025 verstarb, war dies eine sehr persönliche, zum Handeln auffordernde Konfrontation.
Dies hob Jürgen Wilhelm in seiner Laudatio hervor, indem er die „von einer massiven Verdrängung der NS-Gräuel geprägte“ deutsche Nachkriegsgesellschaft erinnerte, in der die „Indoktrination durch die Nationalsozialisten“ auch in den nachwachsenden Generationen wirksam war: Die meisten Juden, die ehemals in Deutschland gelebt hatten, „waren ermordet oder zur Flucht gezwungen worden.“ Und die wenigen Juden lebten unter und „inmitten der Mörder und ihrer ideologischen Unterstützer.“
Als Jude in Deutschland zu leben war auch Ausdruck eines außerordentlichen Mutes; im Ausland, besonders in Israel, gab es hierfür über Jahrzehnte nahezu kein Verständnis. Es könne keine Versöhnung, „keine Vergebung, kein Vergessen“ angesichts der deutschen Verbrechen geben. Erst recht keine „Wiedergutmachung“ – ein absolut schreckliches deutsches Wort, für das es in anderen europäische Sprachen gar keine Übersetzung gibt, führte Wilhelm in seiner Laudatio aus.
Das Ausmaß des sehr persönlichen, für Außenstehende wohl nicht fassbare Engagement von Margret und Werner Müllers lässt sich in einigen Zahlen zumindest erahnen: In 24 Jahren, ab Mitte der 1990er Jahre, schrieben sie etwa 7000 Briefe an Shoah-Überlebende, also nahezu täglich einen Brief. Sie wollten eine Brücke zu den Überlebenden in Osteuropa, vor allem in Polen und in der Ukraine, schlagen, in sehr persönlicher und in christlich motivierter Weise.
Ihr 1100 Seiten umfassendes Buch Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine, das ich 2020 auf haGalil in knapper Weise vorstellte und hierin vor allem auch das Engagement der Müllers erinnerte, war eine wirkliche Pionierleistung. Es dokumentierte in persönlichen Zeugnissen den hierzulande fast vollständig unbekannten Holocaust in der Ukraine in zahllosen Dokumenten und Lebensbiografien in Form von 215 Berichten von Überlebenden. Diese Dokumente und Lebenserinnerungen übersetzten die Müllers in jahrelanger, akribischer Weise. Es entstand vor allem in der Zusammenarbeit mit dem bedeutendsten ukrainischen Shoahforscher Boris Zabarko und entfaltet so etwas wie eine „Geografie des Holocaust“ in der Ukraine. 1999 war ihr opulentes Erinnerungswerk auf Russisch erschienen. Dann folgte die deutsche Übersetzung. Es gilt heute als ein Standardwerk zum Shoah in der Ukraine, vergleichbar mit Claude Lanzmanns Shoah.
1994: Die erste Begegnungsreise nach Polen
In seiner Laudatio hob Wilhelm das Herzblut und die wissenschaftliche Akribie hervor, die Werner und Margret Müller in die Übersetzungen steckten.
Wilhelm erinnerte an die Anfänge ihres Engagements im Jahr 1994, im Austausch mit dem katholischen Maximilian Kolbe-Werk und dessen „Versöhnungsarbeit“: 1994 begleiteten die Müllers erstmals eine Gruppe polnischer Überlebender in Köln; noch im selben Jahr reiste Margret Müller selbst zweimal nach Polen, wo sie Überlebende der Konzentrationslager traf. Sieben Mal sollte „das Ehepaar insgesamt in die Ukraine reisen und dort auf Überlebende treffen“. Was folgte waren im den folgenden 24 Jahren neben persönlichen Begegnungen die besagten 7000 Briefe an Shoahüberlebende.
Das Wissen um die etwa 1,6 Millionen ermordeten Ukrainer ließ ihnen keine Ruhe, im buchstäblichen Sinne. Das allgegenwärtige deutsche Schweigen wollten und konnten sie nicht hinnehmen.
Die enge Zusammenarbeit mit Boris Zabarko
Ihre Begegnungen mit dem 1935 geborenen Boris Zabarko, dem Überlebenden des ukrainischen Ghettos Schahorod und Dokumentaristen den Shoah in der Ukraine, verstärkte ihr leidenschaftliches Engagement, für das sie und insbesondere Werner Müller einen hohen seelischen Preis zahlten. Boris Zabarko war seit 2004 Präsident der ukrainischen Vereinigung jüdischer ehemaliger Häftlinge der Ghettos und nationalsozialistischer Konzentrationslager. Anfang März 2022, nach Putins mörderischem Angriffskrieg gegen die Ukraine, musste der 87-Jährige aus Kiew fliehen, um hierdurch seine Enkelin und sich in Sicherheit zu bringen. Er kehrte jedoch bald in die Heimat zurück.
Aus dieser jahrelangen Zusammenarbeit folgte 2005 ihr Werk, gemeinsam mit Zabarko, Nur wir haben überlebt – Holocaust in der Ukraine, ein ergänzender Sammelband mit Berichten von Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Der Historiker Wolfram Wette steuerte ein Vorwort bei, in dem er „das Tabu der Judenmorde“ in der Ukraine hervor hob.
In persönlichen Begegnungen wollten Margret und Werner Müller dafür sorgen, dass die Überlebenden dennoch das Gefühl bekamen, „dass ihr Schicksal nicht allen Deutschen egal“ war, betonte Wilhelm.
Ihre enge, persönliche Zusammenarbeit mit Boris Zabarko habe ich 2022 in einem weiteren Beitrag auf haGalil knapp nacherzählt, wie auch ihre hohe Motivation betrachtet: „Ab und zu erzählen sie doch von ihrer eigenen familiären Biografie: Margret Müllers Vater war weder in der Partei noch im Krieg, Werners Müller Vater hingegen kämpfte als Soldat bei der Wehrmacht. Die Filme über die Konzentrationslager rüttelten seinen Vater wach, hiervon erzählte er seinem Sohn Werner. Das Wissen, dass sein Onkel bei der Gestapo und der SS war ließ Werner Müller keine Ruhe. Der Kampf gegen die deutschen Verbrechen und deren „Aufarbeitung“ wurde zu seiner und ihrer Lebensaufgabe. Was für einen seelischen Preis haben sie hierfür bezahlt? Ihr höchster Gewinn, so erzählten sie immer wieder, waren die persönlichen Begegnungen, die engen Freundschaften mit Überlebenden.
2001 erschien noch ein weiteres, von Werner Müller herausgegebenes Buch: Aus dem Feuer gerissen. Die Geschichte des Pjotr Ruwinowitsch Rabzewitsch aus Pinsk. Hierin erzählt Werner Müller eine exemplarische Geschichte, bei der ihnen der Brückenschlag zu einer unvorstellbaren Rettungsaktion gelang.
Wilhelm erinnert in seiner Laudatio auch an „Schlüsselerlebnis“ für Werner Müller: 1946, da war er zehn, nahm ihn sein Vater mit in eine Ausstellung, die die britischen Besatzer organisiert hatten. „Zeugnisse aus Konzentrationslagern sollten den Deutschen die Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur vor Augen führen.“ Sein Vater selbst war Wehrmachtssoldat. Das Wissen, dass es in seiner Familie einen Gestapo- und ein SS-Mitglied gab, „ließ Werner Müller keine Ruhe. Margret Müllers Vater war weder in der Partei noch im Krieg; indessen sprachen beide im Zusammentreffen mit Shoah-Überlebenden vereinzelt offen über die eben genannten familiären Verstrickungen.“
Putins Überfall auf die Ukraine am 24.2.2022 ließ den Müllers, die inzwischen selbst in den 80er Jahren waren, keine Ruhe mehr. Sie fürchteten eine Retraumatisierung insbesondere der noch etwa 10.000 ukrainischen Überlebenden der Shoah. Die Müllers gingen auch verschiedentlich an Schulen, um über ihr Engagement und das Schicksal von Shoahüberlebenden zu informieren.
Die Dankesrede von Margret Müller
In ihrer Dankesrede erinnerte die zerbrechlich wirkende 86-jährige Margret Müller an den seit 1994 mit ihrem Mann Werner begonnen „Kraftakt“, mit einigen wenigen Mitstreitern über Jahrzehnte die Naziverbrechen in Polen und die Shoah in der Ukraine aufzuarbeiten: „Unsere Art der Aufarbeitung bestand darin, dass wir einer möglichst großen Anzahl von überlebenden Polen und einer kleineren Anzahl überlebender Juden in Polen und in der Ukraine immer wieder begegnet sind. Wir haben uns zu ihnen aufgemacht nach Polen und in die Ukraine, und wir haben sie auch nach Köln eingeladen, zu uns nach Hause“, führte Margret Müller in ihrer Dankesrede aus.
Nach ihrer ersten Polenreise 1994 sei sie Werner mit der Bemerkung „Ich war im Himmel und in der Hölle!“ um den Hals gefallen. Sie hatte unvorstellbare Erlebnisse gemacht: „Menschen, die in Konzentrationslagern gequält worden waren, nahmen uns in ihre Wohnungen auf, wenn wir unangemeldet bei ihnen klingelten und der Dolmetscher, der uns begleitete, das Wort „Maximilian-Kolbe Werk“ sagte.“
Diese Überlebenden der Shoah mussten sich nach der Shoah ein neues Leben aufbauen – und wurden doch „nachts, und zwar jede Nacht“ von den Erinnerungen an die KZs und an die SS-Aufseher gequält. Diese Bilder blieben für sie „eine lebenslange Last.“
Neben einer entwaffneten Offenheit begegneten sie vereinzelt jedoch auch einer tiefen Skepsis – die jedoch ein Jahr später verschwand „als wir wiederkamen. Da hatte sie sich in Vertrautheit verwandelt.“
Müller erinnert eine weitere sie motivierende Begegnung: 1995 besuchten sie Stefania Okurowska in Gdynia:
„Sie war 80 Jahre alt und hatte die Konzentrationslager Ausschwitz, Flossenbürg und Majdanek überlebt. Sie besaß einen einfachen Rollstuhl, der ihr aber nicht genügte. Sie wollte einen elektrischen Rollstuhl haben, um alleine nach draußen fahren zu können und sie war sehr enttäuscht und unzufrieden, weil wir ihr keinen verschaffen konnten. Nach unserem Besuch hatten wir kein gutes Gefühl.
Ein Jahr später besuchten wir sie wieder. Als sie uns erkannte, lächelte sie. Sie war ganz allein. Wir schenkten ihr einen Rosenstrauß. Sie freute sich und sagte: „Es gibt noch gute Deutsche.“
Vier Jahre später besuchten wir sie noch einmal. Sie liegt im Bett auf dem Bauch und raucht. Eine Pflegerin, Wanda, ist bei ihr. Von der Pflegerin erfahren wir, Frau Okurowska sei beinamputiert, die Wirbelsäule sei kaputt, sie habe Magenkrebs, Brustkrebs und Lungenkrebs. Frau Stefania strahlt, als sie uns erkennt. Ihre ersten Worte sind: „Ich möchte Ihnen etwas zur Erinnerung schenken. Wanda gib mir mal die Geldbörse.“ Dann schenkt sie uns zwei silberne 200 Zloty Münzen aus dem Jahr 1974. Es sind Sondermünzen zum 30-jährigen Bestehen der Volksrepublik Polen. Die Münzen habe sie sehr sorgfältig aufbewahrt. Sie sollten für Menschen sein, die ihr ganz wichtig sind. Nach unserem zweiten Besuch 1996 sei ihr klar gewesen, dass wir diese Menschen seien, für die diese Münzen bestimmt sind. Sie habe vier Jahre gewartet, dass wir wiederkommen. Sie sagt immer wieder: „Ich freue mich, jetzt kann ich leichter sterben.“ Nach unserer Rückkehr nach Köln haben wir von Wanda erfahren, dass Frau Stefania vier Tage nach unserem Besuch gestorben ist.“
Margret Müller erinnerte einige wenige Szenen aus ihren 600 Begegnungen. So habe ihr Zofia Klinge aus Danzig, Überlebende des KZ Ravensbrück, ihr KZ-Kleid geschenkt, mit den Worten: „Ich brauche es nicht mehr.“ Dieses KZ-Kleid hing bei der Kölner Festveranstaltung auf der Bühne, neben dem Rednerpult.
In der Ukraine gebe es nicht eine einzige jüdische Familie, die „vom Holocaust nicht betroffen ist“, betonte Margret Müller.
Die Begegnung mit Pjotr Rabzewitsch, den Werner Müller (2001) in seinem besagten Buch Aus dem Feuer gerissen erinnert hat, prägte sich ihr lebenslang ein. Als einer der Wenigen überlebte er im Oktober 1942 die Liquidierung des Gettos in Pinsk. 28.000 Juden wurden von den Deutschen ermordet.
Pjots überlebte, weil ihm der Wehrmachtssoldat Günter Krüll mit einem falschen Ausweis nach Kiew schickte: „Pjotr hatte seit seiner Rettung den brennenden Wunsch, seinen Retter wiederzufinden. So war dies auch das Erste, mit dem er uns auf dem Bahnhof bedrängte: „Ihr müsst mir helfen, meinen Retter zu finden!“ Und das ist uns gelungen“, erinnert sich Margret Müller in ihrer Dankesrede.
„Nach unserer Rückkehr leierte Werner die Suche nach dem Retter an, und sechs Monate später war die Familie des Retters gefunden. Ich rief damals Pjotr in Kiew an. Zunächst hat er nur geschwiegen, dann sagte er: „Gott, es gibt ihn noch!““
Eine würdige Preisträgerin.


