Succoth

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Der vorliegende Beitrag erschien in der Zeitschrift „Die Welt“, dem Zentralorgan der Zionistischen Bewegung. Autor Bernhard Fuchs hatte als 25jähriger Jurastudent im Jahr zuvor am 2. Zionistenkongress teilgenommen und wurde daraufhin Mitarbeiter der Zeitschrift. Fuchs wurde 1922 zum Ministerialrat befördert und stieg zum Stellvertreter des Bundespressedienstes auf. Dem Zionismus blieb er weiterhin verbunden, auch wenn er nicht weiter aktiv in der Organisation war. Bernhard Fuchs starb 1932 in Wien.

In diesem Beitrag zum Laubhüttenfest deutet Fuchs Sukkot als Erinnerungsfest an die Wüstenwanderung, das im alten Israel zur Freude wurde, weil die Erinnerung an einstige Unsicherheit aus der Perspektive von Sesshaftigkeit und Ernteglück erlebt wurde. Heute würden die Juden Sukkot „als Fest der Erinnerung an eine Armut, in welche wir nach einem kurzen Intermezzo von Glück und Wohlstand zurückversunken sind“ feiern. Ein solches Fest kann seinem Verständnis nach keine Freude stiften. Sein zionistisches Fazit lautet, dass das Fest seinen ursprünglichen Sinn erst zurückgewinnen kann, wenn Juden wieder ein eigenes Land besitzen: „Unsere Succah muss in unserem Lande stehen. Dann ist das Succoth der Väter wieder unser!“

Succoth

Von Bernhard Fuchs
Die Welt, 3. Jahrgang, Nr. 38, 22. September 1899

Zwei Arten von Festtagen feiern wir Juden. An den einen setzen wir uns mit einem ewigen Ideal in Beziehung und führen unsere vom Alltagsgetriebe abgenützten Seelen in eine Zeitlosigkeit, in der es keinen Wechsel und keinen Wandel gibt. An den anderen führen wir unsere Seelen aus der Zeit, in der wir leben, hinweg in eine, die gewesen. Von der ersten Art ist der Versöhnungstag, von der zweiten das Laubhüttenfest. Was sie im Wesen unterscheidet, machen wir uns in einem Bilde klar. Das Versöhnungsfest ist wie ein transportables Haus, einmal – im Anbeginn aller Geschichte – erbaut, und von da ab aus einem Jahr ins andere, aus einem Jahrhundert ins andere rollend, in immer neuer Umgebung das alte, unveränderliche Haus. Das Laubhüttenfest aber ist wie ein Haus, das in einem bestimmten Zeitpunkt unserer Geschichte gebaut und auf beweglichen, verschiebbaren Grund gesetzt ward. Es selber bleibt an gleicher Stelle, unter demselben Stern, es ist aber immer unsere Zeit, unsere Verhältnisse, die dem unzerstörbaren Fest untergeschoben werden, und wir müssen jedesmal prüfen, ob das Haus auf dem neuen Grund sicher ruht.

Eine solche Revision muss sich das Fest gefallen lassen, weil es eines der Erinnerung ist. Erinnern aber heisst: sich zurückbegeben an einem Punkte, den wir auf unserem Marsche zurückgelassen hatten. So führt uns das Succothfest in die Wüste, in das Zeltlager der Kinder Israel. Ihr sollt in den Hütten wohnen sieben Tage, weil ich die Kinder Israel in Hütten haben wohnen lassen in der Wüste: diesen Grund des Festes gibt die Bibel an.

Es gibt aber eine doppelte Weise, sich zu erinnern. Man kann den Gedanken in eine vergangene Zeit zurückschweifen lassen, ohne Plan, ohne Absicht. Und man kann sich selber, wie man geworden ist, mit allen Aenderungen seines Zustandes, in eine überwundene Periode zurückversetzen und an dem, was war, vergleichend ermessen, was ist. Solcher Art ist die Erinnerung dessen, dem ein Fest mehr bedeutet, als eine Reihe von Tagen, die einer gebotenen Freude voll sind. Sich in eine Holzhütte setzen, ist noch lange kein Erinnerungsfest. Und wer sich nicht in eines jener Wüstenzelte hineinträumen kann, von denen seine Succah eine symbolische Nachbildung ist, der feiert kein richtiges Succoth, und seine Erinnerung tritt aus dem Zusammenhang der Zeiten heraus.

Wer nicht gerne in den Schablonen eines Festes verharrt, wird sich die Zeit, in der es eingesetzt wurde, die äusseren Umstände, in die es sich einfügte und den Sinn, des es ursprünglich hatte, seine mitgegebene Seele gleichsam, vergegenwärtigen und verdeutlichen. Die Kinder Israels waren noch in der Wüste, lebten noch in richtigen Zelten, als sie das Gebot „für alle Geschlechter“ erhielten, sieben Tage im Jahr in Zelten zu wohnen. Sich an einen Zustand erinnern, in dem man noch lebt, aus dessen Grenzen man noch nicht herausgetreten, ist unnütz, ja mehr als das, widersinnig. Und in der That ist das Gebot der Succah, wenn auch in der Wüste erlassen, doch eigentlich erst für die Zeit bestimmt gewesen, da Israel in seinem Lande und die Hütte vom Haus abgelöst wäre. Succoth ist also das Fest des Sesshaften, der einst Nomade gewesen, des Hausbesitzers, der einst von Lager zu lager zog, das bewegliche Haus überallhin mittragend.

Damit stimmt überein, dass Succoth, als wir noch Herren im eigenen Lande waren, zugleich unser Erntefest bedeutete. Der Nomade bestellt kein Feld, heimst keine Ernte ein. Er lebt von dem, was ebensowenig wie er selber oder seine Heimstätte an die Scholle gebunden ist, von seiner Herde, die er weitertreibt, wenn er sein Zelt abbricht. Dem Abstand, der zwischen Hütte und Haus, zwischen dem Leben des Nomaden und dem des Dauersiedlers liegt, drückt die Bibel nur auf eine andere Art aus, wenn sie die sieben Succothtage in die Jahreszeit verlegt, wo die Erde ihrem anhänglichen Sohne sich dankbar erweist.

Es gab im alten Israel kein fröhlicheres Fest als Succoth. Die natürliche Freude an den gefüllten Scheunen musste mächtig gesteigert werden durch die Erinnerung an die erntelose Wüstenzeit, die den Lebensunterhalt auf Zufall und Wunder hinwies. Kein Schmerz ist heftiger, singt der düstere Dichter der „Göttlichen Komödie“, als sich im Elend an glückliche Zeiten zu erinnern. Wenn das richtig ist, so kann keine Freude lebhafter sein, als die, in welche sich die Erinnerung überwundenen Leides mischt. Sie hatten allen Grund, fröhlich zu sein, die Kinder Israels, wenn sie zwischen wohnlichem Haus und reichem Erntesegen in ihren Succoth sassen! Wenn sie die Thüre des Holzbaues schlossen, durften sie sich einbilden: sie wären noch in der Wüste, und dies wäre ihr eigentliches, ihr einziges Heim; und draussen lauert die Gefahr, der Feind, der die Schwachen im Rücken anfällt, die Unruhe, die Unstetigkeit, die Sorge, die der Tag dem Tag vererbt. Und das alles nur ein Traum, den man nach Belieben ruft und wegscheucht, ein Traum, aus dem man erwacht, wenn man die Thüre wieder öffnet und in den Sonnenschein schaut und auf sein gutes, steinernes Haus und sein liebes, gesegnetes Feld! In diesem seligen Aufathmen nach jäh behobenem Alpdrücken bestand die eigentliche, die offizielle Festesfreude.

Neben dieser Hauptfreude, der naiven und selbstverständlichen, regte sich aber gewiss auch eine geheime, von der freilich die Bibel nichts aussagt, weil sie das Fest aus der Wüste datiert und jene Zeiten, die es in seine Wirklichkeit hineinhoben, nur andeutet. Jene etwas selbstspöttische, etwas stolze Freude des Reichen, der die Stätte seiner einstigen Armut aufsucht. In Ausstellungen wird die Entwicklung der Technik dadurch sinnenfällig gemacht, dass eine kluge Hand eine Maschine, ein Instrument von den ersten Anfängen bis zur letzten Vervollkommnung, die vielen Stufen nebeneinander vorführt. Es ist, als höhnte der höhere Culturzustand den niedrigeren. Und man hört oft, wenn man in der Menge der Beschauer steht, Bemerkungen, aus denen der ganze eitle Stolz des Menschen über seine Zeit herauslacht, die soviel Roheit und Ungeschicklichkeit überwunden und zu solcher Verfeinerung und Vollkommenheit sich tüchtig emporgearbeitet. Aus dem Geschlechte dieser Freuden stammt auch die Succoth-Freude. Die Succah sollte wohl nach der Absicht des Gesetzgebers durch eine leichtwirkende Suggestion die Erinnerung an die langentschwundene Zeit der Wüstenwanderung mühelos aufsteigen lassen. Aber so nebenbei weckte sie auch Empfindungen, ähnlich denen des vergleichenden Ausstellungsbesuchers. „In dieser Armseligkeit und Unsicherheit lebten sie zu jener Zeit, wir hingegen, die Enkel, die wir aber auch ganz andere Leute sind, haben es viel weiter – herrlich weit gebracht.“

So erinnerten, so freuten sich unsere Väter, erinnerten sich, indem sie in Laubhütten sassen, freuten sich, weil die Laubhütten auf eigenem, gesichertem Grund und Boden standen. Wo immer Kinder Israels innerhalb der vier Wände der Succah sitzen, stellt sich diesselbe Erinnerung an jenen traurigen Punkt ihrer Geschichte ein, die Erinnerung an die vierzigjährige Wüstenwanderung. Ihre Erinnerungen konnten unsere Väter uns erben lassen. Nicht so ihre Freuden. Denn es ist nicht gleichgiltig, von welcher Stelle aus man sich an den Ausgangspunkt der Erinnerung zurückbegibt. Wie jedes Bild, so erhält auch das Erinnerungsbild je nach dem Abstand seine eigenthümliche Färbung. Elend sieht sich verschieden an, je nachdem man es vom Elend oder vom Glück aus betrachtet. Wir Juden von heute feiern Succoth als Fest der Erinnerung an eine Armut, in welche wir nach einem kurzen Intermezzo von Glück und Wohlstand zurückversunken sind. Kann dieses Erinnern Freude schaffen?

Ja freilich, wir wohnen in steinernen Häusern. Ach, wenn es wirklich nur aufs Material ankäme! Aber diese Häuser in den Städten gewähren nicht mehr Sicherheit als jene Zelte in der Wüste. Die Zelte brachen wir selber ab, wenn wir weiter wollten. Und gerade, wenn wir nicht weiter wollen, gerade, wenn wir anfangen, uns heimisch zu fühlen, jagt man uns aus den Häusern. Ist das ein Unterschied, der zugunsten unserer Lage ausfällt? Was hat das Judenhaus von heute vor dem Judenzelt von einst in Wirklichkeit voraus? Im Gegentheil: Wenn man denn schon nicht auf die Dauer eingerichtet sein soll, bietet das Zelt gewisse Vortheile. Dem Verluste entrinnen wir nicht: da ist es immerhin tröstlicher, wenig zu verlieren als viel.

Wenn etwas imstande ist, die Bitterkeit dieses Gedankens zu verstärken, so ist es die Beobachtung, mit welch kindischem Benehmen ein grosser Theil unseres Volkes seinem Unglücke begegnet. Vor dem nackten Elend graut ihnen, und so bekleiden sie es mit Einbildungen und Selbsttäuschungen, und putzen es mit Eitelkeiten und Selbstgefälligkeiten auf. Aber so wenig die gemusterten Tapeten, mit denen sie die Wände ihrer Succah überziehen, oder die farbigen Papierguirlanden, mit denen sie die Decke behängen, aus der Hütte ein Haus machen, so wenig gelingt es selbst einem phantasiereichen Um-jeden-Preis-Optimisten, die trostlose Unsicherheit unserer Lage wegzutäuschen. Es ist besser, man nennt das Ding beim rechten Namen, also schwarz—schwarz, die Juden — Nomaden und Succoth — ein aus seinem Geleise gerathenes Fest. In welches Land wir Juden auch immer hinkommen, früher oder später wird es um uns wüste oder Wüste: das ist dasselbe. Wir sind flüchtige Leute, wir haben keinen wirklich festen Wohnsitz, wir kennen keine Ruhe, keinen Bestand, kein Behagen. Für fahrendes Volk ist Succoth kein Fest. Denn es erinnert uns an Leid — zu Leide. Geheuchelte Freude schmeckt bitter, und man soll Freude nicht commandieren, sondern Elend wegräumen. Trachten wir, dass das Erinnerungsfest wieder zum Freudenfeste werde! Unsere Succah muss in unserem Lande stehen. Dann ist das Succoth der Väter wieder unser!