Gesetzesfreude

0
9

Der vorliegende Beitrag erschien am 1. Oktober 1926 in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“, dem Organ der Vereinigung für das liberale Judentum. Autor war Dr. Hugo Chanoch Fuchs, der seit 1907 Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Chemnitz war. Fuchs wurde 1938 verhaftet und kurzzeitig in einem Konzentrationslager interniert. 1939 konnte er nach Argentiniern ausreisen, wo er bis zu seinem Tod 1949 als Rabbiner der deutsch-jüdischen Flüchtlingsgemeinde tätig war.

In diesem Beitrag beklagt Rabbiner Fuchs den Bedeutungsverlust von Simchat Tora im liberalen Judentum und plädiert dafür, dieses Fest wieder mit echter „Gesetzesfreude“ zu füllen, da die Tora als von Gott kommende Offenbarung die notwendige Ergänzung zu den Versöhnungstagen darstelle. Zugleich schlägt er vor, Simchat Tora inhaltlich aufzuwerten, „Simchath Tora müßte der Geburtstag des Judentums wie Schowuoth der des Monotheismus werden!“

Gesetzesfreude

Von Rabb. Dr. Fuchs, Chemnitz
Jüdisch-liberale Zeitung, 6. Jahrgang, Nr. 40, 1. Oktober 1926

An jedem Simchath-Tora bedauere ich den Verfall dieses Festtages. Er teilt sein Schicksal mit seinem größeren Bruder, dem Wochenfest. Auch die Gründe dafür sind bei beiden gleichartig; es sind äußerliche und innerliche. Fällt das Wochenfest mit Pfingsten zusammen, so verreist man; wenn aber nicht, so hat es nichts Sinnfälliges, um dessentwillen man die Synagoge besuchen sollte! Die Verlesung des Zehnworts? Pah! Nur wo und wenn Mäüchenkonfirmation ist, feiert der Westjude das Wochenfest. — Noch schlimmer steht es mit Simchath-Tora. Nach Neujahr und Versöhnungstag ist schon Sukkoth stark im Hintertreffen. Der letzte Feiertag aber, nach der zweiten Seelenfeier, ist den meisten vollends zuwider: „Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen.“ Die Umzüge mit der Tora sind zwar „sinnfällig“, aber — wer Ausreden sucht, findet sie!

Aber die Idee?!

Das ist der Grund, warum ich heute davon schreibe! Man sollte meinen, der Liberalismus, der richtige, der vom alten Schlag, dem im Mittelpunkt des Judentums der prophetisch -universalistische Kern steht, der müßte Wochenfest und Torafreude am allermeisten feiern. Denn Tora wie Zehnwort sind ja gerade das, was Juden wie Christen  gemeinschaftlich ist. In meiner Heimat Braunschweig ist auch der Versuch gemacht worden. Am Simchath-Tora gab es noch einmal Predigt, große Keduscha, besonders schöne Gesänge usw. Aber am Ende mißglückte es ebenso wie so viele andere Reformen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts (Abschaffung des zweiten Feiertages , deutsche Gebetsprache, sephardische Aussprache usw.): die Besucher blieben aus. Ich frage nicht: weshalb, sondern sage kurz: der Versuch verdient trotzdem, wiederholt zu werden! Zur Begründung folgendes (das sich auf Simchath-Tora beschränkt )!

Freude an der Tora, meine ich, gehört mit zum Wichtigsten, was der Liberalismus erstreben müßte. Der Chassidismus, in vieler Hinsicht die östliche Form des Liberalismus, hat das getan. Er negierte zwar gleich uns die orthodoxe Bedeutung des Wortes Tora = Talmudstudium; ja sogar in der Bedeutung Tora – mitgeteilte Religion schätzte er sie gering, indem er die spontane Herzensfrömmigkeit für ungleich wichtiger hielt. Aber trotzdem hat er am Simchath-Tora den Tanz mit der Tora eingeführt , und auch die Spaziergänge seiner Jünger am Nachmittag des Festes galten der „Tora in der Natur“. In uns ist das religiöse Entflammtsein, das Hithlahabuth, die Inbrunst, nicht so stark und unmittelbar. Aber wenn es sich irgendwo entzünden sollte, so müßte es an dem Worte Tora geschehen können! Das ist freilich nicht möglich, solange man unter Tora in der Hauptsache die fünf Bücher Moses versteht und noch dazu die Lehren der Pentateuch-Kritik über ihre allmähliche Entstehung, ihre Widersprüche, Textfehler und sonstigen allzu menschlichen Unvollkommenheiten in den Vordergrund stellt. Sie sind auch nach meiner Ueberzeugung an sich zuzugeben: Aber es gibt doch auch Stunden, in denen uns Tora etwas ganz anderes bedeutet, nämlich den Inbegriff der gesamten jüdischen Religion mit allen ihren Gnaden und Beseligungen, das große Mysterium, das nicht im Himmel noch jenseits des Ozeans ist, sondern im heißglühenden Menschenherzen, jene Tora, die eine der drei Säulen der Welt ist neben Gottesdienst und Menschenliebe, und die den Urplan der Weltschöpfung und das Ziel der Menschengeschichte in sich trägt. Alle Religion, sofern sie nichts vom Menschen Gewolltes, sondern Gottgegebenes ist, nichts Selbstgeschaffenes, sondern von außen und oben Stammendes, alles was Menschen als Selbstoffenbarung des Weltgeistes in ihrem Innern spüren oder auch bloß ahnen, alles was wir als heiligen Schatz in uns tragen, ohne zu wissen, von wannen es kommt und braust, einerlei ob es als begriffliche moralische Gesinnung oder als sich selbst gesetzgebender Charakter oder als wertvolles Gefühl empfunden wird , — das alles heißt uns doch Tora! Und weil es auf die Lehren der fünf Bücher Moses zurückgeht, so sehen wir es wohl mit Recht in der Torarolle symbolisiert, die ja selbst durch alle Jahrhunderte jüdischer Geschichte Anfang und Ausgangspunkt der religiösen Bildung gewesen ist.

Es ist wahr, wir kennen noch einen anderen Ausgangspunkt der Religion, die menschliche Persönlichkeit selbst. Aus ihr stammt die andere Hälfte, der Aufschwung der Seele zu Gott, die Demut und Sehnsucht, die Sündenverzweiflung und Andacht, die Ehrfurcht und die Liebe. Aber wie das Genie nicht weiß, wo in ihm der Fleiß und das „strebend sich bemühen „aufhört und die Gnade von oben anfängt, ebensowenig der Fromme.  Propheten und Mystiker stimmen jedenfalls mit den Religionspsychologen und den naiven Frommen aller Zeiten darin überein, daß die wahrhafte Religion ein inniges kaum zu analysierendes Gemisch ist von „Weg aufwärts“ und „Weg abwärts“. Wie der Blitz im vielfach hin- und herzuckenden Austausch der Kraft von Himmel und Erde aufleuchtet, so auch die Höhepunkte aller Religion: „Hinauf ! Hinauf strebt ’s. Es schweben die Wolken abwärts, die Wolken neigen sich der sehnenden Liebe“: dieser Goethesche Ganymed ist der religiöse Mensch. Ein solches von oben Kommendes aber ist eben die Tora, die Offenbarung, die Belehrung von Gott. Ihr strebt entgegen Daath Adonai, die Erkenntnis, die Liebe, der ewige Durst nach Gott. Religion ist der Blitz, die Synthese von Tora und Daath Adonai.

Danach aber ist offensichtlich Simchath-Tora die notwendige Ergänzung zu den „erhabenen Festen „: Neujahr und Versöhnungstag sind Tage der Sehnsucht, des „Hinauf“ von der Erde zu Gott, Persönlichkeitsfeste. Sie kommen aber eben deshalb nicht ganz zum Ziel. Denn auch Jomkippur bringt zwar der Seele „Verzeihung“, Befreiung von den lastenden Ketten des Sündenbewußtseins, aber das bleibt doch im Negativen stecken. Der positive neue Charakter und seine Färbung durch eine Qualität der Frömmigkeit fehlt noch. Das muß aus einer anderen Quelle kommen, eben von oben, aus der Tora. Jomkippur verlangt gebieterisch Ergänzung durch ein Fest des „aus der Höhe sich ergießenden Geistes“, aus dem sich die Vermählung von Himmel und Erde, von Ewigem und Menschlichem vollzieht, wo die Durchleuchtung des Alltags mit dem Himmelslicht erfolgt, wo die reine Seele ihr neues Gepräge, das radierte Papier seine Schrift, der neue Wille seinen neuen Inhalt empfängt. Das ist das Fest der Tora, die Vollendung des Begonnenen und am Versöhnnugsfest unvollendet Gebliebenen!

Wer weiß, ob die Mißachtung dieses Simchath-Tora-Gedankens nicht in innigem  Zusammenhang mit der faktischen Wirkungslosigkeit der erhabenen Tage steht! Das bloße Solachti des Jomkippur, das gewaltige Hinneni des Roschhaschono genügt scheinbar nicht: „Was in schwankender Erscheinung schwebt, befestiget mit dauernden Gedanken!“ Es geht nicht ohne Tora! Die Kritik hat sie in den letzten Jahrzehnten  scheint’s doch zu sehr in den Hintergrund gedrängt. Der menschliche Geist hat doch wohl nicht die göttliche Kraft, ganz frei ohne Halt und ohne Richtung wie ein Schmetterling über dem Abgrund zu schweben! Auch verbindet sich mit dem Begriff Tora außerdem die Erinnerung an das traditionell Jüdische, das wir als Ferment für die wogenden Gefühle allgemeiner Frömmigkeit in unseren Tagen wieder stärker ersehnen. Darum meine ich: Die Aufforderung: Zurück zu Simchath-Tora, zur Freude an der Tora, wäre gerade aus der Stimmung unserer Zeit heraus gesprochen. Sie soll nicht bedeuten: zurück zu allen Einzelheiten des Talmudismus (den ich aus verschiedenen Gründen für endgültig überwunden halte ), auch nicht : zurück zu unwissenschaftlicher Verehrung des Buches als einer durch übernatürliche Wunder zustandegekommenen Schrift. Aber als ein demütiges Bekenntnis, daß der Mensch seine Religion nicht allein schassen kann, und als ein Zurück zu den Wurzeln der Religiosität, die unseren Ahnen durch die Gnade der Geschichte als ewige Wahrheit offenbar geworden ist, wäre das Torafest ein besonders schöner und starker Ausdruck dessen, was unser Geschlecht glaubt und verlangt.

Es müßte, um diesem Sinn zu genügen, allerdings nicht nur den ziemlich  nebensächlichen Gedanken pflegen, daß die Tora zu Ende gelesen und wieder neu von vorn begonnen wird, sondern die Erinnerung an das Ereignis in den Vordergrund rücken, das am selben Datum stattgefunden hat und eins der denkwürdigsten Ereignisse unsrer Geschichte ist: Hie Bundesschließung unter Esra und Neheima im Jahre 444 v. u . Z ., die die Tora endgültig in Israel einführte. Simchath Tora müßte der Geburtstag des Judentums wie Schowuoth der des Monotheismus werden! Die Erzählung davon in Nehemia 8—10 müßte (auszugsweise) vorgelesen werden, und Esra, der eigentliche Begründer des nachisraelitischen Judentums, müßte in der Predigt gewürdigt werden. Das Aufhören der Prophetie, der Sieg des Buches in der Religion und die Begründung der Schriftgelehrsamkeit durch diese „große Versammlung „, samt den Prinzipien derselben im Anfang der Sprüche der Väter, das alles sind weittragende Gedanken, die diesem Tage eine neue und außerordentliche Wichtigkeit geben würden, die sich bald auch im Gottesdienst manifestieren würde. Sie finden ihre Zusammenfassung in dem oben ausgeführten Gedanken von der Ergänzung und Verfestigung des willigen Geistes durch überlieferte konkrete Religionsnormen: Das ist Tora ! Und das ist der eigentliche Sinn der Tat Esras! Freude an solchem Jüdisch-Autoritativem in der Religion tut uns wahrlich not!