Das jüdische Altenheim in der Münchner Reichenbachstraße war 1970 von einem Brandanschlag betroffen, sieben Holocaust-Überlebende starben, ein Täter wurde lange nicht ermittelt. Jetzt stellte sich ein neonazistischer Hintergrund heraus, einer der ersten bundesdeutschen Fälle eines Lone-Actor-Terrorismus. Dies widerlegt Auffassungen von einem linksterroristischen Hintergrund.
Von Armin Pfahl-Traughber
Wenn für einen lange ungeklärten Anschlag plötzlich ein einzelner Täter entdeckt wird, der aber selbst nicht mehr am Leben ist, dann kann gut und nachvollziehbar Misstrauen und Verwunderung entstehen. Es gibt aber auch Fälle, wo genau ein solcher Hintergrund existiert. Dazu gehört der Brandanschlag vom 13. Februar 1970 auf ein zur Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern gehörendes Wohnheim. Dabei starben sieben Bewohner. Alle hatten zuvor den Holocaust überlebt, zwei davon in einem Konzentrationslager. Da es sich erkennbar um einen Anschlag und nicht um ein Unglück handelte, löste dieses Ereignis nicht nur auf Juden schockartige Wirkungen aus. Doch wer war der Täter bzw. waren die Täter? Die Gemeinten gingen offenkundig planmäßig vor, hatte man doch vor der Brandlegung gezielt Fluchtwege versperrt. Ein Benzinkanister blieb am Tatort zurück, ein Bekennerschreiben oder eine sonstige Erklärung fand sich nicht.
Aus der Bevölkerung heraus, aber auch durch die Medien wurde auf politisch unterschiedliche Personenkreise verwiesen. Mal wurden Linksterroristen, mal Neonazis, mal Palästinenser verdächtigt. Zusätzliche Irritationen entstanden durch Wichtigtuer unter den angeblichen Zeugen. So kam es zu intensiven Ermittlungen, aber ohne überzeugende Ergebnisse. Irritierend wirkte der Gedanke, dass es Linksterroristen gewesen sein sollten. Damals kam gerade diese neue Form von politisch motivierter Gewalt auf, was auch weit darüber hinaus zu absonderlichen Unterstellungen und Verdächtigungen führte. Indessen gab es ein Ereignis, das gewisse Gemeinsamkeiten aufwies. Im Berliner jüdischen Gemeindezentrum war im Keller ein Sprengsatz ausgerechnet am 9. November 1969 hinterlegt worden, welcher bei einer Explosion tödliche Folgen für viele der dort versammelten Juden gehabt hätte. Linksterroristische Akteure um die „Tupamaros Westberlin“ verfolgten damit ihre israelfeindlichen und pro-palästinensischen Ziele.
Diese Aussage dürfte heute noch als Begründung mehr als nur irritieren, denn was sollten ältere Berliner Juden denn mit der israelischen Politik zu tun haben. Einschlägige Bekennerschreiben machten aber deutlich, dass es sich um keinen Interpretationsfehler handelte. Den Fall arbeitete dann Jahre später ein Historiker systematisch auf: In seinem Buch „Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus“ wurden die Hintergründe von Wolfgang Kraushaar 2005 anschaulich belegt, auch die judenfeindliche Gesinnung des linksterroristischen Hauptakteurs Dieter Kunzelmann. Einige Jahre später, 2013, veröffentlichte er über die erwähnte tödliche Brandstiftung eine eigenständige Monographie: „‘Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?‘ München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“. Darin legte der angesehene Autor auch hier einen linksterroristischen Hintergrund nahe, konnte aber keine genauen und überzeugenden Belege auf den fast 900 Seiten vorbringen.
Der Autor des vorliegenden Beitrags schrieb seinerzeit in einer Rezension, dass Kraushaar lediglich Indizien vorlegen konnte: „Sie bestehen in Hinweisen auf die fanatisch antiisraelische Prägung von Achtundsechzigern wie Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel, die auch nachweislich enge Kontakte mit palästinensischen Terroristen pflegten. Doch aus politischen Verbindungen müssen nicht notwendigerweise gemeinsame Gewaltaktionen folgen. Genau dies legt der Autor aber mit seiner Darstellung nahe … So sehr man seine Fachkenntnis und seinen Rechercheeifer schätzen mag, so viel Skepsis und Zurückhaltung bedarf es dann doch gegenüber dieser zugespitzten Deutung. Kraushaar listet eine Reihe von Fakten auf, welche dazu passen. Er ignoriert aber gegenteilige Gesichtspunkte, was dann nicht für seine Differenziertheit spricht“. Mittlerweile scheint es darüber hinaus auch eine Antwort auf die Frage zu geben, wer denn bei der tödlichen Brandstiftung seinerzeit der Täter war: einer der frühen bekennenden Neonazis.
Gemeint ist ein damals 25 Jahre alter Mann, der einen Faible für den historischen Nationalsozialismus hatte, was seinem beruflichen wie privaten Umfeld bekannt war. Dazu gehörte eine antisemitische Ausrichtung mit einer offenkundig eliminatorischen Feindschaft gegen Juden. Heute kann der Gemeinte dazu aber nicht mehr befragt werden, da er bereits im Jahr 2020 verstarb. Eine Frau wandte sich später an die zuständige Generalstaatsanwaltschaft und berichtete wiederum von Gesprächen mit einer anderen Person, die gegenüber dem gemeinten Täter in einem Verwandtschaftsverhältnis stand. Dieser habe den Anschlag der anderen Person gegenüber offenbart. Danach meldete sich die Frau erst nach deren Tod als Zeugin. Diverse Details seien anschließend von der Generalstaatsanwaltschaft in einem bestätigten Sinne geprüft worden. Dazu gehörten etwa Erfahrungen mit Explosivstoffen und eine damit einhergehende Jugendstrafe des gemeinten Täters. Eine Anklageerhebung war indessen aufgrund des Todes des Verdächtigen nicht mehr möglich.
Da es insofern keine weitere Ermittlungen gibt, können auch weitere Frage nicht geklärt werden: Hierzu gehört insbesondere ein möglicher organisatorischer Hintergrund, wofür es bislang keine belegbaren Informationen gibt. Der gemeinte Akteur gehörte offenbar zu einer dreiköpfigen Bande, die aber kriminelle Handlungen ohne politische Hintergründe beging. Seine neonazistische Ausrichtung scheint mehr über familiäre Prägungen erfolgt zu sein, waren doch ein Onkel und der Vater derartig eingestellt. Insofern dürfte er bei dem Brandanschlag als Einzeltäter agiert haben, womit es sich um einen frühen Lone Actor im bundesdeutschen Rechtsterrorismus handeln würde. Dies dürfte mit eine Erklärung dafür sein, warum man ihm nicht auf die Spur kam. Indessen soll er den Anschlag auch gegenüber einem Mithäftling gestanden haben, worüber die Behörden eine Information erhielten, der dann aber nicht um einer Aufklärung des Falls willen nachgegangen wurde.
–> „Es ist höchste Zeit, sich dem Geist des Hasses entgegenzustellen“
Rede von Esther Schapira zum 50. Jahrestag des Brandanschlags auf das Jüdische Altersheim in der Reichenbachstraße 27.
–> „Hilfe! wir werden verbrannt!“
Dieser Ruf ertönte lautstark am Abend des 13. Februar 1970, als bereits dutzende Menschen im jüdischen Gemeindehaus in der Reichenbachstraße 27 von Flammen und Rauch eingeschlossen waren. Im Vorderhaus war ein jüdisches Altersheim untergebracht, es war Schabbat, die meisten Bewohnerinnen und Bewohner waren daher daheim. Sieben Menschen konnten sich nicht retten, sie wurden bei diesem Brandanschlag grauenvoll ermordet.



