„Es ist höchste Zeit, sich dem Geist des Hasses entgegenzustellen“

Rede zum 50. Jahrestag des Brandanschlags auf das Jüdische Altersheim in der Reichenbachstraße 27…

Von Esther Schapira

Der Schlussstrich gehört ins Reich der Buchhaltung. Eine waagerechte Linie am Ende eines Kontoblattes, die einen Abschluss markiert. Ein Schlussstrich wird auch gerne mal „gezogen“, was aber nur heißt: ich habe genug davon, lasst mich mit dem Kram in Ruhe. Die Rechnung ist bezahlt.

Der kleine Bruder des Schlussstrichs heißt: „Schwamm drüber“, und er meint ein und dasselbe: es reicht, irgendwann muss Schluss sein, seid nicht so nachtragend, war doch nur ein „Vogelschiss“. So können nur die Täter und deren Nachkommen reden.

1970 waren gerade mal 25 Jahre vergangen seit dem Ende der Naziherrschaft, das damals noch sehr viel mehr Menschen nicht als Befreiung, sondern als Niederlage in Erinnerung hatten.

Wie viele Abertausende Täter lebten damals unerkannt und unbehelligt von Schuldgefühlen und Strafverfolgung ihr ganz normales Leben, auch hier in München?
Wem begegne ich tagtäglich beim Bäcker oder auf dem Viktualienmarkt – vielleicht dem Mörder meiner Eltern, meiner Geschwister?

Quälende bohrende Fragen, die zum jüdischen Leben in Deutschland schmerzlich dazugehörten. Für Ruth Steinführer s.A. genau so wie für Sie, verehrte Charlotte Knobloch, oder für die Bewohner der Reichenbachstraße 27. Doch hier im Haus der Jüdischen Gemeinde in München wähnten sie sich in Sicherheit – bis zum Abend des 13. Februar 1970.

Die tollen Tage waren vorbei. Am Faschingsdienstag hatten palästinensische Terroristen versucht, am Flughafen München-Riem eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al zu entführen und dabei den 31jährigen Passagier Arie Katzenstein getötet.

Drei Tage war das her. Jetzt war Shabbat und die Bewohner des jüdischen Altenheims schlossen Arie Katzenstein in ihre Gebete ein. Sie wussten, dass er getötet wurde, weil er Jude war. Wie sie.

Leichter Schneefall hatte eingesetzt. Das nahe Gärtnerplatztheater spielte die Operette „Zar und Zimmermann“.

Von niemandem bemerkt schlich sich jemand gegen 20.45 Uhr ins Gemeindezentrum in der Reichenbachstraße. Er stieg durchs Treppenhaus nach ganz oben in den vierten Stock, schüttete aus einem Kanister Benzin auf alle Holzstiegen und zündete es unten an. Auch er wollte Juden töten.

Es war der größte antisemitische Anschlag nach 1945 in Deutschland und niemand wurde dafür je zur Rechenschaft gezogen. Ein Schlussstrich wie von selbst.

Die heißeste Spur weist in Richtung linksterroristischer Sympathisanten der palästinensischen Attentäter. Das haben der Historiker Wolfgang Kraushaar und der Journalist Georg M. Hafner akribisch recherchiert. Die Staatsanwaltschaft griff diese Spur erneut auf. Vergeblich. 2017 wurden die Ermittlungen wieder eingestellt.

Gut möglich, dass die Täter und ihre Gesinnungsgenossen und Mitwisser noch leben, dass sie bei dieser Nachricht aufgeatmet und sich noch entspannter ihren Rentenbescheiden und ihren Enkelkindern zugewandt haben.

Vermutlich sind sie längst untergetaucht in der Normalität.
Bürgerlich, ordentlich, unauffällig.

Genau so wie 25 Jahre zuvor ihre Väter und Großväter die SS Uniform ausgezogen, das Hitlerbild von der Wand genommen und fortan brave Demokraten gespielt hatten.

Die Zeit ist stets auf Seiten der Täter. Die Opfer und ihre Nachkommen, die sich weigern, einen Schlussstrich zu ziehen, gelten schnell als unangemessen nachtragend. Es sei denn, die Opfer sind Teil der Mehrheit des Volkes. So wird Jahr für Jahr am 13. Februar an das Grauen der Bombardierung Dresdens erinnert.

Der Mordanschlag auf die wehrlosen Menschen im jüdischen Altersheim in der Reichenbachstrasse hat es dagegen nie geschafft ins kollektive Gedächtnis der Deutschen. Nicht einmal hier in München.

Die Überlebenden, die Hinterbliebenen, die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde – sie blieben allein mit ihrer Trauer, ihrer Angst, ihrer Erinnerung.

Es gibt nur wenige, die das unerträglich finden. Christian Springer ist einer dieser wenigen. Dank seiner Initiative sind wir heute hier – das erste offizielle Gedenken seit 50 Jahren! Es ist ein weithin hörbarer Zwischenruf und der Erinnerungscontainer vorm Gärtnerplatz-Theater ist unübersehbar. Ein wütender Aufschrei gegen die heimliche Amnestie durch die Zeit. Doch was wird morgen sein? Was, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, wird an Erinnerung bleiben, wenn dieser Jahrestag vorbei ist und der Container wieder weggeräumt sein wird?

Nein, wir dürfen nicht hinnehmen, dass die Opfer einfach ausgelöscht werden. Heute vor genau 50 Jahren sind sieben Menschen in dieser Stadt verbrannt oder qualvoll erstickt. „Hilfe, wir werden verbrannt!“ gellte es durch die Reichenbachstraße als die Flammen kamen.

Das mindeste, was wir ihnen schulden, ist, ihre Namen nicht zu vergessen.

Max Meier Blum, 1898 in Mostymale in Polen geboren. Ein Überlebender der Shoa. Er sprang, als die Flammen kamen, in seiner Panik aus dem vierten Stock.

Eljakim Georg Pfau, geboren 1906 in Breslau, war gelernter Tapezierer

Rosa Drucker, geboren 1909 in Lemberg war Rentnerin

Regina Rivka Becher, geboren 1910 in Cernovic war gelernte Hutmacherin.

Siegried Israel Offenbacher geboren 1899 in Fürth. Er war so etwas wie der Bibliothekar der Gemeinde. Er hatte schon mehrfach seine Koffer gepackt. 1939, um nach Palästina zu fliehen, 1953 um nach Deutschland zurückzukehren bis er dann im jüdischen Altersheim in der Reichenbachstrasse zur Ruhe kommen wollte. Offenbacher war eines der letzten Opfer, die identifiziert werden konnten. Er war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Leopold Arie Leib Gimpel, geboren 1900 in Lemberg. Er hatte rasch noch ein englisches Buch zu seinem Nachbarn im vierten Stock bringen wollen, das er sich ausgeliehen hatte. Er verbrannte auf dem Weg dorthin. Leopold und seine Frau Jeannette bereiteten sich auf die Ausreise vor. „Wir hatten Angst“, sagte sie einem Reporter, „wir wollten nur noch weg“. Ein Brandanschlag auf das Gemeindehaus in Berlin, der Anschlag auf die El Al am Flughafen München-Riem. Deutschland war ihnen unheimlich geworden.

Auch Dawid Jakubowicz , geboren 1910 in Czenstochau, wollte Deutschland verlassen. Schon am nächsten Tag. Der Koch der Gemeinde hatte noch das Essen für eine Bar Mitzwa im Haus vorbereitet. Jetzt saß er buchstäblich auf seinen gepackten Koffern. Er hatte seinen Flug nach Israel verschoben, weil er an Shabbat nicht fliegen wollte.

Wir werden sie nicht vergessen. So wenig, wie den Namen Arie Katzenstein, geboren in Israel, gestorben am 10. Februar 1970 in München-Riem. Er hatte sich auf die Handgranate der palästinensischen Terroristen geworfen und mit seinem Leben so das seines Vaters und der anderen Passagiere gerettet.

Die Täter wurden nur sieben Monate später abgeschoben. Sie blieben straffrei und wurden als Helden des palästinensischen Freiheitskampfes gefeiert.

Genau so wie jene Mörder, die acht Tage später, am 21. Februar 1970, ein Flugzeug auf dem Weg von Zürich nach Tel Aviv durch eine Paketbombe zum Absturz brachten. Die Swiss Air 330 explodierte bei Würenlingen. Alle 47 Insassen starben. Unter ihnen Israelis, Überlebende der Shoah und: der Journalist Rudolf Crisolli.

Auch dieser antisemitische Terroranschlag geriet rasch in Vergessenheit. 2012 erinnerte der Neffe Rudolf Crisollis, Georg M. Hafner, in einem Dokumentarfilm an die Toten der Swiss Air und die anderen Opfer des antisemitischen Terrors im Februar 1970: 55 Menschen. Getötet, weil sie Juden oder auf dem Weg in den jüdischen Staat waren.

Die feinsinnige Unterscheidung zwischen Israelhass und Judenhass – sie war damals so unsinnig wie sie es heute ist.

Und der Geist der Barbarei, der Arie Katzenstein, die Bewohner des Jüdischen Altersheims und die Passagiere der Swiss Air tötete, ist derselbe, der heute Sprengfallen an bunten Luftballons aus Gaza nach Israel fliegen lässt oder den Attentäter in Halle motiviert hat, als er versuchte, am höchsten jüdischen Feiertag, an Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, in die Synagoge einzudringen, um ein Blutbad anzurichten.

Erstaunlich, dass es 75 Jahre nach der Shoa noch immer Zweifel daran gibt, dass Juden einen Staat brauchen, der ihnen Zuflucht gibt und in dem sie wehrhaft sind, ihren Staat. Israel. Jahrtausende lang, Pogrom um Pogrom hat das jüdische Volk erfahren, was es bedeutet, als Minderheit auf das Wohlwollen der Mehrheit angewiesen zu sein, um zu überleben und wie schal und wertlos das anschließende Mitgefühl ist.

Das öffentlich bekundete Entsetzen nach dem Brandanschlag in der Reichenbachstraße im Februar 1970 war groß.

Der damalige Innenminister Hans Dietrich Genscher beteuerte, dass „unser ganzes Volk“ trauere und gab unter Zeugen sein Versprechen, Juden zu schützen.

Wir wurden Zeugen eines gebrochenen Versprechens.

Nur zwei Jahre später wurden 11 israelische Sportler hier bei der Olympiade von Palästinensern ermordet. Und auch deutsche Linksextremisten jubelten.
Viele Jahre mit vielen Anlässen für ein „nie wieder“ folgten.

Tatsächlich nimmt die Sorge wieder zu, den richtigen Moment zu verpassen. Das löst bei vielen Nichtjuden im „Nie-Wieder-Land“ Mitgefühl aus. Aber keine Angst. Sie fühlen sich nicht gemeint, wenn es um Judenhass geht. Und genau das macht mir Angst.

Nein, es trauert eben nicht „unser ganzes Volk“. Weder damals noch heute.

Und das verräterische kleine „unser“ vor Volk in Genschers Versprechen gab es schon damals preis: ihr und wir, unser Volk und euer Volk. Die Einheimischen und die Fremden.

Der Geist der Barbarei beschränkt sich dabei nicht auf den Judenhass.

Als der Attentäter von Halle aufgehalten wurde durch die Holztür der Synagoge, hinter der die Betenden in Todesangst kauerten, suchte er andere Opfer. Auf der Straße. An einem Dönerstand. Wahllos. Enthemmt.

Es geht nicht um Juden oder Ausländer – es geht um die Substanz unserer Demokratie. Es geht um uns. Judenhass ist Menschenhass.

Es ist höchste Zeit, sich dem Geist des Hasses entgegenzustellen. Er ist aus der Flasche. Er passt sich modisch an und zeigt sich in unterschiedlichster Verkleidung.

Manchmal, so wie gerade in Thüringen, lacht er höhnisch im Parlament, nutzt skrupellos die demokratische Bühne und findet naive willige Mitspieler.

Manchmal maskiert er sich als Kämpfer für die gerechte Sache der Palästinenser.

Und manchmal lässt er die Maske fallen und zeigt frei sein hässliches Hass-Gesicht.

Egal aber, in welcher Maske er daher kommt, wer ihm einmal als Opfer hat ins Gesicht sehen müssen, wird ihn stets erkennen.

Der gefährlichste Verbündete der Barbarei ist die Vergesslichkeit, ist die Zeit. Wenn wir nicht mehr wissen, wohin der Geist des Hasses führt, laufen wir Gefahr, ihn zu unterschätzen und laden ihn ein, es sich bequem zu machen und sich auszubreiten. Überall im Land.

Genau deshalb bleibt der Anschlag vor 50 Jahren, an den wir uns heute erinnern, ein täglicher Auftrag.

Es braucht viele Menschen, die den Geist des Hasses erkennen, die sein Wüten unerträglich finden, ihm Einhalt gebieten und den Opfern und den Tätern versprechen: Wir werden dafür sorgen, dass es keinen Schlussstrich gibt.

Bild oben: Gedenken am Gärtnerplatz, (c) haGalil

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