Wilhelm Herzog, Literatur- und Kulturhistoriker, Enzyklopädist und Dramatiker, wurde am 12.Januar 1884 in Berlin in einer jüdischen Familie geboren. Er studierte dort unter anderem Nationalökonomie, Germanistik und Kunstgeschichte. Schon mit 21 Jahren arbeitete er an einer Lichtenberg-Ausgabe, die in zwei Bänden 1907 bei Diederichs in Jena erschien. Mit 23 Jahren begann er im Insel-Verlag eine sechsbändige Kleist-Ausgabe herauszugeben, der eine Biographie Heinrich von Kleists bei C. H. Beck folgte, die von Frank Wedekind gerühmt wurde.
Mit Paul Cassirer war er 1910/1911 Herausgeber der Zeitschrift »Pan«, 1914/1915 und 1918/1929 gab er die sich für den Weltfrieden einsetzende Zeitschrift »Forum« heraus und 1918/1919 schließlich edierte er die Tageszeitung »Die Republik«. 1920 unternahm Herzog eine Reise in die Sowjetunion, 1923 nach Südamerika, 1924/1925 eine zweite Reise nach Rußland. Nach dem Ersten Weltkrieg veranstaltete er die deutsche Ausgabe mehrerer Werke von Romain Rolland. 1929 schrieb er zusammen mit Hans Rehfisch »Die Affäre Dreyfus«. 1931 erschien sein Schauspiel »Panama«, das in Hamburg uraufgeführt wurde. Dem Dreyfus-Schauspiel folgte 1933 der in Zürich veröffentlichte Band »Der Kampf einer Republik«, worin ein umfassendes Bild der Ereignisse und ihrer politischen und sozialen Hintergründe gegeben wird, nebst den Porträts der großen Figuren der Affäre. Das Werk ist 1958 in der Europäischen Verlagsanstalt, Frankfurt/M., in gekürzter Form neu erschienen.
1929 war Wilhelm Herzog nach Südfrankreich übergesiedelt. 1933-1939 war er in der Schweiz im Exil und 1939-1941 wieder in Frankreich. Von 1941 bis 1945 hielt er sich zwangsweise auf Trinidad auf, da ihm die Einreise nach Nordamerika verwehrt wurde. Erst 1945 konnte er nach New York und dann Kalifornien einreisen. Schon 1947 kehrte er nach Europa zurück, zunächst in die Schweiz und 1952 nach München, wo er am 18. August 1960 starb.
1956 erhielt er den Kunstpreis für Literatur der Stadt München. Seine letzten Werke waren »Der Weltweg des Geistes«, dargestellt in synchronistischen Tabellen (1955 in Basel erschienen) sowie »Große Gestalten der Geschichte« in drei Bänden (1959 in Bern erschienen).
Der in der Edition Memoria neu aufgelegte Band »Menschen denen ich begegnete« enthält ungemein spannende und lebendige Erinnerungen von Wilhelm Herzog aufgrund unveröffentlichter Briefe, Tagebuchnotizen und Gespräche. Sie spiegeln ein reiches und bewegtes Leben in kulturell anregenden und geschichtlich turbulenten Zeiten.
Wilhelm Herzog, Menschen denen ich begegnete. Porträts über Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, Edition Memoria 2026, 256 S. mit Abbildungen, 36,00 EUR, Bestellen?
LESEPROBE
Aus dem Kapitel „Paul Cassirer“
Dem Verlag Paul Cassirer hatte ich als Lektor Heinrich Mann und einige jüngere Autoren gewonnen. Die günstigen Bedingungen, die durchzusetzen mir oft erst nach schweren Kämpfen gelang, besonders für Heinrich Mann, der ein jährliches Fixum erhielt, hat Cassirer mir noch in späteren Jahren immer wieder vorgeworfen. Halb im Scherz, aber auch im Ernst. Der Verlag war für ihn – im Gegensatz zu seinem sehr erfolgreichen Kunsthandel – ein Verlustgeschäft. Kein Wunder, dass es ihn oft reute, damit überhaupt begonnen zu haben. Er ließ den Verlag langsam einschlafen, und der „Pan“ unter Kerrs alleiniger Leitung starb bald eines unseligen Todes. Er „röchelte nur noch“, wie Karl Kraus, Kerrs grimmigster Feind, es ausdrückte.
In den Ersten Weltkrieg zog Cassirer als „Benzinleutnant“, d.h. er fuhr in seinem Auto hohe Offiziere in dem okkupierten Belgien und in Nordfrankreich herum. Das tat er als Freiwilliger. Als er später richtig eingezogen werden sollte, streikte er, versuchte jedoch, seine Unabkömmlichkeit durch pathetische Publikationen zu beweisen, die er von ihm nahestehenden Künstlern illustrieren ließ. Immer Opportunist, näherte er sich am Ende des Krieges den Sozialdemokraten, nach der Revolution im November 1918 rückte er noch weiter nach links, wurde mit Rudolf Hilferding und Breitscheid, den unabhängigen Sozialistenführern auf dem rechten Flügel, befreundet und gründete um seinen Verlag herum, den er wieder aufleben ließ, einen politischen Salon. Hier verkehrten die regierungsfähigen Politiker von rechts bis links, alle Arrivisten der Weimarer Republik waren die Gäste des vorurteilslosen Cassirer, der immer irgendwelche Stimulantien brauchte. Bald hatte er jedoch auch seinen politischen Salon satt. So konzentrierte er seinen unstillbaren Tätigkeitsdrang wieder ganz auf die künstlerische Karriere seiner Frau.
Die Durieux hatte seine etwas penetrante Propaganda gar nicht nötig. Denn sie war eine große Menschendarstellerin, hatte sich längst bei der Kritik und beim großen Publikum durchgesetzt und errang mit Recht als Lady Macbeth, als Judith. als Wedekinds Lulu, als Katharina von Russland in Dauthendeys „Spielereien einer Kaiserin“ große Triumphe.
Aber auch an ihr scheiterte der sonst überall so erfolgreiche Impresario Paul Cassirer. All seine Klugheit und raffinierte Geschicklichkeit half dem großen Manager nichts. Sein schönstes Rennpferd, das er am meisten liebte und verhätschelte, lief ihm davon. Es hatte genug von seiner Methode: Zuckerbrot und Peitsche. Das war für Paul Cassirer vielleicht der schwerste Schlag in seinem Leben. Es kam zum Bruch. Zur Scheidung.
Am Tage, als er den Scheidungsvertrag unterschreiben sollte, durch den er sehr wertvolle Bilder seiner geliebten Impressionisten der Durieux überlassen musste, erschoss er sich im Büro seines Anwalts. Vor den Augen der ihm jetzt als Feindin gegenüberstehenden Frau, die er doch auf seine Art geliebt hatte und die er als sein Geschöpf betrachtete. Sie, die Wedekinds Lulu so oft auf der Bühne dargestellt hatte, ging mit einem Generaldirektor von Schultheiß-Patzenhofer, namens Katzenellenbogen, davon. Es wurde ihr Schicksal. Er wurde von den Hitler-Banditen ermordet. Sie blieb in Jugoslawien, kämpfte als Partisanin und begann nach der Befreiung wieder in Berlin, München und Düsseldorf mit großem Erfolg Theater zu spielen und zu filmen.
Aus dem Kapitel „Paul Cassirer“ des Buchs „Menschen denen ich begegnete“ von Wilhelm Herzog. Hürth bei Köln: Edition Memoria 2026, 256 Seiten mit Abbildungen, 36 €.



