Antisemitismusleugung zu Entebbe

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Überlebende von Entebbe nach ihrer Rückkehr am Ben Gurion Flughafen, Foto: Moshe Milner, GPO / CC BY-SA 3.0

Dass Antisemitismus in Entebbe bei der Flugzeugentführung von 1976 keine Rolle spielte, behauptete bereits vor Jahren ein von Markus Mohr herausgegebener Sammelband mit einem erhobenen „Unfug“-Vorwurf. Blickt man auf seine Ausführungen, so fällt ein schlichter Denkfehler auf: Seine Hauptquelle belegt gar nicht seine Postulate, womit der ganze Ansatz schon im Grundsatz gescheitert war. Linker Geschichtsrevisionismus mit Ignoranz und Manipulation. Eine Betrachtung anlässlich des 50. Jahrestags.

Von Armin Pfahl-Traughber

„Geschichtsrevisionismus“ gibt es nicht nur von „rechts“. Der Begriff meint in diesem politischen Kontext, dass historische Ereignisse aus ideologischen Gründen manipulativ thematisiert werden. Dabei geht es meist um eine positive Darstellung der Geschichte des Nationalsozialismus. Auch ideologisch bedingte Relativierungen von Verbrechen stehen für derartige Vorstellungen. Manipulierte Geschichtsbilder findet man aber auch links, jeweils mit anderen Inhalten verbunden. Dabei gilt etwa die DDR als friedliebender Sozialstaat oder der Stalinismus lediglich als historischer Unglücksfall. Es gibt aber auch das Bemühen, linksterroristische Handlungen zu verharmlosen. Ein Beispiel dafür ist die Darstellung von „Entebbe“ in einschlägigen Publikationen. Bekanntlich entführte 1976 ein terroristisches Kommando eine Passagierflugzeug in die ugandische Stadt. Dabei kam es bei der Freilassung von Geiseln zu einer Trennung, jeweils von den jüdischen und nicht-jüdischen Entführungsopfern in der Maschine. Antisemitismus habe hierbei aber keine Rolle gespielt.

Dies legte eine eigene Buchpublikation schon vor Jahren nahe: „Legenden um Entebbe“, ein von Markus Mohr herausgegebener Sammelband (Münster 2016, die folgenden Seitenangaben verweisen auf diesen Text). Zu dessen Absicht kann man gleich zu Beginn lesen: „Mit diesem Buch möchte ich zeigen, dass die als Tatsache erhobene Behauptung, es sei auf dem Flughafen von Entebbe zu einer Selektion zwischen Juden und Nichtjuden gekommen, Unfug ist“ (S. 12). Seinen Lesern stellte sich Mohr später mit folgenden Worten vor: „Verteidigte die besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstrasse wie ein kleiner Satan, auch wenn ihm dort das wie die DDR zuvor in Anführungszeichen gesetzte ‚Israel‘ schon damals ‚spanisch‘ vorkam. … Demonstrierte Ende 1988 für die Intifada in den besetzten Gebieten Palästinas …“ (S. 388). Eine derartige Beschreibung steht für sich selbst und bedarf keiner genaueren Kommentierung. Ausführungen zu irgendeiner wissenschaftlichen Qualifikation findet man nicht. Mohr soll aber als Person hier sonst kein Thema sein.

Als Beleg für die vorgetragene Deutung, wonach die Auffassung von einer gegenüber den jüdischen und nicht-jüdischen Geiseln vorgenommenen Trennung schlicht „Unfug“ sei, wurde auf einen bereits erschienenen Forschungsbericht zur Quellenlage verwiesen. Gemeint ist der Aufsatz „‘‘Unternehmen Entebbe’ 1976. Quellenkritische Perspektiven auf eine Flugzeugentführung“, der von Freia Anders und Alexander Sedlmaier stammte und 2013 im „Jahrbuch für Antisemitismusforschung“ erschien. Er fand sich komplett in dem von Mohr herausgegebenen Sammelband (worauf sich dann auch die folgenden Seitenangaben beziehen). Die Autoren formulierten als Ergebnis, dass eine eindeutige Interpretation durch die vorliegenden Kenntnisse nicht möglich sei: „Quellenlage und -befunde blieben uneindeutig“ (S. 49). Daher sprachen diese bezogen auf die Ereignisse lediglich von „möglich“ und „wahrscheinlich“. So habe es Angriffe auf anwesende orthodoxe Juden gegeben, es seien aber auch Juden unter den übrigen Passagieren freigelassen worden.

Bedeutsam ist hier für die Deutung die anonymisierte Erwähnung, dass „zwei äußerlich als orthodoxe Juden zu erkennende Paare, die nicht israelische Staatsbürger waren“ (S. 38), offenkundig verblieben. Darüber hinaus wurde noch auf Pressemeldungen verwiesen, wonach einer jüdischen Geisel die Kippa vom Kopf gerissen wurde und zwar von der deutschen Terroristin (vgl. S. 39). Bereits diese Beispiele legen eine Differenzierung der Geisel über das Jüdische als Kriterium nahe. Indessen wurde das Autorenduo durch diese Erkenntnis nicht zu weiteren Reflexionen motiviert. Denn die freigelassenen jüdischen Geisel mussten gegenüber den hier Genannten nicht notwendigerweise als jüdische Passagiere wahrgenommen worden sein. Entscheidend ist indessen die Aussage der Hauptquelle des Herausgebers, dass eben die Befunde der erwähnten Recherche eben „uneindeutig“ seien. Damit kann er sich bei seinen Deutungen, die andere Fragen berühren, gar nicht auf diesen Quellenbericht stützen. So belegt die Hauptquelle von Mohr die postulierte These vom „Unfug“ gerade nicht.

Dass es damals um Antisemitismus in der Handlungspraxis ging, bestätigten auch Akteure der linksterroristischen „Revolutionären Zellen“ selbst. In der Erklärung „Gerd Albartus ist tot“ vom Dezember 1991 (in: www.freilassung.de) konnte man lesen: „Das Kommando hatte Geiseln genommen, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, dass sie Juden waren, soziale Merkmale wie Herkunft oder Funktion, die Frage der gesellschaftlichen Stellung oder der persönlichen Verantwortung, also Kriterien, die wir eigentlich unserer Praxis zugrunde legten, spielten in diesem Fall keine Rolle. Die Selektion erfolgte entlang völkischer Linien. Dass die einzige Geisel, die die Flugzeugentführung nicht überlebte, ausgerechnet eine ehemalige KZ-Inhaftierte war, ging zwar nicht unmittelbar  zu Lasen des Kommandos, lag aber nichtsdestoweniger in der Logik der Aktion.“ Derartige Aussagen kommentierte Mohr im ironisierenden Sinne, sprach er doch etwa von einer „Formulierung von präpositionaler Eleganz“ (S. 309). Eine inhaltliche Auseinandersetzung erfolgte nicht.

Noch später bekundeten andere ehemalige Angehörige der „Revolutionären Zellen“ ebenfalls, dass es sich um eine antisemitische Dimension in Entebbe gehandelt habe. In dem Buch „Herzschläge. Gespräch mit Ex-Militanten der Revolutionären Zellen“ von 2022 äußerten sich frühere Repräsentanten hier sehr deutlich: „Und da liegt für mich das Antisemitische in der Beschäftigung mit Palästina. Das heißt, die alleinige Konzentration auf Israel und auf die jüdische Gesellschaft und den Konflikt mit den Palästinensern enthielt und enthält noch immer ein sehr fragwürdiges Moment der Verkürzung.“ Oder: „Wenn Du als Deutscher eine Maschine mit jüdischen Passagieren entführst, dann weißt du, was du tust und dann musst dir (sic!) den Vorwurf des Antisemitismus schlicht und einfach gefallen lassen.“ Und weiter: „Die ganze Aktion war antisemitisch …“ (S. 60). Demnach wurde hier Antisemitismus unter militanten Linken nicht geleugnet, wofür es ja eine bis ins 19. Jahrhundert zurückgehende Tradition gab. Laut seinen Fußnoten war die Literatur dazu Mohr nicht bekannt.

So könnte auch fehlende Fachkenntnis zu seinen Fehlschlüssen geführt haben. Entscheidender dürfte aber die erklärte Absicht gewesen sein, hier Antisemitismusleugnung zugunsten des militanten Linksextremismus zu betreiben. Dies machen die Ausführungen zu seiner Hauptquelle deutlich, denn die abgedruckte quellenkritische Betrachtung unterstützt seine Deutungen erklärtermaßen nicht. Dort wird ausdrücklich einleitend wie abschließend auf die für eine letztendliche Interpretation fehlenden historischen Quellen verwiesen. Auch wenn die beiden Autoren ebenfalls erkennbar antisemitische Hintergründe marginalisieren wollten, postulierten sie nicht wie bei den Deutungen von Mohr einen angeblichen „Unfug“. Da er als Autor die gemeinten Ereignisse selbst gar nicht beschreibt, erscheint dessen ganze Interpretation als haltlos und manipulativ. Das Abstreiten des Antisemitismus als erkennbares Motiv erscheint so als bloßer Willkürakt. Entscheidend dürften dabei die politischen Absichten gewesen sein, was aber für „Geschichtsrevisionismus“ konstitutiv ist.

Eine ausführliche Abhandlung legte der Autor in folgendem Beitrag vor: Armin Pfahl-Traughber, Antisemitismusleugunung im militanten Linksextremismus. Eine Analyse zur Deutung von Entebbe anlässlich des 50. Jahrestags, in: Hendrik Hansen/Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2023- 2025 (II), Brühl 2026, S. 224-249.

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