Der Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak beteiligte sich im vergangenen Jahr an einem TikTok-Video des Rappers Dahabflex vor dem Reichstagsgebäude. Dahabflex arbeitet in seinen Texten mit Parolen wie „Death to the IDF“ und „Palästina, Intifada wie die PFLP“. Solche Bezugnahmen auf antiisraelische Terrorgruppen in Teilen der politischen Linken haben eine lange Vorgeschichte, wie Jan Gerber in seiner Textsammlung Fluchtpunkt Entebbe zeigt.
Von Thure Alting
Der jüngst bei Edition Tiamat erschienene Band bündelt Texte des Autors aus den vergangenen 25 Jahren, die für die Ausgabe vollständig überarbeitet wurden. Als Sammlung historisch-politischer Essays und Studien gewinnt das Buch sein Profil aus Wiederaufnahmen und Zuspitzungen. Gerber arbeitet darin quellennah und analytisch präzise das Verhältnis der militanten westdeutschen Linken zu Israel heraus.
Anlass des Bandes ist der Jahrestag der Entführung einer Air-France-Maschine, der sich im kommenden Juni zum fünfzigsten Mal jährt. 1976 hatten ein Kommando einer Untergruppe der von Dahabflex gefeierten PFLP gemeinsam mit zwei deutschen Linksterroristen ein Flugzeug nach Entebbe in Uganda verschleppt und dort jüdische von nichtjüdischen Passagieren getrennt. Die Stärke des Bandes liegt darin, Entebbe nicht als isoliertes Ereignis zu behandeln. Gerber erzählt die Entführung vielmehr als Knotenpunkt einer längeren Geschichte: Er legt die Spuren frei, die nach Entebbe führten, und analysiert zugleich die Nachwirkungen, Radikalisierungen und Verschiebungen, die von dort ausgingen. Die Spuren reichen zurück bis in die spätstalinistische Kampagne gegen „Zionismus und Kosmopolitismus“, in der der linke Antizionismus, wie Gerber schreibt, „seine Unschuld – und seine territoriale Begrenzung“ verlor (24). Aus dem Begriff „Zionist“ wurde eine Chiffre für „Jude“. In der deutschen Linken entwickelte sich dieser antijüdische Antizionismus seit Mitte der 1960er Jahre zu einem Mobilisierungsfaktor und, „zum kleinsten gemeinsamen Nenner der gesamten außerparlamentarischen Linken“ (26). Was Gerber rekonstruiert, ist eine Gewaltgeschichte, die im Licht der antisemitischen Eskalationen der Gegenwart beklemmend vertraut wirkt. Schon 1969 verteilten studentische Linke beim Besuch des Direktors der Hebräischen Universität in Kiel Flugblätter mit der Parole „Schlagt die Zionisten tot, macht den Nahen Osten rot” (zit. n. 39). Im selben Jahr wurde ein Vortrag des israelischen Botschafters in Frankfurt verhindert; beteiligt war einer der späteren Entführer von Entebbe. Gerber zeigt, dass sich in diesen Parolen und Aktionen ein Antizionismus artikulierte, der „auf den Tod von Juden“ hinauslief” (89). Am 9. November 1969 folgte der versuchte Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin. Wenige Jahre später rechtfertigte Ulrike Meinhof das Olympia-Massaker von 1972 als „antiimperialistisch, internationalistisch und antifaschistisch“ (zit. n. 46). Entebbe erscheint vor diesem Hintergrund als Kulminationspunkt einer längeren Geschichte – als „Fluchtpunkt des bewaffneten Antizionismus“ und zugleich „der gesamten linken Israelfeindschaft“ (25).
Auch Gerbers Analyse der westdeutschen Reaktionen auf Entebbe liest sich heute wie ein düsterer Vorgriff auf die globalen Reaktionen nach dem 7. Oktober. Die moralischen Maßstäbe waren dabei bis zur Unkenntlichkeit verkehrt. Nicht die Geiselnahme provozierte den Protest, sondern ihre Beendigung durch die israelische Befreiungsaktion. Nicht die Selektion jüdischer Geiseln stand im Zentrum der Empörung, sondern Israels Entscheidung, zur Rettung der Entführten „die Souveränität eines anderen Staates zu verletzen“ (zit. n. 29). An dieser Stelle öffnet Gerbers Analyse den Blick auf die Nachgeschichte des Nationalsozialismus in der westdeutschen Linken. Der Hass auf Israel rechtfertigte sich als Antifaschismus und Befreiungspolitik, blieb aber an jene Geschichte gebunden, von der er sich zu lösen vorgab. Oder, wie Gerber schreibt: „Gerade die Zwanghaftigkeit, mit der sich deutsche Linke nach 1945 immer wieder an Juden abarbeitete, zeigt jedoch, wie stark sie dieser Geschichte verbunden waren“ (111). Wie tief Entebbe in die deutsche Geschichte zurückverwies, wurde in Israel fraktionsübergreifend unmittelbar verstanden. Spätestens als der deutsche Flugzeugentführer Wilfried Böse mit deutschem Akzent die Namen jener Geiseln verlas, die von den übrigen Passagieren getrennt wurden, darunter mehrere Holocaust-Überlebende, drängte sich die Erinnerung an die nationalsozialistische Selektionspraxis auf.
Während Entebbe als titelgebender Fluchtpunkt des Bandes vergleichsweise bekannt ist, rückt Gerber in weiteren Texten Anschläge und Morde in den Blick, die im öffentlichen Gedächtnis weitgehend verblasst sind. Dazu gehört der Mord an Heinz-Herbert Karry, dem hessischen Wirtschaftsminister, der am 11. Mai 1981 in Frankfurt von Tätern der Revolutionären Zellen erschossen wurde. Die Täter feuerten durch ein Fenster auf den schlafenden Politiker; Karry starb kurz darauf an einem Bauchschuss. Gerber und seine Mitautorin Juliane Weiß machen deutlich, dass hier nicht nur ein Repräsentant der Bundesrepublik ermordet wurde, sondern auch ein deutsch-jüdischer Politiker: Karry gehörte zu den ersten Juden, die nach Walter Rathenau wieder ein Ministeramt innehatten (104f.). Am Ende des Bandes steht der Bombenanschlag von Budapest 1991 aus dem Umfeld der RAF, der einem Bus mit sowjetischen Juden auf dem Weg nach Israel galt. Gerber markiert den Anschlag als Zäsur: Anders als frühere Flugzeugentführungen, Geiselnahmen oder Anschläge verlor der Terror hier den letzten Rest politischer Forderung und symbolischer Rahmung. In Budapest zielte er „nur noch auf die Ermordung möglichst vieler Juden“ (149). Diese Entwicklung hin zu einem terroristischen Selbstzweck deutet Gerber vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der Krise des antiimperialistischen Deutungsrahmens. Mit dem Zerfall alter revolutionärer Gewissheiten verschwanden die Feindbilder nicht; sie suchten neue Träger, Symbole und Bündnisse. In der Hinwendung zu islamistischen Akteuren konnten sich antizionistische und antisemitische Gewaltfantasien neu formieren. Was heute mitunter unter dem Begriff Islamogauche diskutiert wird, erscheint hier bereits in frühen Konturen.
Die Lektüre des Buches lässt einen beklommen zurück. Zu sehr ragt die Geschichte des linken Antizionismus in die Gegenwart hinein. Zwar geht die terroristische Gefahr für Israel heute, wie Gerber konstatiert, kaum mehr von national- oder sozialrevolutionären Stadtguerillas aus. Doch die Reaktionen auf den 7. Oktober zeigen, dass der Antizionismus in der politischen Linken fortwirkt. Gerber geht noch weiter: „Durch den Terrorangriff scheint der Antizionismus für die Linke noch identitätsstiftender geworden zu sein als selbst in den Siebzigern“ (32). Gerade deshalb ist Fluchtpunkt Entebbe mehr als eine geschichtswissenschaftliche Textsammlung. Gerber schreibt keine bloße Geschichte des linken Antizionismus, sondern legt dessen ideologische Kontinuitäten und mörderische Konsequenzen frei. Die Schärfe seiner Texte ersetzt die Analyse nicht; sie geht aus ihr hervor. So erscheint der Band als Buch über das lange Nachleben einer Feindschaft, die ihre Sprache, Milieus und Rechtfertigungen ändern mag, aber ihr Objekt behält.
Jan Gerber, Fluchtpunkt Entebbe. Der Linke Terrorismus und Israel, Edition Tiamat 2026, 160 S., Euro 20,00, Bestellen?
Neuinterpretation – Uminterpretation – Missinterpretation
Am 4.7.1976 befreite ein Sonderkommando der israelischen Armee im Flughafengebäude von Entebbe 102 Geiseln aus der Gewalt ihrer Entführer. Bei den Geiseln handelte es sich um die Passagiere und die Crew eines Air France Flugzeuges, das eine Woche zuvor entführt wurde. Fünf der sieben Terroristen waren Angehörige der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ („PFLP“). Hinzu kamen die beiden Deutschen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, als Mitglieder der „Revolutionären Zellen“.
Die Selektion von Entebbe?
Wer hat‘s erfunden? Zur Ausstellung in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt am Main)…
Legenden um Entebbe
Alte Mythen eines angeblich ehrbaren Antizionismus der radikalen deutschen Linken: ein menschenfeindliches Buch.



