
Sage und schreibe mehr als 5 Jahrzehnte lang mussten die Fans der New York Knicks einer erneuten Meisterschaft entgegen harren. Umso heftiger und mitreissender durften sie sodann den Alltagsfrust für einige wohltuende Tage mit jubelnder Ekstase beiseite schieben.
Von Jossi Reich
Glanz und Gloria strahlen dabei auch auf die NBA ab. In ihren Statuten propagiert die Liga Gleichberechtigung und Respekt, ermutigt ihre Stars gesellschaftspolitische Positionen zu vertreten und setzt sich für faire Wahlbeteiligung und Bürgerrechte ein.
Demgegenüber baute sie in den letzten Jahren ihre Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten stetig weiter aus. Seit 2022 veranstaltet die Liga im Rahmen einer mehrjährigen Partnerschaft mit dem Ministerium für Kultur und Tourismus der VAE Vorbereitungsspiele in Abu Dhabi, hat dort Basketball-Akademien eröffnet, unterhält Jugendprogramme, all das zentraler Bestandteil ihrer Wachstumsstrategie. Abu Dhabi ist längst nicht mehr nur Gastgeberstadt, sondern emminent wichtiger Geschäftspartner der Liga.
Die Bevölkerung des bekanntermaßen autokratisch regierten, wirtschaftlich übermächtigen Golfstaats setzt sich zu knapp 90 Prozent aus Arbeitsmigranten zusammen, vorwiegend aus Indien, Pakistan, Bangladesch, den Philippinen, Nepal und Sri Lanka. Laut Human Rights Watch, Amnesty International und der ILO (International Labor Organization) wird diese Population von einer im grenzenlosen Ölreichtum schwelgenden Herrscherklasse im schlechtesten altertümlichen Sinne als Halbsklaven gesehen und behandelt.
Mittels Schuldknechtschaft, Passentzug, Lohnraub u.ä. entledigt das berüchtigte Kafala-System sie ihrer Grundrechte und installiert Formen der Zwangsarbeit.
Abgesehen davon, wurde den VAE wiederholt vorgeworfen, zur schlimmsten humanitären Katastrophe der Gegenwart beizutragen: dem Bürgerkrieg im Sudan.
Sport kann Brücken bauen, Chancen schaffen und Menschen über Länder- und Kulturgrenzen hinweg miteinander verbinden. Doch Partnerschaften senden auch Botschaften.
Seit mehr als drei Jahren wird der Sudan von einem verheerenden Krieg zwischen den Sudanesischen Streitkräften und den sogenannten Rapid Support Forces (RSF) erschüttert. Die RSF gingen aus den berüchtigten Dschandschawid-Milizen hervor, die maßgeblich am Völkermord in Darfur zwischen 2003 und 2008 beteiligt waren, dem schätzungsweise an die 400.000 Menschen zum Opfer fielen. Auf taube Ohren fielen die Ermahnungen der damaligen Save-Darfur-Koalition an Coca-Cola, Volkswagen und andere Konsumkonzerne auf ein Sponsoring der Pekinger Olympiade 2008 zu verzichten, war China seinerzeit doch Hauptabnehmer sudanesischen Öls und Waffenlieferant des damaligen Regime unter dem später gestürzten Kriegsverbrecher Omar Bashir.
Seit 2013 werden die RSF von Mohammed Hamdan Dagalo geführt, besser bekannt unter seinem Kampfnamen „Hemedti“. Menschenrechtsorganisationen und UN-Ermittler werfen ihm seit Jahren schwerste Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.
Ganze Städte wurden verwüstet, u.a. berichten renommierte Journalisten wie Anne Applebaum oder John Prendergast über Massaker, ethnisch motivierte, genozidale Gewalt und Massenvergewaltigungen, die geschätzten Zahlen sind erschütternd: Rund 14 Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben – die größte Vertreibungskrise weltweit–, während weitere 19,5 Millionen Menschen unter akuter Ernährungsunsicherheit und Hunger leiden.
Auf den Vereinigten Arabischen Emiraten lastet der Vorwurf, die Miliz mit Waffen versorgt und unterstützt zu haben. Die Regierung der Emirate weist dies kategorisch entschieden zurück. Unabhängig davon, ob man diesen Dementis Glauben schenkt oder nicht: Die Anschuldigungen sind schwerwiegend genug, um sie nicht einfach zu übergehen. Aber gleich dem Großteil der Medien schenkt die NBA all dem keine Beachtung. Stattdessen präsentiert die Liga Abu Dhabi als aufregende neue Basketball-Destination – als Ort glänzender Arenen, luxuriöser Hotels und lukrativer Geschäftsmöglichkeiten.
Fans verbinden sportliche Exzellenz oft mit den Institutionen, die sie fördern. Die NBA ist damit keineswegs allein. Europäische Fußballvereine haben Investitionen aus Golfstaaten angenommen. Die Formel 1 fährt Rennen im Nahen Osten. Der Golfsport wurde durch saudisches Geld grundlegend verändert. Und dies gilt nicht nur für den Sport: Auch große Unterhaltungsunternehmen, allen voran Disney Plus, sowie Streaming-Dienste und Medienkonzerne pflegen enge Beziehungen zu den Emiraten.
Doch die NBA hat stets betont, anders zu sein. Sie hat Spieler gefeiert, die sich gegen Rassismus und Ungerechtigkeit engagieren. Sie stellte ihre Geschäftsaktivitäten in Russland nach dessen Angriff auf die Ukraine ein. Ihre Führung spricht regelmäßig über Werte, Gleichheit und Menschenrechte.
Jalen Brunson, Superstar der New York Knicks ist nicht nur für seine sportlichen Leistungen bekannt, sondern auch für sein gesellschaftliches Engagement. Seine Projekte konzentrieren sich auf die Bekämpfung von Jugendobdachlosigkeit, die Versorgung von Schülern mit gesunden Mahlzeiten und die Schaffung von Bildungschancen für benachteiligte Jugendliche.
Kann es ihn wirklich kaltlassen, während der NBA-Finals ein Abzeichen auf seinem Trikot zu tragen, mit der Aufforderung an die Fans: „Experience Abu Dhabi“?
“Ignorance is bliss” ironisiert man zynisch und kalblütig-weise im Angelsächsischen. Im Grunde aber führt Ignoranz in die Verdammnis. “Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun” gab laut Lukas-Evangelium der gekreuzigte Jesus von sich. Wird damit eine kompromislose, wenn auch tragischen Nächstenliebe bekundet, sowie ein tiefes Verständnis für die, welche ein unglückseliges Dasein dazu verleitete sich in in jenem todessehnsüchtigen Mob wiederzufinden, der johlte und jauchzte, als der Nazarener brutalst verendete? Selbst wenn es so in Wirklichkeit nicht stattfand, nachvollziehbar bis glaubwürdig gibt diese Legendenbildung die Befähigung der menschlichen Psyche wieder, sich in bösartigen Exzessen zu ergehen oder sich zumindest daran zu ergötzen.
Jene in den letzten Lebensmomenten des Heilands geleistete Fürbitte an den Allmächtigen ist einer der Grundpfeiler der christlichen Lehre, allerdings in vielerlei Kontext auch ein geradezu gemeingefährlicher, da absolut nicht mehr zeitgemäßes Überbleibsel aus einer primitiv-barbarischen, oft unmenschlichen Antike. Vermeintliche Unwissenheit im letzten und diesem Jahrhundert unserer genozidalen Moderne ist ein Fluch für die ärmsten und elendsten; für die von Kriegsverhältnissen geschlagenen Erdenbürger, an denen sich unsere Zivilisation mit der Todsünde der unterlassenen globalen Hilfeleistung vergeht.
Wie man es von einem talentierten und charismatischen Redner wie ihm gewohnt ist, hielt New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani eine mitreißende Siegesrede auf das Team seiner Stadt, der reichsten und einflußreichsten unseres Planeten. Mit dem Affordability-Ticket für die einkommensschwächeren errang er seinen phänomenalen Wahlerfolg. Daneben zeichnet er sich mit wortgewaltigen Zorn aus, wenn es um die Verurteilung Israels geht. Nicht wenige Experten und Analytiker, im Übrigen auch aus dem linkspolitischen, demokratischen Lager sehen hierin eine gefährliche Einseitigkeit, gar Verharmlosung des islamofaschistischen Todeskults, welcher den Bewohnern Gazas die vom 7. Oktober katalysierte Apoklypse einhandelte.
Wird Mamdani und soviele andere Influencer und Opinionleader seiner Aussrichtung jemals von der Liga verlangen, sich mit der Unterdrückung und Vernichtung nicht-arabischer, schwarzer Ethnien in der übelsten Konfliktregion der Erde auseinanderzusetzen? Do black african lives not matter, weder für ihn, noch die vom pro-palestine-Hype bewegten?
Verantworlich für unsere Blindheit und das horrende Desinteresse am Los der Sudanesen ist jenes Zusammenspiel aus quasi post-religiösen, oft religiös verankerter Fixierung auf den holy-land-Konflikt sowie der manchesmal bewußte, vor allem jedoch unbewußte Rassismus, der uns in den Knochen steckt, bzw. in der DNA der monotheistischen Welt. Seien es die Verhaltensmuster aus unserer christlich-kolonialistischen Vorzeit, Paradebeispiel ist der große Aufklärer Voltaire, der “Neger” als Untermenschen kategorisierte; sei es die etwa anderhalb Jahrtausende alte Tradition der arabischen Welteroberer, welche Versklavung und Entmenschlichung schwarzafrikanischer Ethnien als Selbstverständlichkeit betrachtete.
Menschenrechte sind universell und Engagement ist eine Pflicht, wenn die Menschlichkeit am Abgrund steht. Zweifelsohne ist dies der Fall im Sudan. Die NBA kann sich nicht als moralische Instanz darstellen und gleichzeitig so tun, als existiere der politische Kontext ihrer Geschäftsbeziehungen nicht. Ihr Wegschauen ist eine Schande für sie, und für all diejenigen, welche dies nicht beklagen bzw. anklagen.
Jossi Reich ist Herausgeber und Mitbegründer des non-profit-Magazins für Menschenrechte und Umwelt fairplanet.org und einer der Sänger und Gründer der satirischen Post-Punk-Band „The Jewish Monkeys“ aus Tel-Aviv.


