Es gab in den 1970er und 1980er Jahren eine intensive Kooperation deutscher Linksterroristen und palästinensischer Terroristen, auch gegen Israel und Juden gerichtet. Dafür steht „Entebbe“ als Stichwort. Jan Gerber thematisiert dies als Historiker in seiner neuen Monographie: „Fluchtpunkt Entebbe. Der linke Terrorismus und Israel“.
Von Armin Pfahl-Traughber
Im Juni 1976, also vor fünfzig Jahren, entführte eine terroristische Gruppe ein Passagierflugzeug, das in Entebbe, also der Hauptstadt von Uganda landete. Dort wurde über eine teilweise Geiselbefreiung entschieden, wobei nicht-jüdische Passagiere meist frei kamen, während jüdische Passagiere festgehalten wurden. Da die Entführer aus einer deutschen und einer palästinensischen Gruppe bestanden, wurde anschließend von einer antisemitischen Motivation bei dieser „Selektion“ gesprochen. Denn einer der Betroffenen war früher in einem Konzentrationslager gewesen. Er zeigte einem der deutschen Entführer seine eintätowierte Häftlingsnummer, womit für seine Bedrohung durch Deutsche eine Kontinuität nahegelegt werden sollte. Dieses Ereignis führte auch in der deutschen Linken dazu, dass breiter über einen Antisemitismus in den eigenen politischen Reihen gesprochen wurde. Das genannte Ereignis bildete daher einen „Fluchtpunkt“. „Fluchtpunkt Entebbe“ ist auch eine von Jan Gerber verfasste neue Monographie überschrieben.
Sie thematisiert die Einstellung deutscher Linksterroristen zum israelischen Staat. Dabei fällt schon beim Durchblättern eine begriffliche Spezifika beim Untertitel auf, welcher „Der linke Terrorismus und Israel“ lautet. Der Autor spricht indessen nicht vom Terrorismus, „bewaffnete deutsche Linke“ oder „Stadtguerilla“ lauten seine Termini. Es mag dafür Gründe geben, die indessen trotz des Untertitels nicht näher vorgetragen werden. Aber dann gleich wieder zurück zum Autor und zum Buchinhalt: Gerber ist Historiker und Politikwissenschaftler, sein Buch kein geschlossenes Werk. Es setzt sich aus sechs Beiträgen zusammen, die meist bereits an anderer Stelle erschienen. Sie kreisen eben um die Auffassungen zu Israel im linken Terrorismus. Deren deutsche Akteure hatten von Beginn an gute Kontakte zu palästinensischen Terroristen, welche ihre deutschen Partner intensiv in Sprengstoff- und Waffengebrauch schulten. Dabei offenbarten sich aber auch antisemitische Einstellungen und nicht nur israelfeindliche Positionen. Genau dies will Gerber aufzeigen.
Indessen spricht er dabei durchgängig eher von einem „Antizionismus“, der indessen als erneuerter Antisemitismus erscheint. Dabei wird auch intensiver der „Antiimperialismus“ thematisiert, gilt dieser doch hier als Scharnier. Nur mit derartigen ideologischen Bezügen war letztendlich eine Kooperation von deutschen und palästinensischen Terroristen möglich. In seiner Darstellung macht Gerber auch darauf aufmerksam, dass es bei den Linksterroristen einen ideologischen Rückfall gab. Dieser artikulierte sich in Personalisierung und Verschwörungsvorstellungen. Gleichzeitig setzte man Israel mit den Nazis gleich. Der Autor macht dabei gut die innere Konsequenz deutlich: „Diese Nazianalogien beinhalteten schon den Aufruf zu neuer Gewalt: Denn wenn die Juden die Nazis von heute sind, dann lautet die logische Schlussfolgerung, dass sich wahrer Antifaschismus gegen sie zu richten habe.“ Es sind derartige Detaileinschätzungen, die immer wieder Interesse auslösen. Gerber geht es aber bei all dem nicht darum, „Entebbe“ noch einmal ausführlich zu beschreiben.
Besondere Aufmerksamkeit verdient von den anderen Beiträgen noch „Der Mord an Heinz-Herbert Karry“, dem hessischen Wirtschaftsminister, der 1981 durch RZ-Terroristen getötet wurde. Dazu ist wohl auch noch eine eigene Forschungsarbeit der Mitautorin Juliane Weiß geplant. Beachtenswert ist hier insbesondere der jüdische Hintergrund von Karry, eben einer der wenigen bundesdeutschen Juden, die ein hohes Ministeramt erreichten. Warum wurde ausgerechnet ein Jude ein Opfer der RZ: Kam dieser Besonderheit eine Relevanz zu oder handelte es sich nur um einen Zufall? Eine Antwort kann nach bisherigen Kenntnissen nicht gegeben werden, indessen handelt es sich schon um eine erklärungsbedürftige Tatsache. Bilanzierend betrachtet veranschaulicht Gerber gut die problematische Seite, welche mit dem offen propagierten „Antizionismus“ der Linksterroristen einherging. Die damaligen Bündnispartner deutscher Linksextremisten sind es bekanntlich heute auch, nur handelt es sich diesmal um Islamisten und nicht nur säkulare Nationalisten.
Jan Gerber, Fluchtpunkt Entebbe. Der Linke Terrorismus und Israel, Edition Tiamat 2026, 160 S., Euro 20,00, Bestellen?
Neuinterpretation – Uminterpretation – Missinterpretation
Am 4.7.1976 befreite ein Sonderkommando der israelischen Armee im Flughafengebäude von Entebbe 102 Geiseln aus der Gewalt ihrer Entführer. Bei den Geiseln handelte es sich um die Passagiere und die Crew eines Air France Flugzeuges, das eine Woche zuvor entführt wurde. Fünf der sieben Terroristen waren Angehörige der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ („PFLP“). Hinzu kamen die beiden Deutschen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, als Mitglieder der „Revolutionären Zellen“.
Die Selektion von Entebbe?
Wer hat‘s erfunden? Zur Ausstellung in der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt am Main)…
Legenden um Entebbe
Alte Mythen eines angeblich ehrbaren Antizionismus der radikalen deutschen Linken: ein menschenfeindliches Buch.



