In seiner kürzlich erschienenen Broschüre „…dass wir Verantwortung übernehmen, liegt in der Logik des Ortes. Antisemitismuskritische Zugänge für NS-Gedenkstätten“ konstatiert der Bundesverband RIAS, dass „NS-Gedenkstätten (…) als konstante Projektionsflächen für antisemitische Handlungen in Deutschland“ fungieren und es somit kaum verwundere, dass im Zuge der „starken Zunahme antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023 auch die Zahl der Vorfälle am Tatort ‚Gedenkorte‘ angestiegen ist.“
Prof. Dr. Jens-Christian Wagner arbeitet seit Oktober 2020 als Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und als Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von 2014 bis 2020 war er Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Zuvor hat er von 2001 bis 2014 die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora geleitet.
Ingolf Seidel vom Arbeitskreis gegen Antisemitismus in der Berliner VVN-BdA hat den Historiker zu geschichtspolitischen Verwerfungen sowie zu geschichtsrevisionistischen und antizionistisch motivierten Angriffen auf die Gedenkstätte Buchenwald interviewt.
Ingolf Seidel: Herr Wagner, würden Sie den Befund der Zunahme antisemitischer Vorfälle für die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora bestätigen? Wenn ja, welcher Art sind solche Vorkommnisse?
Jens-Christian Wagner: Seit etwa 10 Jahren bemerken wir in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und vor allem in der Gedenkstätte Buchenwald einen deutlichen Anstieg von Angriffen auf unsere Arbeit: Auf Gedenktafeln und Infoschilder werden Hakenkreuze oder SS-Runen geschmiert, Gedenkbäume für KZ-Opfer werden abgesägt, junge Männer posieren, den Hitlergruß zeigend, vor den Verbrennungsöfen oder vor dem Lagertor und verbreiten Fotos davon in Social Media, queere Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund werden von anderen Gedenkstättenbesuchern beschimpft und bedroht. Und ganz massiv zeigen sich die Angriffe im Netz, vor allem in den Kommentarspalten unserer Social-Media-Kanäle.
Primär sind diese Angriffe gegen die Arbeit der Gedenkstätte und gegen die kritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen gerichtet. Die Schändungen richten sich oft gegen Gedenktafeln für politische Häftlinge, etwa Kommunisten. In diesen Fällen kann man nicht primär von antisemitischen Angriffen sprechen – sekundär allerdings schon, denn jeder Angriff auf Gedenkstätten richtet sich gegen unsere Arbeit, die nicht zuletzt ja auch der Auseinandersetzung mit der Shoah gilt, auch wenn Buchenwald und Mittelbau-Dora – anders als etwa Auschwitz-Birkenau, Treblinka oder Sobibor – keine eigentlichen Shoah-Gedenkstätten sind.
Ingolf Seidel: Sie haben sich in der Vergangenheit verschiedentlich gegen die extrem rechte Partei Alternative für Deutschland (AfD) positioniert. Aus welchem Verständnis Ihrer Arbeit resultieren derartige Interventionen?
Jens-Christian Wagner: Die NS-Verbrechen waren rechtsextrem motiviert, Nazis waren Rechtsextreme. Insofern zeigen Gedenkstätten, die an NS-Opfer erinnern, eine besondere Wachsamkeit gegenüber rechtsextremem Gedankengut und gegenüber extrem rechten Parteien wie der AfD. Diese greift seit Jahren die Erinnerungskultur an, diskreditiert sie als „Schuldkult“ und behauptet, wie aktuell im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt, die „Verewigung des Schuldkomplexes“ habe dazu geführt, dass „Nationalstolz grundsätzlich als anrüchig wahrgenommen“ werde und „Politiker jede positive Bezugnahme auf unsere Geschichte vor 1933“ vermieden. Das entspricht ganz dem „Vogelschiss“-Geraune ihres Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland oder der schon älteren Forderung von Björn Höcke nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“. Tatsächlich gehört der Geschichtsrevisionismus zur ideologischen DNA der AfD.
Derartige geschichtsrevisionistische oder auch holocaustverharmlosende Positionen dürfen wir in den Gedenkstätten nicht dulden, wenn wir unseren Auftrag, die Würde der Opfer zu schützen und ein kritisches Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft zu stärken, ernst nehmen. Gegenüber der Verharmlosung der NS-Verbrechen wie auch der Beschönigung des Nationalsozialismus darf es keine Neutralität geben.
Ingolf Seidel: In welcher Form wirken sich Vorkommnisse aus dem Bereich gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auf die Vermittlungsarbeit aus?
Jens-Christian Wagner: Seit einiger Zeit erleben wir bei manchen Jugendgruppen, vor allem aus ländlichen Gebieten Ostdeutschlands, manchmal aber auch aus dem Westen, eine massive, ganz offensichtlich rechtsextrem motivierte Abwehrhaltung gegenüber dem Besuch der Gedenkstätte. So geschieht es bisweilen, dass drei Viertel der Schulklasse dem Guide demonstrativ den Rücken zukehren, oder es wird während der Betreuung ständig getuschelt oder gelacht. Immer wieder werden auch sogenannte Signalfragen gestellt, die geschichtsrevisionistischen Mythen gelten, etwa wie folgt: „Nun haben wir so viel über Buchenwald gehört, und das ist auch ganz schrecklich. Aber wie war das denn mit den Rheinwiesenlagern oder den Terrorangriffen auf Dresden?“ Dabei geht es meistens nicht um wirkliche Fragen, in dem Sinne, dass jemand etwas wissen will. Vielmehr geht es um Dogwhistling: Es wird eine vermeintlich harmlose Frage gestellt, deren NS-verharmlosenden und geschichtsrevisionistischen Gehalt nur Eingeweihte aus der eigenen Szene kennen. Oder es geht darum, mit provokativen Bemerkungen die Betreuung der Gruppe zu stören.
Solche Störungen gehen in den meisten Fällen von autochthonen Deutschen aus und speisen sich aus klassischem rechtsextremem Rassismus und Antisemitismus. Auch israelfeindliche Bemerkungen hören wir immer wieder aus diesem Milieu. Seit dem 7. Oktober 2023 sind wir zudem manchmal auch mit holocaustrelativierenden Störungen aus dem propalästinensischen Lager konfrontiert. Bisweilen kommen antisemitische Bemerkungen von Menschen mit Migrationshintergrund oder auch von Muslimen, z.B. in der Form der Gleichsetzung der Shoah mit dem israelischen Vorgehen im Gaza-Streifen. Das geschieht aber relativ selten. Viel öfter hören wir das von jungen Deutschen, die sich selbst als links verstehen.
Ingolf Seidel: Seit Ende Januar läuft die von linksradikalen Gruppen getragene Kampagne Kufiyas in Buchenwald, die behauptet, vonseiten der Gedenkstätte Buchenwald würde das Betreten des Geländes mit einer Kufiya verboten. Was hat es mit diesem Vorwurf auf sich? Wie sieht der Umgang mit solchen Symbolen in Buchenwald aus?
Jens-Christian Wagner: Es ist nicht per se untersagt, die Gedenkstätte Buchenwald mit einer Kufiya zu betreten. Es kommt auf den Kontext an. Wenn die Kufiya gezielt getragen wird, um Antisemitismus zu verbreiten, etwa wenn man das Gedenken an die in Buchenwald getöteten Juden mit dem Gedenken an die Opfer des angeblichen oder tatsächlichen Genozids in Gaza überschreiben möchte, dann untersagen wir das Tragen einer Kufiya. So war es zum Beispiel im vergangenen Jahr bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Lagerbefreiung: Damals forderten wir eine Frau und mehrere ihrer Begleiter:innen auf, ihre Kufiyas abzulegen. Die Frau war uns nicht unbekannt. Sie hatte im August 2024 zusammen mit einem Hamas-nahen Aktivisten in der Gedenkstätte illegal ein Video aufgenommen, in dem sie die Shoah mit dem, wie sie sagte, Genozid in Palästina gleichsetzte. Die Frau ist nach eigenen Angaben Mitglied der linksautoritären Kleinstgruppe „Kommunistische Organisation“. Wie die ticken, kann man sich auf deren Homepage ansehen. Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 wird dort als Befreiung und Heldentat gefeiert, und im Januar dieses Jahres rechtfertigte die Gruppe die Massenmorde des iranischen Regimes als notwendige Liquidierung von „Terroristen“. Das sind menschenfeindliche Ziele, deren Propagierung wir in Buchenwald nicht dulden können. Deshalb erlaubten wir diesen Leuten nicht, mit Kufiya, die sie selbst als Protestsymbol gegen den „zionistischen Genozid“ bezeichnen, an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Die meisten Mitglieder der Gruppe nahmen ihre Kufiya daraufhin ab, nur die Frau weigerte sich und bekam daraufhin für den Tag ein Hausverbot. Damit wollte sie sich offenkundig nicht abfinden und zog vor das Verwaltungsgericht Weimar, das aber die Klage gegen die Gedenkstätte als unbegründet zurückwies. Nachdem die Frau auch vor dem Oberverwaltungsgericht gescheitert war, gründete sie Anfang dieses Jahres zusammen mit anderen Aktivist:innen die Gruppe „Kufiyas in Buchenwald“. Seither zieht die Gruppe mit wilden Vorwürfen gegen die Gedenkstätte zu Felde. Wir seien zionistische Genozid-Unterstützer, behaupten sie, und zudem verschwiegen wir die Geschichte des kommunistischen Widerstands im KZ Buchenwald – absurde Behauptungen, wenn an sich etwa vor Augen hält, dass der Widerstand in Buchenwald dieses Jahr unser inhaltliches Hauptthema ist und mit Lena Sarah Carlebach und Hape Kerkeling die Angehörigen zweier kommunistischer Häftlinge von Buchenwald Reden hielten.
Ingolf Seidel: Die Kampagne bezieht sich auf den Schwur der befreiten Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald, in dem selbstverpflichtend der Aufbau einer friedlichen Welt gefordert wird. Diese Botschaft wird nun in Zusammenhang gebracht mit einem angeblichen Völkermord, den Israel in Gaza an der palästinensischen Bevölkerung begehen soll, womit sich die Gedenkstätte auseinanderzusetzen habe. Abgesehen davon, ob der Vorwurf des Genozids überhaupt zutrifft, und jenseits des Umstandes, dass der Anlass des israelischen Krieges gegen die Hamas, das islamistische Massaker vom 7. Oktober 2023, seitens der Kampagne verschwiegen wird: Ist eine Gedenkstätte, in der an die Überlebenden, an die Verfolgten und Opfer der nationalsozialistischen Massenverbrechen erinnert wird, der richtige Ort für ein solches Anliegen?
Jens-Christian Wagner: Es ist völlig richtig und auch legitim, sich in einer Gedenkstätte für NS-Opfer auch mit anderen Regime- und Gesellschaftsverbrechen zu beschäftigen. Wir haben uns zum Beispiel öffentlich gegen den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine positioniert, vor allem, nachdem der ukrainische Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora 2022 bei einem russischen Angriff auf Charkiw getötet worden war. Wir haben uns aber ganz bewusst entschieden, in der Gedenkstätte keine ukrainische Fahne aufzuziehen, wie es viele Kulturinstitutionen und auch Rathäuser gemacht haben – nicht, weil wir mit den Menschen in der angegriffenen Ukraine nicht solidarisch wären, sondern weil wir vermeiden wollten, dass die NS-Verbrechen (und um die geht es in Buchenwald an erster Stelle) durch andere Themen überschrieben werden oder der Anschein entstehen könnte, dass wir die NS-Opfer für aktuelle politische Ziele, so gut gemeint die auch immer seien, vereinnahmen. Dasselbe gilt für den 7. Oktober 2023: Auch nach dem Hamas-Massaker haben wir keine israelische Fahne gehisst, um dieses antisemitische Massaker nicht mit den NS-Verbrechen gleichzusetzen. Und ja, ich kritisiere immer wieder die mindestens in Teilen rechtsextreme Regierung in Israel und ihre gewaltsame Siedlungspolitik. Aber es käme mir nie in den Sinn, die Politik dieser Regierung mit der Shoah gleichzusetzen. Das wäre in jeder Hinsicht historisch falsch und würde zudem die Shoah verharmlosen. Gleichwohl versuchen wir es produktiv zu nutzen, wenn Teilnehmer:innen von Bildungsveranstaltungen Fragen zu Gaza stellen. Man kann ja überzeugend historisch herausarbeiten, wo die Unterschiede liegen.
Ein weiteres Beispiel, um zu erläutern, was ich meine, ist die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald. Dort starben zwischen 1945 und 1950 über 7000 Deutsche, vorwiegend kleine NS-Funktionäre, teils aber auch Schwerstbelastete und auch vollkommen Unschuldige. Die Geschichte des Speziallagers spielt in unserer Bildungsarbeit eine wichtige Rolle. Niemals aber kämen wir aber auf die Idee, die Toten des Speziallagers am Befreiungstag des Konzentrationslagers zusammen mit den KZ-Opfern zu ehren. Zu Recht würde man uns eine Verharmlosung der NS-Verbrechen und eine Verhöhnung der KZ-Oper vorwerfen.
Gedenkstättenarbeit ist keine Agitprop-Veranstaltung. Wir machen historisch-politische Bildung; das ist etwas ganz anderes. An erster Stelle geht es in unserer Bildungsarbeit um die vor Ort begangenen deutschen Verbrechen, und das wissenschaftlich basiert und quellengestützt. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie die NS-Gesellschaft als eine radikal rassistische und antisemitisch formierte Gesellschaft funktioniert hat, was Täter:innen und Mittäter:innen antrieb. Dann kommt man schnell zu Verheißungen der Ungleichheit, Ideologien der Ungleichwertigkeit und Kriminalisierungsdiskursen gegenüber angeblich Fremden oder Unproduktiven. Und dann kann die Frage gestellt werden, welche Rolle diese Narrative und Ideologien – jenseits falscher historischer Analogien – heute spielen. Das erfolgt aber erst im zweiten Schritt. Und die Schlussfolgerungen für ihr eigenes Leben müssen die Teilnehmer:innen selbst ziehen. Wir wollen nicht indoktrinieren – ganz im Gegensatz zu den vielen Gruppen, die Buchenwald zur Bühne ihrer aktuellen politischen Propaganda machen wollen – ein Missbrauch des historischen Orts und seiner Opfer.



