Ein großer psychoanalytischer Verlag wird 30

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… und eine Erinnerung an Ernst Federns Kampf gegen Stalinisten

Von Roland Kaufhold

30 Jahre ist er schon alt – man möchte es nicht glauben: Der Gießener Psychosozial-Verlag. Heute ist er der größte und inhaltlich profilierteste psychoanalytische Verlag der Bundesrepublik. Wer die Werke psychoanalytischer Klassiker lesen, sich über aktuelle Forschungen zur Theorie und Behandlungstechnik, aber auch zur psychoanalytischen Kulturtheorie informieren möchte, der kommt am Psychosozial-Verlag schlicht nicht vorbei. 

Zur Vorgeschichte: In den aufbegehrenden 1970er und 1980er Jahren wurden die Schriften vertriebener, jüdischer Psychoanalytiker – Sigmund Freud, Wilhelm Reich, Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel – erstmals wieder „neu“ entdeckt: Anfangs in Form von Raubdrucken, dann in Neudrucken seit Jahrzehnten vergriffener Werke. Diese waren teils in Deutschland und Österreich, teils aber auch im Exil entstanden – wie etwa ein großer Teil der Schriften Wilhelm Reichs – , wohin alle jüdischen Psychoanalytiker geflohen waren, sofern sie zu überleben vermochten (Kaufhold & Hristeva 2021, Hristeva & Kaufhold 2023). Das Hauptemigrationsland waren die USA. Seinerzeit hatten solche Werke psychoanalytischer Klassiker relativ hohe Auflagen. Insbesondere die Universitätsstadt Gießen mit dem inspirierenden psychoanalytischen Publizisten und Praktiker Horst-Eberhard Richter (1923-2011)(vgl. Kaufhold sowie H.J. Wirth) wurde bald zum Hauptmotor der psychoanalytischen Sozialpsychologie und der Psychiatriereform. Insbesondere die seinerzeit u.a. von H-E. Richter herausgegebene Zeitschrift psychosozial erwarb sich rasch einen Ruf als kompetentes, auch politisch und gesellschaftstheoretisch ambitioniertes Magazin. Ende der 1980er Jahre  veränderte sich der Zeitgeist. Die Zeitschrift psychosozial verlor etwas an Auflage, war für große Verlage nicht mehr attraktiv. 

Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik

1993, ich hatte mein Studium hinter mit und arbeitete als Sonderschullehrer, stellte ich ein Themenheft der Zeitschrift psychosozial zusammen. Dieses war vier großen Pionieren der emigrierten jüdischen Psychoanalyse und psychoanalytischen Pädagogik – Bruno Bettelheim, Rudolf Ekstein, Ernst Federn und Siegfried Bernfeld – gewidmet. Das Themenheft zu Pionieren der Psychoanalytischen Pädagogik erschien als Heft 1/1993 von psychosozial – und damit war es das erste Werk des vom Psychoanalytiker Prof. Dr. Hans-Jürgen Wirth soeben neugegründeten Gießener Psychosozial-Verlages.

In den nachfolgenden drei Jahrzehnten wuchs der Gießener  Psychosozial-Verlag kontinuierlich an, mit inzwischen 19 Mitarbeiter*innen. Jährlich erscheinen etwa 80 neue Bücher und 15 Fachzeitschriften, die in jährlich 45 Ausgaben erscheinen. Erschienen sind in den letzten 30 Jahren etwa 2020 Bücher, von denen 1852 lieferbar sind. In der Coronakrise hatte es der Verlag, wie alle Fachverlage, sehr schwer. Der Überlebenskampf für ein solches herausforderndes wissenschaftliches, theoretisch und klinisch anspruchsvolles Projekt bleibt hart. Die Zeiten sind nicht gut für Fachverlage mit solchen anspruchsvollen Werken. 

Eine persönliche und eine historische Erinnerung: Ernst Federns Überlebenskampf in Buchenwald – und sein Kampf gegen die Stalinisten 

Das erwähnte Themenheft über Ernst Federn und Rudolf Ekstein – mit denen ich befreundet war – sowie Bettelheim und Bernfeld sollte eine überraschende „Karriere“ machen. Da die Geschichte noch nie erzählt worden ist sei sie anlässlich des 30. Geburtstages des Psychosozial-Verlages erstmals nacherzählt. Sie ist, so scheint es mir, auch erinnerungs- und tagespolitisch – etwa für ein Verständnis der Erfolge der AfD insbesondere in Ostdeutschland – von Bedeutsamkeit:

Der Psychoanalytiker Ernst Federn (Kaufhold 2010, Kaufhold 2014, Kaufhold & Hristeva 2014, Kuschey 2003) war in mehrfacher Hinsicht eine absolute Ausnahmeerscheinung: Als Sohn des Wiener Freud-Stellvertreters Paul Federn und als außergewöhnlich mutiger junger österreichischer Widerständler zahlte der 1914 Geborene einen sehr hohen Preis für seinen antifaschistischen Mut: Als prominenter Jude und Widerständler musste er sieben Jahre furchtbarster rassistischer Verfolgung in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald durchleben. Gemeinsam mit seinem Freund und Mithäftling Bruno Bettelheim (Kaufhold 1993, 2001, 2008, 2014) entwickelte Ernst Federn in Buchenwald gedanklich, in gemeinsamen Gesprächen mit Bettelheim (vgl. Federn 2014, Kaufhold 2014) eine Psychologie des nationalsozialistischen Terrors. Diese schrieb er bereits im Juni 1946, wenige Monate nach seiner Befreiung aus Buchenwald durch die amerikanischen Truppen, nieder. Es war eine der ersten und bis heute bedeutsamsten Studien zur Psychoanalyse des Terrors. Sie erschien, gemeinsam mit weiteren Studien Federns, erst 1998 in Buchform; 2014 erschien die dritte Auflage (Kaufhold 2014, vgl. Kuschey 2003, Kaufhold & Hristeva 2014).

Als überzeugter Antifaschist und linker Gegner Stalins war Ernst Federn in Buchenwald mehrere Jahre lang sehr konkret und existentiell nicht nur durch die Nationalsozialisten sondern auch durch die kommunistische „Häftlingsselbstverwaltung“ Buchenwalds bedroht. Diese kommunistischen, stalintreuen Gefangenen von Buchenwald – vor allem der spätere westdeutsche KPD- und dann DKP-Funktionär Emil Carlebach – verfolgte und tötete in einigen Fällen „abweichende“, als „trotzkistisch“ bezeichnete Mithäftlinge in Buchenwald, u.a. durch Giftspritzen (s.u.). Ernst Federn hat diese politische Verfolgung durch die führenden stalinistischen Funktionäre Jahrzehnte später – zuvor interessierte dies niemanden (!) – , in verschiedenen Texten und Interviews dokumentiert. Da es hierzu nur spärliche Literatur gibt sei diese hier vollständig genannt: Kaufhold 1993, 1995, 2014; Kuschey 2003, Kaufhold & Hristeva 2014, Nitzschke 2010, Peglau & Federn 1994, Plänkers & Federn 1994, Rösing 1995 sowie taz 1991, 1994 und 1995.

Bereits unmittelbar nach seiner Befreiung, am 20.4.1945, hatte Ernst Federn gemeinsam mit zwei befreundeten Mithäftlingen die „Erklärung der internationalistischen Kommunisten Buchenwalds“ verfasst. Diese war, so beschrieb es Federn in einem Interview (Kaufhold 1995)an eine revolutionäre Arbeiterschaft gerichtet, mit dem Ziel, eine Revolution zu machen und dadurch einen 3. Weltkrieg zu verhindern. Der Aufruf wurde von ganz wenigen Leuten gelesen, aber im November 1978 erschien eine französische Übersetzung in Paris in „Critique Cummuniste“ mit einem Artikel über die Trotzkisten in Buchenwald. (…) Politische Bedeutung hatte der Aufruf keine.“ [i]

Ernst Federn be­schreibt auch die Gewalt, die innerhalb von Buchen­wald unter den Gefangenen selbst herrschte. Er war als Trotzkist – als solcher verstand er sich als junger Mann und Widerständler in Wien anfangs – bzw. als entschiedener Stalin-Gegner der Gefahr der Lagerjustiz  mehrfach konkret ausgesetzt, weil die mehrheitlich stalini­stische „Häftlingsselbstver­waltung“ „abwei­chende“ Meinungen nicht zu dulden gewillt war: „Als Begründer der ös­terreichischen Sektion der 4. Internationale war ich im Lager von den Stalinisten her isoliert: Mit einem Trotzkisten war es verboten zu reden.“ (Plänkers & Federn 1994, S. 158) Diese Gewalt ging bis hin zu konkre­ten Tötungsversu­chen und – in einzelnen Fällen – Tötungen, wie Federn in eindrücklicher Weise auch in Rösings (1995) Dokumentarfilm erinnerte:

„Die kommunistische Lager­leitung sorgte in Buchen­wald sehr bald dafür, dass die allgemeine Volksfrontpolitik durchge­führt wurde. Die Trotzki­sten wurden dabei alle ausgerottet, ich bin der einzige von den Deut­schen, der überlebt hat. Alle anderen Oppositionellen wurden ver­schickt in andere Lager, wo sie umgekommen sind. Nicht einer über­leb­te. Nur bei den französi­schen Häftlingen konnten sie das nicht durch­führen, da die französi­sche Führung des Widerstands sich dagegen aus­sprach.“ (Plänkers & Federn 1994, S. 163).

Ernst Federns Zeitzeugenaussage vor dem Gericht

Der österreichische Historiker Hans Schafranek (1990) hatte diese politische Verfolgung von Stalingegnern in Buchenwald durch Carlebach und Kollegen in seinem Buch „Zwischen NKWD und Gestapo“ dokumentiert und hierin auch weitere schwerwiegende Beschuldigungen ehemaliger Buchenwaldhäftlinge gegen Carlebach öffentlich gemacht. Die taz (1994) sowie die Frankfurter Rundschau (1994) berichteten ausführlich über den Gerichtsprozess und hierbei auch über Ernst Federns Zeugenaussage über diese Verfolgungsmaßnahmen. Der stalinistische Kommunist Emil Carlebach und zeitweilige hessische KPD-Landtagsabgeordnete, so muss heute vielleicht erinnert werden, genoss in linksdoktrinären Kreisen in der Bundesrepublik sowie selbstredend in der DDR – die er politisch zwar idealisierte und unterstützte, in der er es jedoch vorzog, nicht zu leben – als ehemaliger Häftling und Vorsitzender der sog. „Häftlingsselbstverwaltung“ von Buchenwald ein hohes Ansehen. Nach der Befreiung durch die Amerikanern gehörte Carlebach zu den Prominenten Kommunisten, die das – was Ernst Federn mehrfach beschrieben hat – Märchen von der „Selbstbefreiung“ Buchenwalds durch kommunistische Gefangene verbreitet hatten (vgl. u.a. DLF 2016 in einer sorgfältigen Dokumentation auch über den Terror der privilegierten „Häftlingsselbstverwaltung“ gegenüber Mithäftlingen mit „abweichenden“ Standpunkten.)

In der offiziellen DDR-Geschichtsschreibung war dies gewissermaßen Teil der Staatsräson als „antifaschistischer“ Staat. Carlebach ging als überzeugter – stalintreuer – Kommunist nicht in die DDR sondern lebte in Westdeutschland. 1956, nach dem KPD-Verbot, ging er dann doch, wegen seiner nun illegalisierten Tätigkeit für die verbotene KPD, in die DDR, kehrte jedoch 1969 in die Bundesrepublik zurück. Carlebach hatte zu den Mitbegründern der Frankfurter Rundschau gehört, musste jedoch 1947 aus dieser ausscheiden. In den 1990er Jahren war Carlebach, der in der DKP sowie in der VVN Heldenstatus genoss, Sprecher der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora.

Ergänzend sei auf die Wikipedia-Darstellung zu Carlebach verwiesen, in der Carlebachs stalinistisches Wirken in den 1950er Jahren und sein Kampf gegen politische Gegner in dieser Weise beschrieben wird:

„Von 1950 bis 1952 kam es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung Carlebachs mit Margarete Buber-Neumann. Carlebach bestritt die Verantwortung Stalins für die Verfolgung deutscher Kommunisten in der Sowjetunion; bei dieser Position blieb er lebenslang. Buber-Neumann hatte Carlebach wegen Beleidigung und übler Nachrede verklagt, weil dieser sie als Trotzkistin und amerikanische Agentin bezeichnet hatte. Im Zusammenhang mit diesem Rechtsstreit wurde auch Kritik an Carlebachs Verhalten gegenüber nicht „linientreuen“ kommunistischen Buchenwald-Häftlingen geübt; dabei wurde ihm von dem Lagergenossen Benedikt Kautsky unmittelbare Mitverantwortung für den Tod mindestens zweier polnischer Häftlinge angelastet.“ 

„Historiker darf KZ-Häftling `skrupellosen Apparatschik´ nennen“ (FR 1994)

Zurück zu Ernst Federns Zeitzeugenaussage im Juli 1994 vor dem Gericht (vgl. taz 1994): Mit dem Gerichtsurteil, nach einem knapp vierjährigen Gerichtsprozess gegen Schafraneks Buch, musste Carlebach mit der Behauptung leben, dass er „als Blockältester im KZ Buchenwald einen ihm politisch missliebigen Mithäftling mit der Einweisung in den berüchtigten Block 46 (Flecktyphus-Versuchsanstalt) beseitigen lassen wollte.“

Weiterhin erinnerte die taz (1994) an ein vom Historiker Schafranek in seinem Buch zitiertes Schreiben Benedikt Kautskys an Margarethe Buber-Neumann, Witwe des 1937 in der UdSSR ermordeten KPD-Spitzenfunktionärs Heinz Neumann, aus dem Jahre 1951, in dem es hieß:

„Ich glaube gern, daß Carlebach direkt sieben Menschenleben auf dem Gewissen hat, ich selbst weiß von zwei.“ Ernst Federn wiederholte im Juli 1994 vor dem Frankfurter Gericht seine Zeugenaussage u.a. zu den Giftmorden aus der Mitte der kommunistischen „Häftlingsselbstverwaltung“.

Ernst Federns Zeitzeugenaussage vor dem Oberlandesgericht Frankfurt führte zu einer Revision des früheren Urteils, nun zugunsten des Historikers Schafranek. Die Frankfurter Rundschau fasste das Urteil unter der Überschrift: „Historiker darf KZ-Häftling `skrupellosen Apparatschik´ nennen“, so zusammen: „… Schafraneks Prozessgegner, der ehemalige Buchenwald-Häftling Emil Carlebach, muss sich nun doch den Vorwurf gefallen lassen, er sei `ein skrupelloser Apparatschik´ gewesen, der versucht habe, `einen ihm missliebigen österreichischen politischen Häftling auf Block 46 (Fleckentyphus-Versuchsanstalt) zu bringen´. (…) Ausschlaggebend hierfür war die Aussage des in Frankfurt als Zeuge vernommenen Wiener Professors Ernst Federn. Als sogenannter `Austro-Marxist´ selber in Buchenwald interniert, konnte er Carlebachs Auftreten genau beschreiben“.

Die Historiker und Sozialwissenschaftler Iring Fetscher, Helmut Dahmer und Hermann Weber bezeichneten Carlebachs Versuch, die Veröffentlichung von historischen Dokumenten zu verhindern, als „dreist“: „Emil Carlebach und seine Gesinnungsfreunde müssen – nach 50 Jahren – akzeptieren, daß sie, selbst Gegner und Opfer des SS-Staates, Komplizen des mörderischen Stalin-Regimes gewesen sind.“ („Frankfurter Rundschau“, 6.7.94, S. 1, s. auch „die tageszeitung“, 22.7.94). 

Ernst Federn hat diese Aussage inzwischen vor dem Oberlandesgericht Frankfurt wiederholt; sie führte zu einer Revision des früheren Urteils zugunsten von Schafranek. Die „Frankfurter Rundschau“ fasste das Urteil unter der Überschrift: „Historiker darf KZ-Häftling `skrupellosen Apparatschik´ nennen“ zusammen. In Medienberichten (taz 1991, 1994, FR 1994) wurde resümiert, Schafraneks Prozessgegner Emil Carlebach müsse sich nun doch den Vorwurf gefallen lassen, er sei „ein skrupelloser Apparatschik“ gewesen, der versucht habe, „einen ihm missliebigen österreichischen politischen Häftling auf Block 46 (Fleckentyphus-Versuchsanstalt) zu bringen“. Ausschlaggebend hierfür sei die Aussage des in Frankfurt als Zeuge vernommenen Wiener Professors Ernst Federn gewesen. Als sogenannter „Austro-Marxist“ selber in Buchenwald interniert habe er Carlebachs Auftreten genau beschreiben können.

Weiterhin fügte die taz (1994) hinzu:

„Daß der Blockälteste und Stalinist Emil Carlebach in Buchenwald „gegen Parteifeinde unter den jüdischen Häftlingen“ kämpfte, schrieb er selbst in seinem „Tätigkeitsbericht“ an den Parteivorstand der KPD im Jahre 1953. Darin räumte Carlebach auch ein, versucht zu haben, einen vermeintlichen Trotzkisten aus dem Lager zu „entfernen“ (Block 46) – ein „offensichtlich zu sektiererisches Urteil“ (Carlebach).“

Die taz (Klingelschmitt 1991) hatte bereits drei Jahre zuvor über den knapp vier Jahre dauernden Gerichtsprozess berichtet und hierin auch aus einem – von Schafranek in seinem Buch publizierten – Brief von Benedikt Kautsky an Margarethe Buber-Neumann aus dem Jahr 1951 zitiert, in dem Carlebach gleichfalls für den Tod mehrerer Mithäftlinge verantwortlich gemacht wurde.

In einer eidesstattlichen Versicherung erklärte Kautsky 1951, daß Carlebach im KZ Buchenwald die „vorsätzliche Tötung von zwei polnischen Juden veranlasst“ habe. Der von der Sowjetunion an Nazideutschland ausgelieferte Kommunist Kautsky und der Kommunist Carlebach waren beide Häftlinge in Buchenwald“ (Klingelschmidt in der taz.)

Der Spiegel hatte bereits 1951 über vergleichbare Vorwürfe gegen den seinerzeit 36-jährigen Carlebach berichtet – bzw. über Versuche des stalintreuen Carlebach, Margarete Buber als eine „amerikanische Agentin“ zu diffamieren. Carlebach hatte seinerzeit in der Presseabteilung des Parteivorstandes der KPD in Düsseldorf gearbeitete. 

In der Fachliteratur, die erst nach dem Ende der DDR entstehen konnte, etwa  L. Niethammers (Hg., 1995) Studie Der „gesäuberte“ Antifaschismus: Die SED und die roten Kapos von Buchenwald. Dokumente, sind diese historischen Prozesse mit vergleichbarem Tenor aufgearbeitet worden. Ernst Federns verstreute Darstellungen und Erinnerungen an Buchenwald (vgl. Kaufhold 2001, 2014, Kaufhold & Hristeva 2014, Kuschey 2003) sind hierin eingeflossen.

Das psychosozial-Heft Nr. 53 auf dem Richtertisch

Kommen wir zu besagtem Gerichtsprozess im Jahr 1994 zurück, in dem Ernst Federn als Zeitzeuge auftrat. Ich war berufstätig und nahm nicht daran teil, verfolgte die Ereignisse – über die besagte Tageszeitungen berichteten – jedoch mit Interesse. Der Richter hatte, so erzählte mir Hilde Federn einige Monate später, das kurz zuvor erschienene psychosozial-Heft Nr. 53 auf seinem Richtertisch liegen. Der Richter nahm es irgendwann in die Hand, um Ernst Federns Seriosität und dessen Glaubwürdigkeit als Zeitzeuge zu den „Ereignissen“ im Konzentrationslager Buchenwald zu unterstreichen.

Besagtes psychosozial-Themenheft enthielt u.a. mehrere Studien von und über Ernst Federn, darunter auch eine umfangreiche autobiografische Studie über Ernst Federn. In dieser wurden auch seine traumatischen Erfahrungen über seine Gefangenschaft in Dachau und Buchenwald dargestellt. Kurz danach erfolgte dann besagter Richterspruch zu dem Prozess von Carlebach gegen das Buch des Historikers Schafranek. Ernst Federns Zeugenaussage fand hierbei eine besondere Berücksichtigung.

So hat das erste Werk des vor 30 Jahren neu gegründeten Psychosozial-Verlages sogar die Geschichtsschreibung – gegen den Versuch von Stalinisten, diese zu unterdrücken – mit geprägt!

Ein Nachtrag: „So viele Helden kann es gar nicht geben“ (taz, 1995)

Neben der erwähnten Fachliteratur (Kaufhold 1993, 1995, 2014; Kuschey 2003, Kaufhold & Hristeva 2014, Nitzschke 2010, Peglau & Federn 1994, Plänkers & Federn 1994, Rösing 1995) sei abschließend aus einem weiteren Interview der taz (1995) mit Ernst Federn zitiert. Ernst Federns psychoanalytisch geprägten Erinnerungen an Buchenwald stehen hierbei im scharfen Kontrast zu den ideologischen Instrumentalisierungen Buchenwalds durch die „roten Kapos“. Diese wiederum haben die spätere „antifaschistische“ Geschichtsschreibungen der DDR geprägt. Ernst Federns nüchterne Erinnerungen sind hilfreich, so scheint mir, um die heutigen, erschütternden Erfolge der sehr rechten AfD insbesondere in Ostdeutschland zu verstehen:

taz:  Herr Federn, in der DDR wurde die Rolle der Kommunisten im Konzentrationslager Buchenwald heroisiert. Wer in der DDR mit einem verklärten Bild vom Antifaschismus aufwuchs, muß nun seine Vorstellung vom unbefleckten kommunistischen Widerstand revidieren. Kann das funktionieren?

Ernst Federn: Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Die DDR-Nomenklatura hat aus den Widerständlern Helden gemacht und dieses Bild bis zur Wende aufrechterhalten. Übrigens auch die angebliche Selbstbefreiung von Buchenwald. Aber das sind Märchen, die man nur in einer Diktatur streuen kann. Einer demokratischen Gesellschaft kann man das nicht erzählen. Die ganze DDR war doch ein Märchen, wie überhaupt der Kommunismus:

Wie wirkt die Demontage des antifaschistischen Mythos auf die Seele eines DDR-Bürgers?

Das ist ein Schock. Aber es ist natürlich nicht das erste Trauma für die Ostdeutschen. Es hat ja zuvor auch schon Traumata gegeben: den Niedergang der DDR und des Kommunismus. Die Leute wissen doch, daß es so viele Helden gar nicht geben kann – wenn es überhaupt einen einzigen gibt. Das ist ein großes Problem für die Deutschen. Man muß aber die historische Wahrheit akzeptieren, man muß sehen, daß die Welt anders ausschaut, als man geglaubt hat. Die Kommunisten haben sich in Buchenwald benommen wie Kommunisten sich überall auf der Welt benehmen. Sie sind der Meinung, ihre Partei ist alles, und daraus wird eine wunderbare Welt. Aber Kommunisten sind keine Demokraten. Meine Kritik ist, daß man hinterher Heldengeschichten daraus gemacht hat.

Was die Morde an Trotzkisten angeht, so ist mir ein Fall bekannt, in dem rote Kapos einen jüdischen Trotzkisten, den ehemaligen Reichstagsabgeordneten der KPD, Werner Scholem – (vgl. Kaufhold 2021) – , bei der SS denunziert haben. Scholem wurde dann von der SS umgebracht.

Der Historiker Lutz Niethammer hat in einer Dokumentation die zwiespältige Rolle der roten Kapos dokumentiert, die auch Trotzkisten umgebracht haben sollen. Er schreibt, die roten Kapos hätten als eine Art Dämpfer fungiert zwischen KZ-Häftlingen und der SS, hätten unter anderem verhindert, daß Häftlinge auf Todesmärsche geschickt wurden.

Die roten Kapos haben das Wegschicken nicht verhindert, sie haben dabei mitgearbeitet. Sie haben natürlich ihre eigenen Leute, wenn sie konnten, zu retten versucht. (…) Sie haben natürlich die guten Positionen mit ihren Leuten besetzt: erst die Kommunisten, dann noch mal die Kommunisten und dann die, die ihnen freundlich gesinnt waren. Das war die stalinistische Einstellung zur Macht und ihrer Ausnutzung.

Niethammer schreibt, die SS und die Häftlingsselbstverwaltung hätten keine „Kameraderie“ betrieben. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Man hat versucht, sich mit der SS zu verständigen, es gab eine ständige Zusammenarbeit. Phasenweise eine sehr gute sogar. Und das hat natürlich auch sehr viel geholfen. Aber diese Zwiespältigkeit ist eigentlich für den heute Lebenden unverständlich.“

Literatur

Federn, E. (1994): Bruno Bettelheim und das Überleben im Konzentrationslager. In: Kaufhold (Hg.) (1994): S. 125–127, sowie in Kaufhold (Hg.) (2014): S. 105–108. 

Federn, E. (1998): Der Terror als System: Das Konzentrationslager (Juli 1945). In: Kaufhold (Hg.) (1998), S. 179–218.

Federn, E. (1999): Ein Leben mit der Psychoanalyse. Von Wien über Buchenwald und die USA zurück nach Wien. Gießen (Psychosozial-Verlag).

Hristeva, G. & R. Kaufhold (2023): „Ich bin sicher, Großvater hätte das gebilligt.“ Freuds Enkel Anton Walter (3.4.1921- 8.2.2004) als „Nazijäger“, in: Psychoanalyse im Widerspruch Nr. 69, Heft 1/2023, S. 75-93

Kaufhold, R. (Hg., 1993): Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik: Bruno Bettelheim, Rudolf Ekstein, Ernst Federn und Siegfried Bernfeld, psychosozial, 16. Jg., Nr. 53, Heft 1/1993: https://www.psychosozial-verlag.de/623

Kaufhold, R. (Hg., 1994): Annäherung an Bruno Bettelheim. Mainz (Grünewald) (Restexemplare beim Autor für 12 Euro erhältlich).

Kaufhold, R. (1995): „Meine Jugend aber verbrachte ich sehr beschützt in einer von Bürgerkriegen geschüttelten Zeit“. Ein Gespräch mit Ernst Federn (26. August 1914 – 24. Juni 2007), Behindertenpädagogik, 34. Jg., Heft 2/1995, S. 157-170. Wiederveröffentlicht auf haGalil, 25.8.2010:  https://www.hagalil.com/2010/08/federn/

Kaufhold, R. (2008): Documents Pertinent to the History of Psychoanalysis and Psychoanalytic Pedagogy: The Correspondence Between Bruno Bettelheim and Ernst Federn. In: The Psychoanalytic Review , (New York), Vol. 95, No. 6/2008, S. 887-928.

Kaufhold, R. (2010); Zum 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 1945: haGalil Themenschwerpunkt Ernst Federn, haGalil, 2010: https://www.hagalil.com/archiv/20-10/04/

Kaufhold, R. (2014): Zum 100. Geburtstag von Ernst Federn, einem Pionier einer Psychologie des Terrors: https://www.psychosozial-verlag.de/cms/nachrichtenleser/items/zum-100-geburtstag-von-ernst-federn.html

Kaufhold, R. (2021): „Das Deutsche Überhaupt abgeworfen…“ Eine faszinierende Familiengeschichte der Scholems, haGalil, 15.8.2021: https://www.hagalil.com/2021/08/scholem/

Kaufhold, R. & G. Hristeva (Hg., 2014): „Gewalttätigkeit verstehen“. Zum 100. Geburtstag des Psychoanalytikers und psychoanalytischen Sozialarbeiters Ernst Federn, in: Psychoanalyse. Texte zur Sozialforschung. Jg. 18, (H. 2), 2014.

Kaufhold, R. & G. Hristeva (2021): „Das Leben ist aus. Abrechnung halten!“ Eine Erinnerung an vertriebene Psychoanalytiker unter besonderer Berücksichtigung von Wilhelm Reichs epochemachenden Faschismus-Analysen. In. Psychoanalyse im Widerspruch, H. 66/2021, 33, (2) (Gießen: Psychosozial Verlag), S. 7 – 66. https://www.psychosozial-verlag.de/8357

Klingelschmitt, K-P. (1991): Mordvorwürfe gegen Carlebach, taz, 14.6.1991 https://taz.de/Mordvorwuerfe-gegen-Carlebach/!1715461/

Kuschey, B. (2003): Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstruktur des Konzentrationslagers. Bd. I und II. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Niethammer, L. (Hg., 1995): Der „gesäuberte“ Antifaschismus: Die SED und die roten Kapos von Buchenwald. Dokumente, De Gruyter.

Nitzschke, B. (2010): „Um Buchenwald sieben Jahre zu überstehen, musste man vor allem Glück haben“, Gegenwart (Nr. 26, 1995, S. 5f.), Innsbruck; Nachdruck: haGalil 4/2020: https://www.hagalil.com/2010/04/federn-nitzschke/

Peglau, A. (1995): „Nackt unter Wölfen“ oder „Wolf unter Wölfen“?. Gespräch mit Ernst Federn (1994), in: Ich – die Psychozeitung 1/1995; Nachdruck: haGalil 4/2010:  https://www.hagalil.com/2010/04/peglau-federn/

Plänkers, T. & E. Federn (1994): Vertreibung und Rückkehr. Interviews zur Geschichte Ernst Federns und der Psychoanalyse, Tübingen: Edition diskord; s. auch die Buchbesprechung von Kaufhold (1997) in Psyche 1/1997 (51. Jg.), S. 80-83, wiederveröffentlicht auf haGalil April 2010: https://www.hagalil.com/2010/04/federn-buecher/

Rösing, W. (1995): Überleben im Terror. Ernst Federns Geschichte, Dokumentarfilm (Wilhelm Rösing Film): https://www.roesingfilm.de/filme/ueberleben-im-terror/

Schafranek, H. (1990): Zwischen NKWD und Gestapo, Frankfurt/M.: isp-Verlag.

taz (1994): Das Portrait: Emil Carlebach: Opfer und Täter, taz, 22.7.1994: https://taz.de/Emil-Carlebach/!1551951/

taz (1995): „So viele Helden kann es gar nicht geben“. Interview mit dem Psychoanalytiker und Buchenwald-Überlebenden Ernst Federn über die Rolle der roten Kapos im Konzentrationslager und den Mythos vom unbefleckten Widerstand, taz, 10.5.1995: https://taz.de/!1513052/

 

[i] Dieser Aufruf wurde publiziert in „Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär“, Frankfurt/M. 1980 (ISP-Verlag), S. 149-151.. Der besagte Artikel über die Trotzkisten in Buchenwald ist auf Deutsch erschienen in: Rodolphe Prager: Die Trotzkisten in Buchenwald, Inprekorr Nr. 284 (Mai 1995). Internet: https://inprekorr.de/284-buchenwald.htm