„Das Deutsche Überhaupt abgeworfen…“

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Eine faszinierende Familiengeschichte der Scholems

Von Roland Kaufhold

Die Brüder Reinhold, Erich, Werner und Gerhard (später: Gershom) Scholem, alle zwischen 1891 und 1897 in Berlin geboren, vertraten bereits in jungen Jahren höchst unterschiedliche politische Positionen, die als repräsentativ für die verschiedenen Richtungen des deutschen Judentums gelesen werden können.

Jay H. Geller rekonstruiert in eindrücklicher Weise die Familienbiographie, beginnend mit dem in Berlin geborenen Siegfried Scholem (1837-1901), Gründer und Inhaber einer Druckerei und dessen Ehefrau Amalia. Deren ältester Sohn Arthur (1863-1925) und dessen Ehefrau Betty (1866-1946) sind gleichfalls Inhaber einer Druckerei. Sie bekommen vier Kinder, die Protagonisten dieser eindrücklich erzählten deutsch-jüdischen Familiengeschichte.

Der 1891 geborene Reinhold, später Mitinhaber der väterlichen Druckerei Arthur Scholem, ist nationalliberal und ein deutscher Patriot. Er verstirbt 1985 in Australien. Erich Scholem, gleichfalls Mitinhaber der Druckerei, versteht sich politisch als Liberaldemokrat. 1938 emigrieren die beiden Brüder gemeinsam mit Mutter Betty nach Australien, versuchen von dort aus, weitere Familienmitglieder zu retten. Erich verstirbt 1965.

Werner, 1895 geboren, bezieht sich phasenweise auf seine jüdische Identität, wird dann ein bekannter linksradikaler Politiker, anfangs ist er bei der SPD. Er tritt nach politischen Differenzen zur USPD über, geht dann zur KPD, aus welcher er nach innerparteilichen Kämpfen 1926 ausgeschlossen wurde. Als Jude und prominenter linker Oppositioneller wird er mehrere Jahre lang inhaftiert und 1940 im KZ Buchenwald ermordet.

Gerhard – der spätere Gershom – Scholem, 1897 in Berlin geboren, ist der jüngste der Brüder. In Fachkreisen hat der Religionsgelehrte, der über 500 Werke publiziert hat, bis heute weltweit einen Ruf. Gershom rebelliert wie sein Bruder Werner gegen den autoritären Vater, schlägt jedoch einen sehr anderen Weg als dieser ein. Er orientierte sich bereits als Jugendlicher zionistisch, tritt der Jugendgruppe Jung Juda bei, verweigert jedoch eine orthodoxe Lebenspraxis.

Zu seinem 15. Geburtstag notiert er bereits Familienbiografisches: „Ich stamme von Glogauer Juden ab.“ (S. 21) Und 60 Jahre später: „Ich stamme aus einer Berliner Judenfamilie, die bis zum zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts in Glogau in Niederschlesien (´Großglogauer´) saß.“ (ebd.)

Während die Familie von Arthurs Bruder Theobald (1873 – 1943) – der Druckereibesitzer sollte als Zionist nach Palästina emigrieren – das Weihnachtsfest ganz ablehnt und „nur“ Chanukka“ feiert – wird bei den Scholems auch Weihnachten gefeiert. So legt Betty ihrem früh überzeugt zionistisch orientierten Sohn Gershom, die Widersprüche negierend und weiterhin auf ein „deutsch-jüdisches“ Zusammenleben vertrauend, 1911 ein Portrait Theodor Herzls unter den Tannenbaum. Dennoch hält sein Vater Arthur „ein- oder zweimal im Jahr am Mittagstisch eine Rede zum Lob der Mission des Judentums“, wie Geller hervorhebt (S. 46f.). Die Gershom-Brüder sind familiär bildungs- und kulturoffen, verbringen prägende Jahre im Ausland – in England, Frankreich und Italien -, besuchen alle ein Gymnasium. Während Werners Rebellion gegen den autokratischen Vater sich in seiner radikal linken Orientierung zeigt äußert sich Gershoms Rebellion in seiner „Hinwendung zum jüdischen Familienerbe.“ (S. 70)

Gershom Scholem, der Intellektuelle und Zionist

Gershom besucht regelmäßig die Bibliothek der jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße, nimmt mit zwölf Jahren heimlich Hebräischunterricht, um die heilige Sprache sprechen zu können. Er schließt sich, obwohl von Natur aus unsportlich, dem jüdischen Verein Jung Juda an, liest emsig und diskutiert in Cafés über die zionistische Bewegung. Der Zionismus wird zu seiner zentralen geistigen und sozialen Orientierung – wobei er sich dennoch durchgängig um Abweichungen und Ablehnungen von zionistischen Persönlichkeiten bemüht: Auch seine Beziehung zu Buber und Herzl bleiben ambivalent-abgrenzend. Schon in jungen Jahren wird Gershom ein Wortführer des Kulturzionismus; die Stärkung des jüdischen Selbstbewusstseins wird für ihn zu einer zentralen politischen Agenda. Eine Gründung eines jüdischen Staates hält er hingegen „zunächst nicht für vorrangig.“ (S. 75) Er legt sich eine betont jüdische Identität zu; in seinen Schriften sollte er im Rückblick mehrfach hervorheben, dass er „das Deutsche Überhaupt abgeworfen“ habe (S. 76).

„In Jerusalem Professor werden…“

Der Kosmopolit studiert zahlreiche Fächer: Mathematik, Philosophie, Orientalische Sprachen. Um sich für eine Lehrtätigkeit in Palästina vorzubereiten legt er, durchaus auch lebenspraktisch begabt, zusätzlich ein Staatsexamen in Mathematik ab.

1913 hört er Walter Benjamin erstmals, als dieser bei einer Versammlung Berliner Jugendgruppen einen Vortrag über sein „Verhältnis zum jüdischen und deutschen Erbe“ hält (S. 100), zwei Jahre später lernen sie sich kennen. 1917 reden sie sich mit Vornamen an, bleiben aber beim „Sie“. Hieraus entsteht eine lebenslang anhaltende Freundschaft, die sich in einem umfangreichen Briefwechsel niederschlägt, dieser hält bis zu Benjamins Suizid aus Verzweiflung im Jahr 1940 an. 1918 schreibt Gershom seiner Freundin Else Burchhardt: „Ich denke sehr viel über zionistische Arbeit nach“ (S. 105). Der von Salman Schocken – dem späteren Herausgeber der progressiven israelischen Tageszeitung Haaretz – geprägte „Ausschuß für jüdische Kulturarbeit“ lädt den 21-Jährigen zu einer Mitarbeit ein. Bei Kriegsende geht Gershom in die Schweiz ins Exil, pflegt weiterhin einen jüdischen Bekanntenkreis und übersetzt in seiner Freizeit u.a. Chanukkalieder. 1919 teilt er seinen Eltern, von denen er finanziell abhängig ist, mit, dass er beabsichtige, in Jerusalem Professor zu werden. Sein Vater Arthur entwickelt daraufhin wohl sehr ambivalente Gefühle gegenüber seinem Sohn, den er einerseits für ein Genie hält, ihn jedoch beschwört, „nicht Hebräisch und Jüdisches“ als Hauptdach zu studieren sondern Handfestes, mit dem er eine solide bezahlte Tätigkeit finden könne (S. 132).

Anfang der 1920er Jahre sieht Gershom eine Assimilation der Juden in Deutschland als gescheitert an. Hans Kohn und Robert Welsch bieten dem jungen Intellektuellen ein Jahr später an, Mitherausgeber der „Jüdischen Rundschau“ zu werden, dem Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Buber fördert Gershoms akademische Karriere, trotz ihrer theoretischen Differenzen. Mitte der 1920er Jahre gilt Gershom bereits als einer der führenden Forscher zum deutschen Judentum.

Im Gelobten Land

1923 macht der 25-jährige Gershom Alija, ist anfangs jedoch weiterhin auf finanzielle Unterstützung seiner Berliner Familie angewiesen, die er auch einfordert. Im Rahmen der 3. Alija, zwischen 1919 und 1923, waren 34.000 Juden in das Mandatsgebiet eingewandert (S. 196). Gershom, sprachlich und bildungsmäßig bestens auf ein Leben in Palästina vorbereitet, wird bereits von Hugo Bergmann, Leiter der Jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem, empfangen; dieser kannte ihn seit 1919. Bergmann bietet ihm eine Stelle in der Hebräisch-Abteilung seiner Bibliothek an. Gershoms Wirken erweist sich „bald als unverzichtbar“, wie Geller (S. 197) konstatiert; von Gershom soll seinerzeit als der „Hoffnung Palästinas“ gesprochen worden sein. Es folgen weitere Schritte einer unvergleichlichen akademischen Karriere: Zwei Jahre später richtet der Jerusalemer Universitätskanzler Magnes für ihn eine Stelle als Dozent ein: „Sein schriftliches Hebräisch war überragend; er konnte mit original hebräischen Texten arbeiten und eigene Texte gleichsam muttersprachlich auf Hebräisch formulieren“, hebt Geller (S. 199) hervor. Ein Jahr später legt Gershom seine deutsche Staatsbürgerschaft ab; sein Entschluss zur Trennung von seinen deutschen Wurzeln ist endgültig. Er lehrt nach der Eröffnung der Hebräischen Universität jüdische Mystik. Als Chronist wird er vom fernen Palästina aus, mit dem Privileg der scheinbar distanzierten Beobachtung ausgestattet, Chronist der „Bedrängnis“ (S. 24) der europäischen Juden, Zeitzeuge der Zerstörung des deutsch-jüdischen Bürgertums und zugleich Chronist des Zustroms deutsch-jüdischer Flüchtlinge nach Palästina.

Gershom Scholem, 1925, im Sohar lesend in einer Sukka

Prominenter Vertreter von Brith Shalom

Gershom Scholem bleibt politisch und theoretisch schwer einordbar: Er versteht sich als gläubig, links, jedoch nicht als ein orthodoxer Jude. Nachdrücklich setzt er sich für eine Verständigung zwischen Juden und Arabern aus, ist ab 1925 einer der prominentesten Vertreter von Brit Schalom („Friedensbund“); gewisse hiesige Antizionisten versuchen Gershom Scholem deshalb bis heute aus taktischen Motiven zu einem antizionistischen Kronzeugen zu instrumentalisieren, was grotesk absurd ist.

Brith Schalom wird 1925 auf Initiative des aus Deutschland gebürtigen Soziologen Arthur Ruppin gegründet. Die nie mehr als 100 Mitglieder stehen in scharfem Gegensatz zu den meisten zionistischen Strömungen; sie lehnten das „Ziel einer alleinigen jüdischen Souveranität über Palästina ab.“ (S. 203) Die Verständigung mit den Arabern ist für die kleine linke Initiative ein vorrangiges Ziel. Scholem vertritt diese Position mehrere Jahre lang nachdrücklich, wenn er die Bereitschaft der Araber zur friedlichen Konfliktlösung auch in Frage stellt. „Nein, wir sind diesem primitiveren Brudervolk nicht weit überlegen“, schreibt er (S. 204). Als 1929 die arabischen Aufstände und Übergriffe ausbrechen verlässt Ruppin die winzige Friedensinitiative wieder.

Gershom Scholem lässt nicht nach. 1930 fordert er in einem Bericht einen binationalen Staat. Wenig später löst sich Brith Schalom auf.

Trotz seines Engagements bleibt Gershom dennoch „in erster Linie Gelehrter“. (S. 211)

Als die NSDAP 1930 bei der Reichstagswahl massiv zulegt, während die liberalen demokratischen Parteien alle stark verlieren, ist Gershom besorgt, versucht aber den Optimismus nicht zu verlieren: „Deine Wahlpflicht scheinst du aber nur mangelhaft erfüllt zu haben“, schreibt er seiner Mutter Betty (S. 187). Und er fügt hinzu: „Selbst hier, so weit vom Schuß erregt ihr Aufsehen!“ (ebd.) Seine inzwischen 64-jährige Mutter versucht die aufsteigende Panik zu verdrängen – und bemüht sich in ihren Briefen an Gershom in Palästina um Optimismus: Dass deutsche Juden nun in Panik verfielen und verzweifelt versuchten, aus Deutschland zu fliehen sei „eine fette Zeitungsente, es ist bestimmt noch nicht ein einziger Jude ausgerückt, warum denn auch? Nicht eine einzige Ausschreitung ist vorgekommen. (…) Wenn nur die Zeitungen mal ihre Lügen unterließen!“ (ebd.)

Bettys zur Schau getragener Optimismus weicht bald einer tiefen Skepsis; im Buch wird die Reaktion der verschiedenen jüdischen Gruppierungen auf die Bedrohung nachgezeichnet. Das Magazin des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V. trägt weiterhin den Untertitel „Blätter für Deutschtum und Judentum“ (S. 192f.). Deutsche Juden beharren weiterhin darauf, zugleich als Juden als auch als Deutsche angesehen zu werden. Der Zorn der Antisemiten nahm hierdurch eher noch zu.

„Zur Frage der Entstehung der Kabbala“

Gershom Scholem wird nun weltweit in der Fachwelt gelesen, publiziert weiterhin auch auf Deutsch. Insbesondere nach dem Erscheinen seines bahnbrechenden Essays „Zur Frage der Entstehung der Kabbala“ folgen Gastvorträge auch in die USA. Am 21. Februar 1938 kommt er erstmals in den USA an. Mit der Szene seiner Ankunft an Bord der Queen Mary eröffnet Jay H. Geller zugleich seine beeindruckende familiäre Studie über die Scholems: In den Einreisedokumenten der zuständigen amerikanischen Behörde wird Gershom als „Bürger Palästinas, hebräischer Rasse und gebürtiger Berliner, der in die USA gekommen sei, um Vorträge zu halten“ (S. 9) bezeichnet.

Seine Lust bzw. sein Zwang zum Widerspruch lässt nicht nach. In Briefen an Freunde übt er „ätzende Kritik an den deutschen Juden“ (S. 260), rät auch Verwandten von einer Emigration nach Palästina ab. Der in Entstehung begriffene jüdische Staat benötige vor allem junge, hebräischsprachige Einwanderer, keine „deutschsprachigen Drucker“ (ebd.). Erst im Juli 1935 bemüht er sich um ein Einreisevisum für seine Mutter Betty.

1933 wird er ordentlicher Professor für jüdische Mystik in Jerusalem. Sein 1941 erschienenes Werk „Major Trends in Jewish Mysticism“, auf der Grundlage einer Vorlesungsreihe in den USA entstanden, macht ihn berühmt. Wohl versöhnend wird sich die „Wiedervereinigung“ mit seinem Onkel Theobald und Tante Hedwig in Palästina aus: Auf einem Foto sieht man ein Familientreffen im Jahr 1941 in Tel Aviv. 1946 kehrt er im Auftrag der Hebräischen Universität erstmals nach Deutschland zurück, um geraubte jüdische Bibliotheken zu retten. Er berichtet auch über das Schicksal der Displaced Persons in Europa. Nach einer erneuten Europareise im Jahr 1952 ist Gershom abgrundtief desillusioniert. Jüdisches Leben in Europa ist ausgelöscht, sein erneuter Aufenthalt in Europa brachte ihm „einige der bittersten Monate meines Lebens“, schreibt er (S. 296).

Nach der Staatsgründung 1948 hat Gershom gute Kontakte zu höchsten Politikern, wird immer wieder hoch ausgezeichnet. Sein triumphaler Erfolg in der akademischen Welt setzt sich fort. 1958 erhält er den renommierten Israel Preis, 1962 wird der inzwischen 65-Jährige Ehrenbürger von Jerusalem. Er gilt in der Fachwelt als der Wiederentdecker der Kabbala, beschäftigt sich im Alter mit der jüdischen Mystik, was sich in einer Vielzahl von Publikationen niederschlägt. Zu Hannah Arendt hatte er lange einen guten Kontakt; nach dem Erscheinen ihrer berühmt-berüchtigten Artikelserie zum Eichmann-Prozess sprechen die beiden Willensstarken seit 1964 nicht mehr miteinander.

Seine Autobiografie Von Berlin nach Jerusalem, 1977 erschienen – da ist er 80 – , widmet er seinem 1940 ermordeten Bruder Werner; mit diesem bis heute häufig zitierten Buch ist er auch im deutschsprachigen Raum endgültig „wieder“ angekommen. Zu seinem in Australien lebenden Bruder Reinhold hält er einen regen Briefkontakt. Im Februar 1982, kurz nach seinem 84.ten Geburtstag, stirbt Gershom Scholem in Jerusalem.

Der radikale Linke Werner Scholem

Werner Scholem, der zweitjüngste der vier Brüder, versteht sich sehr früh als überzeugter Linker. Die Intellektuellen Werner und Gershom verbindet bereits in ihrer Jugend ein enger, von Konkurrenz geprägter Austausch, der sich auch in einer regen Korrespondenz niederschlägt. Gershom versteht sich bereits als Jugendlicher zwar als „eher links“, lehnt jedoch eine Mitgliedschaft in einer Partei ab. Parteien seien „ein trüber See“, so schreibt er seinem Bruder Werner 1914, in dem „schöne Ideen“ mündeten, die sie jedoch „nicht mehr“ hinausließen.“ (S. 83) Werner entgegnet ihm: „Jeder denkende  Jude wird Sozialist, was Du nun auch bist.“ (S. 83)

Als Werner im 1. Weltkrieg seine Gegnerschaft zum Krieg betont und Witze über das Eiserne Kreuz seines vier Jahre älteren, nationalliberal gesonnenen Bruders Reinhold macht, rücken seine Eltern aus Angst von ihm ab. Seine linkspolitischen Aktionen nehmen zu. 1917 brüllt er mit Freunden eine kaisertreue Versammlung mit dem Ruf „Hoch lebe Liebknecht!“ nieder (S. 95) Er erhält eine Haftstrafe, wird aus der Universität Halle ausgeschlossen.1917 kommt es zur Spaltung der SPD, der radikal linke Werner schließt sich selbstredend der USPD an. Die parlamentarische Demokratie erscheint ihm nicht mehr als ein Idealzustand. Sein Leben kreist nur noch um die Parteiarbeit: Er sitzt als Abgeordneter in lokalen Stadtrat, wird Redakteur des Braunschweiger Parteiblattes. 1920 dann eine weitere Spaltung, wegen der Beziehungen zur Moskauer Doktrin: Die Mehrheit seiner Ortsgruppe schließt sich der KPD an. Bald wird Werner bundesweit wahrgenommen: 1921, da ist er 26, ist er das jüngste Mitglied des preußischen Landtages, wird Redakteur der Parteizeitung „Roten Fahne“. Es folgt ein Prozess wegen Hochverrats.

Dennoch bleibt er sich seiner jüdischen Wurzeln bewusst, was ihn mit seinem Bruder Gershom verbindet. Auch im Parteivorstand der KPD sind Juden stark vertreten: 1924 stammen fünf der 15 ZK-Mitglieder aus jüdischen Familien. Die antisemitischen Angriffe  innerhalb der KPD gegen ihn nehmen zu. Der einflussreiche KPD-Funktionär Josef Eisenberger bezeichnet ihn als einen „frechen Judenfunktionär“ – knapp 100 Jahre später sollte eine Dortmunder Neonazifunktionär, Sascha Krolzig, diese Titulierung bewusst verwenden, um den Vorsitzenden einer kleinen jüdischen Gemeinde routiniert antisemitisch zu attackieren.

Gershoms Radikalität, seine wilden Reden, machen ihn zu einem enfant terrible der Linken. Selbst der junge Joseph Goebbels wird auf ihn aufmerksam und erwähnt ihn namentlich bei seinen antisemitischen Tiraden. Der linke Intellektuelle Walter Benjamin ist besorgt. In einem Brief an den eng befreundeten Gershom schreibt er: „Von dem Abgeordneten Scholem ist Europa voll. Sogar die Alldeutschen neben mir im Café reden von ihm. Überall entfesselt er – mit Recht – heftige Stürme von Risches: Mich stimmt sein Aufstieg zu Ruhm und Ehre ziemlich traurig.“ (S. 156) Und seine Mutter Betty schreibt: „Er benimmt sich im Reichstag so dumm, dass ich mich schrecklich über ihn ärgere.“ (ebd.)

Zwei Jahre später, 1926, wird Werner Scholem gemeinsam mit weiteren Funktionären, darunter Ruth Fischer, auf Betreiben von Fritz Thälmann aus der KPD ausgeschlossen. Es folgen Versuche, sich mittels eines Jurastudiums ein zweites Standbein zu sichern. Im November 1932 gelingen ihm scharfsinnige Beobachtungen des Zerfalls, welcher ihn selbst Jahre später zermahlen wird: „Der Zerfall der jüdischen Bourgeoisie schreitet voran. (…) Der Abstieg der Familie vollzieht sich sehr rasch“ (S. 191), schreibt er.

Anklagen und Inhaftierung

1933 wird Werner inhaftiert und wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt. 1935 steht er vor dem Volksgerichtshof, es folgen mehrere Jahre Haftzeit u.a. im KZ Lichtenburg, wo ihn seine Mutter Betty besuchen kann. Sein Bruder Gershom schreibt im April 1936 an seinen engen Vertrauten Walter Benjamin: „Göbbels braucht ein paar Juden dort, an denen er zeigen kann, daß er den Bolschewismus zertreten hat, und dazu ist anscheinend u.a. mein Bruder ausersehen.“ (S. 240)

Im Februar 1937 kommt der elf Jahre zuvor aus der KPD Ausgestoßene ins Konzentrationslager Dachau, es folgen drei Jahre Überlebenskampf, der mit Werners Ermordung endet. Der bekannte jüdische Antifaschist gilt als Gegner Stalins und ist auch von den stalinistischen Mitgefangenen bedroht. Zu seinem engen Umfeld gehört der seinerzeit trotzkistische Wiener Antifaschist und spätere Psychoanalytiker Ernst Federn, Sohn des Freud-Stellvertreters Paul Federn.[i] Ernst Federn hat seelisch Schwierigkeiten mit Werner, der, so notiert es auch Geller, als undiplomatisch, humorlos, äußerst zwanghaft und misanthropisch gilt. Im September 1938 wird er in das intern von der kommunistischen „Häftlingsselbstverwaltung“ beherrschte KZ Buchenwald verlegt, sein politischer Freund Ernst Federn gleichfalls. Ihre existentielle Bedrohung auch durch stalinistische Mithäftlinge wächst. Am 17.7.1940, nach sieben Jahren KZ-Haft, wird Werner Scholem von dem SS-Mann Blank erschossen, auf der Häftlingsakte wird notiert: „Auf der Flucht erschossen.“ (S. 254)

Ernst Federn vermutet in seinem 40 Jahre später verfassten Nachruf auf Werner Scholem eine politische Intrige der Stalinisten, im Kontext einer langen Reihe politischer Morde. In der Werner Scholem Biografie von Zadoff (2014)[ii] wird dies gleichfalls als eine mögliche Erklärung benannt. Geller bezeichnet ein abschließendes Urteil über die Hintergründe von Scholems Ermordung als weiterhin offen. Im Juli erfährt Betty vom Tod ihres Sohnes, sie ist zutiefst deprimiert: „Das Einzige was mich trösten könnte ist, daß ich ihn nie im Stich gelassen u. das Menschenmögliche für seine Befreiung getan habe“ (S. 255) schreibt sie. Der Konflikt wegen Werner habe sich „wie ein schwarzer Faden durch mein Leben“ gezogen (ebd.).

Als bemerkenswert erscheint mir: Werners Ehefrau Emmy, eine nicht-jüdische Kommunistin, die Werner bereits in einer sozialistischen Jugendgruppe kennengelernt hatte, emigriert im Februar 1934 nach einer Inhaftierung heimlich mit ihren beiden Töchtern nach Prag, wo sie Freunde hat.

Ihre gemeinsame Tochter hatte Werner als jüdisch registrieren lassen, um ihr „so von vornherein eine „oppositionelle Stellung“ zu verschaffen“ (S. 98) Brieflich kann sie zu Werner Kontakt halten. Betty teilt Emmy lakonisch über das tragische Schicksal ihres Sohnes mit: „So ist unser Werner tot.“ (S. 255)

Emmy kehrt 1958, 18 Jahre nach Werners Ermordung, nach Deutschland zurück – und konvertierte zehn Jahre später zum Judentum. Sie hat eine leitende Stellung im jüdischen Altersheim von Hannover. Ihre 1923 geborene Tochter Renate wird später unter dem Namen Renee Goddard in London und München eine berühmte Schauspielerin und Weggefährtin Peter Zadeks.

Reinhold und Erich Scholem

Reinhold und Erich werden im 1. Weltkrieg Soldaten, werden als Soldaten befördert. Bald danach übernehmen sie schrittweise die elterliche Druckerei. Sie machen Auslandserfahrungen in England, Frankreich und Italien, machen dort ihre Lehre. Es sind prägende Erfahrungen, die die Grundlagen für eine Weltläufigkeit legen. Reinhold erinnert sich im Rückblick: Er sei seinem Vater dankbar, „dass er mich drei Jahre ins Ausland geschickt hat, wo die Erfahrungen der verschiedenen Umgebungen einen dauernden Eindruck auf mich gemacht haben.“ (S. 62)

Reinhold wird politisch ein Deutschnationaler, schließt sich 1919 der konservativen Deutschen Volkspartei an, ist einige Jahre lang aktives Mitglied dort. Selbst als alter Mann und Emigrant in Australien sollte er auf dieser deutschnationalen Zugehörigkeit beharren.  

Der zwei Jahre jüngere Erich hingegen wird Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und fühlt sich von der Weltanschauung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ vertreten. Die beiden Brüder etablieren sich als Druckereibesitzer schrittweise, verbringen auch die Freizeit teilweise miteinander. Nach dem Tode ihres Vaters Arthur im Jahre 1925 übernehmen die beiden Brüder dessen Druckbetrieb. In der Weltwirtschaftskrise um 1928 gerät auch ihr Betrieb ins Strudeln.

Als nach dem Reichstagsbrandt am 28.2.1933  zahlreiche linke Politiker und Intellektuelle verhaftet werden, darunter ihr Bruder Werner, wird auch ihre Druckerei von der Polizei durchsucht, in der Hoffnung, dort kommunistische Publikationen zu finden. Erich und Reinhold werden sich ihrer Bedrohung als Juden bewusst und beginnen 1933, hebräisch zu lernen. Auch die traditionellen Segenssprüche am Freitag sind ihnen nun geläufig. 1934 müssen sie ihre Druckerei verkaufen, zwei Jahre später lösen sie auch ihre Firma auf.

Die beiden Brüder können gerade noch die für die australischen Behörden erforderlichen Gelder auftreiben. Ihr in Palästina lebender Bruder Gershom, lebenspraktisch nicht immer geerdet, soll ihnen hierbei vorübergehend helfen. „Es kann keine Diskussion darüber geben, zu der wir ja auch weder Zeit noch Möglichkeit haben, denn die Sache ist ungeheuer eilig. Ich will es“ schreibt Betty nach Palästina (S. 246).

Am 1. Juli 1938 kommen Reinhold, dessen Frau und Sohn sowie Erich, nach Zwischenstationen in Großbritannien und Kanada, mit dem Schiff in Sydney an. Sie kennen dort niemanden, auch die deutsche Staatsangehörigkeit wird ihnen aberkannt. In Montreal treffen sie Gershom kurz, der dort zu einem Forschungsaufenthalt weilt. Auch Betty sucht nun verzweifelt nach Möglichkeiten, aus Nazideutschland zu fliehen – entweder Richtung Palästina oder Australien. Am 13.11.1938, nach der Pogromnacht, schreibt Betty an Gershom voller unverstellter Verzweiflung: „Mein Sohn, ich bin verzagt wie noch nie, aber die Hoffnung, eines Tages doch jenseits der Grenzen zu sein, hält mich aufrecht.“ (S. 248) Die australische Regierung signalisiert die Bereitschaft, 15.000 Flüchtlinge aufzunehmen. Betty kämpft weiter verzweifelt um das Überleben ihres im KZ gefangen gehaltenen Sohn Werner, hat aber alle Hoffnung aufgegeben: „Ich aber, leider, glaube an keinen Erfolg, obwohl er alle Anträge ausfüllen durfte, – ihre Rachsucht ist grenzenlos“, schreibt sie am 4.4.1939 an Gershom (S. 251). Unmittelbar danach, im März 1939, vermag Betty mit Erichs Familie nach Sydney zu emigrieren. Sydney wird für den Rest der Familie Scholem zur neuen Heimat. Weiteren Familienmitgliedern, wie etwa einem Cousin namens Max Borchardt, gelingt die Emigration in das ferne Shanghai, Zufluchtsstätte für ca. 30.000 deutsch sprechende Juden. Bettys Schwester Käte Hirsch Schiepan hingegen gelingt die Flucht nicht mehr, im Oktober 1941 verbietet der NS-Staat für Juden jede Auswanderung. Sie arbeitet im KZ Theresienstadt noch als Krankenschwester und verstirbt dort im Juli 1943.

Die deutschen Juden Erich und Reinhold schlagen sich in Australien mühsam durch, wie im Buch detailreich dargestellt wird. Erichs Urteil über die australischen Zionisten ist schonungslos desillusioniert: „Zionisten hier sind eine drollige Gesellschaft. Von jüdischen Dingen wissen (sie) furchtbar wenig und ein Assimilant aus Deutschland ist im Vergleich dazu ein Gelehrter“ (S. 288), bemerkt er kurz nach seiner Ankunft in Sydney. Auch die betagte Betty wird ihr Emigrationsschicksal nie mehr los. 1940 schreibt sie an Gershom: „Da hat dieser Teufel Hitler uns verjagt, weil wir Juden sind, u. jetzt überall in der Welt sind wir Deutsche, auch hier in diesem weltabgelegenen Land.“ (S. 288) Erich, der liberale Demokrat, möchte das deutsche Erbe endgültig loswerden. Er nimmt die australische Staatsbürgerschaft an, geht mit knapp 50 zur australischen Armee. Erst 1960, 22 Jahre nach seiner Emigration, besucht der 67-Jährige erstmals wieder Deutschland – und ist erneut enttäuscht: „Sie sind im allgemeinen unhöflich und streiten sich in den Geschäften andauernd, wer zuerst dran war, und drängen sich rücksichtslos. Jeder einzelne sitzt im Auto und geht auf der Strasse, als wenn er persönlich der Nabel der Welt wäre.“ (S. 290) In ihrer Gesamtheit seien sie „höchst unerfreulich“ (ebd.). Erichs Sohn Arthur hingegen erneuert seine Bindungen nach Deutschland und heiratet eine Deutsche, die er bei einer Reise kennengelernt hat. Die Beziehungen innerhalb der Geschwister werden zunehmend von Konflikten überlagert, niemand vermag sein Emigrationsschicksal abzuschütteln. Als ihre Mutter Betty 1946 verstirbt, sie hatte Australien nicht mehr verlassen, erhält sie auch Jahre nach ihrem Tod aufgrund innerfamiliärer Konflikte keinen angemessenen Grabstein. Erich stirbt 1965.

Reinhold übernimmt einen Betrieb für Kunststoffverarbeitung, gelangt zu relativem Wohlstand und kann sich in den 1960er Jahren Ferien mit einem Luxuswagen in Europa leisten. Trotz ihrer politischen, kulturellen und religiösen Differenzen pflegt er mit Gershom in Palästina einen umfangreichen Briefwechsel. Er überlebt seinen Bruder Gershom um vier Jahre und verstirbt erst 1985 im Alter von 94 Jahren in Australien.

Jay Howard Geller: Die Scholems – Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie. Aus dem Englischen von Ruth Keen, Suhrkamp Verlag / Jüdischer Verlag, 462 S., 25 Euro, Bestellen?

LESEPROBE

[i]Kaufhold, R. (Hrsg.) (2014): Ernst Federn. Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors.  Gießen (Psychosozial-Verlag); Kuschey, B. (2003): Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstruktur des Konzentrationslagers. Bd. I und II. Gießen (Psychosozial-Verlag); Kaufhold, R. & G. Hristeva (Hrsg.) (2014): „Gewalttätigkeit verstehen“. Zum 100. Geburtstag des Psychoanalytikers und psychoanalytischen Sozialarbeiters Ernst Federn, Themenschwerpunktheft von: Psychoanalyse. Texte zur Sozialforschung. Jg. 18, H. 2, 2014, https://buecher.hagalil.com/2015/02/federn-3/
[ii] Siehe auch: Bergbauer, K. (2015) Rez. von M. Zadoff: Der rote Hiob sowie R. Hoffrogge: Werner Scholem, in: H-Soz-Kult 9.1.2015: https://www.hsozkult.de/review/id/reb-21959