Vom Finowkanal auf den Karmel in Haifa

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Die Messingwerke der Familie Hirsch in Finow, Eberswalde

Von Christel Wollmann-Fiedler

Eigentlich sollte man an diesen wunderschönen sommerlichen Tagen auf den Spuren des Dichters Theodor Fontane durch die Mark Brandenburg wandern. „Empfehlenswert aber ist es, in Eberswalde bereits die Eisenbahn zu verlassen und in einem offenen Wagen an Kapellen, Seen und Laubholz vorbei, über ein leicht gewelltes Terrain hin, den Rest des Weges zu machen…  Th. Fontane, ca. 1872

Doch ich durchlaufe gerade den Torbogen des Torbogenhauses der Messingwerksiedlung in Finow am Rande von Eberswalde am Finowkanal unweit der Schorfheide und des Choriner Gebietes gut sechzig Kilometer nördlich von Berlin. Seen und Kanäle umgeben Finow, der Wasserturm ist von weitem zu erkennen in der ebenen Landschaft. Der Berliner Architekt Paul Mebes baut diesen 48 Meter hohen imposanten Turm in den Jahren 1917/18 zur Versorgung der Messingwerke. Bereits 1700 entsteht das Messingwerk, wird verpachtet und 1863 dann werden Josef und Gustav Hirsch aus Halberstadt vom Preußischen Staat das Werk kaufen.

Firma Hirsch wird als kleines Unternehmen in Halberstadt im Vorharz als Altwarenhandel von Aron Hirsch gegründet, expandiert später in Finow zu einem der großen europäischen Konzerne, bereits mit Weltruf. Familie Hirsch baut für die Arbeiter Wohnungen in Finow neben den Fabrikgebäuden, sorgt für die Familien und deren Kinder. Am Shabbat wird nicht gearbeitet, koscheres Essen gibt es in der Kantine, soziales Engagement der Familie Hirsch mit mosaischem Glauben ist selbstverständlich. Im 1. Weltkrieg ist Nahrung knapp. Sigmund Hirsch lässt 1917 ein landwirtschaftliches Gut mit Gärtnerei anlegen. Die Arbeiter, stillende Mütter und Kinder brauchen Milch. Die große „Messingwerkfamilie“ kann so ernährt werden und junge Chaluzim (Pioniere) werden zur Ausreise nach Palästina landwirtschaftlich ausgebildet.

In der jetzigen Erich-Steinfurth-Straße, früher Gustav-Hirsch-Straße, der Siedlung bin ich angekommen, sehe rechts und links Fachwerkhäuser aus alten Zeiten, sehe ein kleines Schildchen, gehe darauf zu und lese: „Hier wohnte in seiner Kindheit und Jugend Felix Rosenblüth (Pinchas Rosen), 1887 (Berlin) – 1978 (Jerusalem), Deutscher Offizier im Ersten Weltkrieg, Zionist, erster Justizminister Israels (1948-1961), ab 1961 Vorsitzender der liberalen Partei Israels“.

Gleich erinnere ich mich an den Prozess 1961 mit dem Massenmörder Adolf Eichmann in Jerusalem. Eichmann war unter Hitler für die „Endlösung der Judenfrage“ eingesetzt und arbeitet mit Übereifer an der Vernichtung der Juden und deren Kultur. Felix Rosenblüth aus Eberswalde, studierter Jurist, ist in Israel angekommen und wird als Pinchas Rosen damals erster Justizminister in dem neugegründeten Staat Israel und hat dem jungen Staatsanwalt Gabriel Bach diesen Prozess als stellvertretenden Generalstaatsanwalt übergeben. Gabriel Bach wird durch diesen Prozess weltweit bekannt und stirbt im letzten Jahr in Jerusalem. Bachs Vater Victor ist Zionist, kommt als junger Mann aus dem Fränkischen nach Halberstadt im Vorharz und wird bei Firma Hirsch & Sohn als Lehrling arbeiten, später ein sehr junger Prokurist und seit 1927 Generaldirektor der Hirsch Kupfer- und Messingwerke in Eberswalde sein. Seine Geschäftsräume sind in Berlin. Erna Benscher heiratet er in Halberstadt, die Tochter Ruth und der Sohn Gabriel werden dort geboren. Zwei Wochen vor dem Novemberprogrom fährt er mit der Familie nach Holland, und kann 1940, einen Monat bevor die Deutsche Wehrmacht in die Niederlande einmarschiert, mit der „Patria“  nach Palästina fliehen. Dort wird er bei der Bank „Leumi“ Mitglied sein.

Die Messingwerksiedlung durchlaufe ich zum ersten Mal und bin gedanklich in der aktiven Zeit des Messingwerks angekommen. Familie Hirsch und die jüdischen Mitarbeiter sehen sich als große Familie bis der größenwahnsinnige Adolf Hitler auch hier die Gemeinschaft und Kultur zerstört.

Die jüdischen Bewohner dieser Siedlung gehören damals zur Jüdischen Gemeinde in Eberswalde. Der Weg zur Synagoge ist weit und beschwerlich. So lässt Gustav Hirsch im Alten Hüttenwerk eine kleine Synagoge, eigentlich einen Betraum, für sich und seine gläubigen Mitarbeiter bauen. Der Förderverein Finower Wasserturm und sein Umfeld e.V. entdeckt vor Jahren auf der Rückseite des ehemaligen Hüttenamtes eine alte „Laubhütte“, eine „Sukka“ aus Holz. Sie wird restauriert und ausgestellt ist sie in einem sehr schön hergerichteten kleinen „Gedenkraum Judentum“. Eine von sehr wenigen erhaltenen Laubhütten in Deutschland soll diese Sukka sein. Bilder und Texte erklären jüdisches Leben damals in Messingwerk, zeigen Fotos der Familie Hirsch, erklären das Laubhüttenfest und diese wiederentdeckte Sukka. Über die Zionisten in Messingwerk wird erzählt und auch über die jungen Chaluzim die zum Aufbau Palästinas ausgebildet werden.

Bleche, Drähte, und Kessel werden hergestellt im Messingwerk, auch Rohre und mehr, später die erwähnten Kupferhäuser. Das Werk expandiert rasant und auch nichtjüdische Arbeiter von Außerhalb sind an dem Erfolg des Werkes mit ihrem Fleiß beteiligt. – Nach 1945 wurde das Neuwerk vom Messingwerk als Reparationszahlung an die Sowjetunion abgebaut und nach Tula (60 km südlich von Moskau) transportiert. Mit Hilfe eines Ingenieurs vom Messingwerk konnte es wieder weitgehend aufgebaut werden. (siehe Förderverein Finower Wasserturm und sein Umfeld e.V.)

Gleich neben dem ehemaligen Hüttenamt führt der Weg zum ehemaligen Messingwerkhafen am Finowkanal. Der Finowkanal, die Binnenwasserstraße, wird 1743 durch den Erlass Friedrich II. wiederhergestellt und bringt wirtschaftlichen Aufschwung in diese Region. So kann sich metallverarbeitende Industrie in der ziemlich verlassenen Gegend ansiedeln. Unweit vom Finowkanal ist der Oder-Havel-Kanal mit dem berühmten Schiffshebewerk, das 1934 gebaut wird. Eine  Ingenieurbaukunst allererster Klasse.

Fast am Ende der Straße rechts hinten ist ein Haus mit Säulen, die „Villa Hirsch“. Hier also hat der Werksbesitzer Gustav Hirsch mit seiner Familie gewohnt, Familienfeste gefeiert, Gäste empfangen, sein tägliches Leben mit der großen Familie gelebt, bis später die Verfolgung der jüdischen Menschen begann. Die Villa entsteht bereits 1886. Auch Siegmund Hirsch und seine Frau bewohnen nach dem Tod von Gustav Hirsch die Villa. Der erwähnte Berliner Architekt Paul Mebes baut 1916 diese Villa wunschgemäß um und Franz Blaszek, der Handwerker und Künstler, erfindet den Fries am Haus, der die Geschichte der Leviten erzählt. Die Villa ist heute in privater Hand und sollte dringend saniert werden. Schade um diese einst herrschaftliche Architektur von Paul Mebes.

Gleich daneben entwirft und baut Mebes im Auftrag das Wohnhaus für den Werksdirektor Erich Lewy. Über den Zaun hinweg kann ich das Haus sehen. Weiter gehe ich die Straße, sehe linkerhand die kleinen flachen Häuschen und rechts fotografiere ich den Gustav Hirsch Platz mit den damals modernen Wohnhäusern. Eine wunderbare Wohnanlage, ebenfalls von Paul Mebes entworfen. Der Platz heißt damals Josef-Hirsch-Platz. Der Eberswalder Goldschatz wird 1913 beim Ausschachten auf dem Gelände entdeckt. Im Puschkin-Museum in Moskau ist dieser sensationelle Fund ausgestellt. Dieser Fund im Messingwerk aus der Jüngeren Bronzezeit, um 1000 v. Chr., wird als wichtigster Goldfund in Deutschland bewertet.

Aaron und Siegmund Hirsch haben den oft erwähnten Architekten Paul Mebes aus Berlin 1913 zu sich nach Finow gebeten und ihm ihre Bauwünsche vorgetragen. Mebes & Emmerich heißt das Büro in Berlin.

Paul Mebes wird 1872 in Magdeburg geboren, studiert an der TH Braunschweig und an der Technischen Hochschule Charlottenburg. Ab dem 20. Jahrhundert baut er in Charlottenburg und in Berlin Großsiedlungen, später auch Landhäuser und Gartenstädte, Villen und Schulen. Ein sehr gefragter Architekt der Moderne in der Zwischenkriegszeit ist er. Die Akademie der Künste wählt ihn zum Mitglied, doch 1933 verlässt er mit anderen bekannten Künstlern diese Akademie. Die neu gewählten Regierung lehnt er ab, lebt zurückgezogen bis zu seinem frühen Tod 1938 mit seiner Frau in Berlin – Zehlendorf.

Endlich stehe ich vor dem imposanten expressionistisch gestalteten   Wasserturm, der bereits von weit her über die Siedlung hinwegragt. Hindenburgturm wird er 1918 getauft. Auch hier hat Architekt Mebes seinen modernen Entwurf umgesetzt. Siegmund Hirsch wählt den Standort des Turmes. Er wünscht sich die Spiegelung des Turmes im großen Wasserbecken im Garten seiner Villa.

Im Wasserbehälter ist die Dauerausstellung Messingwerk – Ein Dokument der Arbeit zur Geschichte des Messingwerkes untergebracht, im Dachgeschoss  „Walter Gropius und die Kupferhäuser“.  In der Etage darunter konnten zwei weitere Ausstellungen untergebracht werden, die die Entstehungsgeschichte von Finow und die Funktion des Wasserturms bei der Metallherstellung zeigen. Regionalmuseum Wasserturm Finow ist der jetzige Name.

Am Ende meines Rundgangs suche ich die in den 1930 er Jahren erbaute Musterhaussiedlung mit acht Kupferhäusern. Versteckt sind sie, kaum zu sehen, umgeben von Büschen und Bäumen. Die Musterhaussiedlung liegt vorne an der Straße, ein wenig außerhalb der Wohnsiedlung.

Historische Aufnahme der Musterhäuser

1933 kauft Dr. Hermann Tuchler aus Breslau ein Fertighaus aus Kupfer, als modernes Kupferhausmärchen ist es erdacht. Firma Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG entwirft und baut am Finowkanal u.a. diese moderne eigenwillige Architektur für Länder mit heißem Klima, für Palästina gerade richtig. Adolf Hitler wird im Mai 1933  von Reichspräsident Paul von Hindenburg  in der Potsdamer Garnisonskirche zum Reichkanzler ernannt und für die jüdische Bevölkerung beginnt die schrecklichste Zeit in der Geschichte ihres Seins. Dr. Tuchler spürt das, kauft das zusammenklappbare Kupferhaus und Schiffspassagen für die gesamte Familie und verlässt das Deutsche Reich 1933. Von Genua geht die Schiffsreise ins Wüstenland Palästina. Noch können jüdische Bürger das Land verlassen, um den Nazischergen zu entkommen.

Das ausgesuchte Kupferhaus von Dr. Hermann Tuchler wird in Finow in drei große Holzkisten verpackt und mit dem Zug zum Hamburger Hafen gebracht und die fast 4000 km lange Schiffsreise beginnt. Das Kupferhaus ist pünktlich im Hafen von Haifa angekommen, wird von starken Männern aus Saloniki auf kleine LKWs gehievt, herauf auf den Karmel nach Ahuza gefahren und von Bauarbeitern auf dem erworbenen Baugrund in der Tel Maneh am Hang aufgebaut. Auf Stelzen muss das Haus aufgestellt werden, darf aus feuertechnischen Gründen nicht erdgebunden stehen. Eine Verordnung des Englischen Mandats. Noch zwei andere Kupferhäuser werden in Haifa und eines in Safed in Galiläa aufgebaut und bewohnt. Im Hafen von Haifa soll so manches Kupferhaus nicht mehr abgeholt und nicht mehr aufgebaut worden sein. Die Käufer können in späteren Jahren das Deutsche Reich nur noch unter größten Schwierigkeiten verlassen. 1939 beginnt der 2. Weltkrieg und die jüdische Bevölkerung sitzt in der Falle, die Deportationen und die Morde in den Konzentrationslagern beginnen.

Das legendäre Kupferhaus mit dem schönen Namen „Jerusalem“ in Haifa in der Tel Maneh auf dem Karmel, umkreise und fotografiere ich neugierig. Neunzig Jahre steht es an seinem Platz, Wind und Wetter hat es altern lassen. Damals 1933 ist es ein hochmodernes funkelndes Kupferhaus mit allen Raffinessen der modernen Wohnkultur.

Alle Fotos außer der historischen Aufnahme: © C. Wollmann-Fiedler

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