Shabbat in Halberstadt

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Das herbstlich gleißende Licht begleitet mich auf meinen Wegen durch Halberstadt, der alten Bischofsstadt. Im östlichen Harzvorland, 30 km vor dem Harzgebirge, an der Straße der Romanik liegt die mittelalterliche Stadt mit ihren uralten Kirchenbauten.

Eine Reisebeobachtung von Christel Wollmann-Fiedler

Die Bomben des 2. Weltkriegs zerstören achtzig Prozent der Stadt, in jeder Gasse und auf jedem Platz ist es zu sehen. Nachkriegsbauten und moderne neuzeitliche Architekturen erinnern daran. Die Fachwerkstadt wurde. „Rothenburg des Nordens“, getauft. Damals, das ist lange her! Vom Hexentanzplatz sind sie herabgeritten. Auf dem Besen reitende Hexen hängen in Schaufenstern und Geschäften, sind das Wahrzeichen des Lebens im Harz und im Vorland. Hexenprozesse fanden noch im 17. Jahrhundert statt.

Seit dem Westfälischen Frieden 1649 wird Halberstadt brandenburgisch – preußisch. Mehr und mehr Juden kommen in die Stadt, werden vom Großen Kurfürst aufgenommen. Im Deutschen Reich gehört die Stadt zur preußischen Provinz Sachsen. Von 1945–1989 ist Deutschland geteilt und Halberstadt liegt in der DDR, seit 1989 gehört die alte Bischofsstadt zum Bundesland Sachsen-Anhalt.

Im 13. Jahrhundert bereits werden Juden angesiedelt und auch wieder vertrieben. Der eine Bischof holt und schützt sie, andere schicken sie zum Teufel. Antijüdisch verhält sich die Kirche. Im 14. Jahrhundert grassiert die Pest in Halberstadt und ohne ihr Hab und Gut werden die wenigen Juden vertrieben und gar für die Pest verantwortlich gemacht. Durch Bischof Heinrich Julius erhielten sie im 16. Jahrhundert besonderen Schutz, doch auch er vertrieb sie nach der Reformation und holt sie erneut in die Stadt zurück.

Die Reformation soll ohne Streit und Zwietracht vollzogen worden sein, die Stadt nimmt später den protestantischen Glauben an, die katholischen Kirchen, Klöster, Gebäude des Bistums gehen an die evangelische Kirche.

Eine jüdische Gemeinde entsteht 1606, ein Bethaus wird gebaut, das bald darauf zerstört wird. Issachar ben Jehuda haLevi, Berend Lehmann, kommt aus Essen nach Halberstadt, wird 1661 geboren, heiratet Miriam, die Tochter eines Schutzjuden. Halberstadt gehört in diesen Jahren zu Brandenburg-Preußen. Er wird Hoffaktor verschiedener Höfe, als Hofjude von August dem Starken kommt er zu Wohlstand. In Dresden, im Sächsischen, kann sich kein Jude für längere Zeit niederlassen, so bleibt er in Halberstadt, wo er 1730 stirbt. Auch als Diplomat reist Berend Lehmann für die Herrscher von Brandenburg-Preußen, Hannover, Braunschweig durch ganz Europa. Er verhilft dem sächsischen Kurfürst August dem Starken auf den polnischen Thron als König August II. von Polen, sagt die Historie.

1685 nimmt die Stadt verfolgte Hugenotten aus Frankreich auf, die ihre eigene „Franzosenkirche“ im Rokokostil bauen, die im 2. Weltkrieg zerstört wird.

1712 baut Berend Lehmann die barocke Synagoge. Eine der prachtvollsten in Deutschland soll sie gewesen sein mit üppigster Ausstattung. Die Kuppel ist vom Domplatz aus zu erkennen, das Judenviertel liegt unterhalb des Domplatzes in der Unterstadt. Im 19. Jahrhundert finanziert Familie Hirsch die Modernisierung dieser Synagoge. Im Nazireich wird, wie auch in anderen Städten 1938, die Synagoge geplündert und die Torarollen werden verbrannt. Tage später müssen die jüdischen Bürger ihre einst prächtige Synagoge selbst abreißen. Zuvor konnte sie nicht in Feuer und Flammen aufgehen, sie lag inmitten von Wohnhäusern. Heute ist nur noch die Rückwand zu sehen. Wichtige Punkte der einstigen prächtigen Synagoge sind mit Steinplatten auf der Wiese hervorgehoben, die 2008 von dem Land-Art-Künstler Olaf Wegewitz ideenreich gelegt wurden.

Reste der Wand der Barocksynagoge
Platten von Olaf Wegewitz

Eine der wichtigsten jüdischen Gemeinden in Europa soll die Halberstädter bereits im 18. Jahrhundert gewesen sein, ungefähr eintausend Mitglieder zählt die Gemeinde in der Zeit.

Im 19. Jahrhundert kommt Familie Auerbach aus Neuwied, auf dem Weg über Krefeld, Marburg, Dieburg, Groß-Gerau, Bensheim und Darmstadt, über Worms und Frankfurt am Main nach Halberstadt und Dr. phil. Benjamin Hirsch Auerbach wird 1863 Rabbiner der Jüdischen Gemeinde der Stadt, wo er als Landesrabbiner 1872 stirbt. Sein Sohn, sein Enkel und sein Urenkel werden seine Nachfolger als Rabbiner in der Domstadt. Der Urenkel Zevi Benjamin Hirsch betreut als Rabbiner bis 1938 die Jüdische Gemeinde in Halberstadt, flieht im gleichen Jahr nach Palästina, gründet dort den „Verein ehemaliger Halberstädter Juden“ und stirbt 1973 in Israel.

Im Lehrhaus Klaus für Torastudien aus dem 18. Jahrhundert mit später angebauter Klaussynagoge im Rosenwinkel ist das Domizil der Stiftung Moses Mendelssohn Akademie seit 1995 (siehe Bild oben).

Vom ehemaligen Mikwenhaus, in dem das Berend Lehmann-Museum über das Judentum und deren Kultur in Halberstadt seit 2001 erzählt, sind es nur einige Schritte vom Hinterausgang über die Wiese zum Restaurant und Cafe Hirsch. Vorzüglich schmeckende jüdische Speisen werden uns von sehr freundlichen Damen zubereitet und gastfreundlich serviert. Als Kontingentflüchtlinge sind diese beiden Damen mit ihren Familien vor zwanzig Jahren aus der Ukraine nach Halberstadt gekommen. Aus dem Fenster blicken wir auf den Alten Judenplatz und die umliegenden schön sanierten Fachwerkhäuser, dem Mittelpunkt des Jüdischen Viertels bis zur Deportation der jüdischen Bürger.

Eingang in das Berend -Lehmann-Museum
Cafe Hirsch

Auf dem gewaltigen Domplatz wird in den 1990er Jahren vor dem Dom ein Mahnmal mit Stelen errichtet zum Gedenken an die Deportationen der jüdischen Mitbewohner im Kriegsjahr 1942. Die Namen der ermordeten Juden sind in die Stelen gemeißelt. Jahrhunderte später, 1942, endet auf diesem Platz vor dem berühmten Halberstädter Dom das jüdische Leben, und die Deportationen beginnen.

Stele auf dem Domplatz

Ich erinnere an die Zeit vor dem 2. Weltkrieg, erinnere an die jüdischen Familien, die in dieser Stadt vor dem Harzgebirge mit den anderen, den katholischen und evangelischen Bürgern in Nachbarschaft lebten. Eine jüdische Gemeinde gibt es nicht mehr.

Ja, damals sind zehn Prozent der Halberstädter jüdischen Glaubens, haben eine große Gemeinde, ihre Synagogen, eine jüdische Schule, ein Altersheim, ein Spital und große Friedhöfe. Familie Hirsch engagiert sich in der Gemeinde zum Wohl aller, unterstützt jüdische und andere soziale Vorhaben finanziell. Familie Hirsch ist eine der wichtigsten Wohltäter. Der Urahn Aaron handelt mit Altwaren, prosperiert, zieht mit seinem gewachsenen Unternehmen in die Mark Brandenburg ins preußische Eberswalde nördlich der Reichshauptstadt Berlin. Die Hirschs bauen u.a. Kupferhäuser, gelangten zu europäischem Ruhm, fast schon Weltruhm, werden sehr vermögend und geadelt. Der preußische Kaiser ist stolz auf sie. Der 1933 gewählte neue Reichskanzler war keineswegs stolz auf das Erreichte der Familie Hirsch, arisiert das Unternehmen, vertreibt einen Teil der Familie in fremde Länder, den letzten Hirsch lässt er in Auschwitz ermorden, die Ehefrau begeht zuvor Selbstmord.

Ich erinnere an Gabriel Bach, der 1927 in Halberstadt in eine jüdische Familie geboren wird, später in Berlin die Theodor-Herzl-Schule von Paula Fürst am damaligen Adolf-Hitler-Platz (heute Theodor Heuss-Platz) in Berlin–Charlottenburg besucht. Die Schikanen gegen die jüdische Bevölkerung holen auch Familie Bach ein, nur einige Monate hält sich die Familie in  Amsterdam auf und kann 1940 mit der „Patria“ nach  Palästina fliehen. Jura studiert Gabriel Bach in London. Zum Generalstaatsanwalt wird er später ernannt und zum Richter des Obersten Gerichtshofs in Israel. Als junger Jurist wird er 1961 Stellvertretender Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem sein. In Jerusalem wohnte er, wird weltbekannt und stirbt 2022 in dieser Stadt.

Auch Menschen anderen Glaubens werden in Halberstadt geboren, die uns im Laufe des Lebens begegnet sind. Ich denke an Dr. Alexander Kluge, den Juristen, Schriftsteller, Philosophen, Rechtsanwalt und Altmeister des modernen deutschen Films in der Bundesrepublik Deutschland und seine jüngere Schwester, die Ärztin und Schauspielerin Alexandra Kluge. Alexander wird 1932 geboren, später mit Orden und Ehrenzeichen überhäuft und 2017 wird er Ehrenbürger seiner Geburtsstadt. Seine Schwester Alexandra erblickt das Licht der Halberstädter Welt 1937, wird Ärztin und kurzzeitig Schauspielerin, bekommt u.a. den Bundesfilmpreis und stirbt 2017 in Berlin.

Hans-Georg Klamroth möchte ich nicht vergessen, der 1898 in Halberstadt geboren wird, dort Kaufmann ist und später zur Reiter-SS geht. Als Mitwisser des Attentats auf Hitler wird er in Haft genommen und 1944 in Berlin – Plötzensee mit dem Fallbeil getötet. Seine Tochter Wibke Bruhns, kommt ebenfalls aus der Harzvorstadt, wird dort 1938 geboren. Präsent und sehr kritisch ist sie uns als Journalistin und Fernsehmoderatorin bekannt. Ein Buch über den Vater schreibt sie und ein Dokumentarfilm entsteht, 2019 stirbt sie in Hamburg.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim, der bekannte Gedichteschreiber, Schriftsteller und Sammler wohnt über fünfzig Jahre in seinem Haus seitlich des Doms und muss erwähnt werden. In Ermsleben im Harz wird er 1719 geboren, besucht in Wernigerode die Schule, studiert in Halle an der Saale, kommt über Potsdam und Berlin als Domsekretär des Domstifts nach Halberstadt. Seine Gedichte werden von bekannten Komponisten in seiner Zeit vertont. Mitglied der Literarischen Gesellschaft Halberstadt ist er. Gleim erblindet und stirbt 1803 als vermögender Dichter in Halberstadt. Sein Wohnhaus ist heute eines der wenigen Literaturmuseen in Deutschland.

Das Gleimhaus

1824 hat Heinrich Heine gar im Brockenhaus in Nachbarschaft der wilden Hexen übernachtet auf seiner Harzreise, seiner Wanderung durch den Harz. Sein literarisches Reisebild erscheint 1826.

Johann Wolfgang von Goethe steigt gleich dreimal auf den Blocksberg und flicht Gedanken und Erlebnisse an den Hexentanzplatz und die Teufelskanzel auf dem Berg der Berge in seine literarische Tragödie „Faust“ ein.

Im Harzvorland ist es Winter geworden, es hat geschneit. Vom  Hexentanzplatz im Harz werden die Hexen auf ihren Besen im tiefen Schnee auf den Brocken springen und vom Hexenaltar die Teufel, die feige auf der Teufelskanzel hocken, mit Schneebällen vertreiben und  weiteres Unwesen treiben.

Winter

Die Kälte kann wahrlich brennen
Wie Feuer. Die Menschenkinder
Im Schneegestöber rennen
Und laufen immer geschwinder.

Oh, bittre Winterhärte!
Die Nasen sind erfroren,
Und die Klavierkonzerte
Zerreißen uns die Ohren.

Weit besser ist es im Summer,
Da kann ich im Walde spazieren,
Allein mit meinem Kummer,
Und Liebeslieder skandieren.

Heinrich Heine (1797-1856)

Alle Fotos: © Christel Wollmann-Fiedler