Außer der Rolle

Erinnerungen an Bea Arthur. Einem Golden Girl zum 100.

Von Miriam N. Reinhard

„Ich hab heute eine Klasse unterrichtet. In der feinsten Schule in Dade County. Zwei Mädchen hatten die Köpfe rasiert, und drei von den Jungs hatten grüne Haare. Ich habe mich dann auch selbstverwirklicht und die Bande rausgeschmissen, weil mir ihr Anblick zuwider war.“ (S1: F1) Mit diesen sehr deutlichen Worten lernt das Fernsehpublikum 1985 die Aushilfslehrerin Dorothy Zbornak (Bea Arthur) kennen – und wird sie dann sieben Jahre ihres Lebens begleiten. Gemeinsam mit Blanche Deveraux (Rue McClanahan), die sich primär für ihre Wirkung auf Männer interessiert, Rose Nylund (Betty White), die ihre Phantasiebegabung mit wundersamen Geschichten von ihrem Heimatdorf St. Olaf unter Beweis stellt und ihrer Mutter Sofia Petrillo (Estelle Getty), die als sizilianische Einwanderin angibt, über Mafia-Kontakte zu verfügen und auch schon mal dem ein oder anderen Diktator über den Weg gelaufen sein will, lebt Dorothy in einer Wohngemeinschaft. Alle vier Frauen waren verheiratet, sind nun alleinstehend, wenn auch immer mal wieder in Beziehungen. Dorothy wurde von ihrem Mann Stan (Herb Edelman) verlassen, hat zwei erwachsene Kinder mit ihm. Alle vier Frauenfiguren der „Golden Girls“ sind stark gezeichnet – Dorothy sticht als bodenständige Intellektuelle heraus, sie ist sehr emanzipiert, zuweilen hart, aber auch sensibel und verwundbar. Als Lehrerin fordert sie ihre Schüler, hat aber auch Verständnis für die Probleme junger Leute und unterstützt sie in schwierigen Situationen. Sie ist ein Mensch, der sich sowohl provozieren als auch anrühren lässt. Ihre Ironie ist beißend, Opfer dieser Ironie kann jeder werden, der ihr nur eine Steilvorlage bietet für Spott: Ob der Klempner da gewesen sei, fragt Sofia, als sie plötzlich vor einer angelieferten Toilette im Flur steht. Den Klempner, der die Toilette ins Haus transportierte, hatte Dorothy selbstbewusst wieder weggeschickt – die Frauen wollen die Toilette nämlich selbst installieren, sie können nämlich „sehr viel mehr als die Dinger nur saubermachen“, woraufhin sich der Klempner zum Lieferanten degradiert sieht und die Toilette trotzig stehen lässt. Auf Sofias Nachfrage, ob der Klempner da gewesen sei, antwortet Dorothy dann: „Nein, Ma, nein, nur ein kleines Mädchen, das Wandertoiletten verkauft.“ (S1: F19)

Doch Dorothy ist nicht nur ironisch. Zu ihrem Bruder Phil, der schon als Kind gerne Kleider trägt und dieses Cross-Dressing– zum Unverständnis der Mutter, doch mit dem Einverständnis seiner Ehefrau – auch als erwachsener Mann bis zum Ende seines Lebens beibehält (S6: F12), fühlt sie eine tiefe Verbundenheit. Vielleicht hat diese Besonderheit ihres Bruders auch ihre besondere Sensibilität für homosexuelle Menschen begründet: Als ihre Freundin aus Collegezeiten, Jean (Lois Nettleton), zu Besuch ist, weil sie den Tod von ihrer Lebensgefährtin verarbeiten will, baut Dorothy Vorurteile bei ihren Freundinnen ab. Zwar denkt auch Blanche zunächst, dass sie mit einer Lesbierin kein Problem habe, weil Gaddafi ja auch so etwas sei, doch als ihr dämmert, dass es einen Unterschied zwischen einer Lesbierin und einer Libyerin gibt, verunsichert es sie zunächst dann doch. (In der Originalfassung verwechselt Blanche „Lesbian“ mit „Lebanese“ und sagt, Danny Thomas sei das ja auch gewesen.)

Dorothy aber fragt sich, was wohl ihre Mutter denken würde, wäre sie an Jeans Stelle und kann dann von Sofia hören: „Wäre eines meiner Kinder homosexuell, liebte ich es deswegen um keinen Deut weniger. Ich würde ihm alles Glück auf der Welt wünschen.“ (S2:F5)

Als Rose eine Stelle als Produktionsassistentin für eine Talkshow in einem Fernsehsender antritt und dafür Frauen casten soll, die „sich lieben und zusammenleben“, fragt sie Blanche und Rose, ob sie teilnehmen möchten, ohne, dass ihr selbst klar ist, dass das Thema dieser Sendung nicht enge Freundschaft, sondern lesbisches Leben sein soll. Blanche und Dorothee erfahren erst unmittelbar vor Drehbeginn davon – und spielen schließlich mit, wenn es sie auch empört, dass sie als „Dorothy, eine Lesbierin“ und „Blanche, eine weitere Lesbierin“ dem Publikum vorgestellt werden, während das eigentliche lesbische Paar mit „Path und Cathy, Imageberaterinnen“ vorgestellt wird. Als Dorothy fragt, warum die denn keine Lesbierinnen seien, antwortet Cathy cool: „Wir lassen uns keine Etiketten ankleben.“ (S7:F15)

Für die 1980er Jahre ist „Golden Girls“ nicht nur in Bezug auf LGBT-Themen fortschrittlich und auch für Teile des Publikums sicher eine Provokation gewesen: Homosexualität, Tabletten- und Spielsucht, Antisemitismus, Rassismus, Armut, Alzheimer und Aids – aber auch Leben, Liebe und Sex im Alter, Krankheit und Angst vor dem Tod – all diese von der Gesellschaft nur zu gern tabuisierten Themen erhalten am Küchentisch der Golden Girls oder in ihren Begegnungen einen Platz: Dabei funktioniert die Serie mit einer ähnlichen List wie Dürrenmatts „Komödie als Mausefalle“: Man lacht – und dann wird es plötzlich ernst. Aus den Mündern dieser geistreichen älteren Damen etwas über solche hochbrisanten Themen zu hören, lässt sie weniger bedrohlich wirken und auch weniger wie exotische Probleme, die ein normaler Mensch nicht hat und auch nicht haben darf. Die Themen werden dorthin zurückgeholt, wo sie hingehören: in den Alltag der Menschen, in die Lebensgeschichten.

„Golden Girls“ endete 1995 nach sieben Staffeln und 180 Episoden mit dem Auszug Dorothys aus der Frauen-WG. Sie hat einen Mann gefunden, mit dem sie in Atlanta ein neues Kapitel ihres Lebens beginnen will. (S7:F26) Bei dem Erfolg dieser Serie ist es fast klar, dass nicht die Entscheidung Dorothys, sondern die Bea Arthurs es war, die dazu führte, die Geschichte hier enden zu lassen: Bea Arthur wollte diese Rolle nicht fortsetzen.

Wenn in Deutschland Bea Arthur auch primär durch ihre Rolle bei „Golden Girls“ – für die sie mit einem Emmy 1988 und einem Bambi 1992 ausgezeichnet wurde – einem größeren Publikum bekannt ist, so wäre es dennoch verkürzt, ihr Leben und ihre Karriere auf die Rolle der Dorothy zu reduzieren: 1922 in Brooklyn als Bernice Frankel geboren, wuchs Bea Arthur in Maryland auf. Nach dem College folgte sie 1943 dem Aufruf „Be a Marine, free a Marine to fight“ und diente so von 1943-1945 bei den Marines. Sie begann schließlich 1946 eine Theaterausbildung in New York bei Edwin Piscator. Arthur spielte in Stücken wie „Der Widerspenstigen Zähmung“ und „Clytemnestra“, fand aber kein weiteres Engagement auf den klassischen Bühnen und begann so eine Karriere am Broadway. Von den Kritikern gefeiert erhielt sie 1966 einen Tony Award für die Rolle der Vera Charles in Jerry Hermans „Mame!“.

Arthur als Maude Findlay, 1973

Ihren ersten großer Fernseherfolg hatte sie ab 1972 in der Rolle der Maude, in der gleichnamigen Sitcom. Auch bei Maude handelt es sich schon um eine emanzipierte, mutige Frau, die gesellschaftliche Tabuthemen anspricht – skandalös war, dass Maude sich für eine Abtreibung entschied: 30 lokale Fernsehsender in den USA strahlten die Episode nicht aus. Unvorstellbar heute? Wohl nicht, wenn man sieht, auf welchem Stand der Debatte wir uns aktuell wieder befinden. Maude ließ sich aber nicht mundtot kriegen, und „Maude“ ließ sich nicht zensieren – bis 1978 lief die Serie, brachte es auf 141 Episoden in 6 Staffeln; 1977 wurde die Performance von Arthur mit einem Emmy honoriert. Die Figur der Maude habe selbst sie beeinflusst, erzählt Bea Arthur 1978 Kirk Honeycutt von der New York Times, habe sie selbst motiviert, tiefer über kontroverse Themen – wie etwa Abtreibung – nachzudenken, als sie es vorher getan habe. Maude habe Frauen eine Stimme und Selbstbewusstsein gegeben, nie zuvor habe man das so im Fernsehen gesehen und gehört: „‘Maude’ was the first time that a woman on television had looked real, and it was the first time she said what she felt and could tell her husband to go to hell.“

Zu dem Zeitpunkt des Interviews konnte Arthur sich noch nicht vorstellen, dass es noch mal eine vergleichbare Figur im Fernsehen, von ihr gespielt, geben könne – 7 Jahre später ist sie dann als Dorothy erneut zur Fernseh- und Frauenikone avanciert.

Nach ihren großen Erfolgen mit „Golden Girls“ kehrte Arthur schließlich an den Broadway zurück, nahm aber noch Gastauftritte in anderen Sitcoms wahr.

Wenn sich die Biographie der jüdischen Schauspielerin Bea Arthur auch von der der katholischen Aushilfslehrerin Dorothy Zbonak unterscheidet, die so viele Menschen für sich gewinnen konnte, so gibt es doch auch ein paar deutliche Gemeinsamkeiten zwischen den Frauen: nicht nur das emanzipierte, selbstbewusste, androgyne und unkonventionelle Auftreten, das Spielen mit der Frauen-Rolle teilte sie mit ihr (wie auch mit anderen Rollen, die sie spielte), sondern auch die Solidarität mit Menschen aus der LGBT-Community: Nach ihrem Tod eröffnete 2017 in New York die „Bea Arthur Residence“, ein Obdachlosenheim für LGBT-Jugendliche, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Genderidentität nicht mehr zu Hause leben können. Das Heim wird von dem Ali Forney Center betrieben; Arthur hatte sich mit bereits mit einer großen Benefiz-Gala für dieses Center engagiert und es auch großzügig in ihrem Testament berücksichtigt.

Bea Arthur starb am 15. April 2009 mit 86 Jahren an Krebs.  Am 13. Mai 2022 wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Eine Gelegenheit zu danken –für ein beindruckendes und künstlerisch-kämpferisches Leben einer Frau, die ihre Rollen am hervorragendsten dann spielte, wenn sie als Frau aus der Rolle fiel.

„Thank you for being a friend“.


Bild oben: Bea Arthur als Dorothy Zbornak

 

Golden Girls im Fernsehen:

Freitag, 13.05.: ab 22:30, RTLup
Donnerstag, 19.05. ab 23:40, RTLup

Weitere Fernsehtermine unter: https://www.fernsehserien.de/golden-girls/sendetermine/-1

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