Grünanalage

Im Museum Ludwig ist noch bis Januar die Installation „Grünanlage“ von Boaz Kaizman zu sehen. Ein Gespräch mit dem Künstler über jüdische Identität, Kunst und Sprache.

haGalil: Die Installation ist Dein erstes Werk, in dem Du selbst zu sehen bist. Als Jude in Deutschland. Was hat Dich zu diesem Schritt gebracht?

Boaz Kaizman: Schon zu Beginn des Enstehungsprozesses der Arbeit war die erste Entscheidung, mich als Hauptmotiv der Arbeit zu zeigen beziehungsweise mich als Rohmaterial zu behandeln. Diese Entscheidung wurde nach meiner Einschätzung notwendig, um die Aufgabe, 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland als Kunstwerk darzustellen, zu lösen – eine Aufgabe, die beinah nicht lösbar ist. In einer der Videoarbeiten, die auf einem Videochat zwischen dem Schauspieler Dov Glickman und mir basiert, reflektieren wir im Gespräch diese konzeptuelle Entscheidung.

Boaz: In den Filmen, die ich für meine Ausstellung im Museum mache, tauche ich zum ersten Mal vor der Kamera auf. Es ist sehr schwierig, etwas mit dem Thema zu machen, also habe ich beschlossen, mich als Konzept der Arbeit in der Videoarbeit zu zeigen.

Dov: Dich selbst zu zeigen …

Boaz: Ja, mich.

Dov: Dich in Deutschland zu zeigen.

Boaz: In Deutschland.

Dov: Und du bist ein Jude.

Boaz: Und ich bin Jude.

Dov: Und du bist ja ein Jude in Deutschland.

Boaz: Und ich bin ein Jude in Deutschland!

1700 jüdisches Leben in Deutschland. Du lebst seit 1993 in Köln, eine lange Zeit. Fühlst Du Dich als Teil jüdischen Lebens in Deutschland? Gibt es Bereiche, die Dir fremd bleiben?

Ich definiere mich intuitiv als Jude und lebe lange in Deutschland. Also nehme ich am jüdischen Leben in Deutschland teil. Ich habe mich in Köln, seit ich hier lebe, noch nie fremd gefühlt. Ich habe selten Fremdenfeindlichkeit gegen mich gespürt und selbst diese wenigen Male waren nicht aufgrund meiner jüdischen Herkunft. Wie ich als Jude am jüdischen Leben teilnehme, kann ich anhand des folgenden Beispiels erläutern. Ich kaufe ab und zu typisch jüdische und israelische Produkte in einem Kiosk, dessen Inhaber ein junger iranischer Mann ist. Der Kiosk liegt nah an der Synagoge. Der junge Mann kennt sich gut mit der jüdischen Tradition aus und wir plaudern über Essen. Ich fühle mich in diesem Kiosk ein wenig wie zu Hause. 

Ist die „Grünanlage“ ein typisch deutsches Konstrukt? Erinnerst Du Dich an Deine ersten Begegnungen mit den Grünanlagen in Deutschland?

Ich denke, dass das Wort „Grünanlage“ ein typisch deutsches Konstrukt ist. Es war deutlich zu bemerken als wir den Titel „Grünanlage“ ins Englische übersetzen wollten. Es gab keine Übersetzung, die uns zufrieden gestellt hat. Zum Schluss waren wir mit „Green Area“ einverstanden. Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass das Wort „Grünanlage“ sich im Hebräischen gut übersetzen lässt. Zum Beispiel „maarechet yeruka“ wie „maarechet hashkaya“. Dieses Wortkonstrukt wurde ins neue Hebräisch durch die besondere Mitwirkung deutsch-jüdischer-Sprachwissenschaftler, die das Hebräische zu Anfang des 20. Jahrhunderts modernisiert haben, gebracht.      

Im Mittelpunkt dieser neuen Arbeit steht Sprache. Sie ist das verbinde Element der einzelnen Teile der Installation und wird auch als Grundlage aller Künste gezeigt. Welche Bedeutung hat Sprache für das jüdische Leben in Deutschland? Wirkt sie inkludierend oder grenzt sie aus? Verbindet sie, und wenn ja mit wem?

Die Sprache taucht in der Ausstellung in vielen Ausdruckformen auf – Bild, Musik und verbaler/ geschriebener Text. Für mich ist Kunst eine Sprache des inneren Dialogs beziehungsweise des Denkens. Diese Sprache kommuniziert nach Innen und nach Außen beziehungsweise verbindet sie die einzelnen Elemente der Kunstarbeit, und gleichzeitlich eröffnet sie einen Dialog mit dem Betrachter. Die Hauptverbindung der Sprache zum jüdischen Leben in Deutschland ist aus meiner Sicht das Jiddisch, das annähernd tausend Jahre alt ist und sich aus Mittelhochdeutsch entwickelt hat. Das Jiddisch ist in der Ausstellung das letzte Element der 16 Videos, das gezeigt wird. Zu sehen ist der Schauspieler Dov Glickman, der den Eintrag über die jiddische Sprache aus der jiddischen Wikipedia vorträgt.

Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marleen Scholten, © Boaz Kaizman

Ein weiteres Element Deiner Installation ist ein „jüdischer Bücherschrank“, drei Regale voll mit 1700 Büchern deutsch­sprachiger jüdischer Literatur. Das bringt die alte Frage auf, was ist jüdische Kunst? Was ist jüdische Literatur?

Das ist eine interessante und gleichzeitlich schwierige Frage. Ich könnte zurecht antworten, dass es keine jüdische Kunst oder jüdische Literatur gäbe. Ich versuche aber die Frage zumindest teilweise anders zu beantworten. Meiner Meinung nach gibt es die „jüdische Kunst“ oder die „jüdische Literatur“ nicht. Es gibt aber vielleicht eine Art jüdisches Denken. Eine Art des Denkens, die im Laufe der Jahrtausende entstanden ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Installation Grünanlage ist noch bis 9. Januar 2022 im Museum Ludwig zu sehen.

Begleitpublikation:
BOAZ KAIZMAN. GRÜNANLAGE – KÖLN, MUSEUM LUDWIG
hrsg. von Barbara Engelbach. Köln 2021/22. Beitr. von Yilmaz Dziewior, Barbara Engelbach und Boaz Kaizman. 22 x 26 cm. 140 S. mit 180 farb. Abb., broschiert – Text in dt. und engl. Sprache. Bestellen?

Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marleen Scholten, © Boaz Kaizman

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