Unser Mut – Juden in Europa 1945–48

Von Białystok über Frankfurt nach Amsterdam, von Berlin über Budapest nach Bari: „Unser Mut“ ist die erste Ausstellung, die die jüdische Nachkriegserfahrung von Flucht, Vertreibung, Selbstvergewisserung und Wiederaufbau in einer gesamteuropäischen, transnationalen Perspektive darstellt.

Pressemeldung des Jüdischen Museum Frankfurt

1933 lebten etwa 10 Millionen Jüdinnen und Juden in Europa und der Sowjetunion. Etwa 3,5 Millionen überlebten die Jahre der nationalsozialistischen Entrechtung, Verfolgung und Ermordung. Die Ausstellung „Unser Mut“ basiert auf einem mehrjährigen Forschungsprojekt zur Lebenssituation von Jüdinnen und Juden an ausgewählten Orten in Mitteleuropa, welches das Jüdische Museum in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow durchgeführt hat. Aufbauend auf diesen Forschungsergebnissen unterstreicht die Ausstellung, dass jüdische Überlebende nicht etwa eine homogene Gruppe von passiven Opfern bildeten, sondern ihr Leben in der unmittelbaren Nachkriegszeit in großem Maße selbst organisierten und aktiv gestalteten. Der Ausstellungstitel „Unser Mut“ unterstreicht diesen Gestaltungswillen; er bezieht sich auf ein jiddisches Partisanenlied aus dem Jahr 1943 wie auch auf den Namen der ersten Zeitung im DP-Camp Zeilsheim in Frankfurt.

Mit den Jahren 1945–48 sind Erfahrungen verbunden, die die jüdische Gegenwart bis heute prägen: Jüdische Soldaten in den alliierten Armeen befreien als Sieger die Überlebenden aus Verstecken und Konzentrations- und Vernichtungslagern. Emigranten, Überlebende und Soldaten versuchen, den Massenmord zu dokumentieren und zu ahnden. Unter der Obhut der US-amerikanischen Militärverwaltung entstehen Lager für jüdische Geflüchtete, die wenig später wieder verschwinden. Jüdische Gemeinden werden wieder aufgebaut, Traditionen aus der Vorkriegszeit aufgegriffen. Es sind Jahre der Flucht, der Selbstvergewisserung wie auch der Suche nach einem Zuhause und nach Gerechtigkeit. Besonders vielfältig und zugleich intensiv ist die Kunst- und Kulturproduktion in jener Zeit.

Die Ausstellung „Unser Mut“ zeichnet die vielfältigen Erfahrungen von Jüdinnen und Juden in der unmittelbaren Nachkriegszeit in persönlichen Zeugnissen sowie an sieben ausgewählten Städte und Gemeinden nach: In Osteuropa finden die Überlebenden zumeist keine Verwandten, sondern feindliche gesinnte Nachbarn vor, die sich an ihrem Hab und Gut bereichert haben. Viele fliehen weiter gen Westen in die Displaced Persons Camps der US-amerikanischen Militärverwaltung wie etwa in Frankfurt-Zeilsheim und von dort später über Transitstädte wie Bari in das britische Mandatsgebiet Palästina oder in die USA. Andere gehen aus Überzeugung in die sowjetische Zone wie etwa nach Ost-Berlin, um sich am Aufbau eines sozialistischen Gemeinwesens zu beteiligen. In Budapest und Amsterdam können die Überlebenden auf Strukturen und Einrichtungen der Vorkriegsgemeinden zurückgreifen und diese wieder aufbauen. Viele von ihnen lassen sich hier dauerhaft nieder. Während es in Białystok nicht gelingt, eine jüdische Gemeinde aufrecht zu erhalten, entwickelt sich die niederschlesische Gemeinde Dzierżoniów für wenige Jahre zu einem teil-autonomen Gebiet der Hoffnung auf ein florierendes jüdisches Leben nach der Schoa.

Frauen mit Kinderwägen aus dem DP-Lager Landsberg, 1945-50, Foto: United States Holocaust Memorial Museum, Washington, DC.

Die Ausstellung mündet in einem Raum, der das Jahr 1948 als Wendepunkt in der Nachkriegszeit thematisiert. Die Generalversammlung der UNO beschließt sowohl die Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in ein von Jüdinnen und Juden und ein von Araberinnen und Arabern verwaltetes Gebiet wie auch die Grundsätze eines neuen, internationalen Rechtsverständnisses: das Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Beide Grundsätze werden von jüdischen Emigranten aus Europa vorbereitet und ziehen eine Lehre aus dem Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Im selben Jahr ruft David Ben Gurion den unabhängigen Staats Israel aus. Mit dem beginnenden Kalten Krieg, der Auflösung der Flüchtlingslager und der Gründung Israels verlassen die meisten Jüdinnen und Juden Europa.

Zur Ausstellung ist im De Gruyter Verlag ein reich bebilderter Katalog in einer deutschen wie auch einer englischen Ausgabe erschienen. Das Buch gibt die Stadt- und Personenporträts der Ausstellung detailliert wieder und umfasst zehn wissenschaftliche Essays namhafter internationaler Autorinnen und Autoren. Es baut auf ausgewählten Vorträgen der internationalen Konferenz „Building from Ashes. Jews in Postwar Europe (1945-1950)“ auf, die das Jüdische Museum im Dezember 2017 gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, dem Fritz Bauer Institut und der Goethe-Universität Frankfurt am Main veranstaltete.

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm begleitet.

Foto oben: Polnisch-jüdische Familie(n) im DP-Lager Zeilsheim bei Frankfurt, 1946 oder 1948. Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main.

Jüdisches Museum Frankfurt
Noch bis 18.01.2022

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