Ernst Isidor Berliner (Köln/USA)

Radprofi, Radtrainer und fürsorglich-fördernder Freund Albert „Teddy“ Richters

Von Roland Kaufhold

„Es ist ein großer Verlust für Sie, auf Albert jetzt verzichten zu müssen, auch ein großer Verlust für Deutschland, ich meine für das freie neue Deutschland, denn keiner anderer als Ihr Sohn Albert wäre berufener gewesen, die sportlichen Beziehungen international wieder herzustellen.“ Man wird „seine freie, antifaschistische Auffassung zu würdigen“ verstehen.
Brief Ernst Berliners an Albert Richters Eltern (in: Franz 2007a, S. 172)

Er war 75 Jahre alt, als er 1966 noch einmal von Miami aus in seine ehemalige Heimatstadt Köln reiste. Ernst Isidor Berliner war voller Ambivalenzen und Verletzungen: 1937 hatte der ehemalige Kölner Radmeister und renommierte Radtrainer mit seiner Familie in die Niederlande emigrieren müssen, 1940 ging er in den Untergrund und 1947 – da hatten die Nazis bereits den größten Teil seiner Familie, darunter sechs seiner sieben Geschwister, ermordet – emigrierte er weiter in die demokratische USA. Mit Köln wollte er wirklich nichts mehr zu tun haben. Diese Stadt hatte ihn ausgespuckt, nur mit sehr viel Glück hatten er, seine Frau und seine Tochter im niederländischen Untergrund überlebt.

Ernst Berliner, der überlebende Jude, reiste nach 29 Jahren nur aus einem einzigen Grund in die ihm fremd gewordene ehemalige Heimat: Er wollte die Ermordung seines ehemaligen Schülers und Schützlings Albert Richter in Gestapohaft vor ein deutsches Gericht bringen. Und er hielt Kontakt zu Richters betagten Eltern, die einen erbitterten Kampf um Entschädigungsgelder für den Mord führten. Ihr letzter Kampf scheiterte: Im Mai 1967 schließt die Staatsanwaltschaft endgültig die Akten. In dem Film Tigersprung (Kaizman, Rosenthal & Seibert (2017)) ist Berliners vom Aufklärungswillen angetriebene Reise nach Köln in teils fiktiver Weise künstlerisch rekonstruiert worden. Nach einem Jahr stellte das Gericht den Prozess endgültig ein.

Alles war vergeblich gewesen. Deutschland war kein Land, das bereit war, wie man sich heute auszudrücken beliebt, seine Vergangenheit „aufzuarbeiten“. Deutschland blieb das Land, das den Mördern Schutz gewährte und die Opfer erneut und ein letztes mal entwertete. So zumindest musste es dem jüdischen Emigranten und ehemaligen Kölner Radprofi und Radrenntrainer Ernst Berliner erscheinen. Berliners Kampf um die „Gerechtigkeit“, um die Erinnerung an den vorsätzlich Ermordeten, war gescheitert. „Sein Name ist für alle Zeiten in unseren Reihen ­gelöscht“, hatte die Zeitung des deutschen Radsportverbands unmittelbar nach Richters Ermordung triumphiert (Kaufhold 2017a, 2020a). Sie hatte Recht behalten.

Biografische Anfänge im Kölner Griechenmarktviertel

Ernst Isidor Berliner wird am 25.1.1891 in der im Herzen Kölns, in der Alexianerstraße Nr. 34, geboren; diese liegt im eng gebauten, kölsch-jüdisch geprägten Griechenmarktviertel. Als Sohn des Schumachers Isaac Berliner (29.12.1862 (Wahlert/Hessen) – 13.3.1939 (Köln))[i] und seiner Frau Eva Levi[ii], wächst er mit vier Schwestern und drei Brüdern – er selbst ist der Drittälteste – in einem jüdisch geprägten Elternhaus auf; viele Nachbarn waren Juden. Heute finden sich auf der Alexianerstraße 13 Stolpersteine, darunter vor dem Haus Nr. 34 einer, der an die 1905 geborene Meta Berliner, Ernst Berliners Schwägerin, erinnert. Die am 3.7.1905 in Helsen unter dem Namen Reinhard Geborene emigrierte nach Antwerpen, wurde dennoch gefasst und am 19.4.1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt; nach dem Krieg wurde sie für tot erklärt.[iii]

Auf den Straßen wird gleichermaßen kölsch wie jiddisch gesprochen. Der Radsport war seinerzeit die dominierende Sportart, noch vor Fußball, mit teils vielen Tausend Zuschauern. Auch Ernst Berliner begeistert sich früh für den Radsport. Parallel hierzu baut er als Hauptberuf eine in der innerstädtischen Kölner Sternengasse Nr. 25 gelegene Polsterei auf, mit dem Schwerpunkt von Schlafcouchs. Mitte der 1920er Jahre hat er, wie die Albert Richter-Biografin Renate Franz (2007), mit Unterstützung von Andreas Hupke und Bernd Hempelmann, rekonstruiert hat, zeitweise bis zu elf Angestellte.

Heirat und erste sportliche Erfolge

Am 27.5.1927 heiratet Ernst Berliner die sechs Jahre jüngere Erna Schwarz. Erna wird am 8.11.1897 in Lechenisch als Tochter von Jakob Schwarz und Sibilla Berlin geboren.[iv] Das Herz des eher kleinen, stabil gebauten Mannes mit schmalem Lippenbart hängt am Radsport. Dieser begeistert ihn. Sein Ehrgeiz und Fleiß zahlt sich aus: 1912, da ist er 21, wird er Kölner Stadtmeister auf der 400 Meter langen Köln-Lindenthaler Stadtwaldbahn. Seinerzeit gab es in Köln mindestens neun Radrennbahnen: Die erste war die 1889 in Köln-Riehl vom 1. Bicycle Club Köln gegründete Riehler Radrennbahn. Diese von den nahegelegenen Clouth-Werken gesponserte Bahn – die Längenangaben variieren zwischen 333 und 400 Metern – liegt auf dem Gelände des heutigen Kölner Zoos. Die Anlage, eine Sandbahn, verfügte zusätzlich noch über einen Sportplatz, der im Winter als Eisbahn genutzt wurde. Zusätzlich wurde die Riehler Radrennbahn auch für Motorrad-Rennen genutzt. 1908 fand dort die Europameisterschaft über 100 Kilometer statt. 1956 wurde die im 2. Weltkrieg stark geschädigte, seit zwei Jahren zum Gelände des Kölner Zoos gehörende Rennbahn abgerissen. Heute findet sich dort der Elefantenpark sowie der Spielplatz des Kölner Zoos.

Ernst Berliner (auf Platz zwei) als Radrennfahrer auf der Kölner Stadtwaldbahn, Foto: privat, wiki

Die Kölner Stadtwaldbahn, auf der Ernst Berliner mehrere Rennen gewinnt und 1912 Kölner Stadtmeister wird, wurde 1900 im Köln-Lindenthaler Stadtwald angelegt. Die 400 Meter lange Bahn bestand aus Asche und Sand. 1923 fand dort das letzte Rennen statt; 1929, schreibt Franz (2007a, S. 31), auf einen Beitrag in der Radfahrer-Illustrierten Illus (14.4.1929) Bezug nehmend, „fiel die Stadtwaldbahn der Spitzhacke zum Opfer und musste Parkplätzen weichen.“ Ursprünglich war dies ein Parkweg, der um Tennisplätze führte. Die Tennisplätze gibt es heute noch, an die Radrennbahn mit ihren bis zu 20.000 Zuschauern erinnert jedoch nichts mehr.

Trainer des Ausnahmetalents Albert „Teddy“ Richter

Ernst Berliner gewinnt gemeinsam mit Jean Küster als Partner zahlreiche Siege im Mannschaftsrennen (Franz 2007a, S. 63), wendet sich jedoch bald vom aktiven Radnennsport ab. Jean Küster wird später, auf die Kölner Geschichtsschreibung und Stadtgesellschaft bezogen, eine Berühmtheit: Als langjähriger Schatzmeister im Kölner Festkomitee des Karnevals und heimlicher Begründer sowie späterer langjähriger Präsident der traditionsreichen „Lyskircher Jungs“, einer berühmten Kölner Karnevalsgesellschaft, der er 47 Jahre lang vorsteht, war er in Köln sehr bekannt, was sich in der Tagespresse vielfältig niederschlug.[v] Bereits 1951 gibt es den ersten Kölner Schul- und Veedelszug, Jean Küster führt diesen über Jahre hinweg an. Küster galt als „einer der beliebtesten Jecken im Kölner Reich“, wie die Zeit 1965 konstatiert.[vi]

Nach seinem Abschied vom aktiven Leistungssport arbeitet der kölsch-jüdische Radsportbegeisterte als Journalist und Manager von Radsportlern. Berliner gilt rasch als „Multitalent“ (Franz 2007a, S. 62) und ist der Manager u.a. von Gottfried Hürtgen, Viktor Rausch, Hans Zims, Martin Küster, den Brüdern Suter, des Kölner „Fliegers“ Mathias Engel, Peter Steffes, Paul Oszmella sowie Paul Krewers (ebd.).

Berliner, dessen Prinzipienfestigkeit und Strenge wohl teils gefürchtet war – so soll er es nicht gerne gesehen haben, wenn seine Schützlinge Alkohol tranken oder einmal eine Trainingsstunde verpassten – wirkt sich fördernd und ermutigend für den jungen Albert Richter aus: Er erkennt das Talent des 1912 geborenen Autodidakten Albert „Teddy“ Richter, bindet ihn seelisch an sich; bald verbindet sie eine enge Vater-Sohn-Beziehung (vgl. Franz 2007a, S. 65, Kaufhold 2017a, 2020a). Am 28. Oktober 1932, da ist der am 14.10.1912 geborene Richter gerade 20 geworden und seit zwei Wochen Radprofi, erscheint in der Standeszeitung Illus die Anzeige: „Ernst Berliner heißt der Betreuer des Weltmeisters Albert Richter und wohnt in Köln, Sternengasse 25, Telephon 215 133. Alle Anfragen, Verpflichtungen Richters betreffend, sind an Manager Berliner zu richten (Franz 2007a, S. 65).

Der proletarische Autodidakt Albert Richter, anfangs noch unsicher, wird vor allem aus finanziellen Motiven Radprofi. Sein Vater und Bruder sind in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise arbeitslos, mit seinen ersten Honoraren finanziert er den Familienhaushalt: „Meine Familienverhältnisse zwangen mich zum Wechsel ins Profilager“, erzählt Richter im Film „Auf der Suche nach Albert Richter“ (1989). „Arbeit konnte ich keine mehr aufnehmen wollte ich den geliebten Sport nicht aufgeben.“ Er ist auf diesen Unterhalt angewiesen, „um meine Angehörigen besser unterstützen zu können.“

Nach Albert Richters ersten Siegen – anfangs fragt er einen lokalen Radsportverein, ob er dort mitfahren kann, überholt die Halbprofis sogleich sogar mit seinem normalen Tourenrad – ist er in Köln ein gefeierter, von Tausenden umjubelter Star. Auf historischen Fotos und Filmen sieht man ihn in der Menschenmenge. „Wie Albert Weltmeister war, war Ehrenfeld zu klein für ihn“ erinnert sich im breitestem kölschen Dialekt ein Weggefährte, dokumentiert im Film „Auf der Suche nach Albert Richter“. Albert wächst schrittweise in Berliners Familie hinein: Erna Berliner bereitet für ihn Mahlzeiten, gemäß den sportlichen Vorstellungen ihres Ehemannes, also „rohes Gehacktes“ (Franz 2007a, S. 66). Nach der Geburt von Berliners Tochter Doris (29.3.1929) spielt er gerne und oft mit ihr; Alberts musikalischer Vater Johann erteilte Doris Bandoneon-Unterricht.

Berliner handelt alle Verträge für den aus proletarischen Verhältnissen stammenden, mit Vorliebe Kölsch sprechenden Albert Richter aus, legt für ihn bald auch Konten in Radfahrmetropolen wie Amsterdam, Paris und der Schweiz an. Auf ihn kann Richter sich vorbehaltlos verlassen. Berliner ermutigt den proletarischen Jungen aus Köln-Ehrenfeld, für einige Monate nach Paris zu gehen. So entgeht er dem bereits seinerzeit berühmten berüchtigten „Kölner Klüngel“, lässt sich nicht mehr vereinnahmen. Die Millionenstadt Paris ist zu diesem Zeitpunkt das Zentrum des Radsports, dort findet der junge Mann renommierte Radsportfreunde. Gemeinsam mit Jef Scherens und Louis Gérardin treten sie als „die drei Musketiere“ in der Öffentlichkeit auf. Da sind sie, gefördert durch Berliners professionellen Blick, bereits international als Radsportler bekannt.

Mit Ernst Berliner als Trainer gewinnt Albert Richter 1933 seinen ersten Deutschen Meistersprint, 1934 und 1935 wird er Vizeweltmeister. Offiziell jedoch muss der Jude Berliner nach der Selbstgleichschaltung des Bundes Deutscher Radfahrer unter Vorsitz von Ferry Orthmann am 13. April 1934 sowie wegen der nationalsozialistischen Rassegesetze seine Trainertätigkeit für Richter niederlegen. Die Selbstgleichschaltung der deutschen Radsportler wird hierbei im Eiltempo vollzogen. Der „Arierparagraph“ wird unverzüglich als verbindlich übernommen und angewendet. „Gleichschaltung im Radsport“ titelt das Standesmagazin Illus. Der Kölner Radrennfahrer Mathias Engel (1905 – 1994), sieben Jahre älter als Richter und 1927 Bahn-Weltmeister bei den Amateuren im Sprint, entstammt wie Richter und Toni Merkens der sogenannten „Fliegerschule“. Sein in Köln verwurzelter Vater betreibt in Köln-Nippes ein Brauhaus. 1929 wird er gemeinsam mit Max Schmeling mit dem „Goldenen Band“ der Sportjournalisten Berlin-Brandenburg ausgezeichnet. Engel ist mit einer jüdischen Frau verheiratet. Internen Aufforderungen von Standesfunktionären, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen, widersteht er. Auch einige seiner Radfahrerkollegen erwarten von ihm eine Scheidung. 1937 emigrieren die Engels mit Unterstützung des amerikanischen Radrennfahrers V. M. Hopkins (1904 – 1969) in die USA, New Jersey, wo er seine Karriere fortzusetzen vermag und 1937 nationaler Meister im Sprint wird. Bis 1964 betreibt er dort ein Fahrradgeschäft. Er verstirbt 1969 in Carlstadt, New Jersey.

Auch der Köln-Sülzer Sechs-Tage-Fahrer Gottfried Hürtgen, er wurde 1905 geboren, nimmt an 56 Sechstagerennen teil und gewinnt hiervon acht, so 1930 in Köln (zusammen mit Rausch). In Köln ist er berühmt; gemeinsam mit dem Kölner Viktor Rausch werden sie in der Domstadt als die „schwarzen Husaren“ verehrt; der legendäre Kölner Komponist Willi Ostermann verewigt sie in Reimversen („Das war ein Spurt, das war ein Spürtchen, es lebe Rausch, es lebe Hürtgen!“). Hürtgen ist mit der Jüdin Magdalena Hackbarth verheiratet, flieht Ende 1939 oder Anfang 1940 aus Deutschland, am 13.8.1940 kommen sie im Hafen von Buenos Aires an[vii] und lassen sich in Argentinien nieder, das Hürtgen aus früheren Radrennen kennt.

Ernst Berliner hatte offenkundig einen tiefen Groll auf Hürtgen: In seinem Brief an Budzinski (1950) schreibt er, Hürtgen sei zwar kein Nationalsozialist gewesen, aber „der schmutzigste Charakter, der mir je begegnet“ ist, „undankbar und unbeliebt bei den Kameraden“. Nicht dessen Frau sondern deren Stiefvater sei Jude gewesen (Franz 2007b, S. 87). 1942 wird Hürtgen in Argentinien Steher-Meister und baut sich danach eine Existenz als Bienenfarmer auf. Die Strecke zwischen den zahlreichen Bienenkörben legt er mit dem Fahrrad zurück. Köln sollte er nur noch selten besuchen (Franz 2007a, S. 110). Sein Todesdatum wird mal mit 1952 (Wikipedia), mal mit 1975[viii] angegeben.

Selbstauflösung und Selbstanpassung

1934 publiziert die Illus das letzte Foto, auf dem Berliner – als Trainer in schwarzem Jacket beim Start neben einem Rennfahrer stehend – zu sehen ist (Franz 2007a, S. 103). Die 35 Verbände des DRV werden aufgelöst, Führungspositionen gemäß dem „Arierparagraphen“ besetzt. Der bisherige Chefredakteur des 1921 in Breslau gegründeten, wöchentlich erscheinenden Vereinsblattes „Illustrierte Radrenn-Sport“ (Illus), Erich Kroner (1888-1937), Organisator zentraler Rennen und nebenberuflicher Verfasser von Radio-Reportagen, wird wegen seiner jüdischen Abstammung im Februar 1933 entlassen und ins KZ Sachsenhausen verbracht. Dessen Nierenleiden verschlimmert sich in der Haft; kurz nach seiner Entlassung verstirbt der erst 49-Jährige (vgl. Franz 2007b).

Kronauers Nachfolger wird der Radsport-Journalist Fredy Budzinski (1879-1970), seit 1924 Chefredakteur des Verbandsorgans BDR und seit 1926 Pressesprecher des „Vereins Deutscher Fahrradindustrieller“ (VDFI). Für Richter war er, neben Richters Vater Johann und Ernst Berliner, eine dritte Vaterfigur (Franz 2007a, S. 51). Budzinski, der mit der Jüdin Emma Grau verheiratet ist, muss nach nur einem Jahr gleichfalls seine Stellung aufgeben. 1946 und in den Folgejahren sollte Budzinski – unveröffentlicht gebliebene – Manuskripte mit dem Titel „Die Wahrheit über den Tod Albert Richters“ und weitere historisch erinnernde Texte an Richter verfassen (vgl. Franz 2007a, S. 186). Budzinskis Posten übernimmt der SS-Mann Viktor Brack (1904 – 1948), dessen Titel fortan Reichsradsportführer lautet. Brack, Mitglied der NSDAP sowie der SS und zeitweise Chauffeur Himmlers, vereinigte die Ämter des deutschen Amateur- und Berufsradsports in einer Person. Ab 1939 ist er Mitorganisator der Aktion T4, also der Vorbereitung und Durchführung der massenhaften Tötung von „Geisteskranken“ und von Behinderten. Nach der Ermordung Richters – und von Mord sollten wir nur noch sprechen – lässt er falsche Gerüchte und Meldungen über den Tod Richters verbreiten. Nach dem Krieg ist er Angeklagter im Nürnberger Ärzteprozess und wird am 20.8.1947 zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wird am 2.6.1948 vollstreckt.[ix]

In Frankreich, dem der aus proletarischen Verhältnissen stammende Weltbürger Richter sich bald innerlich verbunden fühlt, wird dieser nach dem zweimaligen Gewinn des Grand Prix de Paris eine Berühmtheit, das französische Publikum jubelt dem „deutschen Acht­zylinder“ zu. Ernst Berliner, der dessen vorhandenes Talent durch eine Mischung aus Disziplin, Strenge und familiärer Verbundenheit gefördert hatte, ist zwischenzeitlich zum väterlichen Freund Richters avanciert. Berliners Tochter Doris (Dorothea) Berliner (spätere Markus) sagte Richters Biographin Renate Franz: „Albert war der Sohn, den mein Vater nie hatte.“ (Franz 2007a, S. 65). In mehreren erinnernden Fernsehdokumentationen über Richter sollte sie als Zeitzeugin auftreten (vgl. Jean Nelissen (2013), Michel Viotte (2005) („Albert Richter, el campeón que dijo no“) sowie vgl. Kaizman, Rosenthal & Seibert (2017). Auf der Website Joods Monument Zaanstrek wird an Doris Berliners Lebensweg (29.3.1929 – 12.11.2009) erinnert.

Albert Richters sportliche Triumphe reißen nicht ab. In den Jahren von 1933 – 1939 wird er ununterbrochen Deutscher Meister. Überheblichkeit bleibt dem international Umjubelten weiterhin fremd. Er verhält sich auch nach seinen sportlichen Triumphen weiterhin zurückhaltend, spielt in den internationalen Hotels lieber Geige, als mit seinen Kollegen durch die Nächte zu ziehen.

Der Mitzwanziger Albert Richter nimmt bewusst wahr, dass die Nazis Ernst Berliner bedrohen. Der mehr oder weniger deutlich formulierten Forderung, sich als „Arier“ von seinem jüdischen Trainer zu trennen, lehnt Richter nicht nur ab: Er verachtet sie. Richter weiß, wem er seinen kometenhaften Aufstieg zur internationalen Radsportlegende verdankt. Ernst Berliner bleibt er innerlich loyal – und zeigt sich auch bei internationalen Rennen in europäischen Metropolen gemeinsam mit seinem jüdischen Trainer Berliner. Und er zeigte keine Angst vor den Nationalsozialisten: Öffentlich bezeichnet er diese als „Verbrecherbande“, 1934 verweigert er bei einer Siegerehrung in Hannover den Hitlergruß. Das Foto erscheint in der Weltpresse, sehr zum Ärger der Nationalsozialisten. Bei Auftritten im Ausland weigert Richter sich, ein Trikot mit dem Hakenkreuz zu tragen oder den Hitlergruß zu zeigen.

1937: Emigration in die Niederlande

Als Berliner infolge der Rassegesetze Berufsverbot erteilt wird, emigriert er im September 1937 mit Ehefrau Erna und der achtjährigen Tochter Doris in die Niederlande. Wohl keine ­Sekunde zu früh, denn an den Hauswänden vor seiner früheren Wohnung hängen wenig später Flugblätter mit der Parole „Der Jüd ist entflohen“. Als Hauptgrund für seine Flucht nennt er in einem Brief vom 1.2.1959 an den Sportjournalisten Klimanschewsky, dass ihn sein früherer Schützling Peter Steffes erpresst habe „und mir mit einer Anzeige wegen Devisenvergehen drohte.“ (Franz 2007a, S. 110) Eben jenen Steffes, der sich Ende der 1930er Jahre gemeinsam mit Miethe Hoffnung darauf machte, an die Stelle Ernst Berliners als Manager Richters zu treten (vgl. Franz 2007a, S. 112), sollte er wenig später auch als einen der beiden mutmaßlichen Denunzianten Richters bei seiner Flucht Ende 1939 über die Schweizer Grenze benennen, die mit Richters Ermordung endete.

Anfangs lebt Berliner mit seiner Familie im niederländischen Hulsberg. Vorausschauend hatte er zuvor einen Teil seiner Ersparnisse in die Niederlande bringen können. Neben Richter, über dessen Aufenthalt und Starts er weiterhin regelmäßig informiert war, betreut Berliner niederländische Radsportler. Bei internationalen Auftritten Richters bleibt er weiterhin dessen Trainer. Dies ruft den Neid „arischer“, weniger erfolgreicher Kollegen hervor. Diese erkennen, dass nur die „Betreuung“ des Ausnahmetalents Richter ihnen eine finanzielle Unabhängigkeit gewähren könnte. Experten und ehemalige Weggefährten (vgl. Richter & Scholl (1989) sehen hierin eine der Motive für Richters Ermordung wenige Jahre später.

Im August 1938 zieht Ernst Berliner mit seiner Frau und seiner inzwischen neunjährigen Tochter Doris nach Amsterdam, wo er weiterhin, wegen seines ungesicherten Status als „feindlicher Staatsangehöriger“ (in den bedrohten Niederlanden galt der Jude Berliner weiterhin zuvörderst als Deutscher) mehr oder weniger „illegal“ bzw. hinter den Kulissen, als Radsportmanager arbeitet. Seine Konten wurden zeitweise gesperrt. Er betreut weiterhin Richter, einige niederländische Radprofis sowie das Kölner Gespann Zims & Küster (Franz 2007a, S. 110). Ansonsten arbeitet er in seinem erlernten Beruf als Polsterer. Im Juli 1939, sechs Wochen vor Kriegsbeginn, emigriert er mit seiner Tochter weiter nach England; seine Frau bleibt auf eigenem Wunsch zusammen mit ihrer Mutter in Amsterdam. Nach einem Hilferuf seiner Frau kehrt er wieder in die Niederlande zurück (Franz 2007a, S. 110).

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Niederlande im Mai 1940 (vgl. Kaufhold 2008) taucht die Familie bei einer holländischen Familie unter, muss mehrfach ihr Versteck wechseln. Ihre Tochter Doris, die in Amsterdam zeitweise die gleiche Schulklasse wie Anne Frank besucht, muss zeitweise getrennt von ihren Eltern untergebracht werden; sie verteilt dennoch als Jugendliche Flugblätter gegen die deutschen Nationalsozialisten.

Albert Richter hält zu seinem im niederländischen Exil lebenden jüdischen Trainer weiterhin vertrauensvollen und engen Kontakt. 1938 – er fährt sowohl bei den „Fliegern“ als auch im Stehersport Erfolg nach Erfolg heraus und wird vom Standesmagazin „Deutscher Radfahrer“ in einer sechsteiligen Folge hymnisch gefeiert – treten sie bei der UCI Bahn-Weltmeisterschaft im Olympiastadion Amsterdams gemeinsam auf, trotz der hierdurch bedingten Gefährdung Richters durch die Nationalsozialisten. Der politisch erfahrenere Berliner achtet darauf, dass er bei internationalen Starts auf keinem Pressefoto gemeinsam mit Albert Richter zu sehen ist. Dennoch sieht man sie vereinzelt gemeinsam auf Filmaufnahmen; in der eindrücklichen frühen Filmdokumentation „Auf der Suche nach Albert Richter“ (Weber & Scholl 1989) ist eine solche Filmaufnahme eingearbeitet worden.

Am 9. Dezember 1939 gewinnt Richter noch einmal, von der Menge um­jubelt, bei den Profis den Großen Preis von Berlin. In seinem letzten Brief an seinen Freund Berliner versicherte er diesem: „Das ist mein letzter Start, meine letzte Reise nach Deutschland.“ Richter plant seine Flucht. Die Gestapo versucht, ihn bei Hausbesuchen unter Verweis auf seine Freundschaft mit Berliner zu erpressen – vergeblich. Nun weiß er, dass er möglichst rasch ins Ausland emigrieren muss. Bekannte eines jüdischen Freundes, des Kölner Textilhändlers Alfred Schweizer, der 1938 ins Ausland geflohen war – dessen Geschäft „Schweizer & Blumenkohl“ befindet sich nur wenige Häuser neben Berliners Werkstatt in der Sternengasse Nr. 7 – , vertrauen ihm 12 700 Reichsmark, dessen letzten Ersparnisse, an; diese möchte er über die Grenze schmuggeln und Alfred Schweizer übergeben (vgl. Franz 2007a, S. 121). Als die Geldübergabe aus widrigen Umständen mehrfach verschoben werden muss prägen Richter Gewissensbisse. Ernst Berliner warnt ihn vor dieser „illegalen“ Aktion und bittet ihn nachdrücklich, das Geld wegen der Eigengefährdung nicht in die Schweiz zu überbringen sondern es Alfred Schweizers weiterhin in Köln lebender Mutter zurück zu bringen.

Die Flucht in den Tod – und mutmaßliche Denunzianten

Am 31. Dezember 1939 bricht Richter – entgegen Berliners ausdrücklichem Rat, der begründet befürchtet, dass Richter bespitzelt wird – mit dem Zug in die Schweiz auf, das Geld hat er in die Reifen seines Rennrades eingenäht. Richter wird in Lörrach gezielt kontrolliert, das Geld entdeckt. Es kann als gesichert betrachtet werden, dass Albert Teddy Richter verraten worden ist, der Name der mutmaßlichen Denunzianten, Werner Miete und Werner Steffes, ist in der Literatur und in Filmen (u.a. im Film „Auf der Suche nach Albert Richter – Radrennfahrer“, Weber & Scholl 1989) immer wieder genannt worden (vgl. Franz 2007a, S. 134-147, Kaufhold 2017a, b, 2020a, 2021a, b); Ernst Berliner sollte die Namen in einem Brief an den Kölner Oberbürgermeister bei seiner Strafanzeige zur Aufklärung der Ermordung Richters im Jahr 1966 ebenfalls nennen.

„Auf der Suche nach Albert Richter“: Das Interview mit dem Ehepaar Steffes

Das von Berliner 1966 eingeleitete Verfahren wegen der Ermordung seines Freundes Richter wird ein Jahr später, vermutlich auch aufgrund eines geringen Aufklärungsbedürfnissen, ohne Schuldspruch eingestellt. Die Zeit arbeitet für den bzw. die Mörder. 23 Jahre später, alle Zeitzeugen sind inzwischen betagt, nähert sich der 50. Jahrestag der Ermordung Richters. Es ist die letzte Gelegenheit, mit den noch lebenden Zeitzeugen zu sprechen, um das vergessene Schicksal Richters zu erinnern und seine Ermordung zumindest ansatzweise, zumindest in der Erinnerung, aufzuhellen. Aus diesem Anlass entsteht der eindrückliche NDR-Film „Auf der Suche nach Albert Richter – Radrennfahrer“ (1989) von Raimund Weber & Tillmann Scholl[x]; dieser ist eine auch heute noch wertvolle Quelle, um mögliche Denunzianten und Täter zu benennen. Denn Täter muss es gegeben haben. Es werden in dem Film zahlreiche Freunde und Kollegen Richters aus Köln sowie aus der internationalen Radsportszene, alle naturgemäß in betagterem Alter, interviewt. Nahezu alle Interviewten schließen es aus, dass Richter, wie die Nationalsozialisten kolportierten, Suizid begangen haben – es ist auch kein Motiv hierfür zu erkennen. Insbesondere die letzten bildlichen Szenen des Films, das die filmische Rekonstruktion abschließende Interview mit dem Ehepaar Steffes, könnte wesentliche Aspekte zur Aufhellung der Ermordung Richters und möglicher Denunzianten liefern. Interviewt werden Peter Steffes und dessen Ehefrau – also einer der Männer, die Berliner als mögliche Zeugen oder Denunzianten benannte. 1992, drei Jahre nach Erscheinen des Filmes, verstarb Steffes.

Steffes, fünf Jahre älter als Richter, war Ende der 1930er Jahre als Radmanager letztlich gescheitert: Richter wollte sich nicht durch ihn vertreten lassen, er hielt weiterhin zu Berliner. Während des Krieges soll Steffes laut der Personen-Darstellung auf Wikipedia[xi] vor allem „durch den Verkauf von Schmuggelgut und jüdischem Besitz aus Frankreich“ zu Wohlstand gekommen sein; nach dem Kriege verdiente er laut Wikipedia durch Schwarzhandel sein Geld.

Sowohl in der Literatur als auch in besagtem Film (Weber & Scholl 1989) (insbesondere in den letzten 10 Minuten) wird hervorgehoben, dass aus Richters unmittelbarem Umfeld letztlich nur Einer Grund zum Neid gehabt habe: Peter Steffes. Obwohl Berliner Steffes in seiner Strafanzeige zumindest als einen Zeugen benannt hatte wurde dieser von der Staatsanwaltschaft nie vernommen. Weber & Scholl (1989) sprechen in ihrem Film von einem „Gespräch mit Umwegen“ mit den Steffes.

Steffes, der an mehreren Stellen des Interviews lieber seine Ehefrau Trude über die Umstände des Todes seines langjährigen Radfahrerkollegen Richter sprechen lässt, gerät beim Interview zunehmend in emotionale Aufregung; seine Ehefrau gleichfalls. Empört sind sie – nachvollziehbar, schließlich hatte Berliner ihn als möglichen Zeugen in seiner Anzeige benannt – vor allem über Ernst Berliner: „Das war ein Schweinehund! Der hat uns sehr zugesetzt. (…) Der ist doch ausgewandert, der Berliner. Dem ist doch nichts passiert“, ruft Trude Steffes erregt über den jüdischen Emigranten und Überlebenden. Und auf die Nachfrage, dass die große Mehrzahl der Radfahrer und Experten von einer Ermordung Richters sprechen ruft sie empört: „Das gibts nicht! Nie!“

Anfangs legt das Ehepaar nahe, dass sie Richter eigentlich gar nicht gekannt hätten – „Der Albert Richter der kam später“ – , dann korrigieren sie ihre Erinnerung, als die Filmemacher ihnen ein gemeinsames Fotos Peter Steffes mit Albert Richter vorlegen. Die Erinnerung an Albert Richter ist ihnen erkennbar unangenehm.

Als Einzige der im Film Interviewten Zeitzeugen, dafür jedoch mit großem Nachdruck, insistieren sie beim Gespräch über Richters Tod auf die von der Gestapo – bzw. von der NS-Sportführung – kolportierte Version, dass Richter Suizid begangen habe.

„Soll ich es erzählen? Der wollte das Geld in die Schweiz bringen. Dann ist er in das Gefängnis gekommen. Da hat er sich dann erhängt. Obwohl er von Deutschland aus – wäre ihm nichts passiert“ erzählt Lore Steffes. Und ihr Mann fügte mit Nachdruck hinzu: „Wahrscheinlich Freigabe!“ Als die Filmemacher darauf verweisen, dass alle anderen interviewten Zeitzeugen es für sehr wahrscheinlich halten, dass Richter von der Gestapo ermordet worden sei, rufen sie beide empört: „Ach Quatsch, nie! Das ist Quatsch.“ Im sehr gelungenen Albert Richter-Portrait des „Altonaer Bicycle-Club (2015) wird zu dieser Interview-Passage hinzu gefügt, dass Peter Steffes bei der Frage nach einem Verrat murmelnd von Berliner als „dreckelige(m) Jüd“ gesprochen habe. Richter selbst, so berichten die Steffes gönnerhaft-herablassend, sei ein „braver, anständiger, naiver Junge“ gewesen. „Ein ganz naiver Junge“, der einfach „die Nerven verloren habe“. Letztlich sei er, so insinuieren sie hiermit, trotz der objektiv schockhaften Festnahme durch die Gestapo und der gezielte Durchsuchung des Reifens seines Rennrades – offenkundig wusste die Gestapo, wo Richter das Geld seines jüdischen Freundes versteckt hatte – sowie der anschließenden zweitägigen Gestapohaft in keinster Weise gefährdet gewesen. Trude Steffes fügt, einschließlich einer freudschen Fehlleistung, im Interview hinzu: „Wir haben leider gehört, daß er freigekommen wäre und hätte keine Sorgen haben brauchen. Das hat man uns bestätigt damals.“ (Weber & Scholl 1989)

Peter Steffes, dies sei nachgetragen, ist in die Chronik der deutschen Radfahrer-Vereinsgeschichte als Ehrenmann eingegangen, Richter hingegen wurde aus ihr über Jahrzehnte gestrichen (vgl. Franz 2007a, S. 164-173). Steffes Wohlstand ermöglichte es ihm, sein verbandsinternes Ansehen als Stifter des Ehrenpreises für die Sieger des traditionsreichen Bahnrennens „Silberner Adler von Köln“ und mittels weiterer Auszeichnungen zu erhöhen.[xii]

Richters Grab, Foto: R. Kaufhold

Der Ermordete und die Legenden

Richter wird im Lörracher Grenzgefängnis inhaftiert, drei Tage später ist er tot; wir sollten es als gesichert betrachten, dass er von der Gestapo ermordet worden ist. Die Vehemenz, mit der die Nationalsozialisten unmittelbar nach Richters Ermordung immer neue Legenden zu den Umständen seines Todes verbreiten – anfangs lancieren sie die Formulierung, Richter sei „plötzlich aus dem Leben geschieden“ (S. Franz 2007a, S. 127), es folgen Meldung vom Ski-Unfall, dann vom „Freitod“ – spricht eine eindeutige Sprache (vgl. Franz 2007a, S. 122-173, Kaufhold 2017a, 2020a).

Das NS-treue Magazin „Der deutsche Radfahrer“ vermeldet Richters Tod – verknüpft diese mit einer gezielten Verhöhnung des Ermordeten. „Im Interesse des deutschen Radsports“ müsse festgehalten werden, dass Richter „ein Verbrechen begangen“ habe, „von dem der deutsche Radsport in seiner Gesamtheit nicht weit genug abrücken“ könne. Richter habe – damit spielte das NS-treue Radfahrermagazin unmittelbar auf den geflohenen Ernst Berliner an – „für einen Kölner Juden zu wiederholtem Male“ den Versuch unternommen, „größere Markbeträge in die Schweiz zu verschieben“. Damit habe er sich „außerhalb der deutschen Volksgemeinschaft und selbstverständlich genau so kraß außerhalb der Gemeinschaft des deutschen Sports gestellt. Daraus hat er die einzig mögliche Konsequenz gezogen und den Freitod gesucht.“ (in Franz 2007a, S. 128)

Obwohl Richters Tod von den Nationalsozialisten geheim gehalten wird nehmen an seiner Beerdigung am 10. Januar 1940 auf dem Köln-Ehrenfelder Friedhof 200 Trauernde von ihm Abschied. Einige heimlich gemachte Fotos der Trauerfeier – die von der Gestapo observiert wurde – sind erhalten geblieben und wurden veröffentlicht (u.a. in Franz 2007a, S. 130-132, Weber & Scholl 1989). Der Völkische ­Beobachter vermeldet lakonisch: „Heute rot – morgen tot.“ (Franz 2007a, S. 122) Ernst Berliner, mit seiner gesamten jüdischen Familie selbst existentiell gefährdet, erfährt im niederländischen Exil vom Tod seines Schützlings und Freundes – und ist zutiefst deprimiert.

1947: Emigration in die USA – und die nahezu vollständig ausgelöschte Familie Berliner

1947 emigriert der 56-jährige mit seiner Ehefrau Erna und seiner Tochter in die USA; einzig seinem sechs Jahre jüngeren Bruder Theodor sollte die Flucht in die USA gelingen, alle anderen sechs Geschwister wurden in der Shoah ermordet. Mit ihm reiste das Wissen um die Ermordung eines Großteils ihrer engen Verwandten: Seine Mutter Eva war im Juni 1942 nach Theresienstadt verschleppt worden und verstarb drei Monate später in Theresienstadt. Zahlreiche weitere Familienmitglieder wurden im Auftrag der Deutschen ermordet. So wurden sechs seiner sieben Geschwister ermordet: Betty (geb. 20.9.1887) wurde am 30.10.1941 in Köln in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) deportiert und im Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) in Polen verbracht, wo sie verstarb. In Kulmhof sollen von Dezember 1941 bis April 1943 bis zu 300.000 Menschen ermordet worden sein. Hermann Berliner (geb. 14.6.1889) wurde am 20.7.1942 von Köln nach Minsk deportiert, wo er verstarb. Rosa Berliner (geb. 27.7.1892) wurde am 30.10.1941 nach Litzmannstadt (Lodz) verschleppt und für tot erklärt. Ida Berliner (geb. 3.12.1893) emigrierte von Köln nach Belgien, wurde am 8.9.1942 ab Mechelen (Malines) in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und kam dort am 8.9.1942 ums Leben. Augusta (nach anderen Schreibweisen: Auguste) Berliner (geb. 1901), die zeitweise bei der Familie in Amsterdam gelebt hatte, wurde am 30.11.1943 im Konzentrationslager Majdanek ermordet. Karl Berliner (geb. 30.6.1908), 17 Jahre jünger als Ernst, emigrierte nach Belgien, wurde am 8.9.1942, also am gleichen Tag wie seine Schwester Ida, ab Mechelen (Malines) nach Cosel (Kozle) deportiert, kam in das Durchgangslager für die Organisation Schmelt und wurde für tot erklärt. Einzig Ernst Berliners sechs Jahre jüngerer Bruder Theodor (geb. 2.12.1897 in Köln) gelang die Flucht in die USA. 1978 lebte er in New York, am 12.10.1988 verstarb er in Palisades/New York. 1978 hatte er mehrere Gedenkblätter zum Schicksal seiner sechs Geschwister in der Shoah bei einer Gedenkstätte eingereicht.[xiii]

In Köln wurde für die ermordeten Rosa und Martin Herz – eine Schwester Ernst Berliners – in der Friedrichstraße 40 Stolpersteine verlegt; für seine Schwägerin Meta in der Alexianerstraße 34, also vor dem Haus, in dem die Familie in Köln aufgewachsen ist.

Dennoch besucht Berliner wenige Jahre später seine frühere Heimatstadt, um das Schicksal seines Freundes aufzuklären. Er stößt nur auf Schweigen (vgl. Kaizman, Rosenthal & (2017)).

Am 1.12.1959 schreibt Berliner in einem Brief an den DDR-Sportjournalisten Klimanschewsky in der Rückerinnerung: „Persönlich und schriftlich hatte ich Albert oft ersucht, Deutschland zu meiden, besonders weil er (…) aus seiner antifaschistischen Gesinnung öffentlich kein Hehl machte. (…) aus meinen Zeilen können Sie ersehen, wie Albert nicht nur bei mir, sondern auch überall im Ausland im Ansehen stand, ein edler, hilfsbewußter Mensch & Sportler gegenüber den Nazibedrückten, selbst ein Antifaschist, wie solche leider unter den damaligen Berufskollegen von Albert wenige zu finden waren.“ (Franz 2007a, S. 104f.) Und in einer weiteren in der DDR erschienenen Biografie wird er mit den Worten wiedergegeben: „Was ich dann (…) in den schmachvollen Jahren der Bedrängnis und Verfolgung durch das unselige Regime zu erdulden hatte, war nichts zum Vergleich zu dem fast körperlichen Schmerz, der mir durch den Mord an Albert Richter zugefügt wurde.“ (Franz 2007a, S. 136) Auch ehemalige niederländische Kollegen bezeugen in Interviews im Film „Wer war Albert Richter?“ Jahrzehnte nach Richters Ermordung dessen eindeutige antifaschistische Grundhaltung. Diese kommunizierte der proletarische, existentiell bedrohte Junge nicht so sehr in öffentlichen Äußerungen als in unmissverständlichen Gesten und Verweigerungen bei zahlreichen Siegerehrungen in Deutschland. Dass Richter die Nazis ablehnt, das wissen Freunde und Kollegen und das spüren die radsportbegeisterten Zuschauer.

Richters Schweizer Sprinterkollege Sepp Dinkelkamp schreibt 1956 an seine Eltern: „Gerne bestätige ich Ihnen, dass Albert ein Antinazi war. Schon lange Zeit vor dem Kriege sah er das Treiben und die Machenschaften dieser Verbrecherbande, so nannte Albert die Nazis (…) Auf Reisen durch Deutschland sahen wir viel Hitler-Jugend, SA, SS, und wie sie alle hießen. Immer wieder sagte Albert, das ist nicht gut für Deutschland. (…) Hätte er mit den Nazis mitgemacht, wäre es für ihn von großem Vorteil gewesen. Albert wählte den anderen Weg.“ (in Franz 2007a, S. 102)

Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang „nach 1945“ innerhalb der Gilde der Radsportler, dazu gab es wenig Anlass – eine Einschätzung, die für wohl alle Berufsgruppen der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik galt. Das „neue“ Führungspersonal der Radsportfunktionäre setzte sich ganz überwiegend aus ehemaligen Nationalsozialisten zusammen. Gerhard Schulze (1899 – 1976) etwa, von 1955 – 1959 Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), war zwischen 1933 und 1945 „Reichsjugendfachwart“ des „Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen“ gewesen und verfasste entsprechende enthusiastische Lobeshymnen auf die Hitlerjungen (HJ); Berliner bezeichnete diesen in seinem Brief an Klimanschewsky (1.12.1959) empört als einen „Führer der Nazi-Mädels“ (Franz 2007a, S. 165). Während in der Bundesrepublik das Vergessen Albert Richters für Jahrzehnte vollständig war wurde er in der „antizionistischen“ DDR als Antifaschist gefeiert (Kaufhold 2017a, 2020a, 2021a). So verfasste der frühere Radsportler Karl Wagner unter dem Pseudonym Karl Plättke das naiv anmutende, an Richters Biografie angelehnte Kinderbuch „Die letzte Kurve“, das wohl vor allem auf Angaben Berliners beruhte; dieser steuerte auch ein Nachwort bei (vgl. Franz 2007a, S. 170). Adolf Klimanschewsky publizierte, angeregt durch sein Treffen mit Berliner in Amsterdam,1959 in dem Organ des DDR-Radsportverbandes eine Serie über den Radweltmeister des Jahres 1932.

Der letzte Kampf des Vertriebenen

Richters betagter Vater Johann, den Berliner sogar noch aus den USA finanziell unterstützt, führt in der Nachkriegszeit einen erbitterten Kampf um Entschädigung und Rehabilitation seines ermordeten Sohnes. 1960 schreibt er an den Kölner Regierungspräsidenten – und bezieht sich hierbei auch auf den emigrierten jüdischen Trainer seines Sohnes: „Alle Sportkameraden meines Sohnes erklären anschließend, daß mein Sohn sterben mußte, weil er der damaligen Regierung nicht zu Willen war und sich nicht in das Spionagenetz einspannen ließ. Ebenfalls berichtet der Manager meines Sohnes, der Jude Ernst Berliner, jetzt New York, von dem Druck, dem mein Sohn ausgesetzt war, und daß mein Sohn aus diesem die Absicht hatte, Deutschland zu verlassen. (…) Deshalb mußte mein Sohn sterben.“ (Franz 2007a, S. 144f.)

Johann Richters Kampf bleibt ­erfolglos. Der Kampf um die „Wiedergutmachung“ ist der letzte Akt einer verzweifelten Würdelosigkeit, wie sie familienbiografisch etwa von Lorenz Beckhardt (2014) sowie von Peter Finkelgruen (Finkelgruen 1992, 1997, 2020; vgl. Kaufhold 2020b) beschrieben worden sind.

Der aus Köln vertriebene Jude Berliner, dessen Familie zum größten Teil von den Deutschen ermordet worden ist, findet auch 26 Jahre nach der Ermordung seines Schützlings keine Ruhe. Er fühlt sich dem ermordeten Kölner Ausnahmetalent weiterhin verpflichtet und erstattet im Februar 1966 von Miami aus in Bonn Anzeige „gegen Unbekannt“ wegen der Ermordung Richters. Er benennt anzunehmende Hauptschuldige und Zeugen (s.o.) Als inzwischen seelisch gebrochener Mensch reist er 1966, da ist er bereits 75 Jahre alt, noch einmal nach Köln. Mit ihm reist, als er Kölner Boden betritt, innerlich die Asche seiner in Minsk, Lodz, Auschwitz und Majdanek von Deutschen vergasten Geschwister, mit denen er 70 Jahre zuvor in der Kölner Alexianerstraße gespielt hatte. Und mit ihm fährt erinnernd der jugendliche, ein halbes Jahrhundert zuvor in Köln-Ehrenfeld von Tausenden gefeierte Albert Teddy Richter. Aus dieser Erinnerung gibt es für den Emigranten und Überlebenden kein Entrinnen. Und doch reist er noch einmal nach Köln. Berliner spricht in seiner ehemaligen, ihm fremd gewordenen Heimatstadt Köln mit „früheren“ Nationalsozialisten sowie mit Weggefährten Richters – und wird von einigen von diesen sogar noch selbst für den Tod Richters verantwortlich gemacht! (vgl. Kaizman, Rosenthal & Seibert (2017) Es ist ein letztes Aufbäumen des Mittsiebzigers gegen das millionenfache Unrecht, den millionenfachen Mord, ein sprachloser Aufschrei eines vertriebenen Juden, der das Unrecht nicht hinnehmen möchte. Und es ist ein erschütterndes Dokument eines letzten verzweifelten Protestes, das nur auf deutsches Schweigen, Hohn und Erniedrigung stößt. Der ehemalige Kölner Publikumsliebling Albert „Teddy“ Richter soll in Köln endgültig vergessen werden. Der letztlich Einzige, der den kollektiven deutschen Frieden stört, ist der Jude Berliner. Es ist eine Geschichte, die sich in den Jahrzehnten danach immer wieder wiederholen sollte, mit anderen Protagonisten und der gleichen Leidenschaft zum Vergessen und zur Schuldumkehr (Salzborn 2020). Der Antisemitismus lebt weiter, er hat nie aufgehört zu existieren.

Im Mai 1967, ein Jahr nach Ernst Berliners letzter Reise nach Köln, schließt die Staatsanwaltschaft die Akten. Ein NS-Gewaltverbrechen sei auszuschließen, heißt es in den Akten.

Der Rest der postulierten historischen „Aufarbeitung“ ist nur noch Folklore im langen Kanon der Bemühungen um einen „Schlussstrich“, im kollektiven Kampf um das Vergessen. Das Vergessen hat gesiegt. Albert Richter bleibt in der kollektiven Erinnerung ausgelöscht. Er ist tot, darüber ist man in Köln letztlich erleichtert. Berliner ist froh, nichts mehr mit Deutschland zu tun zu haben. Zehn Jahre Leben in den USA bleiben ihm noch.

Der Rest ist ein Epilog. Den Eltern von Albert Richter schreibt Berliner: „Es ist ein großer Verlust für Sie, auf Albert jetzt verzichten zu müssen, aber auch ein großer Verlust für Deutschland, ich meine für das freie neue Deutschland, denn keiner anderer als Ihr Sohn Albert wäre berufener gewesen, die sportlichen Beziehungen international wieder herzustellen.“ (Franz 2007a, S. 172)

In besagtem Kinofilm Der Tigersprung wird diese gescheiterte Rückkehr in fiktiv-literarischer Weise in dieser Weise rekonstruiert:

„Der Ozean, der mich bald wie ich hoffe für immer von Europa trennen wird. Ich habe mir vorgenommen, nie wieder nach Deutschland zurück zu kehren“, schreibt er seiner in den Niederlanden geborenen amerikanischen Tochter. „Kein Tag ist vergangen“, so fügt Berliner hinzu, an dem er nicht an Albert gedacht habe. „Ich habe hier alles versucht, aber ich muss gestehen, ich bin gescheitert. Keiner will wirklich wissen, was in Lörrach wirklich vorgefallen ist.“ In Köln ist man froh, dass der Jude, der Zeuge, Köln endgültig verlassen hat. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix hat diesen bis heute wirkenden deutschen Verleugnungswettbewerb mit den Worten zusammen gefasst: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen.“

Und weiter heißt es im Kinofilm: „Die Zeugen decken sich gegenseitig oder können sich nicht mehr erinnern (…) als wäre nach dem Krieg schon genug Schmutz aufgewirbelt worden von Fremden wie mir. Dem Kölner Juden, der nicht mehr wusste, in welcher Sprache er träumen sollte.“ Seine Sprache – „unsere Sprache“ sei schwarz-weiß, „die Sprache der Toten, unsere Sprache.“ Seine Erinnerungen seien „endgültig in Rauch aufgegangen“.

Für Michael Hokkeler, Vorsitzender des Kölner Radsportvereins »Racing Team Cölle dasimmerdabei« (RTC DSD), ist Albert Richter in seinem Mut und Gradlinigkeit ein Vorbild an Zivilcourage, wie er haGalil mitteilt: „Das Verhältnis zwischen Sportler*innen und ihren Trainer*innen ist häufig besonders, aber eine Verbundenheit wie bei Albert Richter und Ernst Berliner über den Sport und alle Widrigkeiten hinaus findet man in der Geschichte vermutlich kein zweites Mal. Mutig und bedingungslos angesichts der damit verbundenen Risiken in der Nazi-Diktatur standen beide zueinander. Dass Ernst Berliner sich erneut ins Land der Täter aufgemacht hat, um den Tod seines Freundes aufzuklären, spricht für sich.  Auch wenn der ohnehin schwere und demütigende Gang an die stummen Stammtische der einstigen Weggefährten, unter denen mutmaßlich auch die Missgünstigen und die Verräter saßen, erfolglos blieb, so setzte er damit doch ein unglaubliches Zeichen der Zuneigung und Verbundenheit. Ich empfinde es daher als Verpflichtung nicht nur an den großen Sportler Albert Richter zu erinnern sondern im gleichen Atemzug an den großen Menschen Ernst Berliner.“

Miami und New York

Die Berliners leben anfangs in Miami, dann in New York. Ernst Berliner arbeitete dort weiter als Polsterer wie auch als Manager von Radrennfahrer sowie als – viersprachiger (Deutsch, Niederländisch, Englisch und Hebräisch) – Sportjournalist, u.a. auch für die deutschsprachige New Yorker Zeitung Deutscher Herold. Auch wegen seiner Sprachkenntnisse entsendet ihn der US-amerikanische Radsportverband zu Sitzungen des Weltsportverbandes UCI. Erna Berliner stirbt im Juli 1970 in Flemington Hunterton, New Jersey, sie wurde 72 Jahre alt. Ernst Berliner verstirbt am 19.8. 1977 in Miami. Er wurde 86 Jahre alt.

Und doch bricht der Kontakt der vertriebenen jüdischen Familie auch nach dem Tode von Erna und Ernst Berliner nicht ganz ab: Ihre einzige Tochter Doris Berliner (spätere Markus), 1929 in Köln geboren und 1937 emigriert, kehrt in den 1990er Jahren erstmals wieder nach Köln zurück, um sich im Rahmen der Richter-Biografie von Renate Franz interviewen zu lassen. Sie stirbt 2009 in Kalifornien. Und Ernst Berliners in den USA geborener und lebender Urenkel Sam Alter wird in die Filmarbeiten zu Tigersprung (2017) einbezogen und reist aus diesem Anlass nach Köln.

Bild oben: Um 1911 beim Kölner Stadtwaldrennen, Berliner ist der 4. v.l. im weißen Hemd und mit Schnauzbart, (c) Horst Nordmann / www.coelner-zweiraeder.de

Literatur

Altonaer Bicycle-Club von 1869/80 (2015): Der Radrennfahrer Albert Richter: „Der vergessene Weltmeister“. http://www.altonaer-bicycle-club.de/history/index.php?id=116936594199
Beckhardt, L. (2014): Der Jude mit dem Hakenkreuz. Meine deutsche Familie. Berlin: Aufbau Verlag.

Buecken, P.: Familie Isaac Berliner, Website familienbuch-euregio.de:http://www.familienbuch-euregio.de/genius/?person=163952
Finkelgruen, P. (1992): Haus Deutschland. Die Geschichte eines ungesühnten Mordes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Finkelgruen, P. (1997): Erlkönigs Reich. Die Geschichte einer Täuschung. Rowohlt Verlag, Berlin. https://www.bod.de/buchshop/erlkoenigs-reich-peter-finkelgruen-9783734744600
Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“ Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln. Herausgeber: Roland Kaufhold, Andrea Livnat und Nadine Engelhart. Books on Demand. Norderstedt 2020. https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783751907415
Franz, R. (2007a): Der vergessene Weltmeister – das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter, Bielefeld 2007.
Franz, R. (2007b): Fredy Budzinski. Radsport-Journalist – Sammler – Chronist. Schriftenreihe der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften der Deutschen Sporthochschule Köln, Band 7. Köln: Sportverlag Strauß.
Friedrich, H. (2015): Der Tod des Weltmeisters. Eine Radsportkarriere im Dritten Reich. Roman. Maxime-Verlag, Bern 2015; s. auch: taz (2015) über das Buch https://taz.de/!879764/
Hall of Fame: Al­bert Rich­ter. Rad­sport-Welt­meis­ter und Na­zi-Op­fer. Wür­di­gung auf der Web­site der Hall of Fa­me des deutschen Sports). Internet: https://www.hall-of-fame-sport.de/mitglieder/detail/Albert-Richter/?L=0
Joods Monument Zaanstrek: Berliner (Dorothea), Website: https://www.joodsmonumentzaanstreek.nl/berliner-dorothea/
Kaufhold, R. (2008): „Das Leben geht weiter“. Hans Keilson, ein jüdischer Psychoanalytiker, Schriftsteller, Pädagoge und Musiker. In: Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis (ZPTP) 2008, H. 1/2, S. 142–167.
Kaufhold, R. (2017a): Köln: Radrennen aus Respekt. Weltmeister Albert »Teddy« Richter hielt bis zu seinem mysteriösen Tod 1940 zu seinem jüdischen Trainer Ernst Berliner, Jüdische Allgemeine, 9.10.2017. Internet: https://www.juedische-allgemeine.de/gemeinden/radrennen-aus-respekt/
Kaufhold, R. (2017b): Kein Hitlergruß. Der Kölner Radrennfahrer Albert „Teddy“ Richter, jungle world 44/2017. Internet: https://jungle.world/artikel/2017/44/kein-hitlergruss
Kaufhold, R. (2017c): Zwei lange vergessene Kölner Radrennfahrer, haGalil 14.10.2017 https://www.hagalil.com/2017/10/richter-4/
Kaufhold, R. (2020): Kein Hitlergruß – Der antifaschistische Kölner Radrennfahrer Albert „Teddy“ Richter. In Köln wird an den 80. Jahrestag der Ermordung Albert Richters erinnert. Dieser blieb solidarisch zu seinem jüdischen Trainer Ernst Berliner – und wurde deshalb umgebracht, haGalil, 1.1.2020a: https://www.hagalil.com/2020/01/albert-teddy-richter/
Kaufhold, R. (2020b): Bücher über die Edelweißpiraten. In: Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“, Books on Demand. Norderstedt 2020, S. 227-336. https://www.bod.de/buchshop/erlkoenigs-reich-peter-finkelgruen-9783734744600
Kaufhold, R. (2021a): Stadion für einen Unangepassten, Jungle World, 14.1.2021; sowie auf haGalil (ausführlichere Version): https://www.hagalil.com/2021/01/richter-berliner/
Kaufhold, R. (2021b): Umbenennung des Kölner Radstadions in Albert-Richter-Radstadion, haGalil, 6.1.2021: https://www.hagalil.com/2021/01/albert-richter-radstadion/
Kaufhold, R. (2021c): Kölner Initiative für ein Albert-Richter-Velodrom und einen Ernst Berliner Platz, Netzwerk Fahrrad / Geschichte, https://nfg.hypotheses.org/1632
Plättke, K. (1959): Die letzte Kurve. 2. Auflage. Kinderbuchverlag, Berlin (DDR)
Friedrich, H. (1988): 7 Jahre eines Rennfahrers. 5. Auflage. Kinderbuchverlag, Ost-Berlin
Salzborn, S. (2020): Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin/Leipzig.

Filme
Raimund Weber & Tillmann Scholl (1989): Auf der Suche nach Albert Richter – Radrennfahrer, NDR
Michel Viotte (2005): Albert Richter, el campeón que dijo no (52 Min.), ARTE/GEDEON France Bibliotheca Audiovisual: https://vimeo.com/62089150; Informationen über den 1962 geborenen französischen Filmproduzenten und Autor finden sich hier https://fr.wikipedia.org/wiki/Michel_Viotte
Jean Nelissen (2013) (Niederlande) : Albert Richter . YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=6E2TZmtDJpg
Boaz Kaizman, Peter Rosenthal & Marcus Seibert (2017): Tigersprung der Film: Bahnradmanager Ernst Berliner kehrt 1966 nach Köln zurück, um den Tod seines Schützlings Albert Richter aufzuklären, Köln (30 Min.). Internet: http://www.tigersprung-der-film.de/

[i] Isaac Berliner, der bis zu seinem Tode am 13.3.1939 in der Kölner Alexianer Str. 34 lebte, war von Beruf Schumacher. Seine Eltern waren Abraham Löb Berliner und Betge Stern aus Wahlert in Hessen. http://www.familienbuch-euregio.de/genius/php/show.php?tab=1&sub=PublicAll&bar=0&rlg=&eworec=0&sid=81e79e24cab78ec4755208ca94bf33d8&rid=&print=0&mod=0&winfo=&showAB=&findlist=&res=1920&tm=1615453949678&det=163952&sps=123162
[ii] Isaac Berliners Ehefrau Eva Berliner (1867 – 1942) wurde am 18.6.1867 als Tochter von Tobias Levi und Barbara Wolf in Bornheim/Waldorf geboren. Die Heirat fand am 14.4.1887 in Bornheim statt. Sie hatten insgesamt acht Kinder; ihr Sohn Ernst Berliner wurde vier Jahre später geboren. Nach dem Tode ihres Ehemannes Isaac am 13.3.1939 wurde sie am 15.6.1942 vier Tage vor ihrem 75. Geburtstag in Köln nach Theresienstadt deportiert; sie verstarb am 19.9.1942 in Treblinka. http://www.familienbuch-euregio.de/genius/php/show.php?tab=1&sub=PublicAll&bar=0&rlg=&eworec=0&sid=81e79e24cab78ec4755208ca94bf33d8&rid=&print=0&mod=0&winfo=&showAB=&findlist=&res=1920&tm=1615453949678&det=163952&sps=123162.
[iii] https://museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum/default.aspx?s=1202&buchstabe=A
Hubert Neu, geb. 1893, wohnhaft Alexianerstraße 12, wurde als Homosexueller verfolgt, wurde 1940 verhaftet und starb am 4.1.1941 auf der Flucht. Nr. 23 lebten Mina und Nelly Rosenbaum; in der Alexianerstraße 34 erinnern Stolpersteine an Ernst Berliners 1905 geborene Schwägerin Meta Berliner, deportiert nach Auschwitz und für tot erklärt), an Rosa Meyer (geb. 1877, deportiert 1941 vermutlich in Lodz ermordet) sowie an Jeanette Sternberg (geb. 1914, 1941 deportiert und im Mai 1942 von Litzmannstadt nach Kulmhof deportiert und dort ermordet).
[iv] Vgl. Bormann, H. & Bormann, C (1993): Heimat an der Erft. Die Landjuden in den Synagogengemeinden Gymnich, Friesheim und Lechenich. Erftstadt 1993, nach: Familienbuch Euregio: http://www.familienbuch-euregio.de/genius/?person=167309
[v] U.a.: Traditionell und doch modern, KStA 20.1.2009: https://www.ksta.de/traditionell-und-doch-modern-13023236; „Tolle Köln-Bilder aus den 50ern! Der erste Pänz-Zoch zieht zum Dom, Express, 13.2.2017: https://www.express.de/koeln/karneval-tolle-koeln-bilder-aus-den-50ern–der-erste-paenz-zoch-zieht-zum-dom-23487294; Website der Lyskircher Karnevalsgesellschaft: https://www.lyskircher-junge.de/gesellschaft/über-uns-historie/
[vi] Nina Grunenberg: „Meine Weste soll weiß bleiben.“ Wie sich die Kölner Narren in die Haare gerieten, Die Zeit, 29.1.1965: https://www.zeit.de/1965/05/meine-weste-soll-weiss-bleiben
[vii] Siehe: Immigration to Argentina: https://www.hebrewsurnames.com/arrival_URUGUAY_1940-08-13, aufgerufen am 13.3.2021.
[viii] Vgl.: Schmidt-Arndt, U.: Toni Merkens. Radsportler (1912-1944), Portal Rheinische Geschichte: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/toni-merkens/DE-2086/lido/57c94d834bb1d2.27927869, abgerufen am 13.3.2021.
[ix] Siehe hierzu: Die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Viktor Brack (1904 – 1948), Internet: https://www.t4-denkmal.de/Viktor-Brack
[x] Siehe auch: Ariane Dandorfer: Erhängt und totgeschwiegen, Filmbesprechung zu „Auf der Suche nach Albert Richter, taz, 21.2.2002. https://taz.de/Erhaengt-und-totgeschwiegen/!1124484/
[xi] Wikipedia: Peter Steffes: https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Steffes
[xii] Quelle laut Wikipedia: Bund Deutscher Radfahrer (Hrsg.): Radsport. Nr. 50/1967. Deutscher Sportverlag Kurt Stoof, Köln 1967, S. 3.
[xiii] Alle Angaben zum Schicksal der Geschwister Ernst Berliners finden sich auf dieser Website: http://www.familienbuch-euregio.de/genius/?person=167309

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