„Das Leben geht weiter“

Hans Keilson, ein jüdischer Psychoanalytiker, Schriftsteller, Pädagoge und Musiker

Von Roland Kaufhold [i]

Für Hilde und Ernst Federn

„Ein jeder kommt, für uns das Brot zu brechen,
ein jeder sagt den Segensspruch zum Wein.“
Hans Keilson, 1939

 

Hans Keilson ist eine Jahrhundertgestalt. Am 12. Dezember 2008 wird er 99 Jahre alt  – und ist weiterhin voller Lebensenergie. Er ist Arzt und Psychoanalytiker, wirkte als Pädagoge, Schriftsteller und Musiker – und publizierte bereits als 23jähriger eine bemerkenswerte, stark introspektiv geprägte Familienerzählung. Als Jude wurde er verfolgt, floh 1936 aus Deutschland in die Niederlande, nahm die dortige Staatsbürgerschaft an. Von 1940 – 1945 arbeitete er in den Niederlanden in der Untergrundbewegung als Kurier sowie, beratend und therapierend, mit jüdischen Kindern. Nach dem Krieg wurde er Psychoanalytiker und arbeitete auf der Basis der freudschen Schriften mehrere Jahrzehnte lang mit schwer traumatisierten jüdischen Kindern und Jugendlichen. Knapp 70jährig verfasste er eine Promotion über Traumatisierungsprozesse, welche zu einem Grundlagenwerk eines pädagogisch-therapeutischen Verständnisses von schweren Traumatisierungen wurde. Neben seinem wissenschaftlichen Werk verfasste Keilson mehrere Romane sowie zahlreiche Gedichte, deren sprachliche Prägnanz und Qualität an die literarischen Erzählungen seines Schweizer Kollegen Paul Parin (1999, 2003, 2005, 2006) erinnert. Ab den 1980er Jahren legte Keilson eine Vielzahl literarisch-psychologischer Essays vor. Erst in den letzten Jahren erhielt das Werk des in Bussum in den Niederlanden lebenden Intellektuellen zahlreiche Auszeichnungen. Ein Anlass, sich dieser bedeutenden jüdischen, psychoanalytischen Biographie anzunähern.

Studium und frühes Engagement

Hans Keilson wird am 12. Dezember 1909 als Sohn einer liberalen jüdischen Familie in Bad Freienwalde/Oder in der Mark Brandenburg geboren. Sein aus Ostpreußen stammender Vater arbeitete als Textilhändler, seine Mutter wuchs in Schlesien auf. In seinem kleinen „Selbstbildnis„, welches Hans Keilson 24-jährig auf Bitten des Fischer Verlages verfasste, schreibt der junge, mit einer bemerkenswerten  autobiographischen Selbstwahrnehmung ausgestattete Schriftsteller:

„Als ich geboren wurde, Dezember 1909, trank mein Vater eine Flasche Sekt, er konnte es sich leisten. Es war der silberne Sonntag. Aber ich glaube nicht daran. Meine Eltern betrieben ein Geschäft wie viele andere. Sie schickten mich auf eine hohe Schule, sie taten viel für mich. Sie ließen mich in Ruhe.“ (Keilson 2005, S. 247).

Der friedlichen Landschaft seiner Kindheitstage, der Flüsse, der Eisläufe auf den zugefrorenen Seen, der Radtouren erinnert sich Keilson mit den Gefühlen einer tiefen, dennoch möglicherweise trügerischen emotionalen Wärme.

1928 gewinnt Hans Keilson bei einem Schülerwettbewerb des Börsenvereins mit einem Text zu Hesses „Demian“ den dritten Preis (Keilson 2005, S. 343-346). Das stilistische Talent des 17-jährigen, der bereits ein Interesse an der jungen Psychoanalyse entdeckt hat – auf die im Aufsatz verwiesen wird – ist bemerkenswert. Keilson beginnt mit den abgeklärten Worten:

„Es ist in der Tat schon genug geschrieben und geredet worden über die Jugend, über das, was sie liebt und was sie haßt, über ihre Freuden und Leiden, überlegene Kenner der jugendlichen Psyche haben ihre Kenntnisse all denen mitgeteilt, die begierig waren, sie zu hören.“ (Keilson 2005, S. 343)

Bald darauf findet sich die Bemerkung:

„(Hesses) Gestalten sind nicht aufdringlich, sie locken nicht. Fest stehen sie und gehen ihren Weg. Und der Leser merkt allmählich und dann immer mehr, daß sich da etwas abspielt, was nicht allein die Personen des Buches betrifft, sondern was auch ihn angeht.“ (Keilson 2005, S. 344)

Im 1984 verfassten Nachwort zu seiner Erzählung „Das Leben geht weiter“ (1984, S. S. 246-251) erinnert sich Keilson im autobiographischen Rückblick auf sein Frühwerk:

„Von den gewonnenen 30 Mark erwarb ich drei Bücher, es dauerte Wochen, bis der neugierig-entrüstete Buchhändler des Städtchens sie mir aushändigte: `Eros im Zuchthaus‘ von Karl Plättner (…) den Novellenband `Erstes Erlebnis‘ von Stefan Zweig und die wunderschöne ledergebundene Dünndruck-Taschenausgabe der `Vorlesungen‘ von Sigmund Freud (…) die ich über die Jahre gerettet habe, die beste, beglückende Einführung in das Fach, das ich auch heute, wenn gleich kritischer geworden, noch ausübe.“ (Keilson 1933/1984, S. 247f.)

Bereits als Schüler wird Hans Keilson in zutiefst verstörender Weise mit dem Antisemitismus konfrontiert. Diese traumatische Erfahrung, die er ein halbes Jahrhundert später theoretisch in seinem Promotionswerk über kumulative Traumata (Keilson 1979) als „erste traumatische Sequenz“ (Keilson 2005, S. 461) analysieren sollte, hinterlässt prägende, verstörende Spuren in seinem Seelenleben: 1925 diskutiert Hans Keilsons Klasse am Freienwalder Gymnasium im Deutschunterricht Heinrich Heines Revolutionsgedicht „Die Weber„. Der 16jährige Hans trägt eine Deutung des Textes vor. Daraufhin tut sich für den begabten jüdischen Schüler ein emotionaler Abgrund auf:

„Als ich mich wieder auf meinen Platz begeben hatte, entstand eine Totenstille. Auf die Aufforderung des Lehrers zur Diskussion erhob sich der Klassensprecher und sagte: `Die Klasse lehnt es ab, über dieses Gedicht zu diskutieren, es beschmutzt das eigene Nest´, und setzte sich wieder.“ (Keilson 2005, S. 460f.)

Seine Lehrer waren nicht bereit oder fähig, ihren jüdischen Schüler – nur etwa ein Prozent seine Mitschüler waren Juden – zu unterstützen, pädagogisch zu intervenieren. Keilson erinnert sich: „Ich blieb bis zum Abitur zwei Jahre im sogenannten Klassenschiß. Niemand sprach mehr mit mir.“ (ebda.) Auch seine literarische Auszeichnung für seinen Text über den „Demian“ bleibt, da er Jude ist, in seiner Schule unerwähnt.

Hans Keilson, der sich in Berlin-Potsdam einst für den jüdischen Verein Bar-Kochba auf dem Kaiserdamm am Staffellauf beteiligt hatte, kommt in diesen Jahren erstmals mit zionistischen Ideen in Berührung.[1] Über die prägende Wirkung dieser Tradition ist er sich im Rückblick unsicher. Die synagogalen Riten und Gebräuche, die Segenssprüche, die intensiv erlebten Feiertage in der Synagoge und im elterlichen Haus, schließlich seine eigene Bar Mitzwah und die hieraus erwachsene Chance, den Minjam als Zehnter zu komplettieren, werden von Keilson jedoch intensiv erinnert. Sein Vortrag „Zerstörung und Erinnerung„, welchen er 1998 anlässlich des 60. Gedenktages in der Lübecker Synagoge hielt, ist ein rührender Beleg hierfür (Keilson 2005, S. 444-453).

Die antisemitisch motivierte Ermordung Walther Rathenaus im Juni 1922 – dieser besaß in Odenwald ein Rokoko-Schlößchen – sowie, einige Jahre später, die Röhm-Affaire, werden von Keilson als alarmierende Vorboten dessen wahrgenommen, was noch kommen sollte. Von seiner elterlichen Wohnung aus, am Marktplatz gegenüber dem Rathaus gelegen, erlebt er die Aufzüge und Reden der Nationalsozialisten sowie der Kommunisten; auch wohnt er einer Rede Goebbels bei, „hörte seine salbungsvoll beschwörende Stimme“ (Keilson 2005, S. 463) . In Berlin sollte er auch einmal Adolf Hitler erleben.

Hans Keilson studiert von 1928 – 1934 in Berlin Medizin und macht zeitgleich an der Preußischen Hochschule für Leibeserziehung in Spandau eine Ausbildung als Turn-, Sport- und Schwimmlehrer. „Nebenbei“ ist der junge Intellektuelle als Schriftsteller und als Musiker tätig.

Mit seiner Trompete und seiner Geige verdient er in Cafes und Varietés sein Geld. Den Dichter Oskar Loerke – welcher Keilsons ersten Roman zur Publikation beim Fischer Verlag empfahl – beeindruckt dies so sehr, dass er 1933 in seinem Tagebuch notiert: „K. ist Sportlehrer, Medizin im 10. Semester, Musikant auf Trompete, Geige, Harmonika. Imponierend, wie sich junge Leute dieser Art durchschlagen.“ (vgl. Scheller 2005, S. 164)

1933 erscheint beim Fischer-Verlag der erste Roman des 23jährigen: „Das Leben geht weiter. Eine Jugend in der Zwischenkriegszeit“ – „gerade noch rechtzeitig, um verboten zu werden“, merkt Keilson (1998, S. 127f.) ironisch an.

Diese autobiographische, selbstanalytische Erzählung beschreibt den wirtschaftlichen Niedergang eines kleinen Selbständigen am Ende der Weimarer Republik. Der begabte junge Mann hatte ein sehr persönliches, widerständiges Motiv für diesen autobiographisch inspirierten Roman, sein psychoanalytisches Interesse wurde bereits früh geweckt:

„Auf Anregung einer amerikanischen Kommilitonin, die am Berliner Psychoanalytischen Institut ihre Ausbildung erhielt, meldete ich mich eines Tages dort an, wurde empfangen und erzählte `mein Leiden‘. Der betreffende Analytiker – war es Sachs? – hörte mich ernsthaft an und teilte mir schließlich mit, er sehe keinen Anlass für eine psychoanalytische Behandlung. Wütend ging ich nach Hause und schrieb die ersten Sätze.“ (Keilson 1933/1984, S. 248)

Diese frühe Erzählung, zugleich das letzte Buch eines jüdischen Autors bei „Fischer“, wird wenige Monate später verboten – und erst 51 Jahre später vom Fischer-Verlag wieder neu aufgelegt, in der Reihe „Verboten und verbrannt – Bücher aus dem Exil“.

Keilson unterliegt 1934, unmittelbar nach seinem ärztlichen Staatsexamen, dem antisemitischen Publikations- sowie Praxisverbot. Der Not folgend arbeitet er daraufhin als Erzieher und Sportlehrer in verschiedenen jüdischen Schulen, u.a. am Waisenhaus Weissensee sowie am Landschulheim Caputh bei Potsdam, später auch an der Theodor-Herzl-Schule in Berlin sowie in der Synagoge Oranienburger Straße in der Sportberatung; er vermag sich im Leben durchzuschlagen.

Sein pädagogisches Wirken im „Einstein-Haus“ – die Stadt Berlin hatte dieses Haus seinerzeit Albert Einstein geschenkt (Keilson 2005, S. 396) – mit jüdischen Kindern, welchem er unter den Bedingungen der eigenen existentiellen Bedrohung nachgeht, hinterlässt lebenslang prägende Spuren im Pädagogen Hans Keilson. Knapp 60 Jahre später, 1992, erinnert er sich, mit innerer Ambivalenz, an diese Lebensphase – und möchte doch zugleich, mit dieser Erinnerung keine „Chronik der Zerstörung (…) schreiben“ (Keilson 2005, S. 397). Die lebensbejahenden Anteile scheinen im Nachsinnen zu überwiegen:

„Es lag oben auf dem Hügel am Rande des Kiefernwaldes, von der weiten Terrasse hatte man einen herrlichen Blick hinunter auf die Häuser des Dorfes und auf den See; in diesem Haus, Einstein hatte Deutschland inzwischen schon verlassen, lebte ich mit einer Gruppe Adoleszenten, trieb Sport und unterrichtete auch jüngere Kinder.“ (Keilson 2005, S. 206).

Hans Keilson – sein Vater war im 1. Weltkrieg mit dem „Eisernen Kreuz“ dekoriert worden – scheint zu diesem Zeitpunkt die Hoffnung auf ein jüdisches Weiterleben in Deutschland noch nicht ganz aufgegeben zu haben. 1934 publiziert er in der Zeitschrift „Der Morgen. Monatszeitschrift der Juden in Deutschland“ sein erstes Gedicht: „Neuer Psalm“ (Keilson 2005, S. 14), 1936 folgt die aus seiner pädagogischen Arbeit mit jüdischen Jugendlichen erwachsene pädagogische Reflexion „Juden und Disziplin“ (Keilson 2005, S. 109-118).

Die gewalttätigen gesellschaftlichen Verhältnisse lassen Keilson nicht mehr viel Zeit, dieses Engagement in Deutschland fortzuführen.

Am Ende seines Nachwortes zu „Das Leben geht weiter“ zeichnet Keilson die innere Zusammengehörigkeit zwischen seiner damaligen pädagogisch sowie seiner späteren psychotherapeutischen Tätigkeit nach, wie auch zu seinem literarischen Engagement. Dies alles stellte eine Erinnerungsarbeit dar, an die biographischen Brüchen in den Seelen seiner Schüler und Patienten, wie auch an seine eigenen biographischen Erschütterungen. Sein lebenslanges Engagement war auch ein humaner Versuch, all jenes am Leben zu erhalten, zum Leben zu erwecken, was durch den Nationalsozialismus zerstört worden ist. Dies lässt an das Wirken einiger seiner jüdischen Kollegen denken, Rudolf Ekstein, https://www.hagalil.com/archiv/2008/12/ekstein.htm Ernst Federn und Bruno Bettelheim seien exemplarisch erwähnt (s. Kaufhold 1999, 2001, 2003).

Keilson, der als Jude nur mit Glück überlebte, schreibt:

„Die Literatur ist das Gedächtnis der Menschheit. Wer schreibt, erinnert sich, und wer liest, hat an Erfahrungen teil. Bücher kann man wieder neu auflegen. Von Büchern gibt es schließlich Archivexemplare. Von Menschen nicht.“ (Keilson 1984, S. 251)

Emigration, Untergrundtätigkeit und erste therapeutische Versuche – jüdische Flüchtlinge während der deutschen Besatzung

Im Oktober 1936 überzeugt ihn seine aus einem katholischen Elternhaus stammende Frau Gertrud Manz – sie sollte später zum Judentum übertreten – , aus Deutschland zu emigrieren. Von einer Reise in die Niederlande bringt sie ihm eine Schallplatte mit niederländischen Kinderliedern mit, um ihm zu beweisen: „In Holland gibt es auch Kinder, für die du arbeiten kannst.“ (Keilson 2005, S. 414). Und als sie gemeinsam in einer Ausstellung vor einem Photo Hitlers stehen fügt sie hinzu: „Der zündet die Welt an.“ (ebda.) Auch einige deutsche Freunde, hierunter Loerke, bedrängen ihn, noch rechtzeitig vor den Nationalsozialisten zu fliehen. Die neutralen Niederlande stellten für viele deutsche Juden einen Zufluchtsort dar. Bereits 1933 standen 4.000 deutsche Flüchtlinge in Todesangst vor der niederländischen Grenze, 90 Prozent von ihnen waren Juden. Bis zum März 1934 wurde ihnen die Einreise nicht verwehrt, danach wurden schrittweise Restriktionen gegen die Zuflucht suchenden Juden eingeführt (van der Zee 1997, S. 18).

Die nun folgende Lebensphase Hans Keilson bis zum Ende des 2. Weltkrieges, bis zur Niederlage der deutschen Nationalsozialisten und der Befreiung der Niederlande, zerfällt in zwei Teile: Für vier Jahre, von Oktober 1936 bis zum Mai 1940, lebt Hans Keilson in einer Phase der relativen Sicherheit – wenn er sich in diesen Jahren der eigenen Gefährdung durch die Nationalsozialisten, der Wahrscheinlichkeit eines Überfalls Hollands durch die deutschen Nationalsozialisten, auch sehr bewusst war. Er baut, entsprechend der damaligen gesellschaftlich-rechtlichen Rahmenbedingungen der Niederlande, eine pädagogische Praxis als Berater auf, um „abzuwarten, bis der Krieg käme, von dem ich überzeugt war, daß er eines Tages, vielleicht bald ausbrechen würde“ (Keilson 2005, S. 229). Vom Mai 1940 bis zum 4. Mai 1945 lebte Hans Keilson, mit gefälschten Papieren, weitgehend von seiner Familie getrennt, im Untergrund. Täglich ist er als Jude und Emigrant von der Entdeckung bedroht, ist auf die Unterstützung, zumindest auf die Duldung durch seine holländischen Nachbarn angewiesen. Die Denunziation stellte eine tägliche existentielle Bedrohung dar. Und dennoch geht das Leben weiter. Der Tod des Widersachers – Hitler – wird ersehnt, lässt aber furchtbare fünf Jahre auf sich warten. Wenn man ein solches Leben, mit all seinen Dissonanzen, ertragen, würdevoll, angstfrei führen wollte war es durchaus angeraten, dieses als eine Komödie zu betrachten, wenn auch mit tiefen Molltönen. Die Deutschen Besatzung dauerte fünf Jahre, bis zum 4. Mai 1945.

Ein kurzer historischer Exkurs: Am 10.5.1940 überfiel Deutschland im Rahmen der deutschen Westoffensive mit massiven Panzerverbänden, ohne Kriegserklärung, die neutralen Niederlande. Die deutschen Verbände stießen anfangs auf keinen nennenswerten Widerstand. Die niederländische Regierung hatte auch gehofft, nicht in das Kriegsgeschehen einbezogen zu werden, so dass es zu keiner organisierten Verteidigungsplanung mit den Alliierten gekommen war. Rotterdam und Den Haag wurden massiv bombardiert. Am 12. Mai 1940 stießen deutsche Panzerverbände in das holländische Festland vor. Es bestand keine Aussicht auf eine Unterstützung durch die Alliierten, und die Holländer versuchten, eine Bombardierung weiterer größerer Städte zu vermeiden. Am 15. Mai 1940 kapitulierten die Niederlande, Königin Wilhelmina floh mit der niederländischen Regierung in das Exil nach London, am gleichen Tag wurde Amsterdam von den Deutschen besetzt.

Insbesondere für die Amsterdamer Juden – ca. fünf Prozent der 760.000 Amsterdamer Einwohner waren Juden – wirkte sich die Besetzung verheerend aus, sie waren unmittelbar von der nationalsozialistischen Judenverfolgung bedroht. Nach der Reichspogomnacht vom 9.11.1938 schwoll der Strom der Zuflucht suchenden Juden aus Deutschland massiv an: 50.000 Flüchtlinge stellten Asylanträge, nur 7.000 Juden wurde Asyl gewährt, vermutlich 3.000 weitere flohen illegal in die Niederlande. Am 13.12.1938 wurden die niederländischen Grenzen endgültig geschlossen (van der Zee 1997, S. 31f.)[2] Der Ministerrat ordnete am 13.2.1939, hauptsächlich zur Abschreckung, eine Zwangsunterbringung der legal eingereisten jüdischen Flüchtlinge in einem Zentrallager an – dem Lager Westerbork. Die von verschiedenen politischen Initiativen vorangetriebenen Versuche, jüdischen Verfolgten in Privatfamilien Zuflucht zu bieten, wurde von der Regierung administrativ unterbunden. Die niederländische Historikerin Nanda van der Zee kommt zu dem Resümee: „So war von der niederländischen Regierung ohne Widerstand der erste Schritt zur Besiegelung des Schicksals der in den Niederlanden lebenden Juden getan worden.“ (1997. S. 43) 1940 lebten etwa 140.000 Juden in den Niederlanden, davon 26.000 nichtniederländische Juden (ebda., S. 110, S. 123).

Die verschiedenen jüdischen Gruppierungen und Zeitschriften in den Niederlanden reagierten hierauf in sehr unterschiedlicher Weise; die Reaktionsweise reichte von der – trügerischen – Hoffnung, durch eine Anpassung, eine Befolgung der staatlichen Anordnungen das eigene Überleben retten zu können bis hin zu massiven Widerstandshandlungen, insbesondere von linksgerichteten jüdischen Gruppierungen in Amsterdam, die blutig niedergeschlagen wurden. Ende 1940 erreichte die Enteignung der jüdischen Bevölkerung ihren Höhepunkt (vgl. Aalders, 2000), es wurden alle jüdischen Beamten entlassen.

Als am 23.2.1941 etwa 400 jüdische Holländer ins KZ Mauthausen in Österreich deportiert wurden kam es zwei Tage später in Amsterdam zu einem Generalstreik, der durch massiven SS- und Polizeieinsatz innerhalb weniger Tagen gebrochen wurde (vgl. hierzu ausführlich: Ortmeyer 1992). Im Mai 1942 war die Registrierung aller Juden abgeschlossen, das Tragen des Judensternes auf der Kleidung wurde gesetzlich angeordnet, was zu massiven Protesten in der niederländischen Bevölkerung führte (ebda., S. 152, S. 200). Mitte des Krieges existierten in den Niederlanden die beeindruckende Zahl von etwa 1200 Untergrundblätter (ebda., S. 204).

Am 14.7.1942 begann die eigentliche Verfolgung mit der Verschleppung Tausender Juden ins Lager Westerbork und von dort in die Vernichtungslager Sobibór und Auschwitz. Allein in den beiden Wochen vom 15. – 30.7.1942 wurden 6.000 Juden ins polizeiliche Durchgangslager Westerbork deportiert (ebda., S. 152). Den Deportationen, die bis in den September 1944 andauerten, fiel ca. 75 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung der Niederlande zum Opfer. Nach anderen Zahlen lebten von den 160.000 jüdischen Niederländern und 20.000 jüdischen Flüchtlingen  am Ende des Krieges nur noch etwa 30.000.

Erst mit der deutschen Teilkapitulation vor den Briten am 4.5.1945 endete für die Juden die Zeit der Verfolgung und Vernichtung.

Zurück zum Überlebenskampf Hans Keilsons; Im Oktober 1936 also flüchtet Hans Keilson, mittellos, ohne ausreichende Kenntnisse des Niederländischen, ohne Aussicht auf eine Anerkennung seiner vielfältigen beruflichen Abschlüsse und Qualifikationen, in die Niederlande – und findet dort rasch Freunde, Zuflucht, Schutz. Er hat noch einen deutschen Pass, mit dem Vermerk: „nach sieben Tagen bei der Polizei melden“, verspürt aber ansonsten „weder Reue noch Kummer“ (Keilson 2005, S. 150). Anfangs arbeitet er in den „Rekken´schen Inrichtungen“ – einem Heim für schwer verwahrloste Jugendliche. Der Leiter dieser Einrichtung, Henk Fontein, lässt den Juden Keilson bei sich wohnen, im Wissen um die hierdurch bedingte eigene Gefährdung. Vier Jahre später, nach seinem Untertauchen in die Illegalität, arbeitet Keilson, mit gefälschtem Pass, unter dem Decknamen Dr. van der Linden, als Arzt und Kurier in einer jüdischen Familie in Delft für die illegale Untergrundgruppe „Vrije Groepen Amsterdam“. Er arbeitet pädagogisch-therapeutisch mit untergetauchten jüdischen Kindern, wie auch mit Erwachsenen (Keilson 1994, S. 74f.), vermag Spannungen und Konflikte zwischen den Untergetauchten und ihren Beschützern zu bearbeiten – eine Tätigkeit, die er im Rückblick – Keilson hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei psychoanalytische Ausbildung – als eine psychotherapeutische interpretiert. Die allgegenwärtige Angst vermag er zu verdrängen, sein Überlebenswille muss stark gewesen sein. Keilson betont: „Ich war kein Held und habe keine großen Taten vollbracht, mit Waffen kann ich nicht umgehen. Aber wenn ich mich, nach dem Krieg, an das eine oder andere erinnerte, lief es mir manchmal kalt über den Rücken.“ (Keilson 2005, S. 219)

In dieser schwierigen, bedrohlichen Zeit, wohl Ende der 1930er Jahre, bekommen die Keilsons eine eigene Tochter. Wenig später, in der Phase der Illegalität, kann er seine Tochter nur noch selten sehen. „Im Mai 1945 war es das erste Mal, daß wir uns zu dritt ungefährdet auf die Straße begeben konnten. Alle unsere Nachbarn kannten uns. All die Jahre haben sie dichtgehalten.“ (Keilson 2005, S. 234)

1936 sucht er kurzzeitig Kontakt zu niederländischen Psychoanalytikern, besucht als Gast ihre öffentlichen Nachmittagsvorlesungen in Amsterdam. Von dem heftigen internen Kampf zwischen den holländischen Psychoanalytikern, bezüglich der Frage, wie sie sich gegenüber den deutschen Psychoanalytikern (bzw. zu den vier deutschen psychoanalytischen Emigranten, die Anfang der 1930er Jahre in den Niederlanden Zuflucht suchten; dies waren Landauer, Reik, Watermann und Levy Suhl) verhalten sollten, ahnt er nichts.[3] Keilson muss noch etwa 15 Jahre warten, bis dieses Interesse zu einer offiziellen Ausbildung führt. „Stattdessen“ intensiviert er seine pädagogische Praxis, kommt dadurch mit pädagogischen Institutionen und mit Eltern in vertrauteren Kontakt: „Unter ihnen waren es zwei, die mir ein Versteck anboten, als es Zeit wurde unterzutauchen und unter deren schützendem Dache ich Krieg und Verfolgung überlebte.“ (Keilson 2005, S. 231)

Das eigene Überleben war an ein möglichst rasches Erlernen des Niederländischen gebunden. Keilson hört regelmäßig die in den Niederlanden legendären, phantasie- und humorvollen Fußballberichte des vor Begeisterung sprühenden Reporters Han Hollanders im Radio, verbringt sehr viel Zeit in Bibliotheken, liest holländische Zeitschriften und Zeitungen. Er vermag sich seiner neuen Heimat emotional rasch anzunähern, genießt die ihm unvertraute Liberalität im Lebensstil.

Und dennoch: Das Exil war kein vollständiger Bruch mit seinem früheren Leben – er findet sich, sehr überraschend, selbst wieder: In einer öffentlichen Bibliothek entdeckt er bald nach seiner Emigration sein Buch „Das Leben geht weiter“ wieder – eine enorm bedeutsames emotionales Erlebnis, welches ihm eine rasche Identifikation mit seiner neuen Heimat erleichtert. Er spricht nun niederländisch – und beginnt doch, zu seiner eigenen Überraschung, „im zweiten Jahr meiner Emigration (…) in einer plötzlichen Aufwallung eine Anzahl deutscher Gedichte“ zu schreiben (Keilson 2005, S. 227). Er vermag diese Gedichte unter dem Pseudonym Benjamin Cooper sowie Alexander Kailand in verschiedenen niederländischen Anthologien zu publizieren (s. Keilson 2005, S. 15-32, S. 353- 365), hierunter in der sehr angesehenen Literaturzeitschrift „De Gemeenschap“. 1947 verfasst der nun 38-jährige die Novelle „Komödie in Moll“. Diese wird in Holland im Exilantenverlag Querido[4] publiziert und erscheint erst 40 Jahre später, 1988, auf Deutsch. Diese tragisch-bizarre Erzählung, ganz von Keilsons illegaler Untergrundtätigkeit geprägt, beschreibt den Versuch zweier Holländern, die Leiche eines Juden, der bei ihnen Unterschlupf gefunden hatte und in ihrem Versteck verstarb, vor den Augen der deutschen Besatzer verschwinden zu lassen, ohne hierbei die Widerstandsbewegung zu gefährden.

Hans Keilson überlebt die Nazizeit, seine Eltern, die er nach dem Novemberpogrom 1938 noch in die Niederlande zu holen vermocht hatte und die bereits auf einer Austauschliste mit dem damaligen Palästina standen, wurden hingegen in Birkenau ermordet. Er widmete ihrer Erinnerung die Gedichte „In den Tagen des November“ (1947), „Sterne“ (1967) und „Dawidy“ (1997) (Keilson 2005, S. 41-46); in letzterem heißt es:

„In diesem Haus oder, vielleicht, in jenem lebte mein Vater als Kind –
die alte Stadt mit neuen, kyrillischen Lettern,
erreichbar mit Paß, gültigem Stempel und Taxi,
an der Grenze. (…)

Was suchen Sie fragte der Dolmetsch Taxifahrer?
Spuren? Gibt es hier nicht, seine Antwort,
studierte den Stadtplan und lenkte den Wagen zurück.

Gedenk und vergiß. Im Abschaum der Geschichte
gibt es kein anderes Maß für Flucht und Tod.

Anfang wie Ende: kein Stein, kein Gras gibt Kunde,
zerstört und vorbei, unsinniger, unvergänglicher Schmerz,
verwaist, was bleibt: als wäre er nie allein gewesen, mein Vater –
hieß Max, trug später den verordneten Namen Israel,
mit Würde.

Hat nicht viel erzählt, hab ihn zu wenig befragt.
Keine Spuren mehr im Rauchfang der Lüfte –
sprachloser Himmel…“ (Keilson 2005, S. 44).

1999 resümiert Keilson lakonisch:

„Ich habe Deutschland 1936 verlassen und in den Niederlanden überlebt. Ich bin in der Fremde zuhause. Jedes Sein ist ein Sein im Exil. Man kann nicht mißtrauisch genug gegenüber den eigenen Fragen und Antworten sein, den Wörtern und Metaphern, die man gebraucht, wenn es um Wahrheit oder Lüge oder, gelinder gesagt, um Täuschung, und auch um Selbsttäuschung, geht. Die Zweifel bleiben.“ (Keilson 2005, S. 456)

Jede Erinnerung an glücklichere, beschützte, liebevolle Kindheitstage bleibt fragwürdig, trügerisch, öffnet die Pforten einer existentiellen Verwundung; selbst kluge analytische Deutungen vermögen kaum emotionalen Schutz zu bieten: „Im Gegenteil, selbst die Erinnerung an Kooperationen in der Vergangenheit, an Bündnisse, Freundschaften und Errungenschaften, ist geätzt mit den Schwaden der Vernichtung.“ (Keilson 2005, S. 457)

Die Anfänge seiner Forschungen zur „sequentiellen Traumatisierung“

Unmittelbar nach dem Krieg kommt Keilson in Amsterdam mit der „Joodse Coordinatie Commissie“ in Kontakt, einer Kommission von jüdischen Überlebenden. Er gründet, durch eine gewissse „euphorische Stimmung“ (Keilson 1984, S. 921) angesichts der konkreten Möglichkeit, den zahllosen Opfern der Nazis handelnd zu helfen, beflügelt, zusammen mit anderen Überlebenden die jüdische Kriegswaisenorganisation „Le Ezrat Hajeled“[5] („Zur Hilfe des Kindes“), für die er bis 1970 wirkt: „Die Kinder erzählten mir ihre Geschichte, die bald auch die meine wurde. Oft war ich ungeschickt.“ (Keilson 2005, S. 234) Und: „Ich habe viele Kinder gesehen, zurückgekommen aus Verstecken und Konzentrations- und Vernichtungslagern.“ (ebda., S. 467) Da seine wissenschaftlichen Ausbildungen nicht anerkannt werden studiert er in den Niederlanden noch einmal Medizin. 1947 erlangt er sein Arztexamen, 1951 seinen Abschluss als Psychiater. Anschließend macht er eine Ausbildung als Psychoanalytiker – dies war zugleich eine via regia über die biographischen Abbrüche und Abgründe, welche die deutschen Verbrechen, die Shoah, in ihm gerissen hatten: „Es war ein langer und nicht so einfacher Weg gewesen. In der Fremde, die keine Fremde mehr war, war ich zuhause. Es war der Anfang einer neuen Kontinuität.“ (Keilson 2005, S. 235) Seine kinderanalytische Ausbildung beginnt er an der an Anna Freuds Wirken orientierten Amsterdamer „child guidance clinic Prinsengracht„. Die Psychoanalytikerin Frijland-Scheuder führt die Supervision durch, hierbei erwirbt er sich sein klinisches Handwerkszeug. Sie ermutigt ihn zu seiner ersten wissenschaftlichen Studie; diese erscheint zuerst in den Niederlanden und 1961 – unter dem Titel „Probleme in der sexuellen Entwicklung. Neue pädagogische Bemühungen“ – auch auf deutsch (Keilson 1961).

1967 wird er Mitarbeiter der kinderpsychiatrischen Universitätsklinik Amsterdam. Seine dortige psychotherapeutische und gutachterliche Tätigkeit bildet den Ausgangspunkt für seine umfangreiche, auf einer elfjährigen Forschungstätigkeit beruhenden empirischen Studie über die langfristigen und tiefgreifenden Traumatisierungsprozessen bei jüdischen Kriegswaisen, bei „hidden children“ (s. Keilson 1949). 1979 promoviert der inzwischen 70jährige hierüber. Da ihm ein Zugang zu einem Großteil der Akten der mehr als 2000 „jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden“ ermöglicht wird analysiert er exemplarisch das Schicksal von 204 jüdischen Kindern.

Seine wegweisende Studie erscheint im gleichen Jahr unter dem Titel „Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Deskriptiv-klinische und quantifizierend-statistische follow-up-Untersuchung zum Schicksal der jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden“ (Keilson 1979/2005). Dem Buch voran stellt er den Satz: „An Stelle eines Kaddisch.“ Das umfangreiche Werk, dessen statistischen Teil er in Zusammenarbeit mit dem befreundeten Mathematiker Arnold Goedhart sowie mit dem Psychoanalytiker Herman Sarphatie erarbeitet, wird immer wieder von neuen Verlagen aufgelegt, kürzlich wurde ihr dauerhafter Erhalt durch eine Neuauflage beim renommierten Gießener Psychosozial-Verlag gesichert. Eine Publikation in den USA erwies sich als sehr kompliziert, die Magnes Press der Hebräischen Universität Jerusalem hingegen setzte sich für eine Publikation in Israel ein – für Keilson eine zutiefst beglückende Erfahrung: „Sie gibt mir das Gefühl, heimgekehrt zu sein, zu meinen Eltern, Verwandten und Freunden.“ (Keilson 2005, S. 240)[6]

Schrittweise avancierte sie in der Fachliteratur zu einem unverzichtbaren Grundlagenwerk für eine Arbeit auch für die schrecklich vielen traumatisierten Kinder und Jugendlichen, die heute bei uns Zuflucht suchen (vgl. Becker 1992, Hirsch 2007, Kaufhold 1999, 2001, 2003).

Im Nachwort zu „Das Leben geht weiter“ (Keilson 1984, S. 250) bemerkt er über die biographischen Hintergründe seiner Studie:

„1934 hätte ich, wie man mir damals in Berlin bedeutete, bei einer eventuellen Promotion zum Dr. med. meine Staatsbürgerschaft aufgeben müssen. Ich verzichtete und tat es fündundvierzig Jahre später. Das holländische Justiz- und das Sozialministerium unterstützten meine Arbeit.“

Insofern war diese Promotion, aus einem jahrzehntelangen unmittelbaren Engagement für schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche erwachsen, auch ein biographischer Rehabilitationsversuch, eine Kompensation der auch wissenschaftlichen Schädigung, die ihm die deutschen Nationalsozialisten zugefügt hatten.

„Mit dieser Arbeit“ – fügt Keilson 1984 hinzu – „habe ich endlich Kaddisch gesagt, das Totengebet, das ich lange nicht sprechen konnte.“ (Keilson 1984, S. 250)

Und an anderer Stelle formuliert Keilson: „Mit ihrem Schicksal habe ich mein eigenes Verwaist-Sein eingebracht. Es ging mir (darum), die historische Modalität des Traumabegriffs neu zu formulieren und einen Einstieg in ein verwirrendes, grausames Zeitgeschehen zu finden – `wohin die Sprache nicht reicht.´ Ich betrachte dies heute aus der Sicht eines alten Mannes, eines ehemaligen deutschen Juden, der in der Fremde zuhause (ist).“ (Keilson 2005, S. 468)

Und: „Die Promotion (…) gab mir die Bestätigung, daß ich `in der Fremde´ zuhause war.“ (Keilson 2005, S. 243) Keilson versucht mit dieser Studie, sowie mit zahlreichen weiteren klinischen Behandlungsberichten, den zuständigen Gerichten sowie den Versorgungsinstitutionen in den Niederlanden das erschütternde Leid zu verdeutlichen, welches die deutschen Nationalsozialisten diesen jüdischen Kindern zugefügt hatten: Keilson erinnert sich:

„Ich habe unzählige Rapporte geschrieben über Kinder und Erwachsene, die ich untersucht oder behandelt habe, um Gerichte und andere Instanzen im Idiom meines Faches von dem Leid zu überzeugen, das sie in schweren Jahren überkommen hatte. Diese Arbeit bestimmt im Grunde mein persönliches Verhältnis zur Literatur.“ (Keilson 1984, S. 250f.)

Seine klinischen Beschreibungen und Untersuchungen dienten auch dazu, die Frage der Vormundschaften zu klären: Ob also die jüdischen Waisenkinder nach Kriegsende in ihren „Kriegspflegefamilien“ verbleiben oder aber in ein jüdisches – und somit ebenfalls schwer traumatisiertes – Milieu zurückkehren sollten, was für diese Kinder möglicherweise eine erneute traumatisierende Trennungserfahrung dargestellt hätte.

Diese schwer geschädigten Kinder hatten die nationalsozialistische Verfolgung in den Niederlanden in einem, häufig mehreren improvisierten Kriegspflegefamilien überlebt; ca. zehn Prozent von ihnen kamen aus KZ-Lagern zurück, wohin sie zusammen mit ihren Eltern verschleppt worden waren. Schließlich versuchte Keilson in seiner Studie „im Rückblick“ zu eruieren, welche posttraumatischen Erfahrungen sich eher kurativ und welche sich als zusätzlich traumatisierend ausgewirkt hatten. Möglich wurde ihm diese in der Fachliteratur wohl einmalige Studie nur durch in Holland gegebene außergewöhnlich günstige Rahmenbedingungen. Keilson konnte die Entwicklung dieser ehemaligen Waisenkinder in einer Nachuntersuchung ca. 30 Jahre später systematisch wissenschaftlich analysieren.

Er entwickelt in seiner Studie den Begriff der „sequentiellen Traumatisierung“, welcher heute als allgemein anerkannter Fachterminus in die Literatur eingegangen ist (vgl. Becker, 1992, S. 131f, Kaufhold 2001). Er differenziert hierbei zwischen drei traumatischen Sequenzen in der Biographie dieser Kinder:

  1. Angriff auf die Niederlande, Beginn des rassistischen Terrors gegen die jüdischen Familien.
  2. Direkte Verfolgung: Deportation der Kinder, meist einschließlich ihrer Eltern; z.T. Trennung von den Eltern, Deportation in ein Konzentrationslager, Ermordung der Eltern.
  3. Nachkriegsperiode mit der Vormundschaftszuweisung als zentrales Thema; ggf. gesellschaftliche Akzeptanz ihrer durch die nationalsozialistische Verfolgung bedingten psychischen Schädigungen.

 

Erst eine Zusammenschau dieser sequentiell aufeinander folgenden Traumatisierungsprozesse ermögliche ein angemessenes Verständnis der psychischen Entwicklung dieser Kinder. Das individuell erlittene Trauma ist unauflösbar verknüpft mit den es prägenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Ob dieses Trauma nun von der Gesellschaft als solches anerkannt oder aber verleugnet wird wirkt sich maßgeblich auf den weiteren Verlauf dieser Traumatisierungen aus.

Lange, sehr lange zögerte Hans Keilson, bis er bereit war, in Deutschland vor Kollegen über sein Lebensthema zu sprechen. Er hatte zwar zahlreiche Kontakte zu jungen Deutschen, deutsche Kollegen waren hierunter jedoch nahezu keine. 1980, auf der Tagung der „Mitteleuropäischen Psychoanalytischen Vereinigung“, sprach Keilson nun erstmals öffentlich auf deutsch – über sein Lebenswerk. Die Szene symbolisiert in verdichteter Weise das Trauma seiner Vertreibung – und das der verwaisten, verletzten jüdischen Kriegswaisen:

„In Bamberg sprach ich ungefähr anderthalb Stunden, für einen wissenschaftlichen Vortrag qualvoll lange. Es war still im Saal, als ich sprach. Viele verließen den Raum, da sie die Spannung nicht aushalten konnten. Auch in der anschließenden Diskussion lange Zeit Schweigen. Bis jemand aufstand und in die eisige Stille die Worte sprach: `Was Sie uns da gesagt haben, ist ja fürchterlich.´ Ich antwortete: `Sie haben recht, was ich gesagt habe ist fürchterlich. Aber ich hatte nur die Wahl: entweder Sie laufen hinaus oder ich.´ Das Eis war gebrochen.“ (Keilson 2005, S. 244)

Als Keilson, nach elf Jahren, dieses monumentale Werk abzuschließen vermochte, war dies zugleich auch ein emotionaler Abschied. Nun fand er wieder Kraft zu einem Neuanfang – und intensivierte sein literarisches Schreiben.

Weitere literarische Versuche

Machen wir einen zeitlichen Sprung zurück, zurück zu Hans Keilsons Biographie und seinem literarischen Wirken: Noch im Untergrund beginnt Keilson, der inzwischen die niederländische Staatsbürgerschaft erlangt hat – neben seiner äußerst schwierigen und belastenden beruflichen Tätigkeit (!) – , mit einer Fortsetzung seines Erstlingsromans. „Das war kein leichtes Unterfangen.“ (Keilson 2005, S. 466) Die ersten 40 Seiten dieser Parabel „Der Tod des Widersachers“ schreibt er 1942 im Untergrund, in Delft – also in der schwersten, bedrohlichsten Phase seines Lebens. Ob der Jude Hans Keilson überleben, dieses Buch je würde beenden können, war höchst ungewiss. Und dennoch schrieb er. Sein Schreiben an diesem mutigen, alle Tabus verletzenden Werk war – wie Keilson im Rückblick selbst feststellt – , „ein verzweifelter Versuch, den Riß, der durch die Welt geht, aufzuspüren und vielleicht – durch den Geist? – zu heilen.“ (Keilson 2005, S. 233) Er vergräbt diese 40 Manuskriptseiten in einem Garten, um die Arbeit nach dem Krieg fortzusetzen. Als er die in einem metallenen Behältnis aufbewahrten Manuskriptseiten drei, vier Jahre später ausgräbt hatte das Grundwasser das Papier beschädigt. Das Buch, in dem die Verführbarkeit des Menschen durch totalitäre Machtverhältnisse, die Identifikation mit dem Aggressor sowie die Ambivalenz der menschlichen Seele in großer, verstörender Offenheit beschrieben wird, erscheint 1959 auf Deutsch, findet wegen seines literarischen Niveaus Anerkennung, erfährt jedoch auch entschiedene, emotionale Ablehnung – insbesondere in Israel. Der Jude Hans Keilson ließ sich durch dieses scheinbare nicht-Verstehen nicht kränken, nicht irritieren: „Ich begriff, daß man sich in Israel den Luxus einer vorurteilsfreien Betrachtung von Verhältnissen, die auf Leben und Tod zielen, nicht leisten konnte.“ (Keilson 2005, S. 233)

Letztlich aber blieb „Der Tod des Widersachers“ in Deutschland weitestgehend unbekannt – eine Rezeptionsgeschichte, welche an die zögerlich-ambivalente Aufnahme des provokanten, herausfordernden Werkes des jüdischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath denken lässt.

Das Thema war nicht dazu angetan, in dem um Verdrängung und Verleugnung bemühten Nachkriegsdeutschland Interesse zu finden: Ein junger, idealistischer Jude versucht, die Widersprüche seiner Umwelt zu überwinden. Er verstrickt sich in eine Hassliebe mit seinem Widersacher. In den USA hingegen findet dieses anspruchsvolle Werk deutlich regeren Anklang. 1962 steht es auf einer von der Time erstellten Liste der zehn bedeutendsten Neuerscheinungen des Jahres.

Als sein frühes Werk 1982 in den Niederlanden, nach 20 Jahren, wieder neu aufgelegt wird, fügt Keilson ein lakonisches, nüchtern-schmerzhaftes Vorwort bei:

„Beim Schreiben dieser Vorbemerkung werde ich mir des Zögerns bewußt, das mich befällt. (…) In dieser neuen Ausgabe wurde gegenüber der vorhergehenden nichts verändert, kein Wort, kein Satz. Und dies scheint mir ganz in Ordnung so. Es hat sich nichts geändert: die vergangene Zeit bleibt die erlittene Zeit. Auch heute. Kein Zögern vermag das zu leugnen.“ (Keilson 2005, Bd. 1, S. 587)

Der Emigrant Hans Keilson muss viel Geduld aufbringen, bis er eine angemessene öffentliche Anerkennung seiner Bemühungen erlebt. Die legendäre „Gruppe 47“ beispielsweise schien keinerlei Interesse an den literarischen Werken ihres aus Deutschland vertriebenen jüdischen Kollegen zu haben. Keilson betont: „Das literarische Leben in Nachkriegsdeutschland blieb mir im Grunde fremd.“ (Keilson 2005, S. 462)

1963 erscheint mit „Sprachwurzellos“ ein Band mit einer Auswahl seiner Gedichte in einem Kleinverlag. Auch in seinen Gedichten umkreist der jüdische Exilant das Thema der geistig-kulturellen und seelischen Entwurzelung: Heimisch werden vermochte er nirgends mehr wirklich, auch nicht in seinem neuen Heimatland, den Niederlanden. Schon 1937, kurz nach seiner Flucht, verfasst er, mittellos, existentiell gefährdet und ganz auf sich allein gestellt, das Gedicht „Wir Juden…„, welches so beginnt:

„Wir Juden sind auf dieser Welt
ein schmutziger Haufe billiges Geld,
von Gott längst abgewertet.

Er zieht uns nicht aus dem Verkehr,
er wirft uns weg, er ruft uns her, –
wir zahlen alle Schulden.“ (Keilson 2005, S. 17)

Im gleichen Jahr verfasst der Widerstandskämpfer Keilson – er war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die Illegalität abgetaucht – das verstörend visionäre, hellsichtige Gedicht „Bildnis eines Feindes„:

„In deinem Angesicht bin ich die Falte
eingekerbt um deinen Mund,
wenn er spricht: du Judenhund.

Und du spuckst durch deiner Vorderzähne schwarze Spalte.
In deiner Stimme, wenn sie brüllt, bin ich das Zittern,
Ängste vor Weltenungewittern,
die von Grund wegreißen und zerstreuen.
Deine Hände würgen. Deine Enkel werden es bereuen. (…)
… ein Tropfen Liebe würzt das Hassen.“ (Keilson 2005, S. 20)

Ebenfalls 1937 schreibt er eine „Ballade vom irdischen Juden“ nieder:

„Ein jeder Mensch darf gut und fromm und frech sein,
nur, – wenn er Jude ist, dann darf er´s nicht.

Denn was bei anderen so ganz natürlich,
das steht als Mal in seinem Angesicht.

Drum hört, ihr Menschen, laßt euch sagen:
Schwer haben wir an diesem Mal zu tragen.

Ich mache mir nichts draus und laß den Nachbarn schrei´n,
und bin, so wie ich bin: mal gut, mal schlecht.

Ich kann mir (aus der Schöpfung) keine andre Nase leih´n,
und bin – ein Krüppel – nur als Krüppel echt.

Drum hört, ihr Juden, laßt euch sagen:
Ihr liegt dem Nachbarn schwer im Magen.“ (Keilson 2005, S. 21)

Es finden sich in diesem Band in dem 1963 verfassten, titelgebenden Gedicht „Sprachwurzellos“ die Zeilen:

„um die geheimnisse
des konjunktivs
die zeit der bunten bälle
mühte ich mich vergebens
an den grachten die neuen
freunde grüßend und sie nennen mich
mijnheer“ (Keilson 2005, S. 32, S. 473).

1968 verfasst Keilson für die von Peter Härtling herausgebene Anthologie „Die Väter. Berichte und Geschichten“ die kleine Erzählung „Dissonanzen-Quartett“ (Keilson 2005, Bd. 1, S. 565-577; vgl. vertiefend Hebel, 1997), ein fiktionales, trauriges, luzide geschriebenes Stück mit deutlich autobiographischen Anteilen. Ein Sohn, in einer jüdisch-christlichen Familie aufgewachsen, trauert, um Verständnis ringend, um seinen Vater; dieser hatte die Familie während der Zeit der NS-Verfolgung verlassen: „Obwohl ich nie vergessen konnte, was er uns angetan hat, habe ich nie aufgehört, ihn als meinen Vater zu betrachten. Jetzt, da ich glaube, seine Motive besser zu verstehen (…) ist die Auseinandersetzung zwischen uns beendet.“ (Keilson 2005, Bd. 1, S. 567) Seine geliebte Mutter, die ihm in den schweren Zeiten immer beschützend und tröstend beistand, wie auch seine Schwester, werden von den Nationalsozialisten ermordet:

„Noch heute mache ich mir die sinnlosen Vorwürfe, daß ich sie beide nicht zwingen konnte, das Land zu verlassen. Meine Mutter war nicht der Mensch, der über Grenzen ging, um sie für immer hinter sich zu lassen. Ich besaß nur mein Cello.“ (ebda., S. 574)

Die ganze Tiefe seines unermesslichen, nicht mehr zu verleugnenden Verlustes, seiner Trauer, ergreift den Sohn erst nach dem Krieg, als er der fürchterlichen Gewissheit ihrer Ermordung nicht mehr auszuweichen vermag:

„Die Berichte über ihr gnadenloses Ende, die mich bald erreichten, verschafften mir die Sicherheit des Schmerzes. Jene, die stärker hassen, sind vielleicht die Glücklicheren, sie können ihrer Trauer ein Dach geben; wem Gräber versagt sind, um zu gedenken, begegnet den Toten überall.“ (S. 575)

Als er nach zehn Jahren noch einmal seine frühere Heimat betritt, fühlt er anfangs nur Fremdheit: „Es war nicht mehr das Land meiner Mutter, das ich wieder betrat.“ (ebda.) Einige Jahre später erreicht ihn auf Umwegen ein Brief seines Vaters. Sein Vater hatte diesen einige Monate vor Kriegsende verfasst, er erklärt hierin seine verzweifelten Motive, warum er seine geliebte Familie verlassen hatte, verlassen musste: „Durch eine Trennung wollte ich Euch die Möglichkeit geben, das Land, das Ihr ebenso liebtet wie ich, rechtzeitig zu verlassen.“ (S. 576) Sein Vater beendet den Brief an seinen Sohn mit den Worten:

„Die Geschichte Deutschlands ist die Geschichte meiner Ohnmacht. Es tröstet mich, daß Du Musiker geworden bist; rette die Musik in der Nacht, vergiß es nicht. Ich werde in Königsberg bleiben, was immer auch geschieht. Wenn Dich dieser Brief je erreicht, es gibt keinen mehr, den ich darum bitten könnte, schließe mich in Deine Trauer ein.“ (S. 577)

Bei Dissonanzen-Quartett, welches Keilson 59-jährig verfasste, handelt es sich um eine kleine, zutiefst berührende Geschichte, die von einem unermesslichen Verlust spricht. Von einem Land, einem Seelenleben, wohin die Sprache, wohin die Trauer nicht zu reichen scheint. Und doch spricht sie zu uns. Und Hans Keilson spricht zu uns.

Auch in dem 1947 verfassten Gedicht „Schizoid“ umkreist der Psychoanalytiker und Jude Hans Keilson seine trauererfüllte Suche nach Heimat:

„Steuern zahl ich in holland
Auf fetter klei
nur die fußspur durchzieht noch
den sand der mark
und mein herz
trauert um jerusalem“ (Keilson 2005, S. 38).

 

Begegnungen mit einem jugendlichen Shoah – Überlebenden aus Bergen Belsen

Zu einigen weiteren wissenschaftlichen, psychoanalytischen Beiträgen Hans Keilsons über Traumatisierungsprozesse und -verarbeitungen: 1984, fünf Jahre nach dem Erscheinen seiner umfangreichen Studie zu kumulativen Traumatisierungsprozessen, veröffentlicht Keilson in der psychoanalytischen Fachzeitschrift „Psyche“ zwei Studien über seine psychotherapeutische Arbeit mit einem 12jährigen Jugendlichen, der von den Nationalsozialisten nach Bergen Belsen verschleppt worden war und dieses fürchterliche Trauma überlebt hatte: „Wohin die Sprache nicht reicht“ (Keilson 1984a) sowie, zehn Jahre später, „Die fragmentierte Psychotherapie eines aus Bergen-Belsen zurückgekehrten Jungen“ (1994).[7]

Einführend erinnert Keilson in „Wohin die Sprache nicht reicht“ an die unauflösbaren, „paradoxen“ Schwierigkeiten, seinen eigenen Kindern von seinen erlittenen Traumatisierungen durch den Nationalsozialismus zu berichten, ohne diese hierdurch wiederum zu traumatisieren: „Sie betrifft die Schwierigkeiten, die erwachsene Verfolgte haben, wenn sie ihren Kindern mitteilen wollen, was geschehen ist.“ (Keilson 1984a, S. 915) In den wohl meisten Familien von Nazi-Opfern existiert ein Familiengeheimnis, ein Schweigen, häufig auch ein Verschweigen über erlittene Traumatisierungen, die als so übermächtig zerstörerisch erinnert werden, dass man seine eigenen Kinder vor diesen schützen möchte. Und doch wird dieses Schweigen von den Kindern möglicherweise so interpretiert, dass ihre eigenen Eltern sie nicht für Wert zu erachten scheinen, an ihrem Leben, ihren biographischen Erinnerungen teilnehmen zu dürfen (vgl. hierzu Bruno Bettelheims Essay „Wenn Eltern aus ihrem Leben erzählen“ in Bettelheim (1990)).

Die Psychoanalyse war in den 1960er und 1970er Jahren auf eine Arbeit mit solchen schwer traumatisierten Kindern nicht vorbereitet. Es existierten zwar vereinzelte psychoanalytische Studien über die Konzentrationslager – erwähnt seien die Studien von Ernst Federn (1999) und seinem Freund und Kollegen Bruno Bettelheim (1989), beides selbst Überlebende der Shoah (Kaufhold 1999, 2001); diese wurden von der Fachwelt jedoch weitestgehend ignoriert.

In seinem zweiten Beitrag zu diesem Thema, „Die fragmentierte Psychotherapie eines aus Bergen-Belsen zurückgekehrten Jungen“, hebt Keilson hervor: “In der kinderpsychiatrischen Praxis hatte man Bilder in diesem Ausmaß und in dieser Intensität bisher noch nicht erlebt. Das Neuartige dieser Bilder war, dass sie das menschliche Vorstellungsvermögen übertrafen.“ (Keilson 1994, S. 74)

Dieses Schweigen, Ausdruck der Ohnmacht der Sprache angesichts der auch Keilsons „Vorstellungsvermögen überschreitenden Welt des Konzentrationslagers“ (Keilson 1984a, S. 919), dieser Beziehungsabbruch, drängte sich Keilson in der therapeutischen Begegnung mit diesem aus Bergen Belsen zurückgekehrten Jungen auf. Dieser hatte seine Eltern und fünf Geschwister verloren. Sie machte ihn im wörtlichen Sinne „sprachlos“ (S. 920).

Keilson gibt seine eigene therapeutische Ohnmacht in der Begegnung mit diesem Jungen wieder:

„Im Folgenden möchte ich (…) von einem Fall berichten, in dem es, da die Sprache sich mir versagte, zu einem Abbruch kam; alle Worte, die ich noch sprach, erschienen mir im gleichen Augenblick inhaltslos, leer, fremd, falsch. Ich erinnere mich auch deutlich noch eines Gefühles von Scham, Verlegenheit, so dass ich schließlich zu sprechen aufhörte. Mein Gegenüber, an den die Worte, die Rede gerichtet war, muss bereits früher als ich die Unmöglichkeit eingesehen haben, sich mit Worten zu verständigen. Er schwieg.“ (Keilson 1984a, S. 918f.)

Dieses Kind, das aus dem Konzentrationslager nicht abgestumpft, sondern noch empfindsamer zurückgekehrt war, trägt einen inneren Kampf aus, „den es selbst noch nicht begreift.“ (ebda., S. 919). Seine Sprache und seine Bewegungen waren verzögert, gehemmt, es wirkte wie „ein Schlafwandler, der aus einer anderen Welt kommt“ (ebda.).

In seinem bereits im Jahre 1945 (!) verfassten Bericht über diesen Jungen, den er knapp 40 Jahre später wieder aufgreift, hatte Hans Keilson geschrieben:

„Charakteristisch war seine Reaktion auf die vorsichtig gestellte Frage nach seinen Eltern, seinen Geschwistern, seinen Erlebnissen im Konzentrationslager. Als Antwort ließ er nur seinen Kopf auf die Brust sinken. So blieb er lange Zeit schweigend sitzen.

Ohne jeglichen Pathos und ohne jegliche literarische Schönschreiberei muss hier festgestellt werden: Dieses Kind fühlt jetzt, wo es in das normale Leben reklassiert wird, den Schmerz und die Qual all dessen, was es gesehen und erlebt hat. Bisher steht es all diesem noch hilflos gegenüber. Der einzige Ausweg, um sich von all dem zu befreien, ist im Moment der Versuch, es zu verstecken. (…) Seinen gegenwärtigen Zustand muss man als einen Ausdruck seiner Hilflosigkeit sehen, als ein Unvermögen, in sich selbst Ordnung zu schaffen und sich normal ins tägliche Leben einzuschalten.“ (Keilson 1984a, S. 920).

Diese klinische Beschreibung ähnelt den verschiedentlichen Schilderungen über das Verhalten von Kindern, die aus den Konzentrationslagern befreit wurden: Ihr „bizarres“, noch ganz ihrer entwürdigend-zerstörerischen Lebensrealität in den Konzentrationslagern verhaftetes Verhalten erschreckte ihre wohlwollenden Betreuer zutiefst, verletzte womöglich deren „narzisstisches“ Bedürfnis zur Hilfe. Man vermochte einfach nicht zu glauben, dass das scheinbar zivilisierte deutschen Volk wehrlosen Kindern derartigen Traumatisierungen zugefügt hat. Die Beschreibungen ihres Verhaltens erschienen als übersteigert, nicht hinnehmbar. Keilson kennzeichnet das Verhalten dieser Kinder, die die Shoah überlebt hatten, so:

„Die Erwachsenen, die die Kinder erwarteten mit ihren eigenen Vorstellungen davon, wie man Kinder, die soviel mitgemacht haben, empfängt, waren entsetzt. Die Kinder negierten sie; sie stiegen durch die Fenster, die sie einschlugen, in die unteren Räume ein, verbarrikadierten die Türen, setzten sich zum Essen auf den Fußboden; Bestecke wurden in die Tasche gesteckt für andere Zwecke, für später; die Teller wurden hastig leergegessen: man konnte ja nicht wissen, wie groß der Hunger des Nachbarn war. Sie schliefen in ihren Kleidern unter den Betten.“ (Keilson 1984a, S. 922)

Diese Schilderung verdeutlicht die grundlegende therapeutische Schwierigkeit, eine wirkliche Beziehung zu dieser vollständig „anderen“ Lebenswirklichkeit, aus der diese Kinder gekommen sind, herzustellen. „Wohin die Sprache nicht reicht“ hat Keilson seinen Aufsatz überschrieben. Wenn Keilson in der Therapie mit diesem Jungen also beispielsweise den Begriff „Bett“ verwendete so verknüpfte er damit die Vorstellung, dass man auf diesem liege, dieser Junge hingegen, dass man unter ihm liegt, um zu schlafen…

Am Ende seiner Studie greift Keilson noch einmal die außerordentlichen Schwierigkeit auf, die ehemalige Lagerhäftlinge damit haben, ihren Kindern zu erklären, was sie in den deutschen Konzentrationslagern durchleben mussten. Ihre übermächtigen Traumata bzw. die hieran gebundenen Ängste und Phantasien – welche sie letztlich nicht „verarbeiten“ können, sondern mit dem sie den Rest ihres Lebens leben müssen – wird scheinbar zwangsläufig an die nächste Generation weitergegeben, übertragen (vgl. Bergman/Jucovy (Hg., 1982). „Man kann die Verfolgung wohl überleben, aber nicht überwinden“, formuliert Keilson in seinen Essays immer wieder.

In seinem zehn Jahre später publizierten Beitrag „Die fragmentierte Psychotherapie eines aus Bergen-Belsen zurückgekehrten Jungen (1994) schildert Keilson einige Einzelheiten aus seiner Therapie mit diesem Jungen, wie auch mit dessen Pflegeeltern. Keilson hebt seine therapeutisch-menschliche Grundhaltung hervor, welche vor allem durch die Betonung der Freiwilligkeit der Zusammenarbeit gegenüber diesem Jungen gekennzeichnet war. Diese Grundhaltung beinhaltet für Keilson die Absage an jeglichen „Impetus zu heilen“ (Keilson 1994, S. 80). Keilson beschreibt einige Phasen der Behandlung, in welcher es auch möglich wurde, über den Tod der Eltern dieses Jungen in Bergen Belsen – welcher als solcher letztlich geleugnet werden musste – zu sprechen:

„… Hatte auch er mit ihrem Tod gerechnet? Er sah viele tote Juden um sich herum, auch stark abgemagerte, die kaum mehr gehen konnten. Ich stellte keine Fragen mehr, ich begann zu sehen und zu begreifen, Bergen Belsen und die vielen anderen. Wir saßen da und waren beide sehr traurig. Danach konnte ich mit ihm die Funktion seiner Phantasien besprechen, den magischen Kern, der sich in der Vorstellung verbarg, er könne seine Eltern und Geschwister aus dem Tode zurückrufen, und dies alles in dem unbewältigten Erlebnis des Todes seiner Mutter neben sich auf der Pritsche in Bergen Belsen.“ (Keilson 1994, S. 82; siehe hierzu vertiefend Keilsons psychoanalytische Studien „Jüdische Kriegswaisen und ihre Kinder„; „Gedanken zur Traumaforschung“ (1996) (1995) sowie „Die Faszination des Hasses“ (1996/97), in: Keilson 2005, S. 291-340)

Späte Ehrungen

Hans Keilson, der in zweiter Ehe mit der Literaturhistoriker Marita Keilson-Lauritz verheiratet ist, lässt sich durch die nur zögerliche Rezeption seiner Schriften nicht entmutigen. Er arbeitet weiterhin als Psychoanalytiker, auch heute noch, 98jährig – womit er gewiss der älteste Psychoanalytiker der Welt ist. Und er schreibt weiter – und nun schreibt man auch über ihn.

Von 1985 – 1988 ist er Präsident des deutschsprachigen PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, verfasst in dieser Funktion das Vorwort zum Buch „Ach, Sie schreiben deutsch?“ (Keilson 1986). Über welche Identität verfügt der jüdische, immer noch deutsch schreibende Emigrant Hans Keilson? Was ist seine Heimat? Wenn Keilson über das Schicksal all dieser aus Deutschland vertriebenen Emigranten nachsinnt, so spürt er zuerst einmal eine tiefe Verbundenheit mit diesen:

„Ja, sie sind draußen geblieben und schreiben – trotzdem? – immer noch deutsch. Was treibt sie zu diesem Absurdum, zu diesem Schrei ins Leere, zu dieser von Stolz, Trauer und Auflehnung zuweilen bis an die Grenze der Würdelosigkeit reichenden Haltung, teilhaben zu wollen an einem Gespräch, an einer Sprachgemeinschaft, der selbst die Sprache abhandengekommen scheint?

Drei Tote, drei Selbstverstümmelte liegen auf dem Wege zu diesem aussichtslos erscheinenden Versuch zur Partnerschaft in der Sprache: Paul Celan, Peter Szondi, Jean Amery. Nicht Gefühle von Bitterkeit, von enttäuschter Hoffnung, von Anklage lenken die Hand, die dieses niederschreibt. Wer hier von Zufall spricht, kneift. Es handelt sich um klinische Fakten, und diese sollten bedacht sein.“ (Keilson 2005, S. 388f)

1991 veröffentlichte der Hamburger Psychoanalytiker Dierk Juelich – 1985 Mitverfasser der Studie „`Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter …´ Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland“ (Brecht et. al. 1985), zu welcher Keilson ein Vorwort beigesteuert hat – anlässlich Keilsons 80. Geburtstages die Festschrift „Geschichte als Trauma“, in welcher vielfältig Bezug auf Keilsons psychoanalytisches und literarisches Ouevre genommen wird.

Im Sinne von Keilson bemerkt Juelich über die Möglichkeiten einer Auseinandersetzung mit dem von uns abgespaltenen, verdrängten Erbes des Nationalsozialismus: „Denn nur, wenn es gelingt, sich durch die Auseinandersetzung diese Abspaltungen wieder erkennbar und verfügbar zu machen, kann dadurch ein Weg eröffnet werden, der es ermöglicht, sich dem Lebendigen wieder zu nähern und eine Bindung zum Leben zu schaffen.“ (Juelich 1997, S. 110)

Nun intensiviert Hans Keilson seine deutschsprachige Vortrags- und Publikationstätigkeit. Nun legt er auch zahlreiche Essays zu biographischen, historischen und fachspezifischen Themen vor. 1992 erscheint sein bereits im Sommer 1943 im Versteck geschriebener Poem „Einer Träumenden“ , im gleichen Jahr erscheinen seine bereits erwähnten „Erinnerungen an Caputh„, welche er auf der von Helmut Schreier organisierten Hamburger Vorlesungsreihe „Das Echo des Holocaust“ vorgetragen hatte. 1997 publiziert er die umfangreiche, autobiographisch getönte Studie „Überwinden des Nationalsozialismus„, welcher er den für sein Wirken kennzeichnenden Untertitel „Literarische und psychoanalytische Annäherungen“ beifügt (Keilson 2005, S. 402-417). 1998 erscheint in der Psyche der Beitrag „Freud und die Kunst“  (Keilson 2005, S. 418-439).

1995 vollendete der Filmemacher Wilhelm Rösing – der bereits einen Film über den Psychoanalytiker Ernst Federn (vgl. Kaufhold 1999, 2001) veröffentlicht hatte – ein filmisches Porträt Keilsons, in welchem dessen Weg ins Exil, dessen Widerstandstätigkeit im Untergrund und dessen Verarbeitung dieser traumatischen Erfahrung mittels seines Engagements dargeboten wird.

Nun endlich folgen zahlreiche Ehrungen für diese Jahrhundertgestalt:

Keilson wird mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 1992 verleiht ihm die Universität Bremen die Ehrendoktorwürde. In seiner Dankesrede (Keilson 2005, S. 398-401) hebt Keilson in verdichteter Weise seine jüdische Identität hervor. Sein wissenschaftliches Wirken stellt für ihn einen existentiellen, humanen Versuch dar, sich den „Kräfte(n) der Destruktion“ (Keilson 2005, S. 398) entgegenzustellen, diese zu neutralisieren. Nun, wo ihn die Deutschen, mit 70jähriger Verspätung, endlich auch wissenschaftlich würdigen, sieht der Jude Hans Keilson keinen Anlass mehr, die äußerste Grausamkeit der von den Deutschen zu verantwortenden Shoah zu benennen. In seiner Dankesrede führt Keilson aus:

„In der Vergangenheit, die für mich immer noch Gegenwart ist, habe ich viele Schmähungen erlitten. Auch wenn diese nicht immer ausschließlich meiner Person galten, so haben sie doch mein Leben als Angehöriger des jüdischen Volkes im Abendland, dessen Schicksal, das Ihnen bekannt ist, ich bewußt teile, mitbestimmt. Wer die Shoah erlebt und überlebt hat, dessen Dasein verläuft auf einem schmalen Pfad zwischen Schmähungen und Ehrungen. (Keilson 2005, S. 398)

1996 erhält Keilson die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur an der Universität in Kassel, entfaltet in diesem Rahmen „Gedanken zur Traumaforschung“ (Keilson 2005, S. 305-317) und spricht über „Die Faszination des Hasses. Das Verhältnis von Juden und Christen in Deutschland“ (Keilson 2005, S. 318-340). 1999 wird er als korrespondierendes Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen und hält auf deren Akademietagung den bewegenden autobiographischen Vortrag „`Sieben Sterne…´ Meine Geschichte zur Sprache gebracht„. Diesen Vortrag ergänzt er vor dem gleichen Publikum mit seinem „Plädoyer für eine Luftschaukel“ (Keilson 2005, S. 454- 474). 2005 wird Hans Keilson mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnet, im gleichen Jahr erscheint endlich eine zweibändige Werkausgabe mit seinen Schriften, 2007 erhält er in Potsdam die Moses Mendelssohn-Medaille. Seine Geburtsstadt Bad Freienwalde verleiht ihm 1995 dank des Engagements des Drehbuchautors Eberhard Goerner die Ehrenbürgerschaft – die ein halbes Jahrhundert zuvor Adolf Hitler erhalten hatte.

Zu eben jener Zeit, vor 70 Jahren, 1937, hatte Hans Keilson im niederländischen Untergrund das Gedicht „Amsterdamer Lied“ verfasst, in welchem sich die Spuren des Exils widerspiegeln:

„Zu Amsterdam im vierten Stock
mit einer Laus im Haar,
da lebten wir, mein Schatz und ich,
dreiviertel und ein Jahr.

Wir liebten uns im Schwanenteich
des Nachts im Vondelpark.
Der Himmel glänzte: Leuchtmetall,
die Erde roch so stark.

Die Freiheit saß uns im Genick,
zuvor die Polizei.
In Amsterdam war es noch kalt
im Tulpenmonat Mai.

Weit draußen rauscht das große Meer
bei Zandvoort und Zaandam.
Doch dahinaus gelangt nur, wer
es auch bezahlen kann.

Es lebt sich in der schönsten Stadt
selbst mit der liebsten Frau,
wenn man dort keine Arbeit hat,
am Ende ungenau.

Denn wenn du nichts zu Beißen hast,
sei’s auch in Amsterdam,
dann nützt dir nichts das Ijsselmeer,
Marken und Volendam.

Kind, pack die Koffer wieder ein!
Zu Ende ist die Jagd.
Noch einmal über’n Rembrandtplein,
dann schmeiß dich in die Gracht!“ (Keilson 2005, S. 15f.).

Hans Keilson hat dieser verlockenden Versuchung widerstanden. Sein breitgefächertes Werk verdient es, gelesen zu werden. Gerade heute.

 

Zusammenfassung

Der 98-jährige Psychoanalytiker und Schriftsteller Hans Keilson blickt auf eine höchst außergewöhnliche, gleichermaßen produktive wie belastete Biographie zurück. Als Jude wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt, sein 1933 erschienener Roman wurde – wie die Schriften Freuds – verbrannt. Keilson emigrierte 1936 in die Niederlande, wo er als psychoanalytischer Pädagoge mit verfolgten jüdischen Kindern und Jugendlichen arbeitete. 1940 ging er in den Untergrund und überlebte mit Glück die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung. Nach dem Krieg arbeitete er mehrere Jahrzehnte lang mit schwer traumatisierten jüdischen Kriegswaisen und wurde so ein Pionier einer Psychoanalyse des Traumas.

Summary

The 98 year old psychoanalyst and author Hans Keilson looks back on a most extraordinary lfe, both productive and distressed. As a Jew, he was persecuted by the National Socialists. His novel from 1933 was burnt – as were the writings of Freud. Keilson emigrated to the Netherlands in 1936, where he worked with persecuted Jewish children and teenagers as a psychoanalytic teacher. In 1940 he joined the resistance movement and luckily survived the years of persecution. After World War II he worked for several decades with heavily traumatized Jewish war orphans. So he became a pioneer in psychoanalysis of trauma. Literatur

Foto: Martin Spieles / S. Fischer Verlag

Literatur

Aalders, G. (2000): Geraubt! Die Enteignung jüdischen Besitzes im Zweiten Weltkrieg. Köln (Dittrich).

Becker, D. (1992): Ohne Hass keine Versöhnung. Das Trauma der Verfolgten. Freiburg (Kore).

Bergman, M. S./Jucovy, M. E. (Hg., 1982): Generations of the Holocaust, New York (Basic Books).

Bettelheim, B. (1989): Erziehung zum Überleben. Zur Psychologie der Extremsituation. München (dtv).

Bettelheim, B. (1990): Themen meines Lebens. München (dtv).

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  • (2005): Werke in zwei Bänden (Hg. Detering, H./G. Kurz). Frankfurt/M. (Fischer) (Alle Zitate in meiner Studie beziehen sich, sofern dies nicht anders angegeben ist, auf Bd. 2 dieser Werkausgabe).

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Diese Studie – Roland Kaufhold (2008): Das Leben geht weiter“. Hans Keilson, ein jüdischer Psychoanalytiker, Schriftsteller, Pädagoge und Musiker – ist zuvor in der Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, 23. Jg., H. 1/2 2008, S. 142-167 erschienen. Wir danken der Redaktion der Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis https://www.klostermann.de/epages/63574303.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/63574303/Categories/Zeitschriften/ZpTP sowie dem Verlag Vittorio Klostermann https://www.klostermann.de/epages/63574303.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/63574303/Categories für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung

[1] Siehe hierzu vertiefend Keilsons Diskussionsbeiträge „Lieber Holland als Heimweh… (Keilson 2005, S. 150-159), „Linker Antisemitismus?“ (S. 160-186), „Psychoanalyse und Judentum“ (S. 187-194), „In der Fremde zuhause“ (S. 214-251) sowie „Ein Grab in den Lüften…“ (S. 252-256), in denen er über seine jüdischen Wurzeln sowie die Langlebigkeit des tödlichen Antisemitismus reflektiert.

[2] Als vertiefende historische Literatur sei verwiesen auf: Benz, W., B. Distel (Hrsg.) (2004): Terror im Westen. Nationalsozialistische Lager in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg 1940–1945, Berlin; Benz, W., J. Wetzel (Hrsg.) (1999): Solidarität und Hilfe für Juden während der NS Zeit. Regionalstudien, Bd. 3: Dänemark, Niederlande, Spanien, Portugal, Ungarn, Albanien, Weißrußland, Berlin; Bolle, M. (2006): Ich weiß, dieser Brief wird dich nie erreichen. Tagebuchbriefe der Mirjam Bolle aus Amsterdam, Westerbork und Bergen – Belsen. Frankfurt/M. (Eichborn); Fühner, H. (2005): Nachspiel. Die niederländische Politik und die Verfolgung von Kollaborateuren und NS-Verbrechern, 1945-1989 (= Niederlande-Studien 35). Münster (Waxmann Verlag); Hirschfeld ,G. (1984): Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besetzung 1940-1945, Stuttgart; de Mildt, D. (1989): Kollaboration und Deportation in Holland. Über das Verhalten der nicht-jüdischen Bevölkerung bei der Judenverfolgung in den Niederlanden, in: J. Wollenberg (Hrsg.) (1989): Niemand war dabei und keiner hat’s gewusst. Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933-1945, München; Presser, J.: Ashes in the wind. The destruction of Dutch Jewry. Translated from the Dutch by Arnold Pomerans.

[3] Die „Nederlandse Vereniging voor Psychoanalyse“ (NVP) löste sich 1941 nach der Besetzung Hollands durch die Deutschen auf; in Amsterdam bestand während der Zeit der Besetzung durch die Nationalsozialisten die geheime „Amsterdamsche Psychoanalytischen Werkgroep“. Brinkgreve (1987, S. 97) bemerkt bzgl. der Reaktion der niederländischen Psychoanalytiker auf die Bestzung ihres Landes: „…so klar war ihre Position, als der Krieg ausgebrochen war: die Vereinigung wurde aufgelöst und sie gingen in den Untergrund. Diese Periode wurde einer Anzahl jüdischer Analytiker zum Verhängnis: die meisten wurden deportiert; zwei von ihnen, Landauer und Watermann, kamen um. Die übrigen Analytiker arbeiteten in diesen Jahren intensiv zusammen. (…) Als es einen realen äußeren Feind gab, stellten sie ihre gegenseitigen Feindseligkeiten ein, schlossen sich enger zusammen.“
Eine rasche, sorgfältige Information über die Biographie niederländischer Psychoanalytikerinnen findet sich auf der Website http://www.psychoanalytikerinnen.de/index.html?niederlande_biografien.html Als weiterführende Literatur sei verwiesen auf: Brinkgreve, C. (1987); Groen-Prakken, H./de Nobel, L. (1992): Spanjaard, J., Mekking, R. U. (1977); Stroeken, H. (1997; 2003).

[4] Der 1915 von Emanuel Querido (1871-1943) gegründete, in der Amsterdamer Keizersgracht 333 gelegene Querido Verlag wurde in den Jahren von 1933 – 1940 zu einem literarischen Zentrum des Exils, des „anderen“, demokratischen Deutschlands. Unter der Leitung des aus Berlin stammenden, ins Exil gegangenen ehemaligen Geschäftsführer des Kiepenheuer Verlages, Fritz Landshoff, erschienen dort von 1933 – 1940 etwa 110 Titel deutschsprachiger Autoren, darunter die Werke von Alfred Döblin, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Hermann Kesten, Irmgard Keun, Erika, Heinrich, Klaus und Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Gustav Regler, Joseph Roth, Anna Seghers, Ernst Toller und Arnold Zweig (vgl. Aalders 2000, S. 103f.)

[5] Vielleicht ist es legitim, Keilsons Tätigkeit mit überlebenden jüdischen Kindern in den Zusammenhang mit Siegfried Bernfelds kurzlebigem pädagogischen Modellprojekt „Kinderheim Baumgarten“ (1920/21) mit jüdischen Kriegswaisen zu stellen. Bernfeld, der sich seinerzeit als Zionist verstand, hatte dieses kurzlebige, wegweisende Projekt gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Wilhelm Hoffer aufgebaut.

[6] Keilsons Studie erschien 1992 unter dem  Titel „Sequential Traumatization in Children. A Clinical and Statistical Follow-up Study on the Fate of the Jewish War Orphans in the Netherlands“ (Translated by Yvonne Bearne, Hilary Coleman, Deidre Winter ) bei Magnes Press, Jerusalem; das Buch wird immer noch im Verlagsprogramm geführt.

[7] Die folgende Zitation bezieht sich auf die in der Psyche publizierten Originaltexte. Die beiden Studien sind auch in Band 2 seine Werkausgabe (Keilson 2005, Bd. 2, S. 137-149, S. 273-290) aufgenommen worden.

[i] Diese Studie – Roland Kaufhold (2008): Das Leben geht weiter“. Hans Keilson, ein jüdischer Psychoanalytiker, Schriftsteller, Pädagoge und Musiker – ist zuvor in der Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, 23. Jg., H. 1/2 2008, S. 142-167 erschienen.

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