Ein spanischer Historikerstreit

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Al-Andalus war keineswegs nur islamisch-arabisch geprägt. Die historische Besonderheit, ja Einmaligkeit des Maurischen Spanien liegt genau darin begründet, dass hier Angehörige der drei monotheistischen Religionen zwar nicht konfliktfrei, aber doch über lange Zeiträume hinweg kooperativ zusammenlebten. Zentral ist dabei auch die Rolle der Juden, für die Spanien jahrhundertelang eine Zuflucht und eine Heimat war; wer von al-Andalus spricht, muss das Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen immer mit einbeziehen. Nirgendwo sonst in Westeuropa kam es zu einem so engen Kontakt zwischen den drei «Religionen des Buches». All dies hat die Geschichte Spaniens tief geprägt.

Diese Prägung wird von niemandem ernsthaft bestritten. Heftige Diskussionen hat indessen die Frage ausgelöst, wie die Rolle von al-Andalus in der spanischen Geschichte zu bewerten ist.

Von Georg Bossong

War die islamische Herrschaft eine existentielle Katastrophe? Waren die arabischen Eroberer Fremdlinge, die es mit aller Macht zurückzuwerfen und aus Spanien zu vertreiben galt? Oder war vielmehr das Zusammenwirken der drei Kulturen konstitutiv für die Bildung einer spanischen Identität? Beruht die Entstehung der spanischen Nation auf der welthistorisch einmaligen Verschmelzung von Islamischem, Jüdischem und Christlichem?

Über diese Fragen ist eine Kontroverse entbrannt, die man als eine Art „Historikerstreit“ bezeichnen kann. Es geht dabei um nicht weniger als das Verständnis Spaniens von sich selbst: Wurde die nationale Identität in den Kriegen der Reconquista geschmiedet, im unermüdlichen Kampf der katholischen Christenheit gegen die verderbliche «Sekte» der Mohammedaner? Oder entstand sie in einem jahrhundertelangen Prozess der Befruchtung und des Kontakts, bei dem Semitisches und Romanisches eine unauflösliche Symbiose eingingen?


Zwei Historiker vor allem haben diese Kontroverse ausgetragen: Americo Castro (1885-1972) und Claudio Sánchez-Albórnoz (1893-1984). Beide erhielten ihre Bildung in der liberalaufklärerischen Institution Libre de Ensenañza, beide kämpften im Spanischen Bürgerkrieg für die Partei der Republikaner und mussten aufgrund der fraquistischen Repression ins Exil gehen, Castro nach Princeton und Sanchez-Albomoz nach Buenos Aires.

Americo Castro hatte sich mit Studien zu Klassikern der spanischen Literatur einen Namen gemacht, ehe er im Exil begann, sich genauer mit der mittelalterlichen Geschichte seines Landes zu beschäftigen. 1948 legte er eine erste, 1954 eine überarbeitete Fassung seines Hauptwerks vor unter dem Titel La realidad histórica de Espana (deutsch 1957). Diese Publikation schlug unter spanischen Intellektuellen hohe Wogen. Seit dem Verlust der letzten Kolonien im Jahre 1898 war es Mode geworden, über das Wesen des Spaniertums und die spanische Identität nachzudenken. Americo Castro brach mit allen überkommenen Vorstellungen, indem er dem muslimischen wie auch dem jüdischen Element eine Schlüsselstellung zuerkannte. Erst durch das Zusammenwirken der drei Religionen, so Castro, sei es zur Entstehung der spanischen Nation mit eigenständiger Identität gekommen. Das Zusammenleben der drei «Kasten» in einer gemeinsamen «Lebensbehausung» (morada vital) sei zentral für das Entstehen des Spaniertums:

… „So ist es bei der Betrachtung dieser neunhundert Jahre, die sich vor unseren Augen ausgebreitet haben, kaum verwunderlich, dass Sprache, Sitte, Religion, Kunst, Literatur, ja die spanische Lebensstruktur (vividura) überhaupt es verlangen, der jahrhundertealten Verflechtung zwischen Christen und Mauren Rechnung zu tragen. … Das Originellste und Universalste des spanischen Genius lag in einer Disposition des Lebens begründet, die in den Jahrhunderten des christlich-islamisch-jüdischen Zusammenlebens geprägt wurde.“ …

Bei aller Abgrenzung und Auseinandersetzung, die natürlich auch von Americo Castro nicht geleugnet wird, kam es doch zur Entstehung einer gemeinsamen Lebensstruktur, die auf spanisch mit dem Begriff der convivencia, «Zusammenleben», auf den Punkt gcbracht werden kann. Zugespitzt gesagt: Die Westgoten waren keine Spanier – und die Römer oder Iberer vor ihnen schon gar nicht; erst durch die islamische Eroberung und ihre Folgen wurde Spanien zu dem, was es heute ist.

Americo Castros Buch rief die traditionell orientierten Historiker auf den Plan, allen voran Claudio Sánchez-Albórnoz. Als Entgegnung auf Castro veröffentlichte er 1956/1957 sein Hauptwerk Espana: un enigma histórico, «Spanien: ein historisches Rätsel». Er verteidigt die traditionelle Auffassung von der Kontinuität des spanischen Wesens über alle Zeitläufe hinweg; bereits in Gestalten wie Seneca und Trajan – und sogar in den vorrömischen Iberern – sieht er Verkörperungen des homo hispanus, in denen konstante Züge eines ewigen Spaniertums aufscheinen. Während also Iberer, Römer und Westgoten – so Sánchez Albornoz – dazu beigetragen haben, das spanische «Temperament zu schmieden», wird die Bedeutung des semitischen Elements von ihm vehement bestritten. Die durch den jüdischen Verrat ermöglichte arabische Eroberung hat die spanische Geschichte «verdreht», durch sie kam Spanien von seinem «Königsweg» ab. Das arabische und das jüdische Element sind das Fremde, das es von allem Anfang an zurückzudrängen und auszumerzen galt. In dem jahrhundertelangen Ringen der Reconquista hat sich der bomo hispanus gegen das Semitische zur Wehr gesetzt und es schließlich vom spanischen Boden eliminiert.

Die Niederlage der Westgoten gegen die Araber setzte die Kräfte des Widerstands frei, sie weckte «die von den Urahnen kommende kriegerische Kraft und die leidenschaftliche Heftigkeit der Asturer und Cantabrer [vorrömische Völkerschaften, GB], die seit den Tagen der Römer so oft aufgeblitzt und nie völlig erloschen waren». Zeit seines Lebens hat Sanchez-Albornoz diese traditionalistische, auch von den Faschisten vertretene Sicht der spanischen Geschichte leidenschaftlich verteidigt; so schrieb er im Alter von neunzig Jahren:

… „Die Reconquista, unsere großartige mittelalterliche Unternehmung, eine normale Reaktion auf die verräterische islamische Invasion Spaniens; das Wunder der Reconquista, von unglaublichem Heldenmut geprägt, hat nicht nur unseren Nationalcharakter geschmiedet, sondern hat uns auch befähigt, unsere amerikanischen Heldentaten zu verwirklichen, wo wir die Neue Welt erobert haben, für Spanien, für die westliche Zivilisation, und vor allem für Christus. Die Reconquista machte uns zum Schwert Giottes auf Erden, gegen Türken und Ketzer. Die Reconquista ist der Schlüssel zur spanischen Geschichte.“…

Unter der Franco-Diktatur ist diese Wertung allen Spaniern von Kindheit an eingehämmert worden. Sánchez-Albornoz steht in einer langen Tradition von Maurophobie und Antisemitismus.
Die weitaus meisten Gelehrten neigen heute der Auffassung von Americo Castro zu; die Geschichtsdeutung von Sánchez-Albornoz gilt als Ausdruck einer überholten, national-katholischen Ideologie und wird allgemein abgelehnt. So hat beispielsweise Maria Menocal in ihren Lebensbildern aus al-Andalus beeindruckend gezeigt, daß sich im mittelalterlichen Spanien ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt hat, das zumindest zeitweise die Grenzen zwischen den Religionen überstieg. Auch in der Dichtung wird immer wieder deutlich, daß die convivencia zwischen Muslimen, Juden und Christen eine alltäglich gelebte Realität war.

Natürlich kann man durch eine voreingenommene Auswahl von Zitaten auch belegen, was ohnehin niemand bezweifelt, daß nämlich zwischen Muslimen und Christen jahrhundertelang gekämpft wurde, zeitweise auf Leben und Tod. So hat vor kurzem der in Madrid lehrende Arabist Serafin Fanjul zu beweisen versucht, daß es im Spanien des Mittelalters nichts anderes als Konfrontation und Krieg zwischen den «Kasten» gegeben habe. Daß er dabei alle Elemente von Koexistenz und Kooperation unterschlägt, verwundert angesichts der von ihm verfolgten Absicht keineswegs. Insgesamt jedoch sind solche Stimmen in der Minderheit. Niemand zaubert heute noch einen mythischen homo hispanus aus der Vorgeschichte hervor; man kann kaum ernsthaft bezweifeln, daß die im eigentlichen Sinne spanische Geschichte mit der muslimischen Eroberung und der christlichen Antwort darauf beginnt. Aber der Streit geht weiter, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Ist al-Andalus wirklich ein integraler, ja konstitutiver Bestandteil der spanischen Geschichte? Oder repräsentiert es doch die große, existentielle Katastrophe, den Einbruch des Fremden, dessen es sich zu entledigen galt? Fragen wir noch weiter, noch konkreter: Waren die spanischen Muslime wirklich Fremde? Waren sie nicht vielmehr in ihrer großen Mehrheit Fleisch vom eigenen Fleisch,Hispano-Romanen, die sich freiwillig zum Islam bekehrt haben? Ist es nicht plausibel anzunehmen, daß in der Ahnenreihe eines beliebigen Andalusiers oder Levantiners von heute sich nicht nur Fernandos und Rodrigos finden, sondern auch Omars und Mohammeds, und auch Moshes und Yehudas? Das sind wahrlich Fragen, die für einen katholischen Spanier von heute beunruhigend sein können und die über den akademischen Historikerstreit weit hinausgehen. Die Kontroverse um al Andalus ist bis heute aktuell geblieben.

Aus Georg Bossong
DAS MAURISCHE SPANIEN
Geschichte und Kultur