„Er wusste Bescheid“

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Keshet Casarotti-Kalfa, 21 Jahre, auf dem Nova-Festival ermordet

Nach der Veröffentlichung gestern in Haaretz, wonach Premier Netanyahu ca. 10 Tage vor dem 7. Oktober von dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed, in einem gut vierzigminütigen Telefonat persönlich davor gewarnt wurde, dass Hamas-Chef Sinwar eine große Aktion gegen Israel plane, werden dazu weitere Details und Reaktionen bekannt. Einer der Journalisten, die den Artikel verfasst hatten, Shlomi Eldar, stand in den Abendnachrichten Rede und Antwort und versicherte, dass es handfeste Belege gäbe. Am Abend gab es auch noch eine offizielle Reaktion aus dem Außenministerium der Vereinigten Arabischen Emiraten, in der es heißt: „Das Außenministerium unterstreicht, dass die Regierung der VAE keine Medienberichte oder Spekulationen über Gespräche zwischen Regierungschefs kommentiert.“ Bezeichnenderweise wird der Bericht jedoch nicht dementiert.

Den ganzen Tag über kamen Angehörige der Opfer des 7. Oktober zu Wort. So sagte etwa Meirav Svirsky in einem Radio-Interview: „Er wusste Bescheid – und unternahm nichts, um es zu verhindern. Das nennt man fahrlässige Tötung.“ Meirav verlor am 7. Oktober ihre Eltern, Orit and Rafi Svirsky, die im Kibbutz Beeri ermordet wurden. Ihr Buder Itay wurde nach Gaza entführt und dort ermordet. Ganz ähnlich äußerte sich auch Eyal Eshel, Vater von Roni Eshel, die als Späherin am Stützpunkt Nahal Oz im Einsatz war und dort am 7. Oktober von den einfallenden Hamas-Terroristen ermordet wurde. Auch er nannte Netanyahus Vorgehen fahrlässige Tötung.

Stellvertretend für die vielen Stimmen, die sich seit gestern zu Wort melden, sei hier übersetzt wiedergegeben, was Natalia Casarotti schrieb. Natalia ist die Mutter von Keshet, der auf dem Nova Festival ermordet wurde.

„Anderthalb Wochen, bevor sie meinen Keshet ermordeten, wurde der israelische Premierminister gewarnt. Gewarnt!!!
Verdammt noch mal!!!!!
Anderthalb Wochen später fielen sie in Israel ein. Sie verübten Massaker, brannten alles nieder, ermordeten ganze Familien, vergewaltigten, entführten, verstümmelten und schossen wild um sich. Stundenlang war keine Armee da. Zivilisten flehten um Hilfe. Menschen kämpften allein um ihre Häuser. Junge Leute flohen von einer Party, und niemand kam, um sie zu retten.
Um 07:16 Uhr morgens unter der Brücke von Shaar HaNegev wurde mein Keshet ermordet. 21 Jahre alt. Er war auf dem Nova-Festival tanzen und kehrte nicht zurück.
Und fast drei Jahre später blicke ich mich um und kann kaum glauben, wie schnell wir uns daran zu gewöhnen beginnen. Wie schnell wir die Konturen verschwimmen lassen, vergessen, weitermachen. Als wäre der 7. Oktober nur ein weiteres Datum in der Geschichte dieses Landes. Als könnten wir einfach weitermachen.
Unmöglich. Denn der 7. Oktober endet nicht am 7. Oktober.
Keshet bezahlte mit seinem Leben, doch der Preis wird uns weiterhin jeden Tag abverlangt. Kämpfer kehrten mit verwundeten Körpern aus den Gefechten zurück – viele mit amputierten Gliedmaßen, ihre Seelen zerbrochen; manche konnten den Schmerz nicht ertragen und beendeten ihr Leben. Überlebende des Massakers und der Gefangenschaft leben mit dem Trauma, trauernde Familien versuchen zu lernen, mit einer Lücke zu leben, die sich nicht schließen lässt; Kinder haben Angst, Familien zerbrechen, und ein ganzes Land steht unter Schock.
Und in Kürze ist es wieder der 7. Oktober.
Dieses Datum wird Gerüche, Geräusche, Bilder und Erinnerungen zurückbringen, an denen die Menschen seit drei Jahren mühsam festzuhalten versuchen. Für einige der Kämpfer, Überlebenden, Familien und Kinder ist es kein Gedenktag. Es ist ein Trigger. Es ist der Körper, der dorthin zurückkehrt. Es ist die Seele, die dorthin zurückkehrt. Und wir wissen, dass es Menschen gibt, bei denen Suizidgefahr besteht, und dass es immer noch nicht genug Behandlungsmöglichkeiten und keine ausreichende Reaktion gibt – und kein System, das der Größe dieser Wunde auch nur annähernd gerecht wird.
Und während all das geschieht, bleibt der Premierminister, der vor dem Massaker gewarnt worden war, weiterhin Premierminister von Israel. Die 120 Knesset-Abgeordneten erhalten weiterhin ihre Gehälter, Privilegien und üppigen Pensionen. Das System läuft weiter. Ihr Leben geht weiter. Bei uns – nichts, absolut nichts.
Ich habe nicht vor, mich daran zu gewöhnen.
Ich verlange zu wissen, wer Bescheid wusste, wer weggesehen hat, wer versagt hat, wer uns im Stich gelassen hat und wer die Verantwortung trägt.
Ich will, dass die Verantwortlichen für das größte Versagen in der Geschichte dieses Landes im Gefängnis sitzen. Dass sie sich nicht mit üppigen Pensionen zur Ruhe setzen, nicht zur nächsten Karrierestufe übergehen und nicht geduldig darauf warten, dass die Öffentlichkeit vergisst.
Und ihre üppigen Pensionen? Man leite sie an die Opfer der Kämpfe weiter, an die Überlebenden des Massakers und der Gefangenschaft, an die Familien der Entführten und die Hinterbliebenen. An die Menschen, die mit Leib und Seele dafür bezahlen – und noch jahrelang bezahlen werden –, was unter der Aufsicht jener Verantwortlichen geschehen ist.
Mein Sohn liegt in der Erde. Er wird nicht erwachsen werden, nicht heiraten, keine Kinder haben, kein weiteres Leben führen.
Verlangt nicht von mir, einfach weiterzumachen, verwischt nicht die Erinnerung an den 7. Oktober.
Wir befinden uns nicht in der Zeit nach dem 7. Oktober. Wir leben immer noch mittendrin. Menschen sterben noch immer an den Folgen.
Solange wir nicht die ganze Wahrheit kennen und solange die Verantwortlichen nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden, dürfen wir nicht schweigen.
Und ich werde nicht schweigen. Ganz im Gegenteil. Mir ist, als müsste ich meine Seele in den Himmel hinausschreien.“