
Wie die Lücken im „Kulturzeit“-Beitrag über „NAZA“ verzerrende Analogien begünstigen
Von Hans-Peter Häfele
Am 7. Oktober 2023 fand das verheerendste Pogrom an Jüdinnen und Juden seit der Shoa statt. Wer auf eine Welle der weltweiten Solidarität mit dem Staat Israel und den dort ermordeten Menschen gehofft hatte, wurde nach den rasch verebbenden medialen Schockreaktionen eines anderen belehrt. Die Reflexe des Kulturbetriebs auf dieses Ereignis folgten mehrheitlich einer Logik des Verdachts. Bedient sich diese im Schutzraum der sozialen Medien nicht selten einer unverblümt antisemitischen Rhetorik, so artikuliert sie sich weit häufiger in Form einer Israelisierung antisemitischer Semantik und einer im Kanon der „Israelkritik“ sich hüllenden Dämonisierung dieses Staates, dessen Existenzrecht seit seiner Gründung stets angezweifelt und der nach postkolonial-linker Weltsicht nie hätte gegründet werden dürfen.
Die Beiträge des hiesigen und internationalen Kulturbetriebs zu Israel zeichnen sich mittlerweile nahezu unisono durch eher negative Konnotationen aus. Dies betrifft nicht nur das israelische Regierungshandeln; parallel dazu werden auch die politisch-kulturellen Kontroversen innerhalb Israels in ihrer manifesten Vielfalt weitgehend ausgeblendet. Wohl gehört es zum woken guten Ton, Israel plakativ in einem negativen Licht erscheinen zu lassen, will man denn mit seinen Produkten auf den Bühnen und Märkten des performativen Kunstbetriebs reüssieren.
Es ist ein wiederkehrendes, fast schon rituelles Muster in der Kulturberichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Sobald Israel im Fokus steht, werden Standards journalistischer Sorgfaltspflicht vernachlässigt, während das moralische Pathos wächst. Ein Paradebeispiel für dieses Phänomen lieferte das 3sat-Magazin „Kulturzeit“ vom 14.9.23 in einem Beitrag über die Filmfestspiele in Venedig mit Blick auf den umstrittenen Dokumentarfilm „NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Szor, der mit dem Spezialpreis der Jury prämiert wurde. Auch dieser Film wurde vom Festivalpublikum mit den mittlerweile obligatorischen und penetrant langen „Standing Ovations“ gewürdigt. Wie bei vielen anderen Filmfestivals zuvor nach dem „7. Oktober“ geht es schon lange nicht mehr lediglich darum, die künstlerische Qualität eines Wettbewerbsbeitrags zu würdigen. Der Applaus zelebriert, schweigend oder begleitet vom Skandieren von „Free Palestine“-Parolen, gerade bei „israelkritischen“ Filmen die Manifestation einer „progressiven“ kollektiven Gesinnung.
Die Ausbürgerungsdrohungen des israelischen Kulturministers Miki Zohar an das Regieteam Abraham/Szor gingen rasch viral und befeuerten das Klima der Empörung über das im Film Gezeigte zusätzlich. Die Gestaltung des Beitrags der „Kulturzeit“-Redaktion um die Moderatorin Nina Mavis Brunner demonstrierte im Nachgang lehrbuchhaft, wie man durch gezieltes Verschweigen ein hochkomplexes Thema verzerrt.
Die verweigerte Gegenseite
Der Kern des Beitrags dreht sich zweifellos um einen erheblichen kulturpolitischen Konflikt. Nach der Prämierung des Films beim Festival am Lido warf der rechtsgerichtete israelische Kulturminister Miki Zohar (Likud) den beiden jüdisch-israelischen Regisseuren via Social Media „Landesverrat“ vor und forderte rechtliche Schritte bis hin zum Entzug der Staatsbürgerschaft. Eine solche, offen artikulierte maximale Strafandrohung kollidiert zweifellos mit der in demokratischen Rechtsstaaten verbrieften Kunst- und Meinungsfreiheit und gehört zwingend kritisiert. Gleichwohl sind die Hürden für einen Entzug der Staatsbürgerschaft im Rechtsstaat Israel sehr hoch, sodass eine Umsetzung vor dem Obersten Gerichtshof Israels voraussichtlich scheitern würde.
Der journalistische Sündenfall der „Kulturzeit“ liegt jedoch in dem, was ihren Zuschauern wohl wissentlich vorenthalten wurde. Die Dramaturgie des Films „NAZA“ basiert auf anonymen Aussagen von 24 Geheimdienstoffizieren und Mannschaftsdienstgraden. In den Interviews werden schwerste Vorwürfe gegen die militärisch-operative Führung der israelischen Verteidigungskräfte (IDF) erhoben. Der Oberbefehlshaber der IDF, Generalleutnant Eyal Zamir, hat laut verschiedenen Zeitungsmeldungen nach Kenntnisnahme des Films eine eingehende Prüfung der Anschuldigungen angekündigt. Sollten sich diese verifizieren, läge hierin eine eklatante Verletzung der moralisch-ethischen Prinzipien militärischer Führung vor.
Vorab wies die Armee die Behauptung zurück, dass die militärische Zielerfassung KI-gesteuert, also nicht von zuständigem Personal verantwortet sei, und dass in diesem Zusammenhang im Einsatz zur Terrorbekämpfung ein Kollateralschaden von bis zu 500 Zivilist:innen als tolerierbar erachtet worden sei. Zum Standard einer ausgewogenen Berichterstattung hätte zwingend gehört, die zeitlich rasch erfolgte und scharfe Kritik der IDF-Führung an den Behauptungen des Films einzubinden. Zudem kritisierten israelische Journalisten in Interviews mit Yuval Abraham zu Recht die mangelnde Überprüfbarkeit der anonymen Quellen.
Die „Kulturzeit“-Redaktion hat in ihrem Beitrag die fehlende stützende Beweiskette, die journalistischen Zweifel und insbesondere die militärisch-strategische Gegendarstellung jedoch komplett ausgeblendet. Im Beitrag stand lediglich das Faktum dieses Dokumentarfilms und die mit dem Staat Israel gleichgesetzte Drohung des Kulturstaatsministers Zohar an die Filmemacher mit deren Ausbürgerung. Eine Moderation dieses Zuschnitts degradiert einen Konflikt im Ausnahmezustand des Krieges zu einer rein willkürlichen Zensurmaßnahme eines vermeintlichen Unrechtsstaates und bedient so die gängigen Klischees des rechten wie linken antizionistischen Mainstreams.
Der Resonanzraum der sozialen Medien
Verschärft wird diese Dynamik durch die empirisch belegte Logik der sozialen Netzwerke, auf denen der eigentliche, ressentimentgeladene Kulturkampf ausgefochten wird. Kulturminister Miki Zohar wählte wohl bewusst die Plattform „X“, um seiner populistischen Drohung ein Höchstmaß an rascher Verbreitung zu sichern – ein probates Instrument, um gezielt maximal zu polarisieren und große Reichweite zu erzielen. Die „Kulturzeit“ sprang auf diesen Zug der medialen Eskalation auf Basis einer primären Realität auf, versäumte es jedoch, die israelfeindlichen Resonanzen in den sozialen Medien zu antizipieren, die dadurch digital freigesetzt wurden.
In Teilen der postkolonialen und linksantizionistischen „Palästina-Solidaritätsszene“ auf Instagram und X wurde Zohars Posting prompt für das verquere Narrativ von Israel als neuem „zionistischen NS-Staat“ instrumentalisiert. Dort fusionierte das willkommene Social-Media-Raunen reflexhaft mit der bekannten historischen Analogie – mit dem Unterschied, dass nunmehr perfiderweise zwei Juden die Staatsbürgerschaft durch den „zionistischen Staat“ entzogen werden soll. Im emotional hoch aufgeladenen Echoraum der sozialen Medien wird hierdurch suggestiv das Zerrbild Israels als „ethno-nationalistischer“ Unrechtsstaat reproduziert.
Ein gängiger Demo-Slogan bei antiisraelischen Demonstrationen fordert bekanntlich eine „Befreiung der Juden vom Zionismus“.
Dass dieses Framing im medialen Raum verfängt, ist das Resultat einer seit Langem beobachtbaren Diskursverschiebung innerhalb der dominant postkolonialen Linken. In einschlägigen Publikationen wie der marxistisch-intellektuellen PROKLA wird das Existenzrecht Israels regelmäßig delegitimiert, indem das Land mit der Reizvokabel des „Siedlerkolonialismus“ belegt und Israel wechselnd als koloniales oder imperialistisches Unterdrückungsprojekt definiert wird (vgl. Anil Shah, „Siedlerkolonialismus in Palästina“, PROKLA 218, März 2025). Wenn Israel in den sozialen Netzwerken inhärent als rassistische, koloniale „Entität“ geframt wird, ist eine Gleichsetzung mit dem genozidalen deutschen NS-Staat gedanklich bereits vollzogen.
Dass das öffentlich-rechtlich produzierte Kulturmagazin „Kulturzeit“ dieses gängige Narrativ durch seine einseitige Berichterstattung stützt und am Ende der Sendung zumindest unkommentiert im Raum stehen lässt, ist ein eklatanter medienpolitischer Fehltritt. Die Kontroverse zeigt die ethische Herausforderung moderner Kulturberichterstattung. Die Aussparung der militärisch-sachlichen Einwände der IDF zugunsten eines rein emotionalisierten Narrativs über staatliche Zensur öffnet Räume für verzerrende historische Analogieschlüsse und erfüllt eine klassische Täter-Opfer-Umkehr.
Eine seriöse Berichterstattung in einem derart sensiblen Kulturbereich sollte insbesondere in Zeiten des geschürten Jasses auf Juden im Rahmen ihrer Sorgfaltspflicht Wert auf eine sachlich ausgewogene Darstellung legen.


