Ein chassidischer Impuls zu Jom Kippur 5787
Von Thomas Tews
Der heiligste Tag im jüdischen Kalender ist Jom Kippur („Versöhnungstag“, „Tag der Sühne“), der Tag des Sündenbekenntnisses, der Reue über die Sünden, des Bittens um Vergebung, der Buße sowie des strengen Fastens. Fast 26 Stunden lang, von kurz vor Sonnenuntergang am 9. Tischri (siebter Monat im jüdischen Kalender und erster Monat im jüdischen Jahr) bis nach Nachteinbruch am 10. Tischri, verzichten die Gläubigen auf Essen und Trinken, baden und salben sich nicht, tragen keine Lederschuhe und pflegen keine ehelichen Beziehungen. Da der Tag nur die Sünden gegen Gott und nicht die gegen die Mitmenschen sühnt, sind alle aufgerufen, vor dem Fest einander zu vergeben.
Die biblische Grundlage für Jom Kippur findet sich im dritten Buch der Tora (Fünf Bücher Mose), in dem es – in den Worten von Martin Bubers Bibelübersetzung – heißt:
„Es sei euch zu Weltzeit-Satzung: In der siebenten Mondneuung, am Zehnten auf die Neuung, sollt ihr eure Seelen beugen und sollt allerart Arbeit nicht machen, der Spross und der Gastsasse, der in eurer Mitte gastet. Denn an diesem Tag bedeckt man über euch, euch zu reinigen: von all euren Sünden vor IHM werdet ihr rein. Feier, Feiern ists euch, beuget eure Seelen, Weltzeit-Satzung. […] Dies sei euch zu Weltzeit-Satzung, zu bedecken über den Söhnen Jifsraels vor allen ihren Sünden einmal im Jahr.“ (Wajikra [Levitikus / 3. Mose] 16,29–31.34)
In diesem Sinne ist Jom Kippur der Teschuwa („Umkehr“, „Rückkehr“) gewidmet. Auf halachischer (das Gesetz der Tora betreffender) Ebene besteht die Teschuwa „[d]arin, dass der Sünder sich von seiner Sünde lossagt, sie aus seinen Gedanken entfernt und sich in seinem Herzen entschließt, sie nie wieder zu begehen“, wie es der Rambam (Akronym für Rabbi Mosche ben Majmon / Maimonides, 1135–1204) in seinem 14-bändigen Werk Mischneh Tora, das systematisch alle Vorschriften und Verordnungen der Tora kodifiziert, beschreibt. Hier bedeutet Teschuwa „Umkehr“ im Sinne der Abkehr von Sünden und des Ablassens vom frevelhaften Weg.
Daneben besitzt Teschuwa eine weitere, wesentlich umfassendere Bedeutung, nämlich die der „Rückkehr“ zu sich selbst, seinem wahren, eigentlichen eigenen Wesen, und zu G“tt, zum ursprünglichen Element, aus dem die Seele gestrickt ist. Diese tiefere Dimension der Teschuwa betont Rabbi Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), der siebte Lubawitscher Rebbe (jiddische Variante von „Rabbi“), in seiner 39-bändigen Sammlung Likkutej Sichot („Gesammelte Reden“): Unter „der Annahme, dass der Mensch von Natur aus gut ist und von Natur aus nur Gutes tun will“, bedeute Teschuwa die Rückkehr des Menschen „zu seinem wahren, eigentlichen Selbst“.
Die spirituelle Tätigkeit der Teschuwa beschäftigt die Gläubigen am Versöhnungsfest Jom Kippur. Dafür stehen sie unbeschuht in weißen Kitteln, die Totengewändern gleichen, in der Synagoge und sprechen fünf lange Gebete, die alle Widduj (das kollektive Sündenbekenntnis, das ein integraler Bestandteil des Teschuwa-Prozesses ist) einschließen: Arwit/Maariw (Abendgebet), Schacharit (Morgengebet), Mussaf (Zusatzgebet), Mincha (Nachmittagsgebet) und Neila („das Schließen der Tore“-Gebet).
Um das Sündenbekenntnis an Jom Kippur rankt sich eine Erzählung, die Rabbi Mosche Chajim Kleinman, der im frühen 20. Jahrhundert in Brisk (Brest-Litovsk) in Belarus lebte und eine Zusammenstellung von Lehren der Slonimer Rebbes verfasste, in seinem Werk Or Jescharim wiedergibt. Demnach hörte Rabbi Israel ben Elieser (1698–1760), der Baal Schem Tow („Meister des guten Namens“) genannt wird und als Offenbarer der Chassidut (Chassidismus) und erster Führer der chassidischen Bewegung gilt, von einem Kantor, der das Sündenbekenntnis an Jom Kippur mit einer fröhlichen Melodie zu singen pflegte. Der Baal Schem Tow bat darum, den Kantor zu treffen, und erkundigte sich bei ihm nach diesem höchst ungewöhnlichen Verhalten. Darauf antwortete der Kantor: „Erledigen denn die Diener des Königs ihre Arbeit nicht freudig, wenn sie vor seiner Ankunft den königlichen Palast von all dem angesammelten Schmutz und Abfall reinigen?“
Einer anderen, von Martin Buber wiedergegebenen Erzählung zufolge weilte der Raw („Herr“, „Lehrer“, „Meister“) von Kolbischow in Mesritsch und sah, wie ein alter Mann zu Rabbi Dow Bär (?–1772), der als Maggid („Redner“, „Prediger“) von Mesritsch oder „der große Maggid“ bekannt und als Schüler des Baal Schem Tow nach dessen Tod Führer der chassidischen Bewegung war, kam und ihn bat, ihm eine Sündenbuße aufzuerlegen. „Geh heim“, antwortete der Maggid, „schreib alle deine Sünden auf ein Blatt und bringe es mir.“ Als der Mann ihm das Blatt brachte, warf der Maggid nur einen Blick darauf und sagte dann: „Geh nun wieder heim, es ist gut.“ Später aber sah der Raw, wie der Maggid das Blatt las und bei jeder Zeile laut auflachte, was ihn verdross, denn er verstand nicht, wie man über Sünden lachen konnte. Jahrelang ließ ihn diese Erinnerung nicht los, bis er eines Tages folgenden Spruch des Baal Schem Tow hörte: „Es ist bekannt, dass niemand eine Sünde begeht, es sei denn der Geist der Narrheit ist in ihn gefahren. Was tut aber der Weise, wenn ein Narr zu ihm kommt? Er lacht über all seine Narrheiten, und wie er lacht, kommt der Hauch der Mildigkeit über die Welt, die Strenge schmilzt, und was lastete, wird leicht.“ Der Raw besann sich und sprach in seiner Seele: „Nun verstehe ich das Lachen des heiligen Maggids.“



