Jeruschalajim tanzt

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Der vorliegende Text stammt aus der Feder Schalom Ben-Chorins und erschien am 13.10.1938 in der „Central-Verein-Zeitung“, dem Organ des Central-Vereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens. Nach nur noch drei weiteren Ausgaben musste auch diese Zeitung, eine der bedeutendsten jüdischen Wochenzeitungen im deutschen Sprachraum, eingestellt werden.

Schalom Ben-Chorin wurde am 20. Juli 1913 als Fritz Rosenthal in München in eine deutsch-jüdisch assimilierte Familie hinein geboren. Im Alter von 15 Jahren überwarf er sich mit seiner Familie und kam bei einer ihm bekannten orthodoxen Familie unter, wo er das das orthodoxe Judentum kennenlernte. In seiner Autobiographie „Jugend an der Isar“ beschreibt Ben-Chorin einen Abend des Laubhüttenfestes, an dem man zuerst lange gewartet habe, bis der Regen aufhöre, nur um dann, kaum in der Laubhütte, den Müll von Nachbarn von oben abzubekommen. „Nie habe ich es so stark empfunden, dass der Jude außerhalb des Landes Israel, in der Verbannung lebt.“ Schalom Ben-Chorin wurde Journalist, Schriftsteller und Religionsphilosoph. Als Pionier des jüdisch-christlichen Dialogs setzte er sich zeitlebens für Versöhnung und Verständigung ein. 1935 emigrierte er nach Palästina. Er starb 1999 in Jerusalem.

Der Beitrag, der nur drei Wochen vor dem Novemberpogrom veröffentlicht wurde, soll dem Vorwort der Redaktion nach „ein Bild von der ungebrochenen Lebenskraft der jüdischen Menschen in Palästina“ geben. In der Rückschau und im Wissen um die weitere Entwicklung erscheint er besonders tragisch, gab es doch für die deutschen Juden fast keine Möglichkeiten mehr zu fliehen.

Jeruschalajim tanzt

Schalom Ben-Chorin
Central-Verein Zeitung, 17. Jahrgang, Nr. 41, 13. Oktober 1938

Wenn auch in diesem Jahre die Simchat Tora-Freude durch die Ereignisse stark gedämpft sein wird, so soll der folgende Bericht, der ein Bild von der ungebrochenen Lebenskraft der jüdischen Menschen in Palästina gibt, dennoch hier Platz finden. D. Red.

In der Synagoge meiner Heimatstadt in Süddeutschland wurden alljährlich zu Simchat Tora reinlich gedruckte Zettel auf die Bänke gelegt, darauf zu lesen stand: „Der Gesetzesfreude darf nicht in einer die Weihe des heiligen Ortes beeinträchtigenden Weise Ausdruck verliehen werden. Vielmehr ist es angezeigt, die religiöse Freude mit Ernst und Würde zu vereinen.“

Wollte ein hochweiser Gemeindevorstand zu Jerusalem eine derartige Verordnung für den Festtag nach dem Laubhüttenfeste erlassen – man hielte diesen Erlaß für einen besonders wohlgelungenen Witz, den man sicher kräftig belachen würde. Denn an diesem Tage liegt ein großes, befreiendes Lachen über der sonst so ernst-feierlichen Stadt und macht die Weltalte für ein paar Stunden jung und vergnügt – als sei hier nie der Tempel zerstört und die Krone Davids in den Schutt getreten worden. Alles Leid Israels ist vergessen … und die lachende Stadt tanzt „wie die jungen Böcke und Lämmer zumal“.

Dazu singen händeklatschende Langbärte: „David melech Jisrael chai weka jam“ – „David König Israels lebt und besteht“…

Ja, wenn dem so ist, wenn David Hamelech, der starke Heldenkönig noch über uns regiert, was sollten wir traurig sein. Und es ist so. Ich habe das Lied und die innere Haltung, der es entspringt, lange nicht verstanden, bis ich – als im Feuer eines chassidischen Freudentanzes in Mea-Schearim alle meine westlich-kühle Besonnenheit für ein paar Augenblicke hinschmolz – mit einem Male wußte, daß es eine Kraft der Sehnsucht und der gottgewissen Hoffnung gibt, die eine noch so leidensreiche Geschichte auslöschen kann, Tote zum Leben erweckt und den Wunsch mit der Wirklichkeit identifiziert.

Und nur aus dieser Einstellung heraus, glaube ich, ist es auch selbstverständlich, daß keiner der Groß-Frommen jemals auf den Gedanken kam, daran Anstoß zu nehmen, daß die an sich doch tieftraurige Geschichte vom Tode Moses unter dem fröhlichsten Gelächter der Gemeinde vorgetragen wird. Freilich steht am Ende der Tora geschrieben: „Und der Herr sprach zu Mose: Dies ist das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob zugeschworen habe. Du hast es mit deinen Augen gesehen; aber du sollst nicht hinübergehen. Also starb Mose, der Knecht des Herrn, daselbst in der Moabiter Lande, nach dem Wort des Herrn.“ Aber gibt es denn ein Ende der Tora? Mitnichten – sie höret nimmer auf. Und da dem so ist, gibt es in einem höheren, in einem wirklicheren Sinne auch keinen Tod Moses. Denn auch „Mosche Rabbenu chaj weka jam – Mose unser Lehrer lebt und besteht“. Wir wissen es ja alle, daß wir in Wahrheit gar nicht von ihm Abschied nehmen, höchstens auf eine kurze Weile von ein paar Wochen, und dann wird uns das Buch, das hier in reichem Schmucke umhergetragen wird wie ein königliches Wickelkind, die ewig neue Geschichte erzählen vom gewaltigen Manne Gottes, der als winziges Baby den Nil dahergeschwommen kam.

Weil dem so ist und weil der ewige Kreislauf der Tora hier ganz ernst genommen wird, deshalb, und nur deshalb darf die Stelle vom Tode des Propheten nicht so ganz ernst genommen werden. Wer so gelebt hat, der ist nicht tot – selbst wenn „geschrieben steht“, daß er starb, — eine gute Autostunde von hier — „in der Moabiter Lande“.

Simchat-Tora ist ein — für jüdische Begriffe — sehr junges Fest und man merkt ihm seine Jugend an. In seiner heutigen Form stammt es aus dem 12. Jahrhundert, in dem der Brauch, die Tora in jährlichem Zyklus zu verlesen, Allgemeingut geworden ist.

Offen gestanden halte ich dieses Fest, oder genauer gesagt, seinen Termin, für eine — Verlegenheitslösung. In Palästina sowohl, wo es am achten Tage des Sukkot-Festes begangen wird, wie in der Diaspora, wo es auf den neunten verlegt wurde. Dieser achte Tag, der ja — wer wüßte es nicht — ein eigener Festtag ist, und eigentlich mit Sukkot nichts zu tun hat, ist im Volksbewußtsein das Stiefkind unter den Festen geworden. Man wußte nichts Rechtes mit ihm anzufangen. Er hat nicht jene Wandlung vom Agrarfeste zum historischen Erinnerungsfest durchgemacht wie die anderen „Wallfahrtsfeste“ des Jahres — er verblaßte einfach. Peßach, das Frühlingserntefest, wurde zum Fest des Auszuges aus Aegypten, Schawuot, der Tag der Gerstenernte, wurde — in nachbiblischer Zeit! — zum Offenbarungsfest, und Sukkot, das Fest der Traubenlese, da ein bodenständiges Bauernvolk in leichten Hütten in seinen Rebhügeln nächtigte, wurde zur Erinnerungswoche an die Wüstenwanderung und zur messianischen Feier der Erwartung jener sagenhaften Hütte aus der Haut des Wundertieres Levijathan. Aber Schemini Azeret hat keinen Bedeutungswandel durchgemacht. Dunkel von seinem Ursprunge her, verlor es seinen Sinn als „Schlußfest“ der Wallfahrten nach Jerusalem, die seit der Zentralisation des Kultes unter dem König Josia allgemein geworden waren. Aber dieses Fest, das alle Besonderheiten verloren hatte, sollte deshalb nicht untergehen. Es wurde ihm ein anderes Fest gleichsam untergeschoben — — ohne daß es jemals ganz legitimiert worden wäre. Denn Simchat-Tora — so ungeheuer populär es wurde! — ist niemals in die Pflichtteile der Liturgie eingegangen. Im Weihesegen über den Wein, im Achtzehn- und Zusatzgebet, und im Tischdank dieses Tages wird es nicht erwähnt. Immer heißt es hier „Jom schemini chag haazereth“, „Der achte Tag, Fest der Ausfeier“. Aber Name ist hier wirklich Schall und Rauch. Denn volkstümlich ist dieses Fest nur als Simchat-Tora.

Ich glaube, man wird die überschwängliche Freude, mit der etwa die kabbalistischen Juden in Jerusalem diesen Tag bei Tanz und Gelage feiern, nur ganz verstehen können aus dem Charakter, den der vorhergehende Tag, „Haschana Rabba“ angenommen hat. Er ist gleichsam zum Tag des Gerichtes in zweiter Instanz geworden. Und so wie man in Jerusalemer Synagogen am Schluß des großen Gerichtstages, des Jom Kippur, häufig beobachten kann, daß ehrwürdige Greise im weißen Totenkleid sich zum Freudentanz bei den Händen fassen, so erhält auch die Fröhlichkeit von Simchat-Tora ihren tiefsten Sinn erst aus dem Bewußtsein des überstandenen Gerichtes. So gesehen ist Simchat-Tora eigentlich ein umgekehrter Fasching. Fasching nach dem Aschermittwoch.

Die Fröhlichkeit nimmt mit seltsame Formen an. Meine Stimmung etwa wird durch ein geworfenes nasses Handtuch nicht gesteigert, aber ich scheine ein outsider zu sein. Selbst sonst sehr vernünftige Männer bewerfen einander in den Betstuben jubelnd mit dem zerknüllten Handtuch, das die Kohanim (Priester) zum Trocknen ihrer Segenshände benutzen. — Weit gemäßigter ist die Freude der Sefarden. Sie ziehen mit ihren Torarollen umher, die, wie große, bunte Puppen wirken. Sie sind nämlich nicht wie die bei uns üblichen mit einem losen Mantel bekleidet, sondern stecken in walzenförmigen, prächtig verzierten Hüllen, die mittels Scharnieren geöffnet werden können, so daß man die Rolle nicht aus ihrem Behältnis herausnimmt, sondern in ihrem Gehäuse aufstellt und aus der stehenden Torarolle liest.

Simchat-Tora, das seinen 800 Jahren geradezu der Grünschnabel unter den Festen des jüdischen Jahres ist, und das Fest der kleinen und der kleinsten Kinder obendrein, ist bestimmt alles andere als ein biblisches Fest. Und dennoch hat kein anderer Tag den Urimperativ althebräischer Festlichkeit: „Ihr sollt fröhlich sein vor dem Herrn, eurem Gott“ reiner bewahrt als eben dieser Tag Simchat-Tora.