
Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewonnen. Nun plant sie einen umfassenden Umbau des Schulsystems und eine totale Revision der Erinnerungskultur. Auch wenn es mit der politischen Bildung und dem Gedenken in Deutschland nie so weit her war, wie häufig behauptet, müssen diese gegen den autoritären Umbau verteidigt werden. Sonst wird das kritische Bewusstsein über den Nationalsozialismus womöglich nur ein Wimpernschlag gewesen sein – in Jahrhunderten ansonsten ungebrochener, erfolgreicher dumpfdeutscher Selbstherrlichkeit. Ein Essay.
Von Christoph David Piorkowski
„Kriege werden nicht von Feldherren gewonnen, sondern von Lehrern an den Schulen“: Die Sentenz des von ihm verehrten Waldimir Putin hat sich Hans-Thomas Tillschneider ins Stammbuch geschrieben. Der Spiritus Rector des rechtsextremistischen sachsen-anhaltinischen AfD-Verbandes strebt einen Umbau des Schulwesens an, der die Ansicht seines Volksgenossen Alexander Gauland, „1000 Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte“ würden nicht durch einen „Vogelschiss“ (gemeint ist die Schoah) in Glanz und Gloria relativiert, in die Köpfe der deutschen Jugend einmeißeln soll. Flächendenkeckend, mit depothafter Wirkung, patriotische Erziehung, um den „Volkstod“ des Geistes mit der völkischen Wiedergeburt zu parieren. Der Krieg um kulturelle Hegemonie wird mit den Mitteln der Bildung bestritten.
Sicher: Der Zeitenwende-Terminus ist überstrapaziert, und doch markiert die Blaubraunwerdung Sachsen-Anhalts, der Sieg eines AfD-Landesverbandes mit ideengeschichtlichen Bezügen zum NS, und die prospektiv wahrscheinliche Regierungstätigkeit von Siegmund, Tillschneider und ähnlichen Kalibern einen Bruch in der Geschichte der Bundesrepublik – und das nicht zuletzt in Fragen der Erinnerungskultur, der kollektiven Selbsterzählung der Deutschen, den polit-mythologischen Referenzsystemen. Gut möglich, dass das reflexiv-kritische Bewusstsein im Hinblick auf das Menschheitsverbrechen der Schoah und weitere Gräuel des Nationalsozialismus, das zumindest einige hierzulande pflegen, einmal ein „Vogelschiss“ geworden sein wird: In Jahrhunderten ansonsten eher ungebrochener, erfolgreicher dumpfdeutscher Selbstherrlichkeit.
„Mehr Bismarck, weniger Hitler“ – fasst Tillschneider die Bildungsinvektive zusammen. Als „erstes Zeichen der patriotischen Wende“ wolle man, so steht es im Regierungsprogramm, das Deutsche Kaiserreich rehabilitieren und es zu einem Leitbild der Deutschen erheben. So habe das Reich „in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft Maßstäbe gesetzt, die uns auch heute noch als Inspiration und Vorbild dienen können. Wir werden deshalb im Unterricht einen deutlichen Schwerpunkt auf die Entstehung und die Erfolgsgeschichte dieses Staates legen“. Dass sich diese „Erfolgsgeschichte“ durch eine brutale autokratische Herrschaft, systematische Diskriminierung von Frauen, eine unerbittliche Hatz auf Sozialisten, grassierenden Rassismus und Antisemitismus, sowie Völkermord an den Herero und Nama im Zuge der imperialen Expansion dieses deutschen Kaiserreichs auszeichnete, wird das triumphale Narrativ nicht korrumpieren.
Der Glorifizierung des Zweiten Deutschen Reichs korrespondiert die Verharmlosung des Dritten. „Der ewige Nazi“ müsse „raus aus den Köpfen“, wie Björn Höcke schon vor Jahren erklärte. In trauter Eintracht mit seinem Thüringer Kollegen schwört Tillschneider denn auch, die Landeszentrale für Politische Bildung abschaffen zu wollen und durch ein „Landesinstitut für staatspolitische Bildung und kulturelle Identität“ zu ersetzen, da erstere den Nationalsozialismus zu obsessiv und vehement kritisiere: „Und zwar im Dauermodus des Schuldbewusstseins und der latenten Selbstanklage“. Die Erinnerung an die Naziverbrechen brauche einen „Normalisierungsvorgang“, und müsse sich endlich vom „Schuldkult“ befreien.
Zum programmatischen Zweck jener großen Entschuldung werden autoritäre Politiken gebraucht. So soll der Umbau des Wesens der Schule als maßgeblicher Sozialisationsagentur nicht nur durch eine (von einem AfD-Bildungsminister leicht zu bewerkstelligende) Reformierung der Lehrpläne vor allem im Fach Geschichte, sowie einer (nur durch eine parlamentarische Zwei-Drittel-Mehrheit zu erreichende) Aufhebung der Schulpflicht und elterliches Homeschooling flankiert werden, solange die ideologische Homogenisierung des Lehrkörperapparates noch nicht abgeschlossen ist. Tillschneider, der sich als Bildungspolitiker in der Tradition des Antidemokraten Oswald Spengler sieht, schweben wie diesem auch „Zucht und Ordnung“ statt bloß „wissenshafter Schulbildung“ vor. Diese sollen Sicherheitsdienste garantieren, die Schüler, welche den Unterricht stören, gewaltsam aus dem Klassenraum herauskomplementieren. Auch soll es eine abschreckende Drohkulisse geben, wenn Schüler es wagen, den Unterricht zu stören. Immerhin aber haben sie die Freiheit, jene Lehrer mit Denunziation zu bestrafen, die dem Bildungsprogramm der AfD nicht entsprechen.
Ganz allgemein, also über die Schule hinaus, verspricht die völkische Alternative sich „auf Bundesebene dafür ein(zu)setzen, dass jeder, der den aktuellen deutschen Staat, ‚Deutschland‘ als historisch-kulturelles Gebilde, die deutschen Bürger und unsere Nationalsymbole öffentlich verunglimpft, mit Geld oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft wird.“ So erklärt man, alles „antideutsche“ Denken und Gebaren aus Deutschland dauerhaft verbannen zu wollen.
Nun ist das Deutschland des 21. Jahrhunderts freilich weniger „antideutsch“ als Tillschneider meint (im spezifischen wie im allgemeineren Sinn). Ja, es gibt seit den 90er-Jahren eine Art kritische Erinnerungskultur. Auschwitz gilt häufig als Abgrenzungsfolie, stellt vielfach den negativen Gründungsmythos dar für das Rebranding des Reiches als Bundesrepublik. Es war kein Geringerer als Jürgen Habermas, der das neue Selbstverständnis vieler Deutscher im Historikerstreit gleichsam inaugurierte, und das Gedenken an die Singularität der Schoah – die er spürte ohne sie selbst wirklich zu begreifen – mit dem Fortbestand der bundesdeutschen Demokratie in Teilen der Öffentlichkeit diskursiv verzahnte.
Doch gerann das Gedenken, und gerinnt oft bis heute, zum ritualisierten Erinnerungstheater, auf dessen Bühne die Nachfahren der Mörder von sich selbst gerührt das Stück ihrer Gutwerdung aufführen. Die Nachfahren der Opfer, und diese selbst, sind oft nur dekorative Staffage. Erinnern wird „zur höchsten Form des Vergessens“, wie der Autor Eike Geisel sich ausgedrückt hat. Zudem herrscht schon immer eine große Diskrepanz zwischen öffentlichem und privatem Gedenken, wie neben mehreren anderen Forschern Samuel Salzborn aufgezeigt hat. Zwar wird er in politischen Reden geächtet und werfen viele Deutsche einen kritischen Blick auf den Nationalsozialismus als solchen – den eigenen, ganz konkreten Vorfahren jedoch wird meist eine „kollektive Unschuld“ attestiert, obwohl so gut wie jede deutsche Familie durch antisemitische Täterschaft geprägt ist.
Zudem erleben wir seit mehreren Jahren einen breiten Klimawandel der Erinnerungskultur – auch jenseits der Wählerschaft des Rechtspopulismus. Nicht wenige Linke und Linksliberale sind im Fahrwasser des Zweiten Historikerstreits und verstärkt seit dem 7. Oktober ahnungslos und munter dazu übergegangen, die Besonderheiten der Judenvernichtung zugunsten ihrer modernekritischen Verallgemeinerung zu nivellieren und den Erlösungsantisemitismus der Nazis unter die übliche Barbarei des Westens zu gruppieren. Während weite Teile der Rechten die Schoah nur als Beispiel einer allgemein-menschlichen Gewaltgeschichte lesen, wollen weite Teile der empirischen Linken sie nurmehr als Beispiel einer allgemein-europäischen Gewaltgeschichte verstehen – zumal der deutsche Erinnerungsdiskurs seit jeher von sekundärem Antisemitismus und der Schuldprojektion auf den Judenstaat flankiert war. Die Eingemeindung der Schoah ins Raster der „natürlichen“ oder aber „westlich-kultürlichen“ Gewalt ist hier oft auch durch Entlastungsbedürfnisse geprägt. Der „Schuldkult“, den Rechte und postkoloniale Linke beklagen, hat in Deutschland so nie existiert.
Auch auf den Kosmos Schule bezogen ist es mit der antinationalsozialistischen Mündigmachung oft nicht so weit her. Ja, in den Schulgesetzen bundesdeutscher Länder steht mehrfach in abgewandelter Form die adornitische Bildungsmaxime, pädagogisch dafür Sorge zu tragen, dass Auschwitz oder Ähnliches sich nicht wiederhole – weshalb es mündiger Subjekte bedarf.
Wenn Tillschneider als bildungspolitischer Sprecher der AfD-Landtagsfraktion im Hinblick auf deren Vorhaben erklärt, „dass die Schulen unsere Kinder zu mündigen, mutigen, klugen, selbstbewussten und freigeistigen Bürgern heranbilden“ sollen und nicht zu „gehirngewaschenen und kompetenzlosen, feigen Gesinnungssoldaten des Regenbogenimperiums“ ist das eine infame Verkehrung, eine Verharmlosung seiner autoritären Pläne und eine unzulässige Verunglimpfung des schulpädagogischen Status Quo (von dem homophoben Geschwurbel ganz zu schweigen).
Allein, auch wenn viele engagierte Pädagogen, Politik- und Geschichtslehrerinnen der Theorie der Schulgesetze nachzukommen suchen, den Schülern zu helfen, sich mündig zu entwickeln, bleibt dies vor dem Hintergrund auf Halbbildung geeichter, unterfinanzierter schulischer Systeme, die anstatt kritischer Subjektivität oft monetarisierbare Leistung prämieren, und die Jugend eher dafür konditionieren, unter der Knute der Lohnarbeit zu leben, in sehr vielen Fällen bloß ein hehres Ideal. Praktisch wird Adornos Imperativ wohl eher selten zur Anwendung gebracht.
Und doch: Trotz der oben genannten grundsätzlichen Kritik an den Fehlern der deutschen Erinnerungskultur und speziell den Problemen der Bildungspolitik; trotz der (Ur)Opa-war-kein-Nazi-Mentalität, dem häufig instrumentellen Gedenken, und dem weitverbreiteten Nicht-Verständnis dessen, was der Holocaust eigentlich war, ist es doch ein zivilisatorischer Gewinn, dass die Vergangenheit der deutschen Nation von sehr vielen Menschen hier (noch) kritisch gesehen wird, und dass ein wesentliches Ziel der schulischen Bildung zumindest theoretisch in der Mäeutik mündiger politischer Subjekte besteht. Besser dieses schlechte Gedenken als keines. Besser einige Lehrer, die im Rahmen knapper Mittel auf vernünftige Weise Geschichte vermitteln, und die Kompetenz, diese kritisch zu betrachten, als dass das Gros der Lehrerinnenschaft es als Aufgabe sieht, einen Krieg zu gewinnen, den Krieg um kulturelle Hegemonie eines ungebrochen-nationalistischen Pathos, einer selbstbesoffen-blödäugigen Feier der Deutschheit. Heißt mithin, es kann bildungs- und erinnerungspolitisch ungleich schlimmer werden als es heute ist. Sollte die AfD demnächst in Sachsen-Anhalt, und vielleicht bald auch in Thüringen und Sachsen regieren; ja sollte, wie es deren Propaganda beschreibt, Sachsen-Anhalt nur der Auftakt zur Landnahme sein, wird ein rundum positives Deutschland-Verständnis in diesem Land bald die Regel bezeichnen, zumal wenn durch Curricula und Sicherheitsdienste, durch vermittelte Inhalte wie auch formal, eine autoritäre Beschulung erfolgt.
Das Bedürfnis, sich vom Makel der Vergangenheit zu lösen, bekäme das Placet zur totalen Entgrenzung, wenn auch die Staatsmacht ins Schlachthorn der Volksgemeinschaft bliese, medial-rhetorisch und institutionell. Und ja, vielleicht wird die Erinnerungskultur im Hinblick auf die Gräuel des Nationalsozialismus, wird das, was unter kritischem Gedenken firmiert, irgendwann nur einen kleinen Haufen Kehricht der gefeierten deutschen Geschichte bezeichnen. Auch deshalb gilt es, die AfDisierung der Bundesrepublik mit allen Mitteln zu verhindern.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Philosophie Magazin.


