Von Hannah Zieziula
Ich kam in Margaret River, Western Australia, komplett alleine an, nur mit meinem Rucksack und meinem Surfbrett. Nach Monaten, in denen ich immer von Freunden umgeben war, musste ich jetzt von vorne anfangen. Ich brauchte einen Farmjob und mir mein zweites Jahr Visum verdienen. Wieder musste ich mir ein Leben aufbauen, in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Hostel, das sich mehr wie eine Wohngemeinschaft anfühlte als wie ein Ort für Menschen auf der Durchreise.
Ich hatte nicht erwartet, dort Familie zu finden. Aber innerhalb weniger Tage war es genau das. Die Küche war immer voll. Italiener, Argentinier, Israelis, alle kochten zusammen und füllten den Raum mit einer Energie, die ich nur als familiär beschreiben kann. Ein Typ mit dunklen Locken und einem charmanten Lächeln bot mir Tee an, bevor ich überhaupt ausgepackt hatte. Ich hatte Hilfe bei der Jobsuche, bevor ich überhaupt danach gefragt hatte. Als mein Rucksack gestohlen wurde, mit meinem Handy, meinem Geldbeutel und dem Ring meiner Oma, kam ich zurück ins Hostel und alle waren sofort für mich da. Keine Sorge, wir füttern dich durch. Wenn du Geld brauchst, leih ich dir was. Wir sind für dich da. Menschen, die ich kaum eine Woche kannte, verhielten sich wie Menschen, die ich mein ganzes Leben lang kannte.
Unter ihnen war mein Freund Nitzan, der nie ohne seinen Poncho unterwegs war, mir jeden Abend Rosmarin Tee machte und mir das Schachspielen beibrachte. Da war eine Frau namens Lior, eine Yogalehrerin, die chinesische Medizin praktizierte. Ihre bloße Anwesenheit gab mir Stabilität und ein Gefühl, mehr ich selbst zu sein. Da war Yoti, mit dem ich ruhige Morgende bei Kaffee und lange Nachmittage am See verbrachte, wo wir über alles und nichts redeten.
Der Großteil von ihnen waren Israelis. Die meisten, wie ich später erfuhr, hatten schon mal eine Waffe in der Hand gehalten, bevor sie zwanzig waren. Alle hatten in der Armee gedient, vielleicht nicht aus freien Stücken, aber weil ihr Land es von ihnen verlangte. Sie waren aufgewachsen mit Raketen am Himmel und Schutzräumen in ihren Häusern. Und trotzdem waren sie irgendwie die wärmsten, emotional offensten Menschen, die ich je getroffen hatte. Vielleicht gerade wegen dem, was sie erlebt hatten, nicht trotzdem.
Wir bauten uns ein gemeinsames Leben in diesem kleinen Ort auf. Shakshuka und Hummus zweimal die Woche, Eisbäder im See neben dem Hostel, Sonnenuntergänge, die sich anfühlten, als würden sie ewig dauern und endlose Gespräche über den Sinn des Lebens.
Dann, am 7. Oktober, änderte sich alles.
Ich erinnere mich, wie die Nachrichten nacheinander in unserem Gruppenchat ankamen, während ich bei der Arbeit war. Ich fliege morgen zurück, aber ich will mich vorher verabschieden. Ich erinnere mich, wie ich nach der Arbeit ins Hostel kam und alle auf dem Boden saßen, sich in den Armen hielten und weinten. Ich erinnere mich, wie Lior mich anrief, schluchzend und mir erzählte, dass ihr Freund, der auch Lior heißt, sofort zurück zu seiner Einheit musste. In den Tagen danach erfuhren meine Freunde von Freunden oder Familie, die getötet, entführt oder verletzt worden waren. Ich sah, wie Menschen, die ich liebte, ihre Taschen packten, um in Richtung Gefahr zu fliegen, nicht davon weg. Für sie war es die einzig richtige Entscheidung in dem Moment.
Ich habe die Ungerechtigkeit davon nie vergessen. Menschen, die ich als unendlich mitfühlend, fröhlich und offenherzig kennengelernt hatte, mussten jetzt so viel Trauer und Schmerz tragen. Ich erinnere mich, wie privilegiert ich mich fühlte und wie hilflos. Während ich zusah, wie sie einer nach dem anderen gingen, um zu dienen, um wieder aufzubauen, um zu trauern, während ich zurückblieb, in einer Welt, die größtenteils weiterlief, als wäre nichts passiert.
Diese Erfahrung hat mich nie losgelassen. Und irgendwann wurde mir klar du musst eine Erfahrungen aufschreiben und daraus etwas kreieren. Was dabei rauskam ist ein Kurzfilm namens „We Were Celebrating Life“. Die Geschichte von zwei Frauen, einer Deutschen und einer Israelin, die sich auf einer Reise durch Spanien kennenlernen und sich auf einem Riad Trip ineinander verlieben. Doch der 7. Oktober lässt ihre Welt auseinander brechen und eine von beiden muss nach Hause zurückkehren und die Frau zurücklassen, die sie liebt.
Es ist kein politischer Film. Dafür habe ich keine Antworten, aber es ist ein Film über die Menschen, die ich lieben gelernt habe, die gewöhnliche Freude, die wir geteilt haben, bevor sich alles änderte und den Moment, in dem die Nachrichten aufhörten, etwas auf einem Bildschirm zu sein und zu jemandem wurden, der vor mir seine Tasche packte. Ich bin nicht jüdisch, ich komme aus Deutschland, aber ich fühle eine tiefe Verbindung zum jüdischen Volk.
Wir sammeln gerade Geld, um diese Geschichte über Kickstarter auf die Leinwand zu bringen und wenn sie dich genauso berührt wie mich, lade ich dich ein, einen Blick darauf zu werfen.
Aber vor allem wollte ich das einfach aufschreiben, um mich an sie zu erinnern. An Lior, Yoti, Nitzan und alle anderen, die mir beigebracht haben, was es bedeutet, zu Menschen zu gehören, mit denen man nicht aufgewachsen ist und was es kostet, ihnen beim Gehen zuzusehen.



