„Ein solches Lied wird zur Ikone“

0
482
Ein früher Entwurf der Notenschrift von "Yerushalayim Shel Zahav", Foto: Ardon Bar-Hama

Aharon Bar-Oz erfuhr durch Zufall, dass eine Karte, die er während des Sechstagekriegs an die Liedermacherin Naomi Shemer geschrieben hatte, um ihr für das Lied „Jerusalem aus Gold“ zu danken, Teil der Archivausstellung der Bibliothek war. In diesem Monat übergab er nun auch ihr Antwortschreiben der Bibliothek.

Die Nationalbibliothek Israels freut sich, ein kleines Rätsel gelöst zu haben: Die Identität des bislang unbekannten Verfassers einer Postkarte an die Liedermacherin Naomi Shemer wurde dank einer zufälligen Begegnung aufgeklärt.

Am 6. Juni 1967 schrieb ein Soldat von der Front aus an Shemer: „Gut gemacht! Und nochmals gut gemacht. Dein Lied „Jerusalem aus Gold“ ist Teil unseres Lebens an den Außenposten geworden. Unsere Jungs hören nicht auf, es zu singen und zu schätzen, denn ein solches Lied wird zur Ikone – gerade in diesen Tagen, in denen die Nation kämpft und siegt.“

Shemer hob die Postkarte auf. Im Jahr 2010 wurde sie Teil der Sammlung der Bibliothek, die die persönlichen Archive führender kultureller und intellektueller Persönlichkeiten des Staates Israel und des jüdischen Volkes bewahrt.

„Jerusalem aus Gold“ (Yerushalayim Shel Zahav) ist wohl das Lied, das am stärksten mit dem Sechstagekrieg und der Wiedervereinigung Jerusalems verbunden ist. Erstmals aufgeführt wurde es von der Sängerin Shuli Nathan am Vorabend des Unabhängigkeitstags, am 15. Mai 1967. Drei Wochen später brach der Krieg aus, und Shemer reiste – wie andere Künstler auch – in den Sinai, um vor den Truppen aufzutreten.

Unterwegs hörte sie im Radio, dass die israelische Armee Ost-Jerusalem zurückerobert hatte. Da sie kein anderes Blatt Papier zur Hand hatte, griff sie zu ihrem kleinen Adressbuch und fügte spontan eine vierte Strophe hinzu: „Wir sind zu den Zisternen zurückgekehrt, zum Markt und zum Marktplatz; ein Schofar ertönt auf dem Tempelberg in der Altstadt.“

Das Adressbuch, ein früher Entwurf der Notenschrift sowie die besagte Postkarte wurden 2023 anlässlich der Eröffnung des neuen Bibliotheksgebäudes ausgestellt. Wer die Karte geschrieben hatte, blieb jedoch lange Zeit ein Rätsel.

Karte, geschrieben am 6. Juni 1967, von der Front, Foto: Nationalbibliothek Israels

Der Wendepunkt kam bei einer öffentlichen Führung durch die Dauerausstellung: Eine Teilnehmerin erkannte aufgeregt die Handschrift auf der Karte als die ihres Vaters, Aharon Bar-Oz, und sprach die Museumsführung darauf an. So entstand der Kontakt zur Familie – die zudem noch Shemers Antwortbrief an ihren Vater aufbewahrt hatte.

Darin schrieb Shemer: „Ich freue mich, dass ich dir und der ganzen Einheit nun zu eurem Sieg gratulieren kann, und es freut mich zu hören, dass ich euch aus der Ferne helfen konnte – zumindest mit dem Lied.“

Bar-Oz, heute 89 Jahre alt, hatte den Brief 59 Jahre lang gerahmt an seiner Wand hängen. Mitte August reiste er eigens nach Jerusalem, um ihn der Nationalbibliothek zu übergeben.

Aharon Bar-Oz mit Naomi Shemers Antwortschreiben im August 2026 in der Nationalbibliothek Israels, Foto: Mit freundlicher Genehmigung

Die Nationalbibliothek Israels dankte der Familie Bar-Oz dafür, dass sie ihr den Brief anvertraut hat – und dafür, dass sich damit der Briefwechsel nun vervollständigen und als Teil des kulturellen und historischen Erbes Israels bewahren lässt.

Zum Naomi Shemer Archiv:
https://www.nli.org.il/en/discover/music/musicians/naomi-shemer