Bibis Realitätsschere

1
286
Ein Bild aus besseren Zeiten, Trump zu Besuch in Israel, 2017, Foto: U.S. Embassy Tel Aviv / CC BY 2.0

Aller militärischen Erfolge zum Trotz steht Israel nach dem Irandeal so schwach da wie seit Jahren nicht mehr. Was für Ministerpräsident Benjamin Netanyahu allenfalls eine Demütigung oder einen Karriereknick bedeuten kann, dürfte für das Land schwerwiegende Folgen haben.

Von Ralf Balke

In der Psychologie gibt den Begriff „Realitätsschere“. Gemeint ist damit die Diskrepanz oder sogar der Widerspruch zwischen einer gewünschten oder inszenierten Wirklichkeit und den tatsächlichen Fakten. Als sich Benjamin Netanyahu vor einigen Tagen an die israelische Öffentlichkeit wandte und erklärte, Israel sei auf dem besten Weg zum Sieg, war genau so ein Moment, an dem sich eine solche „Realitätsschere“ zeigen sollte. „Der Iran und die Hisbollah sind schwächer denn je, und wir sind stärker denn je – doch unser Kampf gegen sie ist noch lange nicht vorbei“, so der Ministerpräsident. Für viele Israelis klingen diese offiziellen Botschaften jedoch zunehmend hohl. Als Meinungsforscher im April, kurz nachdem US-Präsident Donald Trump Israel dazu zwang, den von ihm gewollten Waffenstillstand ebenfalls zu akzeptieren, Israelis dazu befragte, lauteten die drei am häufigsten genannten Emotionen „Verzweiflung“, „Konfusion“ und „Wut“. Seither dürfte sich die Stimmung kaum verbessert haben – eher das Gegenteil. „Ein solches Ausmaß an Pessimismus haben wir seit vielleicht dem 7. Oktober nicht mehr feststellen können“, bringt es Nimrod Nir von Agam Labs, einem Forschungsinstitut der Hebräischen Universität Jerusalem, das die Umfrage durchgeführt hat, auf den Punkt. „Das Ausmaß der Desillusionierung ist extrem.“

Seit den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 sind mittlerweile mehr als zweieinhalb Jahre vergangen, in denen Israel an mehreren Fronten kämpfen musste – nicht zuletzt deswegen, weil der sogenannte „Ring of Fire“, den der Iran mithilfe seiner Proxies um Israel legte, die Existenz des jüdischen Staates zunehmend bedrohte. Zwar sind Israel spektakuläre Erfolge in Serie gelungen, beispielsweise die Eliminierung der Verantwortlichen für die Morde an über 1.200 Israelis, allen voran Hamas-Boss Yahya Sinwar, oder die Tötung der Hisbollah-Führung sowie die Ausschaltung vieler hunderter Kämpfer der Schiiten-Miliz im Rahmen einer nachrichtendienstlichen Meisterleistung, als zeitgleich alle ihre Pager explodierten. Doch der „Krieg der Erlösung“, wie der Premier am 8. März 2026 alle diese militärischen Schritte in einer Rede bezeichnete, führte nicht wie geplant zu dem „vollständigen Sieg“, den Benjamin Netanyahu Ende 2023 angekündigt hatte.

Im Sommer 2026 befindet sich Israel trotz seiner militärischen und technologischen Überlegenheit in einer Situation, die in vielerlei Hinsicht noch problematischer ist als vor dem 7. Oktober 2023 – und das nicht zuletzt dank eines Mannes, der bis vor Kurzem noch als engster Verbündeter und Freund gepriesen wurde: US-Präsident Donald Trump. Denn das, was in dem Deal zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran vereinbart wurde, liest sich aus israelischer Perspektive wie eine Liste des Grauens: Bereits ganz oben darauf ist zu lesen, dass das Abkommen ebenfalls die unverzügliche und dauerhafte Beendigung aller militärischen Aktivitäten, auch im Libanon, vorsieht. Auch würde sich Washington dazu verpflichten, mit regionalen Partnern einen Plan von Fonds mit mindestens 300 Milliarden Dollar aufzulegen, um den Wiederaufbau des Irans voranzubringen. Den „nuklearen Bedürfnissen“ Teherans wolle man gleichfalls Rechnung tragen und die Entwicklung von Raketen und Trägersystemen wird erst gar nicht angesprochen.

Das Ganze geschah unter völligem Ausschluss Israels von den Gesprächen mit dem Iran, und das, obwohl Washington und Jerusalem Ende Februar gemeinsam den Kampf gegen die Mullahs aufgenommen hatten. Anders formuliert: Benjamin Netanyahu war in den vergangenen Wochen über die Inhalte der Verhandlungen genauso informiert wie ein Falafel-Verkäufer auf dem Carmel-Markt. Zudem ist es Teheran gelungen, den Libanon mit der Unterzeichnung einzubeziehen, was in Konsequenz Israels Handlungsspielraum dort massiv einschränkt und ein weiterer Sargnagel für die Bromance zwischen dem israelischen Premier und dem US-Präsidenten sein dürfte. „Netanjahu hat praktisch alles auf Trump gesetzt“, schreibt Itamar Eichner. „Er hat auf ihn gesetzt und ihm sein Vertrauen geschenkt, und viele Israelis waren davon überzeugt, dass Trump der pro-israelischste Präsident der Geschichte sei“, so der Kommentator auf „Ynet“. „Trump hat tatsächlich bedeutende und historische Schritte unternommen: die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, die Anerkennung der israelischen Souveränität über die Golanhöhen und die Unterstützung bei der Freilassung von Geiseln.“ Das kostete nicht viel und hatte allenfalls symbolischen Wert. „Doch wenn ein Land mit einer Supermacht zusammenarbeitet, muss es berücksichtigen, dass der Moment kommen kann, in dem seine Interessen nicht mehr mit denen Amerikas übereinstimmen.“ Genau das sei gerade geschehen. „Trumps Interesse unterscheidet sich von dem Israels: Er will den Krieg beenden und um fast jeden Preis ein Abkommen sichern, selbst wenn es ein schlechtes Abkommen ist.“

Der von Donald Trump kritisierte und in seiner ersten Amtszeit aufgekündigte Joint Comprehensive Plan of Action (JCPoA), den sein Vorgänger Barack Obama 2015 ausgehandelt hatte, war im Vergleich zu dem, was nun vereinbart wurde, aus israelischer Perspektive pures Gold. Die Freigabe eingefrorener iranischer Vermögenswerte, der geplante 300 Milliarden-Dollar-Fonds, die Regelung für den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus, all das macht die Mullahs zu den Gewinnern in der Auseinandersetzung mit Israel. „Die Absichtserklärung stellt eine direkte Gefahr für Israel dar und legt dem Land Fesseln an, da darin Formulierungen enthalten sind, die Israel an einen Waffenstillstand binden, an dessen Aushandlung es nicht einmal beteiligt war“, so auch die Einschätzung von „Times of Israel“-Chefredakteur David Horovitz. Der US-Präsident hat es geschafft, innerhalb weniger Tage eine Kehrtwendung zu vollziehen und seinen engen Freund Benjamin Netanyahu fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel. Jetzt heißt es in „Trumpland“, dass die iranischen Führer hingegen „sehr rationale Menschen“ seien. „Der Umgang mit ihnen war angenehm. Es waren starke, kluge Menschen … Sie sind nicht radikalisiert und wollen, wie Sie wissen, ihrem Land helfen.“ Auch der Verrat an den Iranerinnen und Iranern, die der US-Präsident im Februar noch dazu aufgefordert hatte, das Mullah-Regime zu stürzen, sollte nicht nur dem amtierenden Ministerpräsidenten schlaflose Nächte bereiten, sondern allen Israelis. Denn nun können sich die Marionetten des Iran, die man als so gut wie geschlagen betrachtete, über neue, bald aus Teheran eintreffende Hilfen freuen.

Die erste Konfrontation mit den neuen Realitäten könnte bald schon im Libanon geschehen. Israel muss sich auf die Situation vorbereiten, dass die USA ein Ende der militärischen Operationen anordnen. Und wenn die Iraner so geschickt sind, ihrerseits der Hisbollah den Befehl zu geben, sich nördlich des Litani-Flusses zurückzuziehen, um Israel keinen Vorwand für weitere Angriffe zu liefern, würde das der Schiiten-Miliz alle Zeit der Welt geben, in Ruhe mit dem Wiederaufbau ihrer Kapazitäten zu beginnen und die nächste Runde in den Auseinandersetzungen einzuleiten, deren Beginn dann sie bestimmen kann. Angesichts der neuen Haltung der US-Administration wird die Regierung in Beirut gewiss nicht noch einmal wagen, wie im März den iranischen Botschafter des Landes verweisen zu wollen. Die Regierung von Ministerpräsident Nawaf Salam und Präsident Joseph Aoun wird noch weniger als vorher in der Lage sein, die Hisbollah zu entwaffnen, was wiederum die laufenden Gespräche zwischen Beirut und Jerusalem fast schon obsolet machen könnte.

Auch ansonsten zeigen sich einige Herausforderungen: Die Hamas kontrolliert weiterhin große Teile des Gazastreifens. Weder kommt der von Donald Trump angekündigte Friedensrat voran, noch hat man sich von israelischer Seite bemüht, einen Plan B zu entwickeln, der greifen könnte, falls der US-Präsident auch hier entweder das Interesse verliert oder auf neue Partner setzt, die Israel gegenüber unfreundlich bis feindselig eingestellt sind. Denn neben den „sehr rationalen“ Mullahs ist ein anderer Potentat in der Gunst aufgestiegen, und zwar der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Der von ihm unterstützte Sturz des Diktators Baschar al-Assad hat Ankara in Syrien eine neue Vormachtstellung verliehen. Bei der Neuordnung des Gazastreifens will man ebenfalls mit von der Partie sein. Für Israel droht damit ein weiteres unangenehmes Szenario: eine Türkei, die angetrieben durch eine neo-osmanische Expansionspolitik sowohl nahe der Golan-Höhen als auch im Gazastreifen Flagge zeigen könnte, und das mit der Zustimmung aus Washington.

Wenn wie am Freitag die „Washington Post“ meldet, die US-Nachrichtendienste hätten die Trump-Regierung gewarnt, dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wahrscheinlich Maßnahmen ergreifen werde, die die Bemühungen von US-Präsident Donald Trump um ein dauerhaftes Friedensabkommen mit dem Iran untergraben, weil der israelische Ministerpräsident unter starkem politischem Druck stehe, den Krieg seines Landes im Libanon fortzusetzen, dann zeugt das vor allem von einem: Das Verhältnis zwischen Jerusalem und Washington war noch nie derart miserabel. Die Verantwortlichen dafür heißen, jeder aus ganz verschiedenen Motiven heraus, Benjamin Netanyahu und Donald Trump. In der Summe war dieses Verhältnis toxisch, was in der Realität aber nur für Israel ein gravierendes Problem darstellt. Sollte nach den Wahlen Ende Oktober in Jerusalem eine neue Regierung vereidigt werden, steht diese vor der schier unlösbaren Aufgabe, das alles wieder ins Lot zu bringen.

1 Kommentar

  1. Die von Balke beschriebene Perspektive liest sich zweifellos entsetzlich. Andererseits ist seine Beschreibung ausgesprochen „unterkomplex“ und damit leider unzureichend. Das jetzt inszenierte Debakel auf eine Art Zwist dummer Buben (von wegen „toxische Beziehung“ usw.) zu reduzieren, heisst auf den Versuch einer kritischen Analyse dieses Manövers der Trump-Administration (bzw. der US-Kapitale) zum einen und zum anderen der multiplen Konkurrenz (namentlich in Europa, Russland, China und den Golfstaaten) vollends zu verzichten.

    Welche ökonomische Grossmacht hat es in den letzten 5 Jahrzehnten überhaupt klar und kontinuierlich vermocht, das kriegerische Treiben der Mullahs und ihrer Anhänger wirksam zu unterbinden? Sind womöglich die Luftnummern der Klassen-Clowns – einst Obamas, jetzt Trumps – nichts als vergebliche Versuche der Aufschieberitis? Sind sie vielleicht Ausdruck der fortschreitenden Korrumpiertheit und Schwäche kapitalistischer Ökonomien, die bekanntlich allerorten Barbarei gedeihen lassen, wie die hierzulande jetzt wieder eklatante Unterstützung für das Iran-Regime zeigt? – Der von der gesamten chrislamischen Welt aus absolut unökonomischen Gründen geächtete Winzling Israel kann dies, finde ich, mit keinem noch so klugen Schachzug jemals kompensieren, ganz egal wer dort regiert.

Kommentarfunktion ist geschlossen.