Tiefe Gräben in Israels Gesellschaft

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Straßenszene in Jerusalem, Foto von Levi Meir Clancy auf Unsplash

Die israelische Gesellschaft ist tiefer gespalten als je zuvor. Das geht aus dem National Polarization Index 2026 hervor, den das Dan Department of Communication der Universität Tel Aviv und das Agam Institutedas Agam-Institut gemeinsam auf der Tel Aviv Conference Mitte Mai vorgestellt haben. Diese umfassende, erstmalige Trendstudie untersucht die Stärke des sozialen Zusammenhalts in der israelischen Gesellschaft.

Israels Wert für soziale Polarisierung liegt bei 8,3 von 10 Punkten, was auf ein hohes Risiko hinweist und eine deutliche Verschärfung der sozialen Spaltungen sowie einen besorgniserregenden Anstieg der Angst vor Gewalt widerspiegelt. Besonders beunruhigend: Fast jeder dritte Israeli (30 Prozent) befürwortet es oder lehnt es zumindest nicht ab, zur Rettung der israelischen Demokratie „alle notwendigen Mittel“ einzusetzen – einschließlich Gewalt. 

Der neue Hauptkonflikt: Säkulare gegen Haredim

Eine der überraschendsten Erkenntnisse der Studie ist, dass die Gräben zwischen säkularen und ultraorthodoxen Juden (Haredim) erstmals die jüdisch-arabische Spaltung übertreffen. Der Polarisierungswert zwischen diesen beiden Gruppen liegt bei 48 Punkten, gegenüber 41,5 Punkten bei Juden und Arabern. Seit dem Beginn des Gaza-Krieges im Oktober 2023 ist dieser Wert steil angestiegen – von 34,7 Punkten im August 2023 auf nunmehr 48 Punkte.

Die Studienleiter Dr. Nimrod Nir und Asa Shapira deuten das als fundamentalen Wandel: Der wichtigste Riss in der israelischen Gesellschaft verläuft nicht mehr entlang politischer Fragen, sondern entlang von Identitätsfragen. 43,6 Prozent der Bevölkerung sehen den Hauptkonflikt im Widerstreit zwischen einem traditionell-religiösen und einem modernen, universellen Staatsverständnis. Nur 13,5 Prozent verorten die entscheidende Bruchlinie in politischen Sachfragen.

Innere Bedrohung schwerer als äußere

Rund 60 Prozent der Israelis halten interne Bedrohungen – Spaltung, Hass und innere Gewalt – für gravierender als äußere Feinde wie Hamas, Hisbollah oder Iran. Knapp ein Drittel der Bevölkerung denkt daran, das Land zu verlassen.

Das Ausmaß der gesellschaftlichen Entfremdung zeigt sich auch in anderen Zahlen: 70 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass Wähler des gegnerischen politischen Lagers die Staatssicherheit gefährden. 43 Prozent wären bereit oder würden es zumindest nicht ablehnen, in einer Gesellschaft ohne Menschen aus dem anderen Lager zu leben. Und 32 Prozent der Koalitionswähler sowie 21 Prozent der Oppositionswähler erklären, die Ergebnisse der nächsten Wahl nicht ohne Weiteres anzuerkennen.

Lichtblicke

Die Studie liefert jedoch nicht nur düstere Befunde. 69 Prozent der Bevölkerung wären bereit, auf einige Positionen des eigenen Lagers zu verzichten, um die nationale Einheit zu wahren. 71 Prozent sind offen für Freundschaften mit Anhängern der anderen Seite, und 77 Prozent lehnen Gewalt unter allen Umständen ab.

Warnung vor dem Ernstfall

In ihrem Fazit betonen die Forscher die Dringlichkeit der Lage: „Israel tritt in ein Wahljahr auf Risikostufe Rot ein. Die Bruchlinien sind tief, die Legitimität erodiert, die Spielregeln bröckeln, und das Potenzial für gewaltsame Eskalation ist hoch.“ Für den Ausbruch einer Krise brauche es keine Mehrheit, die Gewalt befürworte – eine signifikante Minderheit und gegenseitige Angst reichten aus.

Dennoch endet die Studie mit einem Appell statt mit Hoffnungslosigkeit: „Das ist keine resignierende Studie – sondern eine Notfallstudie.“ Noch seien nicht alle Dämme gebrochen. Es sei höchste Zeit für Politik, Justiz und Öffentlichkeit, gemeinsam zu handeln.