Muttertag

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Ursel Meyerstein (1903 Berlin – 2002 Jerusalem) mit ihrer 1931 geborenen Tochter Ruth
Repro: nurinst-archiv

Der zweite Sonntag im Mai ist Muttertag. Der Tag wird seit 1914 ausgehend von den USA auch in Europa gefeiert. Auch assimilierte lebende Juden schlossen sich dem an. Eine andere Haltung brachte die „Jüdische Presse“ in einem Beitrag vom Mai 1930 zum Ausdruck. Das „Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums“ widmete sich bis zur Einstellung nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland vornehmlich der Berichterstattung aus den orthodoxen Gemeinden. 

Muttertag

Erschienen in: Jüdische Presse. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums, Wien-Bratislava, 9. Mai 1930

Der zweite Sonntag im Mai wird in Wien als Muttertag begangen. Nach dem Wunsche der Schöpferin dieser Idee, Frau Marianne Heinisch, sollen die Mütter an diesem Tag besonders geehrt werden. Alle Kinder sollten sich bemühen, zumindest einen Tag im Jahre allen Müttern angenehm und lieblich zu gestalten. Sicherlich ein wunderschöner Gedanke. Wir orthodoxe Juden können uns dessen ungeachtet nicht besonders für einen Muttertag begeistern. Verlangt doch unsere heilige Religion von uns, Vater und Mutter, allezeit zu ehren und zu ehrfürchten. Wir erachten es für bedenklich, diese in den zehn Geboten vorgeschriebene Liehe und Verehrung nur auf die Mutter und nur auf einen Tag zu konzentrieren. Auch glauben wir, daß der Muttertag ein Symptom des Niederganges der Mütter bedeutet. Das Jahrhundert des Kindes, wie man unser Jahrhundert mit Vorliebe bezeichnet, bedeutet — in die gemeine Sprache übersetzt —, daß die wenigen Kinder, die noch auf die Welt kommen, besonders sorgsam betreut und erzogen werden müssen. Jo weniger der Kinder werden, um so mehr werden die Kinder in Wert und Wertschätzung steigen. Das Verschwinden des Kindes aus dem Familienleben bedeutet zwangsläufig auch das Verschwinden der Mutter.

Es passt demnach der Muttertag, also die Verehrung der wenigen noch existierenden alten Mütter in das Jahrhundert des Kindes. In diesem Sinne wollen wir orthodoxe Juden weder von einem Jahrhundert des Kindes noch von einem Muttertag etwas wissen. Trotzdem wollen wir aber an einem Muttertag Festhalten. Nur in einem anderen Sinne, als es die Schöpferin dieser Idee konzipiert hat. Wir sollten einen Muttertag im Jahre abhalten, an dem wir über die Bedeutung der richtigen Erziehung unserer Töchter, der zukünftigen Mütter, nachdenken. Denn wir sollten nicht so sehr um die liebevolle Verehrung unserer alten Mütter bangen, sondern — und das gilt auch für uns orthodoxe Juden — um die richtige Erziehung unserer Töchter besorgt sein. Auf diesem Gebiete geschieht leider trotz aller Aufklärung in den letzten Jahren viel zu wenig. Und besonders in Wien, wo dank der Arbeit einiger weniger Männer, eine Volks- und Hauptschule, eine Gewerbeschule, eine Kochschule für jüdische Mädchen geschaffen wurde, müßte man annehmen, daß jüdische Eltern scharenweise ihre Töchter an diese Anstalten bringen, um sie vor den Gefahren einer Erziehung in einem nichtjüdischen Milieu bewahren zu können. Sicherlich wissen viele tausende jüdische Mütter noch nicht von den wunderbaren Erfolgen, welche diese jüdischen Mädchen-Erziehungsanstalten erzielen. Und daher haben wir dringend einen Muttertag nötig, an welchem jüdische Mütter eindringlich über die Pflicht der jüdischen Mutter, auch ihre Töchter zu jüdischen Menschen zu erziehen, die dereinst würdig als jüdische Mütter in Israel dastehen sollen, aufgeklärt wenden. Einen solchen Muttertag haben wahrlich auch wir orthodoxe Juden in Wien nötig.