Zur Dekonstruktion der in Mode geraten zu sein scheinenden Misscharakterisierung des Zionismus als angeblich rassistische Ideologie lohnt die Lektüre von Arnold Zweigs Apologie des Zionismus als „Selbsterhaltungs-Instinkt der Juden“.
Von Thomas Tews
Nachdem der Landesverband Niedersachsen der Partei „Die Linke“ im März dieses Jahres einen Antrag zur Ablehnung des „heute real existierenden Zionismus“[1] angenommen hatte, zog im darauffolgenden Monat der Landesverband Schleswig-Holstein der von der Partei „Die Linke“ als Jugendorganisation anerkannten „Linksjugend [’solid]“ mit einem inhaltsgleichen Beschluss[2] nach. Dieser kritisiert „einen politischen Zionismus, der sich durch Rassismus, Besatzungspolitik und militärische Gewalt“ auszeichne.
In das gleiche Horn stößt der aus Israel stammende, in den USA lebende und lehrende Historiker Omer Bartov in einem vor Kurzem in der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ erschienenen Interview[3]. Darin charakterisiert Bartov den heutigen Zionismus als „nicht nur militaristisch und expansionistisch, sondern auch rassistisch, extrem gewalttätig und letztlich eine Ideologie, die sowohl dem Einzelnen als auch der Gemeinschaft tiefgreifenden Schaden“ zufüge und deshalb „verschwinden“ müsse.
Vor diesem Hintergrund lohnt die Lektüre der Zionismusapologie des deutschen Schriftstellers Arnold Zweig (1887–1968) in dessen 1934 in Amsterdam erschienenem Buch „Bilanz der deutschen Judenheit 1933. Ein Versuch“:
„Hier muß wieder einmal die Begriffsverwirrung gekennzeichnet werden, die bei Juden und Nichtjuden über die zionistische Geistigkeit herrscht; setzt man sie doch mit der völkischen Bewegung gleich und verwirft sie mit ihr. Dabei ist leicht einzusehen, daß die Juden, dank ihrer historischen Situation, allen Grund haben, um ihren eigenen Bestand besorgt zu sein und ihn ideell und politisch zu sichern. […] Eine Menschenart ist in ihrem Bestand gewährleistet, wenn sie auf eigenem Boden, ohne fremde Herrschaft, in ihrer eigenen Sprache unbefangen vor sich hinlebend ihr Sein ausbreiten und erweisen kann. Mehr ist nicht nötig, um Gegenwart und Zukunft zu sichern, aber das ist nötig. […] Und die Juden haben wahrhaftig dargetan, daß sie wert sind, sich zu erhalten und daß sie gefährdet sind, wo immer sie unterm Ausnahmezustand des Antisemitismus […] auskommen mußten. […] Das ist der Sinn der zionistischen Bestrebungen, die in Palästina ein nationales Heim für den jüdischen Menschen errichten wollen. Vor dem Kriege romantisch überhöht und noch recht wirklichkeitsunfähig, während des Krieges und nach ihm geistig, politisch und sozialistisch untermauert und begründet, verkörperte dieser Zionismus in all seinen Phasen den Selbsterhaltungs-Instinkt der Juden, nichts weniger. […] Der Zionismus strebt danach, jüdische Produktivität für die Zukunft zu sichern.“[4]
Diese zweigsche Zionismusapologie, die deutlich macht, dass der Zionismus im Kern eine Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes gegen den Antisemitismus, den es in der Diaspora erfahren musste und immer noch muss, darstellt, sei manchen Linken „in ihrem antizionistischen Furor“[5], wie es der österreichische Schriftsteller Jean Améry (1912–1978) in seinem im Jahre 1969 verfassten Essay „Die Linke und der ‚Zionismus‘“ formulierte, zur Lektüre und Reflexion empfohlen.
–> De Vriendt kehrt heim
In der Reihe „Die andere Bibliothek“ ist ein historischer Roman von Arnold Zweig neu erschienen, der sich um die wahre Geschichte des 1924 ermordeten Schriftstellers Jacob Israël de Haan in Jerusalem dreht.
Anmerkungen:
[1] https://www.dielinke-nds.de/fileadmin/user_upload/A01_geaendert.pdf (letzter Zugriff am 10.05.2026).
[2] https://www.sh.linksjugend-solid.de/beschluss/ablehnung-des-zionismus/ (letzter Zugriff am 10.05.2026).
[3] https://www.haaretz.com/jewish/2026-04-24/ty-article-magazine/.premium/zionism-must-disappear-israel-will-remain-an-interview-with-omer-bartov/0000019d-b4c9-deab-ab9d-bdffc5fe0000 (letzter Zugriff am 10.05.2026).
[4] Arnold Zweig, Bilanz der Deutschen Judenheit. Ein Versuch. Mit einem Nachwort von Dr. Achim von Borries. Neudruck. Melzer, Köln 1961, S. 306 f.
[5] Jean Améry, Der neue Antisemitismus. Mit einem Vorwort von Irene Heidelberger-Leonard. Cotta, Stuttgart 2024, S. 59.



