Andor Hirsch

0
1

Der neue Film des Regisseurs und Drehbuchautors László Nemes (Son of Saul) nimmt die Zuschauer mit in das kommunistische Budapest im Jahr 1957. Der jüdische Junge Andor wird von seiner Mutter aus dem Waisenhaus abgeholt und lebt mit ihr in einfachsten Verhältnissen. Neben einem befreundeten Mädchen, durch dessen Familie er erstmals eine Verbindung zu seiner jüdischen Identität erfährt, sind es vor allem die idealisierten Erzählungen über seinen verstorbenen Vater, die ihm Halt und Zuversicht geben. Doch die zerbrechliche Idylle gerät ins Wanken, als ein grobschlächtiger Mann auftaucht, die Mutter bedrängt und behauptet, Andors wahrer Vater zu sein.

Es ist ein eindringlicher Film, in einfachen und schönen Bildern erzählt, der das Weiterleben nach der Schoah im kommunistischen Ungarn mit all seinen grausamen Aspekten aus der Perspektive eines Kindes zeigt. Zugleich ist es für László Nemes ein zutiefst persönlicher Film, basiert er doch auf der Kindheit seines Vaters im Budapest der 1950er-Jahre. „Dies ist die Geschichte eines zwölfjährigen Jungen, Andor, im Jahr 1957 – aber es ist zugleich die Geschichte dessen, was meinem Vater widerfahren ist. Durch ihn trage ich diese Geschichte in mir, und sie steht für etwas Universelles, Mythisches, fast Archetypisches: den Weg eines Jungen zum Mann, seine Suche nach Identität und sein Ringen mit der eigenen Dunkelheit“, so Nemes, der gemeinsam mit seiner langjährigen Kollaborateurin Clara Royer auch das Drehbuch schrieb.

Bemerkenswert ist die schauspielerische Leistung des Protagonisten, dem 12jährigen Bojtorján Barabás, der während einer landesweiten Suche für die Rolle des Andor entdeckt wurde. „Andor Hirsch“ ist sein Spielfilmdebüt. Seine Rolle spielt er so überzeugend, dass einem das Herz weh tut. Das Set versetzt die Zuschauer sehr überzeugend ins Budapest der 1950er Jahre, mit viel Liebe zum Detail.

Ein ebenso schmerzhaftes wie poetisches Porträt einer verlorenen Kindheit zwischen Schoah und totalitärem Regime. Unbedingt sehenswert – ab 14. Mai in deutschen Kinos. (al)