Ein neues Buch zur Geschichte Weidenpeschs erinnert auch an jüdische NS-Opfer
Von Roland Kaufhold
Über den Kölner Stadtteil Weidenpesch mit seinen 14.000 Bewohnern gab es bisher nur sehr spärliche Literatur. Soeben hat Jupp Rehbach zusammen mit zwei Kollegen einen sehr informativen Band hierüber herausgegeben. Hierin erinnert er auf zehn Seiten auch das Schicksal einiger jüdischer Bewohner, die nahezu alle ermordet wurden. Vor drei Häusern auf dem Weidenpescher Teil der Neusser Straße, vor den Häusern Nr. 574, 592 und 722, erinnern 15 Stolpersteine[i] an das Schicksal dieser Kölner Juden sowie jüdischen Zwangsarbeiter.
Den Anfang aller lokalgeschichtlichen Forschungen über die Verfolgung von Juden in der Nazizeit in Köln bildeten die Forschungen von Dieter und Irene Corbach (Corbach 1990 und 1999). Auf dieses Buch wird von Rehbach in seinem Beitrag Bezug genommen. Rehbachs Beschreibungen und biografischen Forschungen bilden die Grundlage dieses erinnernden Aufsatzes. Ergänzt wird er durch weiterführende Darstellungen zu einzelnen Kölner NS-Opfern.
Nahezu alle jüdischen Opfer aus Weidenpesch wurden nach deren Verschleppung via dem Bahnhof Köln-Deutz in den Wäldern von Trostenez, bei Minsk, ermordet. Corbach beschreibt deren Ermordung:
„Schließlich fuhren Wohnwagen vor, die die Menschen meist in gutem Glauben, dass es nun zur Arbeit gehe, auch ohne große Schwierigkeiten bestiegen. Diese Wagen fuhren in die Nähe des Vernichtungslagers. … In dem Kiefernwald bei Blagowschttschina, etwa 4 km von Trostenez, der leicht abgeriegelt werden konnte und von weitem kaum einsehbar war, hatte man in den Tagen zuvor durch russische Kriegsgefangene die riesigen Gruben von etwa 3 m Tiefe und bis zu 60 m Länge ausheben lassen. Die Opfer, die nicht per Gaswagen getötet wurden … wurden bis an diese Gruben herangefahren und dann durch Genickschuss getötet und in die Grube geworfen. Wenn sich noch Leben regte, schoss man mit Maschinenpistolen in die Leichenmenge, bis sich nichts mehr regte. Ab Juni 1942 wurden versuchsweise Gaswagen eingesetzt. (…) Jüdische KZ-Insassen oder russische Kriegsgefangene mussten dann die Leichen aus den Lastwagen zerren und in die Grube werfen. Sie selbst wurden nach dieser furchtbaren Arbeit auch ermordet.“ (nach Rehbach 2026, S. 220)
Im belarussischen Vernichtungslager Maly Trostenez (andere Schreibweise: Trostinez), zwölf km südöstlich von Minsk gelegen, wurden zwischen Frühjahr 1942 und Sommer 1944 40.000 bis 60.000 Menschen ermordet (Rentrop 2011).
Die 15 Stolpersteine
Rehbach stellt in seinem Beitrag alle 15 Bewohner aus diesen drei Häusern auf der Weidenpescher Neusser Strasse 574, 592 und 722 vor. Die Stolpersteine wurden in den Jahren 2006 und 2012 verlegt.
Vor dem Haus Nr. 574 wird an die 1897 geborene Hanna Klein, an ihren 1898 geborenen Ehemann Walter Klein und an ihre 1923 geborene Tochter Lieselotte Paula Klein erinnert.
Vor dem Haus Neusser Strasse 592 – heute eine Betreuungseinrichtung für kleine Kinder – wird auf den Stolpersteinen an Aro Lissek (geb. 1885), Jochweta Eva (geb. 1885), Moritz Manes (geb. 1894), Johanna Meyer (geb. 1880) und Leopold Meyer (geb. 1878), Emil Nathan (geb. 1887) und Sidonie Nathan (geb. 1892), Eugenie Preis (geb. 1875) und Josef Preis (1879) sowie an Else Stein (geb. 1942) und Gustav Stein (1886) erinnert.

In der damaligen Gaststätte Heinrich Lückerath hatte die nahegelegene Glanzstoff-Fabrik Courtaulds (in Rehbach 2026, S. 166-169, S. 225) von 1942 bis 1944 ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter errichtet. Dessen Geschichte war über Jahrzehnte in Weidenpesch und Köln nahezu unbekannt.
Vor dem Haus Neusser Strasse 722 wird mit einem Stein an Siegbert Hausmann erinnert. Hausmann wurde im Juli 1942 als politischer Verfolgter aus Köln nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Sieben der ehemaligen Bewohner der Neusser Strasse 592 wurden am 24.7.1942 in diesem Wald ermordet. Eugenie und Josef Preis wurden drei Tage später, am 27.7.1942, in das KZ Theresienstadt deportiert. Josef Preis verstarb dort am 25.3.1943. Seine Ehefrau Eugenie wurde weiter in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und verstarb dort am 15.5.1944.
Emil, Sidone und Heinz Nathan
Rehbach (S. 221) erinnert an den Kölner Schuhhändler Emil Nathan, geb. 1887 in Münstereifel, und seine Ehefrau Sidone Nathan, 1892 im münsterländischen Borken geboren. Das jüdische Ehepaar wurde ab Juni 1942 als jüdische Zwangsarbeiter in der Neusser Str. 592 zwangsweise untergebracht. Auch sie mussten in der nahe gelegenen Chemiefabrik Glanzstoff-Courtaulds GmbH zwangsweise arbeiten. Das Unternehmen im Kölner Stadtteil Niehl produziert unter anderem Kunstseide und Garne (Wirdeier 2026).
Am 9.6.1942 wurden sie mit etwa 15 jüdischen Zwangsarbeitern zwangsweise in der Neusser Str. 592 einquartiert. Einen Monat später erging der Zwangsbefehl auf Deportation in den Osten nach Minsk. Am 19.7.1942 mussten sie sich in der Messehalle in Deutz einfinden. Am 20.7. um 15 Uhr fuhr der Zug los, am 24.7. kam er an dem Güterbahnhof Minsk an. 1.164 Jüdinnen und Juden aus Köln und Umgebung wurden an diesem Tag verschleppt. Den ganzen Tag über wurden die Menschen gruppenweise mit LKWs in die Nähe des Lagers Maly Trostinec gebracht und dort, im Wäldchen Blagowtschina ermordet.
Emil, Sidone und ihr inzwischen 18jähriger Sohn Heinz Nathan wurden kurz nach ihrer Ankunft in Minsk in dem Waldstück bei Minsk erschossen. Übrig blieb nur das Foto eines Koffers mit der Aufschrift „Familie Emil Nathan, Köln.“
Der Kölner Karnevalverein Kölsche Kippaköpp, in dessen karnevalistischem Vorgängerverein Emil Nathan engagiert war, hat auf seiner Facebookseite unter dem Titel „Nur ein Koffer“ eine Erinnerung an die Familie Nathan veröffentlicht (vgl. Rehbach 2026, S. 219).
Scholz-Goldenberg (2022) erinnerte an Emil Nathan: 1887 in Münstereifel geboren, war ein Schuhhändler in Köln und aktiv in dem 1922 gegründeten jüdischen Karnevalsverein. Verheiratet war er mit Sidonie Feith, geboren 1892 im münsterländischen Borken. 1924 wurde ihr Sohn Heinz geboren. Wohl ab 1940 mussten die Nathans Zwangsarbeit bei der Firma Glanzstoff-Courtaulds leisten. Am 19. Juli 1942 fanden sich Emil, Sidonie und Heinz Nathan in den Messehallen in Deutz ein.“ Sie wurden im Wäldchen Blagowtschina erschossen.
Auf der Website „Der Kleine Kölner Klub“ K.K.K. wird die Geschichte dieses 1922 von Max Salomon gegründeten Kölner jüdischen Karnevalclubs nacherzählt. Als Juden seien sie fest in die Kölner Stadtgesellschaft integriert gewesen.
Dem jüdischen Kölner Karnevalisten Max Salomon und seinem Bruder Willi gelang mit ihren Familien die Flucht in die USA. Auf einem Foto der Website, vermutlich aus den 1920er Jahre, sehen wir 15 karnevalistisch gekleidete Mitglieder des KKK, darunter auch Emil Nathan.
Exkurs: Der Kölner Karnevalist Edmund Nathan
Abgebildet ist auf diesem Gruppenfoto der K.K.K. auch der 1883 in Bad Münstereifel geborene jüdische Kölner Kaufmann Edmund Nathan. Er ist nicht Emil Nathans Bruder, sie waren aber vermutlich miteinander verwandt. „Die Nathans waren die am ältesten eingesessene jüdische Familie in Bad Münstereifel mit mehreren Familienzweigen“ schreibt mir Volker Scholz-Goldenberg (Scholz-Goldenberg 2022).
Edmund Nathan wurde am 25.6.1883 in Münstereifel geboren. Seine Mutter war Bertha Nathan (1861-1930). Edmund Nathan zog um das Jahr 1914 nach Köln. Er lebte als Kaufmann und betrieb die Schuhgroßwarenhandlung „Edmund Nathan G.m.b.H.“. Und er war ein aktives Mitglied des jüdischen Karnevalvereins Kleiner Kölner Klub K.K.K.
Im Sommer 1937 ermittelte die Kölner Gestapo erstmals gegen den jüdischen Karnevalisten. Auslöser war eine gezielte Denunziation. Edmund Nathan wurde gemäß der radikalen antisemitischen Ideologie „Rassenschande“ vorgeworfen. Am 9.8.1937 wurde das Verfahren eingestellt.
Der Verfolgungsdruck durch die Nationalsozialisten nahm zu. Am 20.10.1937 fuhr Nathan von Hamburg aus nach New York. Wegen offener Vermögensverhältnisse kehrte er wenige Wochen später, die Gefahr verleugnend, noch einmal nach Köln zurück, um sein Haus zu verkaufen. Das hätte ihm beinahe das Leben gekostet: Am 17.11.1938 wurde erneut ein Verfahren gegen Edmund Nathan eingeleitet, das nach kurzer Zeit wieder eingestellt wurde. Es gelang ihm, sein Haus zu verkaufen. Im Mai 1939 folgte Edmund Nathans zweite Flucht: Am 17.5.1939 reiste er ab Rotterdam zum zweiten Mal in die USA. Ein Jahr später, am 3.Mai 1940, heiratete Edmund Nathan die gleichfalls aus Deutschland geflohene 44-jährige jüdische Selma Kaufmann. Das Paar hatte keine Kinder. Bis zu seinem Tod am 16.11.1966 im Alter von 83 Jahren lebte der „Kölsche Jung“ in New York. Im Oktober 2022 wurde am Sülzer Manderscheider Platz 8 mit einem „Stolperstein“ auch an Edmund Nathan erinnert.
Andreas Grossmann und Hedwig Grossmann (Wertheim)
An den 1892 geborenen Andreas Grossmann, die 1894 geborene Johanna Grossmann und die 1895 geborene Hedwig Grossmann – sowie an sieben weitere dort wohnende jüdische Verfolgte – wird in der Kölner Weidengasse 30 erinnert. Später fand man heraus, dass Andreas Grossmanns letzter Kölner Wohnsitz gleichfalls in der Neusser Strasse 592 war. Johanna Grossmann wurde 1941 nach Riga deportiert, über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.
Andreas Grossmann wurde 1892 in Köln geboren. Er arbeitete als Buchhalter und später als Prokurist. 1921 heiratete er Katharina Herold und arbeitete danach für die Frankfurter Chemiefabrik Ludwig Ganz. 1933 verlor er seine Stelle, kehrte nach Köln zurück und arbeitete bei einem kleinen Adressverlag. „Nach der Trennung von seiner Frau war er auf die Unterstützung seiner Eltern und seiner Schwester angewiesen, bei der er zeitweise in der Weidengasse wohnte.“ (Rehbach 2026, S. 222) 1941 heiratete er Hedwig Wertheim. Einem Teil ihrer Familie war die Flucht in die USA gelungen. Ihre Emigrationspläne in die USA scheiterten zu diesem späten Zeitpunkt. Andreas Grossmann wurde zur Zwangsarbeit in der Köln-Niehler Glanzstoff-Courtaulds gezwungen. Am 10.6.1942 wurde er mit seiner Frau Hedwig Grossmann zwangsweise in die Neusser Strasse 592 eingewiesen. Am 19.7.1942, nahm sich Hedwig Grossmann das Leben. Ihr Ehemann Andreas Grossmann wurde zusammen mit weiteren Bewohnern der Neusser Str. 592 nach Trostenez/Minsk deportiert und dort am 24.7.1942 im Wald ermordet (Rehbach 2026, S. 222).[ii]
Siegbert Hausmann und Hannelore Hausmann
Der am 8.11.1886 geborene Siegbert Hausmann wohnte am Ende in der Neusser Strasse 722. Am 27.7.1942 wurde er als politischer Verfolgter aus Köln zuerst in das Konzentrationslager Theresienstadt und von dort aus am 1.10.1944 nach Auschwitz deportiert.
Hausmann war ein erfolgreicher Kaufmann und Prokurist einer jüdischen Firma in Köln. Seine Frau Anna Maria war eine gläubige Katholikin. Anfangs wohnten sie in dem wohlhabenden Kölner Stadtteil Braunsfeld, wo auch ihre beiden Kinder Walter (1925) und Hannelore (1928) geboren wurden.
Die Ehe – in den Kategorien der Nationalsozialisten eine „Mischehe“ – verlief unter dem Druck des Nationalsozialismus nicht glücklich, 1939 wurde sie geschieden. Da waren die Kinder Walter 14 und Hannelore 11 Jahre alt. Nun war der inzwischen 52-jährige Jude Siegbert Hausmann, als Folge der antisemitischen Rassegesetze, arbeitslos. Seine jüdische-niederländische Firma hatte sich aus Köln zurückgezogen. Die Familie verlor ihre Wohnung und zog in eine einfache Wohnung in das rechtsrheinische Köln-Deutz. Er musste als Zwangsarbeiter Straßenbauarbeiten leisten. Eine befreundete jüdische Familie bot ihm eine Unterkunft in ihrem Weidenpescher Haus in der Neusser Straße 722 an, wo er bis 1942 wohnte. Seine jugendliche Tochter Hannelore Hausmann hielt den Kontakt zu ihrem jüdischen Vater aufrecht (vgl. Rehbach 2026, S. 221-223, H. Hausmann 2021).
Hannelore Hausmann: „Warum? Der lange Abschied“
2001 verfasste die inzwischen 73-jährige Hannelore Hausmann eine autobiografische Erinnerung – „Warum? Der lange Abschied“ (BoD) – an ihre Kindheit: Hannelore wird am 28.4.1928 in Braunsfeld geboren. Als Kind spürt sie die radikale Veränderung in ihrer Lebenswelt: Unter dem Druck zerfällt die Ehe. Ihre Eltern sprechen nicht mehr miteinander: „Bei meiner Mutter machte sich langsam Angst und Panik breit.“ (S. 21) Die Vereinbarung ist, dass ihre Tochter katholisch und der ältere Bruder jüdisch erzogen wird. Sie besucht ab 1933 eine staatliche Schule, ihr Bruder Walter das innerstädtische jüdische Gymnasium Jawne.
Sie erinnert sich an schöne gemeinsame Stunden am Poller Rhein. Ihr Vater rettet einem Jungen am Rhein das Leben. Kurzzeitig ist er, der Jude, ein Held.
Dann erlebt sie Kontrollen: Das Rheinufer wird Mitte der 1930er Jahre nach Juden abgesucht. Die kleine Hannelore spürt diffus die Angst. Sie spürt, dass diese Verfolgungsmaßnahmen ihrem Vater gelten. Die ihr vertrauten jüdischen Kaufhäuser Katz-Rosenthal und Tietz verschwinden auf für sie unerklärliche Weise. Ein Lehrer mit Parteiabzeichen drangsaliert sie in der Schule. Sie wird von ihren Eltern zu einem Lehrer gebracht, der ihr Englischunterricht erteilt. Englisch ist für eine Emigration entscheidend. Eines Tages steht sie vor seiner verschlossenen Haustür. Niemand reagiert auf ihr Klingeln. Ihre Mutter übernimmt den Englischunterricht. Ihr Vater versucht seiner zehnjährigen Tochter die Gefahren zu erklären, der sie als Juden ausgesetzt sind.
Als im Januar 1939 die Kindertransporte von Köln nach London beginnen (vgl. Lissner & Reuter 2008, Kaufhold 2020) – etwa 130 Jawne-Schüler wurden auf diesem Wege gerettet – befindet sich auch ihr Bruder Walter unter diesen geretteten Kinder. Seine Eltern und Hannelore müssen sich von ihm trennen. Walter Hausmann ahnt, dass er nur auf diesem Wege seinen jüdischen Sohn zu retten vermag. Er selbst hofft Anfang 1939 noch, irgendwie in ein anderes Land fliehen zu können.
Diese trügerische Hoffnung teilte Siegbert Hausmann Anfang 1939 mit Meta und Erich Klibansky, dem jüdischen Schulleiter des jüdischen Gymnasiums Jawne. Auch die Klibanskys wurden, am 20.7.1942 von Köln nach Minsk verschleppt und dort in den Wäldern von Trostenez ermordet. Klibansky, der „Retter vom Volksgarten“ (Kaufhold 2017), war der Organisator dieser insgesamt vier Kölner Kindertransporte.
Hannelore Hausmann beschreibt die Szene des vielleicht endgültigen Abschiedes von ihrem Bruder Walter: „Walter war sehr traurig, als er sich am Bus von unseren Eltern und mir verabschiedete. Wir durften nicht mit zum Bahnhof gehen. Ich versuchte ihn in meiner Weise zu trösten.“
Für ihren Bruder war das jüdische Gymnasium Jawne ein gewisser Schutzraum, musste er zumindest dort doch keinen direkten Antisemitismus erleben. Walter: „Ich gehe gerne in die Schule, dort sind wir alle gleich. Wenn ich hier mit den Jungen auf der Straße spiele, fühle ich mich meistens ausgeschlossen.“ (S. 63)
Anfangs hatten Hannelore und ihre Mutter einen regen Briefaustausch mit Walter. Auch Siegbert konnte seinem Sohn Briefe zu schicken. Walter besaß in London kein Geld mehr. Ihre in den USA lebenden Verwandten schicken ihm Geld und Winterkleidung.
Im Sommer 1939 erhält Siegbert in Köln einen Besuch von seinem Bruder und dessen Familie. Sie treffen sich kurz am Kölner Bahnhof. Die Familie seines Bruders flieht nach Belgien und hofft, von dort aus weiter in die USA emigrieren zu können. Dieser bittet seinen Bruder Siegbert „flehentlich mitzugehen“ (S. 67), was ihr Vater mit Verweis auf seine im 1. Weltkrieg erworbenen Orden ablehnt. Eine trügerisch Illusion; eine Flucht nach Belgien hätte sein Leben vielleicht noch retten können. Nach dem „Kriegsausbruch“ am 1.9.1939 ist eine Flucht nicht mehr möglich.
Am 13.5.1939 schickte Hannelores Vater seinem Sohn Walter in London einen Brief.
Siegbert schreibt über seine ihm ungewohnte körperliche Arbeit als Zwangsarbeiter: Ich arbeite „seit ca. acht Tagen an einer Baustelle, wo mir mit Schaufel und Hacke alle Kräfte abverlangt werden. Die ersten Tage fielen mir schwer (…) jetzt aber (…) wachse ich in meine neue Branche ohne Schwierigkeiten hinein. (…) Deine Bedenken, was mit dir geschieht, wenn ich nach dort kommen kann, spielen vorerst eine untergeordnete Rolle. Das primäre ist die Verwirklichung meiner Auswanderung. (…) Dein Name zur Bar Mizwa ist Schlauno ben Elifier. (…) Bekommst du dafür einen neuen Anzug? Weißt du schon welche Familie die Elternstelle vertritt?“ (S. 68f.)
Alle Fluchtpläne scheitern. Auch Hausmanns Verwandte in den USA vermögen ihm nicht mehr zu helfen. In späteren Briefen ist von einer Emigration in die USA nicht mehr die Rede. Die elfjährige Hannelore spürt bei ihren Treffen mit ihrem Vater dessen Verzweiflung: „Er sah keinen Ausweg mehr. (…) Ich war erst elf Jahre alt und musste hilflos und ohnmächtig mit ansehen, wie sehr er litt.“ (S. 70f)
Hannelore Hausmann beschreibt die letzten Lebensjahre ihres Vaters in Weidenpesch. Sie traf ihren Vater – sie lebte ja bei ihrer (nicht-jüdischen) Mutter in Deutz – so oft sie konnte, vor allem samstags.
In dem Kapitel „Der Abschied“ beschreibt sie die Szene im Juli 1942, als ihr Vater den Transportbefehl nach Minsk, in den Tod, erhielt.
Am 19.7.1942 wurde Siegbert zwangsweise zum Köln-Deutzer Bahnhof gebracht, dann aber noch einmal vom Abtransport nach Trostenez frei gestellt. Er wurde für eine Woche in der Beethovenstrasse 16 in Köln untergebracht. Sie vermögen sich noch ein letztes Mal zu treffen: „Unser Wiedersehen war erfüllt von Glück, Leid und Hoffnung. Wir redeten nicht viel, saßen still zusammen, und er hielt meine Hände. Richtig freuen konnten wir uns nicht, wir waren zu traurig.“ (S. 114f.)
Am 26.7.1942 früh morgens muss er erneut am Bahnhof Deutz erscheinen. Mit der Reichsbahn wurde er in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt. Unmittelbar vor seinem Abtransport nach Ravensbrück schickt er einen Abschiedsbrief an seine 14-jährige Tochter Hannelore:
„Als wir uns verabschiedeten, war ich zu erregt, um Dir noch einige Worte mit auf den Weg zu geben. (…) Gehe stets aufrechten Hauptes durchs Leben. (…) Ich weiß nicht, wie mein Schicksal weiterläuft. Meine Gedanken werden bis zum letzten Atemzug bei Euch Beiden sein. Eine frohe und glückliche Zukunft sei Dir beschieden. Dein Papi.“ (Hausmann 2001, S. 117)
Von Theresienstadt aus vermag Siegbert Hausmann noch einige Postkarten an seine Tochter zu schicken. Mehr als 65.000 Menschen wurden von Theresienstadt aus in die Vernichtungslager von Auschwitz und Trostenez abtransportiert. Siegbert Hausmann wurde nach Auschwitz verschickt und dort vergast.
Hannelore Hausmann beschreibt in ihrem Buch ihre letzten Jahre in Köln. Ende 1943 versucht die Gestapo, die 15-Jährige abzuholen. Sie wird gewarnt und taucht in der Eifel unter. Ihr gelingt immer wieder die Flucht. Nach dem Krieg kehrt sie nach Köln zurück.
Bei ihren Recherchen zum Schicksal ihres Vaters, dessen Ermordung sie ahnte aber lange nicht mit Sicherheit wusste, erhielt sie auch den letzten Brief ihres Vaters an ihren Bruder Walter vom 26.6.1942. Hierin schrieb Siegbert:
„Als du, ein Kind noch, vor 3 ½ Jahren das Elternhaus verließest konnte man vielleicht ahnen, aber doch nicht glauben, daß solch namenloses Unglück über die Menschheit hereinbrechen würde.
Es war mir schwer ums Herz, als ich dich so früh ziehen lassen mußte, aber der Gedanke dir den Weg für eine versprechende Zukunft zu ebnen, ließ mich den Abschiedsschmerz ertragen. Inzwischen sind 3 ½ Jahre ins Land gezogen und noch weiß niemand, wann die Welt wieder in Ruhe und Frieden leben kann.
In den nächsten Tagen muß ich den Weg der Evakuierung gehen, er ist so dunkel und ungewiss, daß ich dir vorsorglich noch diese Zeilen hinterlassen will. Wenn mir ein Wiedersehen verwehrt bleiben sollte, dann hoffe und wünsche ich dir von Herzen daß du deine Mutter und Hannelore wiederfinden mögest.
Der Lebenskampf nach dem Kriege wird ein ungemein harter und rücksichtsloser sein. Ich weiß, daß du die charakterliche und geistige Ausrüstung besitzt, um ihn mit Erfolg zu führen. Mein lieber, guter Junge! Sollte es das Schicksal wollen, daß ich dich nicht mehr wiedersehe dann trauere nicht um mich. Unter den Millionen Opfern bin ich nur ein winziges. (…) Trotz allem gehe ich meinen Weg mit Zuversicht und halte mich immer wieder aufrecht bei dem Gedanken, dich und Hannelore wiederzusehen.“ (S. 204f.) Einen Monat später schreibt er noch seinen Abschiedsbrief an Hannelore.
Im Alter war Hannelore Hausmann bereit, an Zeitzeugeninterviews über ihre familiäre Verfolgungsgeschichte mitzuwirken (s. Jugend! Deutschland 1918-1945). Auch in dem Film „Heute kann ich es sagen…“ trat sie auf. Ihr gelang es auch nach Jahrzehnten nicht, einen Satz über das wahre Schicksal ihres Vaters Siegbert über die Lippen zu bringen. In dem Film sagt sie: „Wenn mich heute jemand fragt, dann sag ich: Er war Jude und ist in Auschwitz vergast worden.“
1957 heiratete ihr Bruder Kurt. 1964 stürzt er gemeinsam mit seiner Ehefrau in einem Flugzeug ab. Beide sind sofort tot.
Im Alter erfuhr sie bei einem Besuch bei ihren amerikanischen Verwandten weitere Einzelheiten über das grausame Ende ihres Vaters in Auschwitz. Sie sprach in New York mit der ältesten Schwester ihres Vaters, die den Tod ihres Bruders in Auschwitz nicht zu vergessen vermochte:
„Für mich ist es ein großer Trost zu wissen, daß mein Vater nicht alleine, ohne eine liebende Hand und ohne ein liebes Wort streben mußte. Ich habe ihn geliebt, und er war dankbar für diese Liebe. Seinen Tod konnte ich erst nach Jahren akzeptieren. Der Holocaust ist und bleibt für mich unfaßbar und unbegreiflich.“ (S. 224)
Sie traf in den USA auch einen angeheirateten Verwandten, der als Kind die Shoah überlebt hatte. Er hatte zu viele Menschen grausam sterben sehen. In seiner Gegenwart durfte nicht über diese Vergangenheit gesprochen werden.
Am Ende schreibt sie auch über ihren ersten Besuch in Israel. Und über einen immer wiederkehrenden Albtraum im Alter, in dem ihr ihr Vater begegnete und mit ihr sprach. Sie schreibt auch über den Tod ihrer Mutter, die 1989 stirbt. Sie bedauert, nicht darauf insistiert zu haben, mit ihr über ihre Erinnerungen an die Nazizeit in Köln gesprochen zu haben: „Vielleicht wollten wir auch beide nicht darüber reden.“ (S. 234)
Kurz vor ihrem Tode erzählte ihre Mutter Hannelore Hausmann, sie habe sich in der vorigen Nacht mit ihrem ehemaligen Ehemann Siegbert versöhnt.
Im April 2022 stirbt Hannelore Hausmann 94-jährig an den Folgen einer Covid-Infektion.
Hanna Klein (geb. 1897), Walter Klein (geb. 1898) und Lieselotte Paula Klein (1923):
Das Ehepaar Hanna (geb. 1897) und Walter Klein (geb. 11.3.1998) und ihre am 22.10.1923 geborenen Tochter Lieselotte Paula lebten am Ende in den Neusser Strasse 574 in Weidenpesch.

Hanna Klein, geb. Frankfurter, wurde am 18.3.1897 in Dransfeld bei Göttingen geboren. Ende 1930 lebte das Ehepaar Klein mit ihrer siebenjährigen Tochter in Bonn-Beul. Walter arbeitete dort als Prokurist der Rheinischen Möbelfabrik. Sie wohnten in der Gartenstraße 54. Lotte besuchte dort seit Januar 1931 die Evangelische Volksschule Beuel.
Zwei Wochen nach der Pogromnacht zog sie von Beuel nach Köln und wohnten zuerst in der Weidengasse und dann in der Neusser Straße 574 (Rehbach 2026, S. 223f.). Walter Klein arbeitete in der Abbruchfirma Jean Steinhausen. Die Hoffnung, durch den Umzug von Bonn nach Köln dem Verfolgungsdruck der Nazis zu entkommen, erfüllte sich nicht. Rehbach (2026, S. 223) beschreibt die familiäre Verfolgung präzise:
„Am 4. Dezember 1941 wurde die Familie im Sammellager Müngersdorf „Fort V“ interniert und am 27. Juli 1942 nah Theresienstadt deportiert. Dort wurde die Familie 1944 auseinandergerissen. Walter Klein wurde am 28. September 1944 zunächst nach Auschwitz und am 10. Oktober 1944 in das KZ Dachau verbracht. Dort starb er am 5. Dezember 1944. Hanna Klein und ihre Tochter Lieselotte wurden am 4. Oktober 1944 über Auschwitz in das Außenlager Birnbäumel des KZ Groß-Rosen deportiert. Die 21-jährige Lieselotte starb dort in den Armen ihrer Mutter am 5. Februar 1945 durch Erfrieren.“ (Rehbach 2026, S. 223)
Als die drei Stolpersteine im Jahr 2006 vor dem Haus Neusser Strasse 574 verlegt wurden ging man davon aus, dass auch Hanna Klein 1944 in Auschwitz ermordet worden war.
Erst viele Jahre danach stellte die Bonn-Beueler Initiative in ihrer 2018 erschienenen Publikation Wider das Vergessen (vgl. Rohde o.J., Rohde 2020) den furchtbaren Lebensweg der Familie vor – und Hanna Kleins Überleben.
Eine Quelle schreibt, sich auf Rohde beziehend, Hanna Klein sei direkt nach ihrer Befreiung, „im Mai 1945“ (Rebberg 2026, S. 224) nach Bonn-Beuel zurück gekehrt. In Dentlers Promotionsschrift (2020, S. 216) wird Hanna Klein als eine von nur elf Bonner Juden aufgeführt, die die Deportation überlebten.
Hanna Klein, die Theresienstadt, Auschwitz und Groß-Rosen überlebt hatte, lebte dort zurückgezogen (Rehbach 2026, S. 224). 82-jährig verstarb sie im Juni 1979 in Bonn-Beuel. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof Beuels beerdigt. In dem Band (Beueler Initiative 2018, S. 79) sind drei Fotos der Familie Klein veröffentlicht.
Literatur
Beueler Initiative gegen Fremdenhass (Hg., 2018): Wider das Vergessen: Erinnerungsorte in Beuel. (Darin: Erinnerungen an Walter Lieselotte und Hanna, S. 78f.).
Corbach, D. (1990): Die Jawne zu Köln – Zur Geschichte des ersten jüdischen Gymnasiums im Rheinland und zum Gedächtnis an Erich Klibansky. Ein Gedenkbuch. Köln.
Corbach, D. (1999): 6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz – Deportationen 1938–1945. Köln.
Dentler, S. (2020): „Volksgemeinschaft“ in Bonn. Die Bonner Gesellschaft und die Judenverfolgung von 1933 bis 1942. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. https://edoc.ub.uni-muenchen.de/26506/1/Dentler_Sandra.pdf
Hausmann, H. (2001): Warum? Der lange Abschied. Books on Demand (BoD). ISBN: 3-8311-2089-7.
Jugend! Deutschland 1918-1945: Zeitzeugen-Filminterview mit Hannelore Hausmann: https://jugend1918-1945.de/portal/jugend/zeitzeuge.aspx?bereich=projekt&root=38211&id=38222&redir=
Kaufhold, R. (2017): Der Retter vom Volksgarten. Gymnasialdirektor Erich Klibansky bewahrte viele seiner Schüler vor der Vernichtung. Jetzt wurde an ihn erinnert, Jüdische Allgemeine, 24.7.2017; eine längere Version: haGalil, 30.7.2017: https://www.hagalil.com/2017/07/klibansky/
Kaufhold, R. (2020): Gerettet – auf Zeit. In Köln wird in einer Ausstellung an die Kindertransporte nach Belgien erinnert, haGalil, 24.1.2020: https://www.hagalil.com/2020/01/gerettet-auf-zeit/
Lissner, C. & U. Reuter (2008): “Andererseits komme ich anfangs nächster Woche nicht ohne Hoffnungen auf Verlegung meiner Schule nach Cambridge zurück”. Der Versuch, die Kölner Jawne nach England zu transferieren, in: Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten NRW (Hrsg.), Gewalt in der Region – Der Novemberpogrom 1938 in Rheinland und Westfalen. Düsseldorf, Münster, 2008, S. 86–91.
Rehbach, J. (Hrsg.), A. Hess & E. Wirdeier (2026): Von Merheim lrh. bis Weidenpesch. Ein Blick in die Geschichte des Kölner Stadtteils. ISBN: 978-3-00-084833-9, S. 227-241.
Rehbach, J. (2026): Die Stolpersteine auf der Neusser Strasse, in S. 216-226, in: Rehbach, J. (Hrsg.), A. Hess & E. Wirdeier: Von Merheim lrh. bis Weidenpesch. Ein Blick in die Geschichte des Kölner Stadtteils, S. 227-241.
Rentrop, P. (2011): Tatorte der „Endlösung“. Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte von Maly Trostinez. Metropol, Berlin 2011.
Rohde, S. (o. J.): Lebenszeichen aus Theresienstadt. Unveröffentlichtes Manuskript über die Deportationsgeschichte der Familie Klein. NS-Dokumentationszentrum Köln.
Rohde, S. (2020): Sie waren in Beuel zu Hause. Lesebuch zur dunklen Geschichte. Bonn.
Scholz-Goldenberg, V. (2022): Stolpersteinverlegung für Edmund Nathan, Manderscheider Platz 8, Köln-Sülz, 18. Oktober 2022, Vortragsmanuskript (ich danke Volker Scholz-Goldenberg für das Überlassen des Manuskriptes)
[i] An dem Initiator dieser Stolpersteine gab es in den vergangenen Jahren vielfältige, meist nur verstohlen geäußerte Kritik. Vgl. exemplarisch Stella Leders (2021, S. 183ff) autobiografisches Buch Meine Mutter, der Mann im Garten und die Rechten mit bestürzenden Beschreibungen der Würdelosigkeit der Umstände dieser Stolpersteinverlegung; vgl. meine Rezension dieses bemerkenswerten Werkes. https://www.hagalil.com/2021/12/stella-leder/
[ii] Rehbach (206, S. 222) verweist vertiefend auf die weiterführende familiäre Spurensuche von Faust, M./K. Johnson (2015): „Der Hermülheimer jüdische Arzt Dr. Friedrich Wilhelm Großmann und die tragische Geschichte seiner Familie“, in: Hürther Beiträge 94 (2015), S. 7–30. Der 1899 in Köln geborene Arzt Friedrich Wilhelm Großmann arbeitete in Köln sowie in Hürth-Hermülheim als Arzt sowie als Schularzt. 1933 wurde er als Jude rassistisch verfolgt, verlor bereits im April 1933 seine Krankenkassenzulassung. Im Juli 1938 wurde ihm seine Approbation als Arzt entzogen. Im November 1938 wurde er verhaftet und in das Sammellager in Brauweiler bei Köln eingewiesen und von Dort nach Dachau deportiert. Am 1.12.1938 wurde er dort aus Krankheitsgründen entlassen. Mit Hilfe einer befreundeten Familie in den USA gelang ihm und seiner Familie im Mai 1939 über Hamburg die Emigration in die USA. Dabei verlor er sein gesamtes Vermögen. Es gelang ihm, in den USA eine neue Existenz als Arzt aufzubauen. Er verstarb im Alter von 89 Jahren am 24.1.1989 in New York. In seiner früheren Heimatstadt Hürth-Hermülheim wurde eine Strasse nach ihm benannt. Vgl. https://gedenkstaettebrauweiler.lvr.de/de/gedenkbuch/biografien/grossmann__friedrich_wilhelm/grossmann_friedrich_wilhelm.html



