Auftakt historischer Gespräche

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Die Grenze zwischen Israel und dem Libanon nördlich von Metula, Foto: Aykleinman / CC BY-SA 3.0

Nicht nur die USA sprechen von einem „historischen Meilenstein“. In Israel bezeichneten fast alle Medien das gestrige Zusammentreffen zwischen Israels Botschafter in Washington, Jechiel Leiter, und der libanesischen Botschafterin in den USA, Nada Hamadeh Moawad, als historisch. Rund zwei Stunden dauerte das Treffen im US-Außenministerium, das von allen Seiten als sehr positiv bezeichnet wurde. Jechiel Leiter sagte im Anschluss: „Wir sind uns einig in unserem Wunsch, den Libanon von der Hisbollah zu befreien. Die Gespräche verliefen heute hervorragend und in einer ausgezeichneten Atmosphäre. Wir sprachen darüber, wie wichtig es ist, dass der Libanon prosperiert und die Grenze zwischen uns als eine dauerhafte und respektvolle Grenze betrachtet wird, die wir nur im Anzug für Geschäftstreffen und vielleicht auch in Badekleidung für den Urlaub überqueren.“

Sowohl in Tel Aviv als auch in Beirut wurden Menschen befragt, ob sie sich Frieden wünschen. Frieden und Sicherheit, so die eindeutige Antwort. Viele Israelis verbanden ihre Antwort mit dem Wunsch, das Nachbarland zu besuchen. Bis dahin wird es sicher noch dauern, doch die Gespräche gestern geben Hoffnung.

Dennoch gingen die Kämpfe auch gestern weiter. Zeitgleich mit Beginn der Gespräche warnte der israelische Armeesprecher, man erwarte verstärkten Beschuss der Hisbollah. Tatsächlich heulten die Sirenen im Norden fast den ganzen Abend. Auch am Morgen gab es wieder massiven Raketen- und Drohnenbeschuss auf die Gemeinden in Galiläa und am Golan. In Kirjat Schmona, Israels nördlichster Stadt, wurde seit Beginn des Krieges mit dem Iran über 260-mal Raketen- und Drohnenalarm ausgelöst. Ein irgendwie geregelter Alltag ist für die Menschen in der Stadt undenkbar. Genau wie für die anderen Gemeinden in der Grenzregion.

Israel verfolgt die Strategie, mit dem Libanon zu verhandeln, als gäbe es keine Hisbollah, und gleichzeitig weiter gegen die Hisbollah zu kämpfen, als gäbe es keine Gespräche mit der libanesischen Regierung. Eine Strategie, die an Itzhak Rabins Leitsatz während der Oslo-Verhandlungen in den 1990er Jahren erinnert. Ob die Gespräche tatsächlich zu einem Abkommen führen können, ist dabei die eine Frage. Ob das tatsächlich zu einer Entwaffnung der Hisbollah führen wird, ist die viel größere Frage. Die libanesische Regierung hat zwar in den vergangenen Wochen den Willen gezeigt, gegen die Hisbollah vorzugehen, aber es letztlich noch nicht einmal geschafft, den iranischen Botschafter aus Beirut auszuweisen, der zur Persona non grata erklärt wurde.

Aus der Hisbollah waren zum Auftakt der Gespräche deutliche Worte zu hören. Hisbollah-Generalsekretär Naim Kassem warnte davor, dass „der zionistische Feind“ ein Großisrael anstrebe und drohte unter anderem damit, dass „der Widerstand“ alle Mittel nutzen werde, auch die Entführung feindlicher Soldaten. „Wir werden niemals kapitulieren und bis zum letzten Atemzug kämpfen“, so Kassem.

Israels Botschafter Leiter sprach Libanons Präsidenten Joseph Aoun und seiner Regierung ausdrückliche Anerkennung dafür aus, „dass sie sich nicht von den Drohungen des Hisbollah-Führers einschüchtern lassen. Naim Kassem und seine Organisation gehören der Vergangenheit an. Wir sind hier, für die Zukunft.“ Hoffnungsvolle Worte in einer schwierigen Realität für die Bürger in Israels Norden.