„Wenn der Krieg vorbei ist, werden wir feiern“

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1934
In Manot, Foto: S. Harel

Silja Harel lebt seit 16 Jahren in Manot, einem kleinen Moschaw im westlichen Galiläa, 5 km von der libanesischen Grenze. Silja wurde in Norddeutschland geboren, wuchs im Rheinland auf und verbrachte als Studentin einige Monate als Volontärin in einem Kibbuz südlich von Haifa. Dort lernte sie ihren Mann kennen, dessen Großeltern in den 1930er aus Deutschland geflohen waren, um den Kibbuz zu gründen.

Wir haben mit Silja über das Leben im Norden Israels gesprochen, über den Alltag unter Beschuss und ihre Hoffnungen für die Zukunft.

Schon immer in Manot?

Wir haben die ersten zwanzig Jahre im Heimatkibbuz meines Mannes gelebt und haben dort auch unsere vier Kinder großgezogen. Unsere Jüngste war neun Jahre alt, als meinem Mann der Kibbuz zu eng wurde. Seit dem zweiten Libanonkrieg 2006 hatten wir den Traum, an die Nordgrenze zu ziehen. Das haben wir dann ein paar Jahre später auch getan.

Was machst Du beruflich?

Foto: privat

Ich bin Kunsthistorikerin und Kunstlehrerin, habe viele Jahre an einer PH in Nordisrael Kunstgeschichte und Didaktik unterrichtet und arbeite jetzt als freie Dozentin. Vor meinem Studium der Kunstpädagogik, Frühpädagogik und Kunstgeschichte habe ich mehrere Jahre im Kibbuz gearbeitet, hauptsächlich in der Erziehung, der Altenpflege und der Wäscherei. So habe ich den Kibbuz intensiv kennengelernt.

Vor über zwanzig Jahren habe ich angefangen zu bloggen, und zwar unter meinem Spitznamen Lila. Anfangs war ich nicht sicher, ob ich auf Deutsch oder Englisch schreiben würde, darum der englische Name „Letters from Rungholt“, aber es stellte sich heraus, dass es tatsächlich ein deutschsprachiges Publikum für Geschichten aus Israel, aus dem Kibbuz und später dem Moschaw gibt. Durch das Bloggen wurde ich darauf aufmerksam, wie groß der Unterschied ist zwischen dem Israel, das in deutschen Medien oft präsentiert wird, und dem Israel, wie ich es täglich erlebe. 2008 habe ich angefangen, als @LilaR (also Lila aus Rungholt) auch auf Twitter zu schreiben.

Wie erlebst Du den Krieg? Was bedeutet es gegenwärtig so nah an der Grenze zum Libanon zu leben?

Wir haben uns bewusst entschieden, hier zu leben, weil wir daran glauben, dass Israelis das Recht haben, an jedem Ort in Israel zu leben. Uns war also klar, dass sich die Grenze jederzeit „erhitzen“ könnte, wie man auf Hebräisch sagt, und tatsächlich kam es über die Jahre immer wieder zu Vorfällen an der Grenze, Beschuss auf israelische Dörfer und natürlich auch Terrorangriffen.

Wir haben seit dem 8. Oktober 2023, als die Hisbollah uns zum ersten Mal seit 2006 massiv angegriffen hat, sehr oft Alarm gehabt, an manchen Tagen alle 15 Minuten. Weil wir nur 5 km von der Grenze entfernt wohnen, haben wir eine Vorwarnzeit von null Sekunden, was bedeutet, dass wir die Detonationen der Raketen und Abfangraketen gleichzeitig mit dem Alarm hören. Im „ersten Kapitel“ dieses Kriegs, also Oktober 23 bis Dezember 24, waren es mehr Raketenalarme, und jetzt, im „zweiten Kapitel“ seit März 26, sind es besonders viele Drohnen.

Wir haben das große Glück, einen Schutzraum im Haus zu haben. Seit alle Kinder ausgezogen sind, ist das mein Arbeitszimmer, ich sitze dort also recht viel und muß bei Alarm nur die Stahltür zumachen und verriegeln. Wenn ich per Zoom unterrichte, schließe ich diese Tür schon vorher, damit ich den Unterricht nicht unterbrechen muß, und das klappt gut. Allerdings habe ich durch den Krieg Einkommenseinbußen, weil viele Einrichtungen, die mich vorher regelmäßig zu Vorträgen und Unterrichtsreihen eingeladen haben, ihre Tätigkeit eingestellt haben.

Mein Mann arbeitet als technischer Direktor einer Firma, die als kriegswichtig gilt, also fährt er dort jeden Tag hin. Dann mache ich mir immer große Sorgen, denn auf der Fahrt ist er ungeschützt. 50 Minuten hin und 50 Minuten zurück, und wenn er unterwegs Alarm hat, muß er aus dem Auto steigen, sich davon entfernen, auf den Boden legen und den Kopf mit den Armen schützen. Er hat mir versprochen, dass er das auch wirklich tut.

Meine Kinder leben in Jerusalem, Tel Aviv und Ashdod. Sie arbeiten alle weiter, trotz Krieg. Nur eine meiner Töchter hat einen Schutzraum im Haus. Mein Sohn in Jerusalem hat auf der Arbeit einen guten Bunker, aber wenn der Alarm ihn zuhause trifft, muss er zum nächsten Schutzraum rennen. Meine Tochter in Tel Aviv klemmt bei Alarm ihren kleinen Dackel unter den Arm und geht mit einem Campingstuhl in die nahegelegene U-Bahn-Station, die als Schutzraum gebaut ist. Dort campieren ganze Familien auf Matratzenlagern, weil es ihnen zu anstrengend ist, die Kinder mehrmals pro Nacht aus dem Schlaf zu reißen.

Wir sind sehr dankbar, dass es WhatsApp gibt, und wenn einer von uns Alarm hat, läuft die Familiengruppe heiß.

Wenn südlich von uns Alarm ist, gehe ich auf unser Sonnendeck, das eine wunderbare Aussicht bietet, von Südosten bis Südwesten, und dort beobachte ich dann, wie die Raketen, die auf meine Familie und Freunde zielen, abgeschossen werden. In Friedenszeiten stehen wir dort mit Teleskop und Fernglas und beobachten Sterne, Nebel und Planeten, aber jetzt sehen wir, ob es Raketen mit oder ohne Streumunition sind, und welches System eingesetzt wird, um sie abzuschießen. Ich weiß nicht genau warum, aber es hilft mir, diesen Raketen zuzusehen, vielleicht weil es mir eine Illusion von Kontrolle gibt? Wenn ich schon nichts tun kann, um die Meinen zu schützen, kann ich wenigstens zusehen, wie die Armee sie schützt. 

Wenn bei uns Alarm ist, sind wir natürlich immer im Schutzraum. Inzwischen kenne ich die „Einflugschneisen“ der Drohnen so gut, dass ich schon weiß, ob sie zu uns fliegen oder nicht. Wenn Drohnenalarm in den Dörfern nördlich von uns ist, gehe ich jedenfalls schon in den Schutzraum.

Es ist nur ein wenig mehr als ein Jahr vergangen, seitdem es einen Waffenstillstand gab. Bist Du überrascht, dass die Hisbollah noch so stark ist?

Nein, niemand in Israel ist davon überrascht. Seit 2006 sollten UNIFIL und die libanesische Regierung und Armee Hisbollah kontrollieren. Hisbollah darf sich laut UN-Resolution 1701 gar nicht mehr südlich des Flusses Litani festsetzen, aber wer mal in Grenznähe rumgefahren ist oder vom Aussichtspunkt auf dem Berg Adir mit Fernglas gestanden hat, der konnte sehen, wie aktiv die Hisbollah dort noch ist. Auch die Verpflichtungen vom Waffenstillstand im Dezember 2024 wurden nicht eingehalten, das war klar.

Für Terror-Organisationen wie die Hisbollah oder Hamas ist jeder Waffenstillstand nur eine Atempause zur Wiederbewaffnung. Jeder in Israel weiß, dass Verhandlungen niemals zu einem Frieden führen werden. Das würde die islamistische Ideologie gar nicht zulassen. Der Hass auf Israel und der Wille, Israel und das jüdische Volk zu vernichten, sind tief in dieser Ideologie verwurzelt und ist Teil ihrer raison d´etre. 

Die IRI (ich möchte dieses Regime nicht „Iran“ nennen, das wäre ein Unrecht dem iranischen Volk gegenüber, das von seinen Herrschern unbarmherzig unterdrückt wird) bewaffnet die Hisbollah, Hamas und Houthis, und alle vier werden gegen Israel kämpfen, solange sie noch eine Waffe in der Hand haben. Wir leben mit dieser Bedrohung, die international oft verkannt, schöngeredet oder geleugnet wird. Aber die vielen Terroranschläge und Angriffe auf Israel haben uns aus dem schönen Traum geweckt, eine verhandelte, friedliche Lösung zu finden, wie sie in anderen Konflikten möglich ist. Sollte sich das ändern, werden wir gern, wie mit Ägypten, Jordanien oder den UAE, einen Friedensvertrag schließen.

Bis dahin werden sie sich bewaffnen und uns irgendwann wieder angreifen – wie im Oktober 2023 und im März 2026. Beide Male fielen die ersten Schüsse durch Hisbollah, nicht Israel.

Ist Evakuieren eine Option? Ist wegziehen eine Option?

Im Oktober 2023, als die von der Hisbollah geplante Überrollung Galiläas täglich drohte, habe ich tatsächlich darüber nachgedacht, das Angebot meines Schwiegervaters anzunehmen und zu ihm ins Untergeschoß mit Schutzraum zu ziehen, aber ich bin meinem Mann dankbar, dass wir das nicht getan haben. Wir haben den gesamten Krieg hier im Norden überstanden, und das aus voller Überzeugung. So schwierig es ist – wir bleiben diesmal alle, denn die Errichtung einer inner-israelischen Pufferzone mit Hunderttausenden von Binnenflüchtlingen und praktisch aufgegebenen Dörfern war vielleicht keine gute Idee. Wir sind Zivilisten, wir haben das Recht, hier zu leben, und wir werden das auch weiter tun.

Foto: privat

Ich habe an vielen Orten gelebt – an der wunderschönen Ostseeküste, im freundlichen Rheinland, im verrückten Berlin vor dem Mauerfall und dem geliebten Kibbuz. Aber durch diese Erfahrung von Krieg und Bedrohung habe ich eine heiße Liebe zu Westgaliläa entwickelt, dieser Gegend zwischen grünen Hügeln und Meer, wo die Menschen seit Generationen unter Beschuss sind, und wo viele ethnische und religiöse Gruppen überwiegend friedlich und in gegenseitigem Respekt zusammenleben. Beduinen, Muslime, Christen, Drusen, Tscherkessen, religiöse und nicht-religiöse Juden arbeiten zusammen, beglückwünschen sich zu ihren jeweiligen Festen und helfen sich gegenseitig.

Ich nenne das Zusammenleben hier „Modell Galiläa“, denn ich würde mir wünschen, dass der gesamte Nahe Osten so zusammenlebt. Nicht immer spannungsfrei, aber tolerant und vielfältig. Nein, ich würde nirgendwo anders leben wollen als hier: mindestens drei Kreuzritterburgen in der Nähe, ein christliches Dorf mit Madonnenstatuen und Heiligenbildern nebenan, nördlich von uns ein Ort, in dem ultra-orthodoxe Juden und Beduinen zusammenleben, und das Küstenstädtchen Nahariya mit seiner Promenade und meinem Lieblingscafe am Strand. Wir bleiben hier.

Wie ist das Vertrauen in die Armee? Wie ist das Vertrauen in die Politik, die alles Mögliche versprochen hat? Habt Ihr überhaupt noch irgendein Vertrauen?

In diesem kleinen, von allen Seiten bedrohten Land, dessen Existenz so umstritten ist, dass Politiker in ihren Sonntagsreden sein Existenzrecht extra betonen müssen, gibt es einen ungeschriebenen Vertrag zwischen Volk, Staat und Armee. „Wir leben hier, wir dienen in der Armee und schicken unsere Söhne und Töchter zur Armee, und im Gegenzug schützt ihr uns“. Dieser Vertrag wurde am 7.10.2023 gebrochen. Noch immer sind nicht alle Einzelheiten aufgearbeitet, auch wenn wir heute besser wissen, wie es zu diesem katastrophalen Versagen kam. Wie konnte der 7.10. unerkannt vorbereitet werden? Wie konnte er ungestört durchgeführt werden? Wo war die Armee?

Einer der bleibenden Eindrücke dieses Tages sind nicht nur die Gräueltaten der Terroristen und ihrer Horde von „zivilen“ Begleitern, sondern auch der Hilfeschrei der Bürger Südisraels, der über die Medien verbreitet wurde: Wo ist die Armee? Wo ist die Armee?

Wo war sie? Und welche Rolle hat die Regierung gespielt?

Soweit ich es sehen kann, hat die Armee mehr Vertrauen zurückgewinnen können als die Regierung. Trotz vieler Versprechungen fehlen beispielsweise in vielen Orten im Norden noch Schutzräume und schnell erreichbare Bunker, während die Gelder anderswo locker fließen. Es gibt viel Kritik an der Regierung, aber natürlich hat sie auch ihre Unterstützer.

Ich persönlich finde es schade, dass sich liberale, Mitte-links verortete Politiker einer Koalition mit Netanyahu aus Prinzip verweigert haben, womit der Weg für die heutige Koalition frei wurde. In einer Situation wie heute Gesetze durchzubringen, die es jungen Ultra-Orthodoxen ermöglichen, sich weiterhin vom Wehr- und Zivildienst zu drücken, ist in meinen Augen ein Skandal. Wer nicht zur Armee gehen kann oder mag, könnte z.B. den Familien von Reservisten helfen, oder Zivildienst leisten, der der gesamten Gesellschaft zugutekommt. Diese Entscheidungen könnten Netanyahu bei den nächsten Wahlen auf die Füße fallen.

Doch ich muß auch anerkennen, dass Netanyahus konsequente Warnungen vor und Aktionen gegen das gefährliche, mörderische Regime in Teheran sein großer historischer Verdienst sind. Das möchte ich nicht schmälern.

Es gibt im Moment keinen Politiker in Israel, zu dem ich richtiges Vertrauen habe. Ich kann nicht für andere sprechen, aber in meinen Augen hat die gesamte politische Klasse im Vorfeld des 7.10. versagt.

Aber ich habe Vertrauen zur Armee, die mich täglich schützt, auch jetzt, wo ich diese Zeilen im Schutzraum schreibe, während im Nachbarort Alarm ist, die Armee die Drohnen jagt und ein paar Kilometer nördlich von mir junge Soldatinnen und Soldaten unter Lebensgefahr Waffenlager der Hisbollah aufdecken und Terroristen bekämpfen, die sonst mit der Kalashnikov im Anschlag bei mir im Wohnzimmer stünden.

Und ich habe Vertrauen zu den Israelis um mich herum. Ein unbeschreiblich tapferes, hilfsbereites und spontanes Volk, dessen natürliche Reaktion auf Krisen aller Art sich in Singen, Tanzen, Essen und tätiger Hilfe äußert.

Was hast Du für eine Vision für die Zukunft? Wie kann es weitergehen, wie soll es weitergehen, damit Ihr weiter dort leben könnt?

Meine Vision für die Zukunft ist eine Welt ohne Mullah-Regime, ohne Unterstützung für islamistischen Terror, eine Welt, in der die alte Freundschaft von Iran und Israel wieder auflebt. Ob sich dieser Traum erfüllen kann, das weiß niemand. Aber auch schon eine weitere Annäherung zwischen Israel und pragmatischen arabischen Staaten ist ein großer Gewinn – eine Ausweitung der Abraham-Abkommen, gegenseitige Hilfe bei Energie, Wasser-Technologien und Verteidigung.

Ein Libanon ohne Hisbollah, das ist eine weitere Vision. Ein Libanon, das seine Wirtschaft, religiöse Toleranz und kulturelle Vielfalt wieder aufbauen kann, und den man von Israel aus einfach besuchen kann, um eine gute Nachbarschaft zu entwickeln.

Ob sich das zu meinen Lebzeiten erfüllen wird, weiß ich nicht. Aber Visionen muß man haben, und wie hat Ben Gurion gesagt? „Um in Israel Realist zu sein, muß man Träume haben.“ Und die habe ich.

Was sind Deine Pläne für Pessach? Wie wirst Du feiern? 

Wir werden ein bescheidenes Pessach feiern, mit einem Teil der Kinder. Alle Feste haben sich seit dem 7.10.23 verändert, zumindest bei uns. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Angriff der Hisbollah auf uns zu Pessach 2023, also genau ein halbes Jahr vor dem großen Angriff auf den Süden. Wir saßen im Wohnzimmer, als es draußen anfing zu böllern, und sind sofort in den Schutzraum gegangen. Über eine Stunde hat dieser Angriff gedauert. Wir wissen, dass die jüdischen Feste, aber auch der Ramadan, immer Gelegenheit sind für große Angriffe und Terror-Attentate, und dieses Jahr sind wir besonders vorsichtig.

Wenn der Krieg vorbei ist, werden wir alle versäumten Feste und Geburtstage groß nachfeiern. Ich möchte die ganze Familie und viele Freunde einladen, so wie früher. Im Moment möchte ich niemandem zumuten, sich zu uns zu wagen – aber wenn der Krieg vorbei ist, werden wir feiern.