Kritische Anmerkungen zu Hamas-Sympathien und Israelfeindlichkeit könnten auch einmal aus linker Perspektive vorgetragen werden. Genau dies unternimmt der taz-Redakteur Nicholas Potter. Sein Buch hat den passenden Titel: „Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft“.
Von Armin Pfahl-Traughber
Eigentlich versteht er sich als eher linker Journalist. Gemeint ist Nicholas Potter, heute taz-Redakteur. In einem neuen Buch berichtet er von einer Erfahrung, die in einer existentiellen Bedrohung für ihn und zuvor in der Erschütterung seines Selbstverständnisses mündete: „Nach dem Hamas-Angriff auf Israel im Oktober 2023 war ich … erschüttert: Viele Linke, die ich trotz grundlegender Meinungsverschiedenheiten dennoch als Verbündete im Kampf für eine gerechtere Welt begriff, entpuppten sich als fanatische Versteher eines Regimes, das nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch die Bevölkerung Gazas terrorisiert“ (S. 213). Diese Aussage findet sich in seinem Buch „Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft“. Der Autor, der die Hamas rigoros verurteilt und Israel differenziert betrachtet hatte, war öffentlichen Morddrohungen ausgesetzt worden. Gleichzeitig gab es eine Kampagne gegen ihn, wobei er als „Israel-Propagandamaschine“ diffamiert wurde. Doch dieser Druck brachte ihn nicht zum Schweigen.
Ganz im Gegenteil, in der erwähnten neuen Monographie warnt er vor den gemeinten politischen Tendenzen. Dabei schreibt der Betroffene aber nicht als Betroffener. Nicht die Einseitigkeit hat ihm die Feder geführt. Bei aller Empörung und Enttäuschung, die sich auch in dem zitierten Satz findet, dominieren die Fakten bei Potter. Seine Kernaussage bezieht sich dabei auf eine „neue autoritäre Linke“, die über einen bestimmten Merkmalskatalog als konkretes Phänomen wahrgenommen wird: Absolutheitsansprüche, Dualismen, Gewaltverherrlichung, Illiberalismus und Intoleranz (vgl. S. 18f.). Kritisch angemerkt werden darf hier gegenüber dem Autor, dass es bereits zuvor derartiges innerhalb der Linken gab. Das Besondere ist für Potter, dass es hier auf Hamas-Apologie und Israelfeindlichkeit bezogen ist. Wie sich all dies in bestimmten Handlungen manifestierte, ist dann ausführlich sein Thema. Das Buch enthält einen recht ausführlichen Fußnotenteil, was für eine journalistische Monographie ungewöhnlich ist. Der Autor belegt aber auch alle genannten Details.
Das Gemeinte wird in den Kapiteln ausführlich dargestellt, wobei die Inhalte gut durch die gewählten Untertitel vermittelt werden: „Wie sich die neue autoritäre Linke organisiert“, „Wie Terror zu Widerstand verklärt wird“, „Wie Bewegungen infiltriert werden“, „Wie Journalisten bedroht werden“, „Wie soziale Medien zur Polarisierung beitragen“, „Wie Universitäten als Kulisse extremistischer Proteste dienen“, „Wie Musik den Soundtrack zur Radikalisierung liefert“ und „Wie auf Worte Gewalt folgt“. Für all das hier Angedeutete werden genaue Belege geliefert, wobei aber über die gemeinten Dimensionen keine so richtige Klarheit besteht. Bei den genannten Gruppen handelt es sich offenkundig nicht um größere Organisationen. Bekannte autoritäre linksextremistische Akteure scheinen sich weniger in diesem Sinne zu engagieren. Die große Aufmerksamkeit für die hier gemeinte „autoritäre Linke“ ergibt sich wohl mehr durch das Schweigen der anderen linken Szenen. Denn von ebendort fehlen die inhaltlichen Distanzierungen wie kritischen Stimmen.
Gleichzeitig deutet sich aber auch ein Anwachsen dieser „autoritären Linken“ an, wovor Potter mit großer Überzeugungskraft warnt. Denn: „Während der zwei Jahre Krieg in Gaza hat sich ein autoritärer Radikalisierungsprozess in einem erheblichen Teil der globalen Linken vollzogen, der die demokratische Gesellschaft noch lange beschäftigen wird – politisch, zivilgesellschaftlich, medial und sicherheitspolitisch“ (S. 198). Die Ablehnung von Demokratie und Freiheit durch diese „autoritäre Linke“ dürfte nach Potter weiter gesellschaftliche Wirkung entfalten. Weder gegen seine Beschreibung noch seine Einordnungen lässt sich im breiteren Sinne inhaltlicher Widerspruch artikulieren. Der Autor dramatisiert nicht mit emotionalen Bildern, sondern verweist auf bedenkliche Dimensionen auch und gerade in der politischen Linken. Entscheidend ist hier offenkundig das Engagement der andersdenkenden Linken. Ein Bruch der demokratischen Linken mit der extremistischen Linken sollte auch aus menschenrechtlicher Sicht selbstverständlich sein.
Nichoals Potter, Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft, München 2026 (dtv), 255 S., 20 Euro, Bestellen?



