Kriegstagebuch

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Oliver Vrankovic arbeitet in einem Altenheim an der Rezeption und ist bei Raketenalarm verantwortlich dafür, dass die BewohnerInnen sich in Sicherheit bringen und in Sicherheit gebracht werden. Wir veröffentlichen die Fortsetzung seines Kriegstagebuchs.

Von Oliver Vrankovic

Das in Israel zur Staatsräson erhobene „NIE WIEDER“ bedeutet „Nie Wieder eliminatorisch gesinnten Antisemiten wehrlos ausgeliefert zu sein“. Die emanzipatorische Israelsolidarität ist eine unbedingte Solidarität mit der notwendigen materiellen Heim- und Verteidigungsstätte der Juden, den israelischen Streitkräften und jeder reagierenden und präventiven Verteidigung des jüdischen Staates.

Ein Mensch, der sich ideologiekritisch mit dem Vernichtungsantisemitismus auseinandersetzt und begreift, dass diese Ideologie vom iranischen Mullah Regime geteilt wird, muss die Auseinandersetzung mit der iranischen Gefahr zum wichtigsten Aspekt seiner Israelsolidarität machen.

Es gibt in Israel hinsichtlich der iranischen Gefahr einen seltenen Konsens über alle zionistischen Lager hinweg. Die Bereitschaft, an der Heimatfront zu leiden, für die militärische Bekämpfung des Regimes, das sich die Vernichtung Israels auf die Fahnen geschrieben hat, ist hoch.

Ich habe die ersten 24 Stunden des Krieges an der Heimatfront für haGalil beschrieben und die ersten Tage und Nächte, die wir (ich und meine Tochter) im Heim verbracht habe für den Jungle Blog. Hier die Fortsetzung:

Weit mehr als Hundert Raketenalarme aktiv mitgemacht zu haben, fühlt sich an wie die Nebenrolle in einem trashigen Action Film.

Nach einer Woche durchgehender Doppelschichten und Raketenbereitschaften ging es für uns Freitag Abend das erste Mal nach Hause, und wir hatten auf den letzten Kilometern im Taxi Vorwarnung und noch bevor wir die Tür zur Wohnung erreicht haben, Alarm. Unser Haus hat keinen Bunker. Und keinen Schutzraum. Und das Haus fällt so schon halb auseinander. Schutz finden wir im mehrstöckigen Gebäude auf der anderen Straßenseite.

Wie Dutzende Familien in unserer Straße, sind wir in Ramle Teil der Millionen Israelis, die sich Tag und Nacht bei Alarm außerhalb ihrer Häuser in Sicherheit bringen müssen.

Wer kleine Kinder aufwecken muss, die verständlicher Weise nicht aufstehen wollen und sie tragen muss oder wer älter oder eingeschränkt ist, kommt als Letztes in den Bunkern an, oft erst mit den schreienden Sirenen. Und die steile Treppe runter in den Bunker wird für diejenigen, die Kinder nach dem Alarm wieder nach oben tragen müssen, nicht kürzer. Man sieht den Menschen die Erschöpfung an.

Unseren ersten „Unterwegs Alarm“ hatten wir dann am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Es sollte bis heute der erste von einem Dutzend Alarme unterwegs sein.

In der folgenden Nacht ist ein Raketenstück bei uns vor dem Haus auf die Straße gekracht. Wie wir aus dem Bunker kamen, waren Polizei und Armee schon da und gerade dabei die Straße zu sperren. Zum Glück wurde niemand verletzt.

Ich wünsche meiner Tochter vor dem Schlafengehen immer, dass wir uns möglichst lange nicht wiedersehen. Dies gelingt dann fünf Minuten oder zwei Stunden oder bis zu den frühen Morgenstunden. In den seltensten Fällen wache ich aus natürlichen Gründen aus dem Schlaf auf.

Ich dürfte ganz vorsichtig geschätzt im letzten Monat zusammengerechnet weit über einen halben Tag in verschiedenen Bunkern und anderen Schutzräumen verbracht haben.

In den Bunkern des Landes finden sich die vielen stillen Heldinnen dieses Krieges. Die philippinischen und indischen Pflegehelferinnen, die bleiben, statt zu fliehen, hab ich schon genannt.

Dann ist da die Mutter mit ihren drei kleinen Töchtern, die bei uns in Ramle bei jedem Alarm neben uns im Bunker sitzt und sich mit Liebe und Hingabe um die kleinen Mädchen kümmert und sie mit einer Engelsgeduld beruhigt und beschäftigt, während es draußen knallt.

Im ganzen Land gehen Mütter und Väter bei jedem Alarm am Tag und in der Nacht mit ihren kleinen Kindern in die Bunker außerhalb ihrer Häuser. Ihre Liebe lässt sie dieser Tage über menschliche Limits herauswachsen.

Einschläge der Raketen mit Hunderten Kilo Sprengstoff sind selten. Häufig sind dagegen Einschläge von Sprengköpfen mit wenigen Kilo Sprengstoff, die Teil der Streumunition ist, die das Regime zunehmend auf Israel abfeuern lässt. Die Geschosse haben bis heute einige Todesopfer und viele Verletzte gefordert und großen Sachschaden angerichtet.

Es ist ja so, dass man auch während des Krieges einkaufen muss, Sachen erledigen und die Wohnung putzen und Rechnungen bezahlen. Und gerade zweiteres bedeutet für viele Menschen mehr Anspannung und Panik als der Krieg selbst. Für viele Menschen bedeutet der Krieg große finanzielle Unsicherheit und damit einhergehend große Anspannung.

Mit den Streubomben wird die Anzahl der Augen- und Ohrenzeugen von Einschlägen kleinerer oder größerer Raketenteile größer. Jeder ist schon mehrfach draußen gewesen, als es Alarm gab, beim Einkaufen oder bei sonstigen Besorgungen oder auf den innerstädtischen Straßen oder den interstädtischen Schnellstraßen. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich unterwegs in der Stadt zu Fuss oder im Bus zur Arbeit oder zurück Alarm hatte und wie viele Treppenhäuser und Bunker von Krankenkassen, Unternehmen und Wohnhäuser ich von innen betrachten durfte.

Und alles ist überschattet von der Müdigkeit. Diese wird von Tag zu Tag schlimmer und ist die alles prägende Auswirkung des Krieges an der Heimatfront. Die Menschen sind todmüde, zunehmend genervt, entnervt, gereizt. Auseinandersetzungen in den Bunkern sind entsprechend ein zunehmendes Problem.

Müdigkeit und angekratzte Nerven machen sich natürlich auch im Straßenverkehr bemerkbar. Und überall. Tatsächlich sind die kleinen Heldentaten im Alltag dieses Zombiefilms ein freundliches Lächeln, aufbauende Worte, eine helfende Hand. Zumal es ja auf nicht absehbare Zeit weitergehen wird.

Wenn man Trump zuhört, dann hat er gewonnen, gewinnt bald, braucht Hilfe zu gewinnen, braucht keine Hilfe zu gewinnen.

Im seriösen israelischen TV wird 24/7 das ganz wenige Wissen in unzähligen Einschätzungen ausgetreten. Die meist positiven Spekulationen, wonach dem klerikalfaschistischen Regime die Feuerkraft ausgeht und es kurz vor dem Kollaps steht, sind nicht immer so einfach mit der Realität des anhaltenden Dauerbeschuss in Einklang zu bringen.

In der fünften Woche nach Kriegsbeginn muss Pessach im Heim im Bunker gefeiert werden (und ohne Angehörige). Bis heute sind 28 Todesopfer durch Raketenbeschuss zu beklagen, Tausende Verletzte und mehr als 5000 Menschen wurden obdachlos. (Quelle: Yedioth Ahronot)

Die Skepsis, dass dem Terror Regime tatsächlich der Garaus gemacht wird und die Befürchtung , dass der Krieg wieder unentschieden endet (und wir im nächsten Jahr wieder in den Luftschutzbunkern sitzen) lassen sich nicht mehr gänzlich unterdrücken. In Erinnerung sind noch die großen Siegesreden vom letzten Jahr, in denen das Ende der Gefahr aus dem Libanon und aus dem Iran über Generationen hinweg proklamiert wurde.

Einer ganz besonders bitteren Kriegsrealität sind die Menschen im Norden ausgesetzt, die erst vor etwa einem Jahr in ihre von der Hezbollah 2024 zerschossenen Städte zurückgekehrt sind und die statt des versprochenen Wiederaufbau pausenlose Raketen- und Drohnenangriffe erleben.

Die Entschlossenheit, mit der die Israelis hinter der Armee stehen und die Bereitschaft, an der Heimatfront zu leiden, bleiben indes ungebrochen. Auch wenn die beiden furchtbaren Einschläge (je ca. eine halbe Tonne Sprengstoff) in Dimona und Arad vor Augen geführt haben, dass jeder Alarm mit der Zerstörung eines Straßenzugs enden kann.

Zu bewusst ist den Israelis, dass es keine Alternative dazu gibt, die existentielle Gefahr, die vom iranischen Regime ausgeht, militärisch zu konfrontieren.

Gesegnet sind die Momente, in denen der Eskapismus gelingt. Im Heim ist es das gemeinsame Singen mit Chaim am Piano, bei dem Bewohnerinnen mitunter aufstehen, um zu tanzen. Für mich sind es Champions League Abende. Wobei diese auch jedes Mal gestört werden durch Raktetenalarm.

Zu allem kommen jetzt auch wieder die täglichen Meldungen von Gefallenen und die Beerdigungen.

Und dann gibt es ein paar Aspekte in diesem Krieg, die allen Sorge machen müssen, die hier auch nach dem Krieg leben werden. Während des Krieges vollziehen sich Veränderungen zum Unguten für säkulare Israelis und für liberale Israelis, die in Zukunft nicht nur ohne Raketenwarnung, sondern auch in einem verteidigungsfähigen, säkularen und fortschrittlichen Staat aufwachen wollen.

Aus politischem Opportunismus und um die in Umfragen weit abgeschlagene Koalition noch paar Monate über die Zeit zu retten, nähert uns die Regierung den rückständigen Nachbarländern im Nahen Osten an.

Nachdem die Zuständigkeiten religiöser Gerichtshöfe erweitert wurden, beschloss die Regierung Hunderte Millionen in das Bildungssystem einer Parallelgesellschaft geschichtet, die kein Mathe oder Englisch lehrt und aus der (um es vorsichtig zu sagen) nicht die nächste HiTech Lösung für die Landesverteidigung kommen wird. Zudem wird der Kampf gegen die demokratischen und rechtsstaatlichen Kontrollinstanzen, im Besonderen den Obersten Gerichtshof, intensiviert.

Natürlich hofft hier Jeder und auch die Demokratiebewegung, dass es nicht wieder ein Unentschieden gibt und das iranische Regime gestürzt wird und die Hezbollah vernichtet wird. Und wir sind alle bereit, an der Heimatfront dafür zu leiden. Der Angriff auf die Zukunft Israels als demokratischer Rechtsstaat aber ist kein notwendig zu entrichtender Preis.

Zurück zum Heim. Die Zensur verbietet nähere Angaben, aber bei einem der Raketenangriffe in den letzten Wochen schlug ein großes Trümmerteil einer abgeschossenen Rakete unweit vom Heim ein.