Schicht unter Feuer

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Der Bunker ist bereit, Foto: O. Vrankovic

Die Indizien und Vorahnungen, dass uns ein Krieg mit dem iranischen Regime ins Haus steht, verdichteten sich im Laufe des Freitags und am späten Nachmittag wurde ich gebeten, die Nacht nach meiner Spätschicht im Heim zu verbringen, um der Nachtschicht bei Raketenalarm an die Hand zu gehen.

Von Oliver Vrankovic

Die Bereitschaft war der Erinnerung an den 12 Tage Krieg im letzten Juni und den verheerenden Raketeneinschläge geschuldet, sowie an die Herausforderung, die alten Menschen in der Nacht in die Bunker zu bringen. Als mich der Wecker am frühen Morgen aufweckte, war ich überrascht, dass es ruhig geblieben war und begann um 7 Uhr meine 12 Stunden Schicht. Aber schon zum zweiten Kaffee sollte dann die Sirene ertönen, die uns ansagte, dass Krieg ist. Eine gute Stunde später begannen dann die Raketenalarme, dieses Mal wieder mit der mehrminütigen Vorbereitungszeit, was uns erlaubte, alle BewohnerInnen in Sicherheit zu bringen plus einige Familien aus der Nachbarschaft, die unsere Bunker denen ihrer Gebäude vorziehen, bzw. keine haben.

Im Gegensatz zum letzten Krieg mit dem Iran waren wir nicht mit Raketensalven konfrontiert, die seiner Zeit alle paar Stunden abgefeuert wurden, um die Luftverteidigung zu überwältigen, sondern mit einzelnen oder wenigen Raketen, die in kurzen Intervallen abgeschossen wurden, die uns zu einem ständigen runter in die Bunker und wieder zurück gezwungen haben, was nicht wenige BewohnerInnen nicht wenig angestrengt hat. Die Familien gingen nach Alarm zurück nach Hause, um dann kurze Zeit später wieder da zu sein. Manchen habe ich mehr als ein halbes Dutzend Mal die Tür geöffnet. Auch das Mittagessen konnte nicht in einer Sitzung eingenommen werden, doch der Irrsinn sollte sich erst noch entfalten, als zu Kaffee und Kuchen in die Lobby geladen wurde. Kaum waren die ersten Stücke Kuchen verteilt ging es wieder in den Bunker und die Familien tauchten wieder auf. Die Zeit zwischen den Angriffen verkürzte sich derart, dass zwischen den Alarmen kaum Zeit blieb und die Leute zum Teil einfach im Bunker geblieben sind. Manche haben sogar auf den Kuchen verzichtet.

BewohnerInnen, die sich schon so schwer tun mit der Orientierung waren z.T. völlig aus dem Konzept gebracht. Es galt viel zuzureden und zu erklären und es blieb wenig bis keine Zeit, selbst die Nachrichten zu verfolgen.

Wir hatten Alarme um 16.11, 16.33, 16.54, 17.13, 17.36, 17.44. 18.02, 18.16, 18.35 und 18.45 Uhr und manche BewohnerInnen haben sich irgendwann entschlossen, den Daueraufenthalt im Bunker zu unterbrechen, um sich in den Speisesaal zu setzen, zum Abendessen. Ich war nur noch am Durchsagen der Vorwarnungen und Alarme und muss den BewohnerInnen wie eine Radiosendung vorgekommen sein.

Oliver beim Durchsagen der Vorwarnungen und Alarme, Foto: O. Vrankovic

Bewundernswert wie schon im Mai war das Engagement der privaten philippinischen und indischen Pflegehelferinnen, die ihre Nerven behalten haben und nicht nur den ihnen anvertrauten alten Menschen sondern auch anderen geholfen haben. Ich musste dafür sorgen, für alle ArbeiterInnen, die nicht zur Nachtbereitschaft eingeteilt waren, Taxis zu ordern und für die, die zur Nachtbereitschaft eingeteilt wurden, Schlafplätze zu organisieren, sowie für die Familien mit kleinen Kindern, die die Nacht hier verbringen wollen. Unser unterirdischer Veranstaltungssaal ist eine Art Sammellager. 

Wasser musste in die Bunker geschafft werden und was noch so anfällt in Ausnahmesituationen. Als ich dann um 19 Uhr fertig war, waren auch die Mullahs fürs erste fertig mit Raketen feuern, ich konnte duschen, bevor ich dann noch einen Alarm mitgenommen habe und jetzt diesen Text schreibe. Ich sitze mit meiner Tochter in einer der freien Wohnungen im Heim, schreibe und warte, bis es wieder losgeht. Die eigentliche Herausforderung sind die Nächte. Die BewohnerInnen sind einerseits erschöpft von einem Laufpensum, das die Turnstunden im Heim in den Schatten stellt und sich andererseits darüber im Klaren, dass nix sein wird mit Schlafen. Bridge und Piano wurden abgesagt, auf die Frage, was denn überhaupt noch stattfindet an Programm ist die einzige Antwort vorläufig: Raketenalarme.

Gleichwohl ist die Stimmung nicht so schlecht, die sich verfestigende Annahme, dass das Ende des klerikalfaschistischen, vernichtungsantisemitischen Mullah Regimes gekommen ist, wiegt den uns aufgezwungen Ausnahmezustand bei weitem auf.    

Oliver Vrankovic arbeitet in einem Altenheim an der Rezeption und ist bei Raketenalarm verantwortlich dafür, dass die BewohnerInnen sich in Sicherheit bringen und in Sicherheit gebracht werden.