In Israel spielt sich derzeit ein Tauziehen um religiöse Kompetenzen ab, das einmal mehr die tiefe Spaltung der Gesellschaft widerspiegelt. Innerhalb weniger Tage erlebte das Land zwei Richtungsentscheidungen, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Während Frauen einen beispiellosen Durchbruch im Bereich der religiösen Bildung feiern können, zementierten konservative Kräfte ihre Macht an der heiligsten Stätte des Judentums.
Nach einem jahrelangen juristischen Kampf, den die NGO für religiöse Rechte ITIM gemeinsam mit zwei weiteren Frauenorganisationen, dem Rackman Center for the Advancement of Women’s Status und dem Kolech Religious Women Forum, und fünf Privatpersonen führte, Frauen, die bereits eine fortgeschrittene halachische Ausbildung absolviert hatten, können sie alle einen historischen Erfolg verbuchen. Das Oberste Gericht entschied unter dem Vorsitz des stellvertretenden Präsidenten Noam Sohlberg, der als konservativ gilt, dass auch Frauen die halachischen Prüfungen am Oberrabbinat offen stehen müssen. Alles andere stelle eine unzulässige Diskriminierung dar.
Die Neuregelung bedeutet zwar nicht, dass das Oberrabbinat Frauen als „Rabbinerinnen“ ordinieren oder anerkennen wird, doch die offiziellen Prüfungen verleihen ihrer Qualifikation ein völlig neues Gewicht. Da die Zertifikate des Rabbinats im öffentlichen Sektor oft einem akademischen Grad gleichgestellt sind und damit über Gehalt und Karrierechancen entscheiden, handelt es sich nicht nur um eine interne religiöse Angelegenheit, sondern um eine Frage der Gleichberechtigung.
Nach dem Urteil stellte das Oberrabbinat die Prüfungen zeitweise komplett ein und schlug einen Kompromiss vor, den der Oberste Gerichtshof zurückwies. Im Februar wurde nun erneut die Registrierung für die Prüfungen geöffnet, auch für Frauen. Ein historisches Ereignis, wie Rabbiner Dr. Seth Farber, Leiter der NGO ITIM, kommentierte.
Die Klagemauer bleibt fest in orthodoxer Hand?
Fast zeitgleich hat die Knesset in erster Lesung einen Gesetzentwurf gebilligt, der die orthodoxe Kontrolle über die gesamte Anlage der Klagemauer endgültig festschreiben soll. Dieser Vorstoß zielt darauf ab, jegliche nicht-orthodoxe Religionsausübung an der Klagemauer zu unterbinden und sogar unter Strafe zu stellen. Dies betrifft insbesondere die „Women of the Wall“ und liberale Strömungen, die für gemischte Gebete oder das Tragen von Gebetsschals (Tallit) durch Frauen kämpfen.
Die Knesset stimmte mit 56 zu 47 Stimmen für den Gesetzentwurf des rechtsextremen Abgeordneten Avi Maoz (Noam-Partei), das auch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs untergraben soll, das den Staat verpflichtet, die Umgestaltung des egalitären Platzes an der Klagemauer voranzutreiben. Die Umgestaltung war Teil des vor zehn Jahren von Netanjahus Regierung vereinbarten Kompromisses zur Klagemauer, der eine pluralistische Gebetsplattform an der Stätte vorsah. Abgeschlossen ist die Umgestaltung noch immer nicht. Der Gesetzentwurf spricht den beiden ultraorthodoxen Oberrabbinern des Landes uneingeschränkte Autorität über jüdische heilige Stätten allgemein zu, und damit auch über die Klagemauer und die sog. Esrat Israel, die als egalitärer Gebetsort genutzt wird.
Für Frauen in Israel bedeuten diese beiden Entscheidungen eine paradoxe Realität: Sie dürfen nun zwar die höchsten religiösen Prüfungen des Staates ablegen, doch am heiligsten Ort ihres Glaubens soll ihnen die Art der Ausübung ihrer Spiritualität durch neue Gesetze vorgeschrieben werden. Es bleibt abzuwarten, ob der Gesetzesentwurf endgültig verabschiedet wird und vor allem, was der Oberste Gerichtshof dazu sagen wird. (al)



