Schreiben, erinnern – trotz alledem

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Felix Mendelssohn Bartholdy, Zeichnung von Eduard Bendemann

Carl Goerdeler, Jiří Weil, Maxim Biller – und Felix Mendelssohn

Von Karl-Josef Müller

Da verdross mich das Leben. Denn das Tun, das unter der Sonne getan wurde, lastete auf mir als etwas Schlimmes. Denn es ist alles Windhauch und Luftgespinst.
Kohelet 2,17

„Die schlagenden Korporationen Tübingens (…) sprechen den Angehörigen von Verbindungen mit jüdischen Tendenzen die Satisfaktionsfähigkeit ab.“ Damit haben wir vor anderen Universitäten viel voraus und können hoffentlich unserem lieben Tübingen den Vorzug der Judenreinheit und damit des anständigen Tones erhalten.

Diese Worte des neunzehnjährigen Studenten der Jurisprudenz Carl Goerdeler aus dem Jahr 1904 könnten als Wegweiser in eine politische Richtung gedeutet werden, deren Vertreter im Januar 1933 ihr vorläufiges Ziel erreicht hatten.

Zu diesem Zeitpunkt amtierte Goerdeler als parteiloser Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass er von 1919 bis 1931 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei DNVP gewesen war.

Im Amt des Oberbürgermeisters verblieb er aktiv bis zum 7. Januar 1937; bereits im November 1936 hatte er einen Antrag gestellt, ihn zum April 1937 aus dem Amt zu entlassen, offiziell war er seit 7. Januar 1937 beurlaubt.

Eindrucksvoll schildert Peter Theiner die Ereignisse rund um diesen Amtsverzicht in seiner Goerdeler-Biographie mit dem Titel Carl Goerdeler. Ein deutscher Bürger gegen Hitler.

Wir zitieren aus einem Text von Yvonne Wasserloos mit dem Titel Heros und Schandfleck. Die Denkmäler für Felix Mendelssohn Bartholdy in England und Deutschland 1860 bis 1936:

„Es nimmt mich Wunder und ich weiß nicht, wie ich es verstehen soll, wenn es heute noch in Deutschland Menschen gibt, die fragen, warum das Denkmal des Felix Mendelssohn-Bartholdy beseitigt worden ist, obgleich Sie doch ganz genau wissen, daß Mendelssohn-Bartholdy ein Jude war. Gerade Sie [Dr. Felix Wach] als Nachkomme eines Juden wissen doch ganz genau, daß wir seit 1933 in Deutschland einen nationalsozialistischen Staat haben, dessen wichtigste Grundlage die Rassenfrage und damit wieder der Antisemitismus ist.“ So lautete 1937 die zynische Antwort des Leipziger Oberbürgermeisters Rudolf Haake auf die Anfrage des Mendelssohn Enkels Felix Wach nach den Gründen für die Demontage des Komponisten Denkmals. Sie lässt erahnen, welche Ausmaße die Verfemung ‚jüdischer‘ oder ‚entarteter‘ Musiker und Komponisten, lebend oder verstorben, zu diesem Zeitpunkt erreicht hatte.

Theiner zitiert den amerikanischen Historiker Harold C. Deutsch aus dessen „Bericht über seine denkwürdige Begegnung mit dem ‚Motor der Opposition‘, bei welcher der Oberbürgermeister auch auf das Mendelssohn-Denkmal zu sprechen kam“:

Als er seinen Besucher zur Tür begleitete, blieb er vor einem hohen Fenster stehen, das auf den Rathausplatz ging. Er deutete in Richtung des Gewandhauses, vor dem ein Denkmal Mendelssohns stand, und sagte: „Das ist eines meiner Probleme. Die SA setzt mir zu, sie will, dass ich dieses Denkmal entferne. Aber wenn sie es je anfasst, mache ich hier Schluss.“

Minutiös verfolgt Peter Theiner den Weg Carl Goerdelers vom jungen Studenten, dessen antisemitische Geisteshaltung nicht zu übersehen ist, bis unter den Galgen in Berlin Plötzensee.

Das Mendelssohn-Denkmal wurde im November 1936 nicht nur entfernt, es wurde zerstört. Das Ziel: Aus den Augen, aus dem Sinn. Unabhängig von der Frage, welches Datum man für den Beginn der Shoa festlegt, sei es die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 oder die Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942: Ein angesehener und geachteter Repräsentant der Kulturnation Deutschland, dem dessen Bürger am 26. Mai 1892 ein Denkmal gesetzt hatten, galt nicht nur nichts mehr, er musste, in Gestalt eben dieses Denkmals, vernichtet werden.

Doch wenn wir anlässlich der Entfernung des Mendelssohn-Denkmals 1936 an dessen Einweihung im Jahr 1892 erinnern, darf keinesfalls der Eindruck entstehen, gegen Ende des 19. Jahrhunderts habe es im Deutschen Reich noch keinen offenen Antisemitismus gegeben. Von 1887 bis 1903 war Otto Boekel als Vertreter der Deutschen Antisemitischen Partei Mitglied des Deutschen Reichstages für den Wahlkreis Kassel 5: Marburg, Frankenberg, Kirchhain:

Am 31. Oktober 1886 findet in Kassel der Parteitag der ‚Deutschen Antisemitischen Partei‘ statt (…). Die Bewegung wächst wie eine Lawine, und am 21. Februar 1887 schicken die Hessenbauern des Wahlkreises Marburg-Frankenberg-Kirchhain ihren Dr. Boeckel als Sieger im ersten Wahlgang nach Berlin.

Wir zitieren aus einem wohl zeitgenössischen Text, dessen Autor nicht  ermittelt werden konnte.

Es ist nahezu auszuschließen, dass dem tschechischen Schriftsteller Jiří Weil (1900 bis 1959) Leben und Wirken Carl Goerdelers bekannt gewesen sind; ebenso wenig dürfte er über das Schicksal des Mendelssohn-Denkmals in Leipzig informiert gewesen sein.

Weils letzter Roman Mendelssohn auf dem Dach erschien posthum 1960 in der damaligen ČSSR. Den Auftakt des Werkes bildet der fiktive Befehl Heydrichs, die Statue Mendelssohns umgehend vom Dach des Rudolfinums zu entfernen. Die Anweisung kann zunächst nicht ausgeführt werden, weil die tschechischen Arbeiter nicht in der Lage sind, aus den vielen dort befindlichen unbeschrifteten Statuen die von Mendelssohn zu identifizieren. Ihr Vorgesetzter Schlesinger, „Magistratsbeamter und Anwärter der SS“, weist die  Arbeiter an, die Statue mit der größten Nase auszuwählen. Auf einem Weltanschauungslehrgang hat er nämlich gelernt, „daß die Juden die größten Nasen hätten.“ Gerade noch kann er verhindern, dass seine Arbeiter die Statue von Richard Wagner niederreißen, dem sie bereits wie bei einer Hinrichtung ein Seil um den Hals gelegt haben.

Eine Statue von Richard Wagner allerdings hat es nach unseren Informationen an besagtem Ort nie gegeben, auch wenn manche Quellen etwas anderes insinuieren:

Aus den Besatzungszeiten wird überliefert, dass der Reichsprotektor Reinhard Heydrich befahl, die Statue von Mendelssohn-Bartholdy von der Attika des Rudolphinums für seine nichtarische Herkunft zu beseitigen. Die Arbeiter verwechselten aber die Statuen und fingen an, die Statue von Hitler-Schwarm Richard Wagner herunterzuholen. Kurz bevor die Statue irgendwohin weggefahren wurde, ist zum Glück jemand darauf gekommen und alles wurde ins rechte Gleis gebracht. Die Statue von Mendelssohn-Bartholdy wurde während des Kriegs heimlich versteckt und nach dem Krieg zurückgeholt.

Eine weitere Quelle schließt sich diesem Befund an:

Die Nationalsozialisten wollten das Rudolfinum seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß als Konzerthalle öffnen und begannen sogleich mit rassistisch-ideologisch motivierten Umbauarbeiten: Eine Statue des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy auf einer Balustrade sollte entfernt werden. Die tschechischen Bauarbeiter leisteten stillen Widerstand und demontierten zunächst, vorgeblich aus Versehen, die Büste von Richard Wagner.

Nicht nur, dass die Prager Zeitung Fiktion und Realität nicht zu unterscheiden weiß; wenn Felix Mendelssohn Bartholdy wie selbstverständlich als jüdischer Komponist bezeichnet wird, entspricht dies nicht der Wahrheit.

Wir gehen davon aus, dass eine andere Quelle der historischen Wahrheit entspricht, indem sie zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheidet:

The Protectorate life of Rudolfinum is nowadays mainly associated with the story of the removal of the statue of Felix Mendelssohn-Bartholdy, as it was impressively rendered by Jiří Weil in his novel Mendelssohn Is on the Roof. A literary work is one thing, historical reality is another.

In Weils Roman soll der gelehrte Jude Rabinowitsch die Statue von Mendelssohn Bartholdy identifizieren – ein aussichtsloses Unterfangen, denn für Rabinowitsch ist der getaufte Musiker alles andere als ein Jude, und dessen Großvater Moses Mendelssohn gilt ihm aufgrund seines aufklärerischen Denkens gar als der Ursprung der gegenwärtigen Verfolgung:

Moses Mendelssohn, Schöpfer der Reform, von ihm war das ganze Unheil ausgegangen, mit der Aufklärung hatte er die Juden auf die Irrwege geleitet, die in Gewalt und Willkür endeten und damit, daß die von ihm Irregeleiteten ermordet wurden.

„Aber wenn sie es je anfasst, mache ich hier Schluss.“ Auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte Carl Goerdeler auf die Kraft der Vernunft und des besseren Argumentes. Er dachte in den Kategorien eines Verwaltungsfachmannes und war noch lange Zeit nach 1933 nicht davon abzubringen, dass sich auch die neuen Machthaber von nachvollziehbaren Argumenten überzeugen lassen müssten. Man könnte meinen, der Blick aus seinem Amtszimmer auf das Denkmal des Musikers habe ihn in diesem Glauben bestärkt. Aus heutiger Sicht mag dieser Rest an Zuversicht naiv erscheinen. Die Mendelsohn-Statue stammte aus einer Epoche, in der es möglich zu sein schien, die unausrottbare Seuche des Antisemitismus zu überwinden. Diese Hoffnung stand bereits 1892 bei der Enthüllung des Denkmals auf schwachen Füßen, und so wird deutlich, dass Goerdelers Zuversicht nicht erst seit 1933 kaum eine Basis gehabt hatte.

Es würde zu weit führen, die leider sehr umfangreiche Geschichte antisemitischer Invektiven gegen Mendelssohn zu schildern; wer allerdings glaubt, nach 1945 sei eben diese Geschichte an ein, wenn auch erzwungenes, Ende gekommen, irrt. Erwähnt sei Hans Schnoor, der während der NS-Zeit, wie auch nahtlos nach 1945 als Autor und Musikkritiker tätig war:

Die während der NS-Zeit praktizierte, antisemitisch motivierte Abwertung der Musik Mendelssohns wirkte auch nach 1945 noch einige Jahrzehnte weiter. So wertete der stramm nationalsozialistisch eingestellte und der NSDAP angehörende Musikwissenschaftler Hans Schnoor noch 1973 in seinem Buch Geschichte der Musik die Musik Mendelssohns mit den folgenden, nun aber Propagandabegriffe wie „rassisch“ oder „jüdisch-entartet“ vermeidenden Worten ab:

Als Rückschlag gegen die ‚Schönrednerei‘ Mendelssohns, die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zur inhaltlosen Rhetorik ganzer Geschlechter von ‚Mendelssohnianer‘ verdünnte, zeigten sich etwa hundert Jahre nach der Geburt des Meisters deutliche Symptome schnellen Vergessenwerdens dieser ebenso formal vollendeten, wie inhaltlich doch zu unverbindlichen Kunst; man fing an, von einem Musikwunder ohne seelische Substanz zu sprechen.

Maxim Biller stellt die Statue von Felix Mendelssohn in seiner Novelle Der unsterbliche Weil eher beiläufig in eine Reihe weiterer Standbilder; überragt werden sie alle von dem „Stalin-Monstermonument“, wie Radio Prague International die 1955 eingeweihte Darstellung des Diktators nennt. „Am 1. Mai 1955 war es so weit: Der 17 Tonnen schwere Beton- und Granitkoloss wurde feierlich eingeweiht.“ Zu diesem Zeitpunkt war Stalin bereits zwei Jahre tot, doch es sollte noch etwa ein Jahr dauern, bis Nikita Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU vom 14. bis zum 25. Februar 1956 seine legendäre Rede über die Verbrechen des Diktators halten würde.

Die Geschehnisse in Billers Novelle datieren auf einen „meist sonnigen Tag Ende April 1956“, und ereignen sich somit etwa zwei Monate nach Chruschtschows Rede. Sechs Jahre mussten noch ins Land gehen, bis der monströse steinerne Stalin zunächst enthauptet und anschließend gesprengt wurde.

An diesem Apriltag des Jahres 1956 wird sich entscheiden, ob Jiří Weil in der begrenzten Zeit, die ihm aufgrund einer Erkrankung noch bleibt, wieder das wird tun können, was ihm ein unabweisbares Bedürfnis ist: „nur noch schreiben, schreiben, schreiben“. Schon „gegen Mittag“ hätte die Sitzung des Schriftstellerverbands beendet sein sollen, und Weil hat Hoffnung, dass er „endlich wieder in ihren strengen Dichterklub“ aufgenommen wird: „Würden sie sogar seine alten Bücher noch mal drucken, vor allem den Stern-Roman?“

Leben mit dem Stern heißt dieser Roman in deutscher Übersetzung. „Als das Buch im Frühjahr 1949, ein Jahr nach dem kommunistischen Umsturz, erschien, war die Kritik vernichtend: Der Autor wurde als ‚Schädling‘ gebrandmarkt und entging nur knapp der Verhaftung.“ Wir zitieren aus Bettina Kaibachs Nachwort zur Neuausgabe des Romans. 1967 konnte der Stern-Roman wieder in der ČSSR erscheinen, nur um „nach der Niederschlagung des Prager Frühlings erneut“ verboten zu werden. „Ab 2020 wird in Prag die erste Gesamtausgabe seines Œuvres herausgegeben. Es scheint, als hätte Jiří Weil, der sich zeitlebens als tschechischer Patriot begriff, endlich nach Hause gefunden.“

„Kurz vor dem Ukraine-Krieg habe ich ein Buch zu Ende geschrieben – mein letztes. Denn ich höre auf zu schreiben.“ Maxim Biller hat nicht Wort gehalten, Gott sei Dank, möchte man sagen; dennoch sind seine Motive für den angekündigten Schlussstrich nachvollziehbar:

Sein gesamtes Werk sei nunmehr Makulatur: „Jetzt ist in Kiew, Cherson und Odessa mal wieder der Zweite Weltkrieg ausgebrochen – nur dass diesmal die Russen angefangen haben –, und das ganze Schreiben und Leiden und Kritikerbeschimpfen war völlig umsonst!“

Marianna Lieder, die wir hier zitieren, beendet ihre Ausführungen zu Billers Roman Mama Odessa mit einer Absage an so etwas wie eine engagierte Literatur:

Literatur tritt hier nicht mit dem Anspruch auf, den Menschen besser zu machen, sondern ist sich – völlig zurecht – selbst genug. 

Ähnliche Überlegungen legt Maxim Biller Jiří Weil in den Mund, wenn dieser sich von seinem Freund, Lebensretter und Schriftstellerkollegen abgrenzt:

Obwohl er fand, dass Julius wie immer zu viele und zu grelle Metaphern benutzte, dass er überhaupt nicht wie ein richtiger Schriftsteller dachte und schrieb, sondern wie jemand, der glaubte, man könne die Welt mit Worten ändern, statt sie bloß ein bisschen zusammenzuhalten, musste er ihm recht geben.

Dieser Julius, gemeint ist der Schriftsteller Julius Fučík, hatte Jiří Weil „im Winter 1935, in Moskau sogar das Leben gerettet“, weil er Einspruch erhoben hatte gegen völlig absurde Anschuldigungen im Zuge der Stalinistischen Säuberungsprozesse.

Und schließlich, gegen Ende der Novelle, erteilt Maxim Billers Jiří Weil jeder Form ‚eingreifender‘ Literatur eine klare Absage:

„Ich bin Schriftsteller, das ist ganz einfach. Das ist so, wie wenn man Rechtshänder oder Linkshänder ist, mehr nicht. (…) Wer sagt, dass man die Welt mit Worten verändern kann, versteht nichts von Worten. Verstehen Sie? Man kann nur davon erzählen, wie schön alles ist, auch wenn es schrecklich ist.“

„Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.“ So zu lesen in Rainer Maria Rilkes ersten Duineser Elegie. Aber wie kann das Schöne am Anfang des Schrecklichen stehen, und wie kann schön sein, was schrecklich ist?

Auch mit Musik lässt sich die Welt nicht verändern, ohne Musik jedoch wäre unser Leben um einiges ärmer. Wir dürfen davon ausgehen, dass auch und gerade die Musik von Felix Mendelssohn Carl Goerdeler dazu bewogen hat, seinen dumpfen Antisemitismus zu überwinden, vor allen Dingen in dem Moment, in dem absehbar war, dass die Erinnerung an den Komponisten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ausgelöscht werden sollte.

Ausgelöscht werden sollte wie das Leben von Jiří Weil, doch dem kam der Autor zuvor, indem er seinen Tod durch Selbstmord vortäuschte und so im Untergrund die NS-Zeit überleben konnte.

Doch ein weiterer Tod wartete auf ihn, nämlich der als Autor von 1951 bis 1956; und anschließend ein weiteres Ableben, wir erwähnten es bereits, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Kein Mensch ist unsterblich, das weiß selbstredend auch Maxim Biller. Wider alle Wahrscheinlichkeit aber stirbt Jiří Weil eines natürlichen Todes, wie Biller uns mitteilt:

Und dann lächelte er das letzte Mal an diesem langen, kurzen Frühlingstag im April 1956, vier Jahre vor seinem endgültigen und völlig sinnlosen Tod, dem nicht einmal einer wie er entrinnen konnte.

Sein Werk allerdings hat überlebt, wie die Musik Felix Mendelssohns, und damit einhergehend die wertschätzende Erinnerung an den Künstler: 

Am 02.10.1946 wurde ein Gedenkstein an der Stelle des alten Denkmals eingeweiht, der am 04.11.1947 durch eine auf hohem Sockel ruhende Büste ersetzt wurde.
Am 18.10.2008 wurde eine Kopie des Denkmals in den Grünanlagen an der Thomaskirche festlich eingeweiht.

Am 6. Juli dieses Jahres berichtet die Tagesschau unter dem Titel Putins neue Stalin-Verehrung von einer neuen Erinnerungskultur in Russland:

Auf dem Taganka-Platz in Moskau sollte es diese Woche eine kleine Protestaktion geben – beantragt von der kleinen oppositionellen Jabloko-Partei Wischnewskijs. Der Grund: ein großes Stalin-Relief in der naheliegenden U-Bahnstation. Das Relief war Jahre nach dem Tod des Diktators abgerissen worden – doch jetzt ist es wieder da.

Im Namen der Opfer der Stalin-Unterdrückung sollte dagegen protestiert werden. Ganze 20 Teilnehmer waren zur Aktion angemeldet, aber die Moskauer Stadtverwaltung sagte mit einer liebgewordenen Ausrede aus Covid-Zeiten ab: Die epidemiologische Lage sei schwierig und lasse das nicht zu.

Natürlich hält das Stalin-Relief einem Vergleich mit dem gesprengten Koloss in Prag nicht stand, nach unseren Informationen ist Stalin in Lebensgröße dargestellt.

Man könnte den Vorfall als Einzelfall abtun, wenn er nicht in einen größeren Trend eingebettet wäre. Laut dem Recherchekanal Можем объяснить („Wir können es erklären“) wurden allein im Mai 2025 sieben neue Stalin-Statuen in Russland eingeweiht – ein Rekord seit den Tagen des Personenkults unter Stalin selbst. Neben Städten wie Serpuchow, Ulan-Ude oder Moschaisk tauchte Stalins Konterfei sogar im besetzten Melitopol in der Ukraine auf. 

Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne.
Kohelet 4.1

Im Motto zu seiner Novelle zitiert Maxim Biller die Bibel, im Talmud lautet die Stelle „Auch sah ich dagegen alle Gewalttaten, die verübt werden unter der Sonne“, doch was auch immer genau der Originaltext uns sagen möchte: das Buch Kohelet oder Buch des Predigers ist, um es vorsichtig zu formulieren, eines der Skepsis wie der Einsicht, dass der Mensch dem Menschen nicht immer ein Helfer ist. Doch auch wenn die Dinge sich dergestalt darstellen –  kein Weg führt daran vorbei, sie aufzuschreiben. Dabei geht es nicht darum zu glauben, „man könne die Welt mit Worten ändern“; was Jiří Weil – und mit ihm wohl auch Maxim Biller – allerdings möglich erscheint ist, die Welt „bloß ein bisschen zusammenzuhalten“.

Über all unseren Überlegungen schwebt die Musik von Felix Mendelssohn. Gibt es ein Musikstück, welches derart unbändig vor grenzenloser Lebensfreude und -lust sprüht wie der erste Satz der 4. Symphonie des Komponisten, genannt die ‚Italienische‘? Diese Töne wollen nichts erklären, sie klagen nichts ein, und gerade deshalb scheinen sie uns sagen zu wollen, dass ein unbenennbarer Sinn unser Leben erfüllt. Und indem sie dies tun, widersetzen sie sich dem absolut Bösen derer, welche diese Musik, aus welchen Gründen auch immer, zum Schweigen bringen wollen.

Ein letzter Hinweis. „Ich wandte mich um und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne (nach Fjodor Dostojewski, Bibel) – Ekklesiastische Aktion für 2 Sprecher, Bass-Solo und Orchester“, lautet der Titel des letzten Werkes, welches der Komponist Bernd Alois Zimmermann unmittelbar vor seinen Freitod vollenden konnte. Wir wissen nicht, ob Maxim Biller mit dem Kohelet-Motto auf diese Komposition verweisen wollte, noch, ob Felix Mendelssohn, wäre er ein Zeitgenosse des 20. Jahrhunderts gewesen, eine Musik wie die Italienische Symphonie hätte komponieren können. „Die ‚italienische Sinfonie‘ macht große Fortschritte; es wird das lustigste Stück, das ich gemacht habe.“ 

Peter Theiner: Carl Goerdeler. Ein deutscher Bürger gegen Hitler. Biographie. C.H. Beck, München 2024, 496 Seiten, 34 €

Jiří Weil: Leben mit dem Stern. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020, 256 Seiten, 14 €

ders.: Mendelssohn auf dem Dach. Übersetzt von Eckhard Thiele / Mit einem Nachwort von Philip Roth. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, 288 Seiten, 22 €

ders.: Moskau – Die Grenze. Aufbau Verlag, Berlin 1992, 426 Seiten, vergriffen, antiquarisch ab 28 €

Maxim Biller: Der unsterbliche Weil. Novelle. Mit zwölf Fotografien des Autors, Nachwort Marlene Knobloch, Edition 5 Plus, nummerierter und limitierter Auflage, ausschließlich in den 5 plus-Buchhandlungen erhältlich, 80 Seiten, 18,80 €