Mendelssohn Bartholdy bleibt auf dem Dach

Jiří Weil rettet den deutschen Komponisten vor Reinhard Heydrich…

Von Karl-Josef Müller
Zuerst erschienen bei: literaturkritik.de

Kaum ein Musikstück sprüht derart unbändig vor grenzenloser Lebensfreude und -lust wie der erste Satz der 4. Symphonie von Felix Mendelssohn Bartholdy, genannt die Italienische. In dieser Musik scheint die deutsche Sehnsucht nach dem Land, wo die Zitronen blühen, ihr Ziel erreicht zu haben, eine glückliche Leichtigkeit überwindet das Dunkel-Teutonische. Richard Wagners Musik hingegen möchte sich mit südlich-mediterranem Lebensgenuss nicht bescheiden. Diese Töne wollen den Hörer in ihrer Dramatik überwältigen, und es ist kein Zufall, dass Francis Ford Coppola in seinem Vietnam-Film Apocalypse Now zu den Klängen von Wagners Walkürenritt ein vietnamesisches Dorf dem Erdboden gleichmachen lässt.

Wagner war der Lieblingskomponist Adolf Hitlers, sein Werk liefert die Hintergrundmusik zum Aufstieg wie zum Verfall des Dritten Reiches, auch wenn Hitler selbst Wagners Musik allein als Zeichen des Sieges gedeutet wissen wollte: „Am 23. Juli 1940 war Adolf Hitler ein letztes Mal in Bayreuth zu Gast. Bei den ersten Kriegsfestspielen nach dem Frankreichfeldzug sah sich der ‚Führer‘ eine Aufführung der Götterdämmerung an. Gegenüber Winifred Wagner verabschiedete er sich anschließend mit den Worten: ‚Ich höre die Flügel der Siegesgöttin rauschen!‘“ Doch selbst wenn Richard Wagner mit seinem Pamphlet Das Judenthum in der Musik das Werk des um vier Jahre älteren Felix Mendelssohn-Bartholdy diskreditieren wollte, um „den Einfluß der Juden auf unsere Musik mit Aussicht auf Erfolg noch zu bekämpfen“, ist Wagners Musik so wenig antisemitisch oder faschistisch wie die von Felix Mendelssohn Bartholdy jüdisch.

Eigentlich müsste Jiří Weils Roman Mendelssohn und Wagner auf dem Dach heißen, denn der tschechische Autor und Übersetzer stellt in seinem vor 60 Jahren erstmals in der damaligen ČSSR erschienen Roman Richard Wagner und Felix Mendelssohn Bartholdy auf das Rudolfinum in Prag, was allerdings nicht der historischen Wahrheit entspricht, denn im Gegensatz zu Mendelssohn Bartholdy hat dort nie eine Statue von Richard Wagner gestanden.

Wenn hier zunächst ausschließlich von Musik die Rede ist und nicht von Reinhard Heydrich, dem Henker von Prag, Chef des Reichssicherheitshauptamtes und stellvertretender Reichsprotektor im Protektorat Böhmen und Mähren, so deshalb, weil in Weils Roman die historischen Ereignisse, die mit dem Namen Heydrich verbunden sind, nicht im Zentrum der Handlung stehen. Der Autor verwebt mehrere Handlungsstränge. Den Auftakt bildet der Befehl Heydrichs, die Statue Mendelssohns umgehend von der Balustrade des Rudolfinums zu entfernen. Der Auftrag kann zunächst nicht ausgeführt werden, weil die tschechischen Arbeiter nicht in der Lage sind, aus den unbeschrifteten Statuen die von Mendelssohn zu identifizieren. Ihr Vorgesetzter Schlesinger, „Magistratsbeamter und Anwärter der SS“, weist die beiden Arbeiter an, die Statue mit der größten Nase auszuwählen. Auf einem Weltanschauungslehrgang hat er nämlich gelernt, „daß die Juden die größten Nasen hätten.“ Gerade noch kann er verhindern, dass seine Arbeiter die Statue von Richard Wagner niederreißen, dem sie bereits wie bei einer Hinrichtung ein Seil um den Hals gelegt haben.

Dieser Handlungsstrang wird später im Roman wieder aufgenommen mit dem Ergebnis, dass die Statue von Mendelssohn Bartholdy lediglich umgelegt und nicht zerstört wird. Die beiden Arbeiter Stankovský und Bečvář verwandeln den Befehl zur Zerstörung in einen heimlichen Akt des Widerstandes: „Wir müssen sie abreißen, das ist klar, aber wir könnten sie vorsichtig umlegen, so daß sie nicht beschädigt wird. Und wenn der ganze Spuk vorbei ist, stellen unsere Leute sie wieder auf, was meinst du?“ Weil nutzt die Situation zu einer ironischen Abrechnung mit den Absurditäten der NS-Rassenideologie.

Während Antonín Bečvář und Josef Stankovský die Haltung der einfachen tschechischen Bevölkerung zur Besatzungsmacht verkörpern, kämpft der Architekt Jan Kruliš nicht nur aktiv gegen das NS-Regime, sondern versteckt auch die Nichten seines kranken Freundes. Rudolf Vorlitzer, ein Arzt jüdischer Herkunft, leidet seit Jahren an einer unheilbaren Muskelerkrankung. Kennengelernt haben sich Kruliš und Vorlitzer bei gemeinsamen Fahrten mit dem Paddelboot. Aufgrund seiner Krankheit kann der Arzt sich nicht mehr um die Kinder seiner Schwester kümmern, an seiner Statt besorgt Kruliš bei einem Ehepaar einen geheimen Unterschlupf für Adéla und Gréta, um sie vor der drohenden Deportation zu retten. Vorlitzer wird schließlich an seiner Krankheit sterben, Kruliš gerät durch Verrat in die Hände der Nazis, und der grausame Tod der Schwestern Adéla und Gréta bildet den Abschluss des Romans.

Doch selbst die Brutalität des Gestapo-Verhörs, bei dem die Kinder ihr Leben verlieren werden, wird von Jiří Weil mit Musik hinterlegt. Sie sollen verraten, wer sie versteckt hat. Adéla, die Ältere, weiß, dass dieser Verrat den Tod ihrer Beschützer bedeuten würde. Deshalb fordert sie von ihrer kleinen Schwester absolute Verschwiegenheit ein: „Du mußt schweigen, wenn sie von dir etwas wissen wollen.‘ ‚Aber wenn sie mich schlagen?‘ ‚Das mußt du aushalten! Wir singen jeder im stillen ein Lied. Welches willst du singen?‘ ‚Ich singe „Schaffers Andulka“.‘ ‚Und ich „Es brannte die Linde, sie brannte.“‘ Es handelt sich wohl um zwei tschechische Volkslieder: „Sie hatten die Lieder gelernt, als sie noch zur Schule gehen durften. Jetzt setzten sie sich mit ihnen zur Wehr.“

Musikalisch begleitet wird auch das Schicksal von Reinhard Heydrich. Der Henker von Prag, wie sein bezeichnender Spitzname lautet, hört am 16. Oktober 1941 im Rudolfinum zunächst das Vorspiel der Mozart-Oper Don Giovanni. Heydrichs Gedanken wenden sich der Opernfigur des Komturs zu: „Man würde noch sehen, von wem das meiste Blut flösse. Die Statue des Komturs, die Unrecht ahndet, gehörte nur in die Oper.“ Acht Monate später, im Oktober 1942, wird Heydrichs Blut fließen und damit das maßlose Unrecht, das er zu verantworten hat, geahndet werden.

Leitmotivisch verweist besonders die Musik, aber auch die bildende Kunst in Gestalt verschiedener Statuen sowie die architektonische Gestaltung der Stadt Prag auf die Widerstandskraft einer Ästhetik, die selbst durch ihre skrupellosen Verehrer nicht korrumpiert werden kann. Prag sei zu Stein gewordene Musik, lässt Weil Albert Speer sagen, dem Heydrich im offenen Mercedes die Stadt zeigt. Man kommt auf das bombardierte Berlin zu sprechen und darauf, dass Görings Luftwaffe Prag verschont habe. Speer blickt in die Zukunft: „Nach dem Krieg bauen wir ein neues Berlin, mit breiten Straßen, Parks, großen Plätzen und modernen Häusern. Und Prag bleibt wahrscheinlich ein Museum.“ Erneut behalten die Vertreter des verbrecherischen Regimes nicht das letzte Wort, denn während die Statue von Mendelssohn Bartholdy auf dem Dach des Rudolfinums darauf wartet, wieder aufgestellt zu werden, „ wenn der ganze Spuk vorbei ist“, stürzt das Tausendjährige Reich „in Schutt, Schlamm und Kot, die stolzen Statuen der Siegesallee stürzten, ihre abgeschlagenen Glieder wälzten sich am Boden, vom zerstörten Triumphbogen stürzte der Siegeswagen.“

Während die Usurpatoren Prag zukünftig nur noch als Museum betrachten wollen, zeichnet der Roman ein anderes Bild der Stadt. Ihr wahres Wesen kommt nicht nur in ihrer Architektur und im Leben ihrer Bewohner zum Ausdruck, sondern auch in dem Fluss, der sie durchquert und zu dem sie deshalb eine nahezu symbiotische Beziehung unterhält: „Die Moldau lachte, sie war ewig, sie trug einen weiblichen Namen, die Menschen hatten sie mit Schleusen, Wehren und Brücken gezähmt, tausendmal änderte sie ihre Gestalt.“ Und wieder ist es eine Staue, die den lieblichen Charakter von Fluss, Landschaft und Stadt verkörpert. Es handelt sich um „die Statue eines anmutigen schlanken Mädchens“, welche „die Moldau mit ihren Nebenflüssen“ darstellt. Wiederholt kommt Weil auf die Moldau zu sprechen, sie wird zum Sinnbild einer Kulturlandschaft, in der es sich gut und frei leben lässt. In diesem Sinne erinnert sich auch Vorlitzer kurz vor seinem Tod ein letztes Mal an den Fluss: „Er liebte die Moldau und konnte ihr stundenlang zuhören.“ Ohne den Namen von Komponist und Werk zu nennen, ist hier mehr zu hören als das Rauschen des Wassers. Bedřich Smetana hat in seiner sechsteiligen sinfonische Dichtung Má vlast, auf Deutsch Mein Vaterland, der Moldau ein musikalisches Denkmal errichtet. Vltava, der zweite Teil des Zyklusʼ, auf Deutsch Die Moldau, zählt zu einem der bekanntesten klassischen Musikstücke überhaupt. Auch diese Musik sprüht wie Mendelssohns Italienische Sinfonie vor Lebenslust, zudem ist sie noch vor der kommunistischen Machtübernahme 1947 zum Sinnbild der wiedergewonnen tschechischen Freiheit geworden. Am 12. Mai 1946, dem Todestag Bedřich Smetanas, fand zum ersten Mal das Kulturfestival Pražské jaro statt, auf Deutsch Prager Frühling, das traditionell mit Smetanas Zyklus Mein Vaterland eröffnet und meist von Ludwig van Beethovens 9. Symphonie beschlossen wird.

Nicht einmal 300 Seiten umfasst der Roman, die vielfältig enthaltenen Anspielungen aber eröffnen einen wesentlich weiter reichenden Horizont, als es der Textumfang erwarten lässt. Nach dem Krieg arbeitete Weil von 1950 bis 1958 am Jüdischen Museum in Prag, dessen Gründung auf das Jahr 1906 zurückgeht. Weil verknüpft die Geschichte des Museums, das nach dem Willen der SS als Museum einer untergegangenen Rasse weitergeführt werden sollte, mit der Geschichte der Deportation der jüdischen Bevölkerung. Verzweifelt und voller Schuldgefühle klammert sich Dr. Rabinowitsch, Vorsteher der jüdischen Gemeinde und wissenschaftlicher Kopf des Jüdischen Museums, ans Überleben. Um sich und seine Familie vor der Deportation zu bewahren, arbeitet er mit der SS zusammen. Auf wenigen Seiten schildert Weil die Schuldgefühle, die den orthodoxen jüdischen Gelehrten plagen, muss er sich doch versündigen, um sich und seine Familie am Leben zu erhalten.

Als gelehrter Jude soll Rabinowitsch die Statue von Mendelssohn Bartholdy identifizieren – ein aussichtsloses Unterfangen, denn für Rabinowitsch ist der getaufte Musiker alles andere als ein Jude, und dessen Großvater Moses Mendelssohn gilt ihm aufgrund seines aufklärerischen Denkens gar als der Ursprung der gegenwärtigen Verfolgung: „Moses Mendelssohn, Schöpfer der Reform, von ihm war das ganze Unheil ausgegangen, mit der Aufklärung hatte er die Juden auf die Irrwege geleitet, die in Gewalt und Willkür endeten und damit, daß die von ihm Irregeleiteten ermordet wurden.“ Weil zeichnet ein geradezu liebevolles Porträt des Intellektuellen Rabinowitsch, der in der engen Welt seines Glaubens gefangen ist. Ohne jede Überheblichkeit benennt der Autor den Konflikt zwischen orthodoxem Regelwerk und den Zwängen durch das NS-Regime. Damit spricht der Autor seiner Romanfigur die Würde zu, welche die Schergen des Regimes dieser gemeinsam mit ihrem Leben nehmen möchten.

Kunst und Kultur können die Barbarei weder verhindern noch ihr vorbeugen, doch dieses Unvermögen mindert nicht ihren Wert, und selbst ihre Indienstnahme von falscher Seite kann ihnen letztlich nichts anhaben. In ihrem Buch weiter leben beschreibt Ruth Klüger ihre Zeit in Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau. Ihre Mutter besorgt ihr an diesem unmenschlichen Ort „ein altes und halb zerrissenes Schullesebuch, ohne Deckel und mit fehlenden Seiten. Ich war selig. Das Geschenk übertraf alle Erwartungen.“ Erinnerlich ist Klüger aus diesem Fragment Johann Wolfgang Goethes Osterspaziergang aus dem Faust: „Ich habe diesen Text praktisch sofort auswendig gekonnt wegen der Versprechen, die er enthielt. Und die er hielt. ‚Im Tale grünet Hoffnungsglück‘. Es war eben ein sehr kalter Winter.“ Weils Roman beleuchtet, wie auch die Erinnerungen Klügers, die provozierende Distanz zwischen dem Versprechen der Kunst, wie sie etwa im ersten Satz der 4. Sinfonie von Mendelssohn Bartholdy zum Ausdruck kommt, und der nicht für möglich gehaltenen Unmenschlichkeit der Vernichtungslager. Klüger löst diesen vermeintlichen Widerspruch auf, indem sie, darin den Gedankengängen Weils verwandt, überhöhte Ansprüche an die Kunst abweist, ohne damit ihre Bedeutung zu schmälern:

Ich mochte Kultur auch, glaubte aber nicht, daß sie verbindlich sei, Gemeinschaft stiftete. Das humanistische Erbe war lesenswert gewesen, aber ich wunderte mich nicht, daß die Deutschen nichts daraus gelernt zu haben schienen. Dichtung war nicht verbunden mit dem, was außerhalb ihrer vor sich ging. Ihr Wert lag darin, daß sie trösten konnte; daß sie auch lehren oder bekehren könne, hatte ich nie von ihr erwartet.

Jiří Weils Roman bietet ebenso wie die Gedanken Ruth Klügers eine Lösung an auf Theodor W. Adornos Frage nach dem Täuschungscharakter der Kunst. Die Verheißung der Kunst, so Adorno, sei nicht zuletzt die, dass es so etwas wie Sinn überhaupt gebe. Für Klüger wie für die Verfolgten und Gefolterten in Weils Roman stellt sich die Frage nach Sinn mit radikaler Dringlichkeit. Adorno will nicht ausschließen, dass es sich bei dieser Verheißung um eine Täuschung handeln könne, die vom Rätselhaften der Kunst nur geschickt verborgen wird: „Ob die Verheißung Täuschung ist, das ist das Rätsel.“ Wie Klüger besteht Weil darauf, dass die Verheißungen von Kunst und Kultur keine Täuschungen sind.

Jirí Weil: Mendelssohn auf dem Dach. Roman. Übersetzt aus dem Tschechischen von Eckhard Thiele, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, 283 S. 22,00 EUR, Bestellen?

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