Über die gelegentliche Unmenschlichkeit des Zeitgemäßen

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Zwei Kinder im Flüchtlingslager Abu Shouk, Darfur, 2011. Foto: Sudan Envoy - CC BY 2.0

Zum Desinteresse an der verheerenden USAID-Demontage und der Sudan-Katastrophe sowie gleichzeitigen Fixierung auf Gaza-Apokalypse und Israel-Abscheu

Eine essayistische Streitschrift von Jossi Reich

“Nie wieder ist jetzt, seid wachsam“, postete vor einigen wenigen Wochen ein streng dreinblickender Florian Jöckel, seines Zeichens Eintracht-Frankfurt-Fan, Radsport-Fanatiker, Weltreisender, stadtbekannter charismatischer Unternehmer, 49 Jahre junger Hipster, der den nicht wenigen, immer noch recht fossilen und konservativ-rigiden Krawattenträgern in den Bürotowern der Mainmetropole den Zukunftsentwurf seines Freestyle entgegenhält.

Unweit der einst im Krieg zerbombten Altstadt hat der besagte Florian sich vor einigen Jahren, ferngesteuert von einem zielsicheren und geschäftstüchtigen Instinkt im Altbau der altehrwürdigen Bethmann-Bank und deren großzügig angelegtem Innenhof mit seiner Marke eingenistet, welche er den grandiosen Namen Massif Central verpasste.

Kreativ-Unternehmen, Künstler und independent music Produzenten treiben hier ihr Unwesen und zollen ihm, dem House-Lord, den allmonatlichen Mietzins. Zudem bietet ein rustikaler Kleidershop intelligenteren und etwas geschmackvoller gekleideten Zeitgenossen wie z.B. mir das entsprechende, eventuell nachhaltigere, ökologischere und mit faireren Löhnen gefertigte Outfit-Material an.

Beschwörend und eindringlich geht es nach dem eingangs erwähnten “Nie wieder ist jetzt, seid wachsam“ wie folgt weiter: „das sind nichtverhandelbare Grundwerte des Massif Central im Bethmannhof. Nicht ohne Grund hängt bei uns in der Cantina „Gegen Jeden Antisemitismus“.

Genau dieser Schriftzug ist groß und klar im Hintergrund ersichtlich, über einem Poster von Paul Breitner, dem legendären schwarz-gelockten löwenmähnigen, linkspolitisch versierten, stets auf Konter drängenden Rechtsaußen-Verteidiger, der bei der WM 1974, die ich als 11jähriger begierig verfolgte und bejubelte, mit gezielten Weitschüssen spektakuläre Tore erzielte.

Bei seinem „Nie wieder ist jetzt, seid wachsam“ geht es dem unerbittlichen Florian um den wiederauferstandenen Judenhass, den er als sensibler und geschichtsbewusster Deutscher nicht erdulden mag; im harschen Gegensatz zum „Never again“ der globalen, pro-palästinensischen Fraktion.

Die schiere Masse der zuweilen täglich getöteten Zivilisten und Kinder, die unverhältnismäßig erscheinenden Bombardierungen von Krankenhäusern und Schulen, wo sich angeblich Terroristen verschanzten, die geisterhaften Trümmerlandschaften ganzer Stadtteile, Hunger durch eingeschränkte Lebensmittellieferungen, massenhafte Evakuierungen und nicht wenig Vorfälle, die als Kriegsverbrechen der IDF-Soldaten zu bewerten sind; all das wird von den Palästina-Bewegten dieser Welt im Einklang mit führenden Holocaust-Forschern sowie zwei der wichtigsten israelischen Menschenrechts-NGOs mit dem Etikett des Genozids versehen. Eine schwerwiegende Anschuldigung, die allerdings bereits erhoben wurde, als die Gaza-Apokalypse noch gar nicht richtig begonnen hatte, bevor also diese Millionenstadt seitdem genauso in Trümmer gelegt wurde, wie es einst den deutschen Großstädten im Zweiten Weltkrieg widerfuhr; eingeleitet von dem, von der pro-israelischen Seite wiederum als genozidal verurteilten, monströsen Menschenmassaker am 7. Oktober 2023.

Auf der anderen Seite des Meinungsgraben in diesem verbissenen weltweiten Glaubenskrieg, der um die blutigste kriegerische Auseinandersetzung in jenem seit bereits hundert Jahren währenden Konflikt zwischen Juden und Arabern um das sogenannte Heilige Land entbrannte, stößt es den weitaus weniger zahlreichen und weniger lautstarken, in der Regel eher etablierteren, älteren und konservativeren Kritikern der Genozid-Verurteilung bitter auf, wie sehr in sich radikalisierender Einseitigkeit bei all der offensichtlichen Beflissenheit des quasi post-religiösen Widerwillen gegenüber Israel aufs sträflichste übersehen wird, dass das Verderben der letzten zwei Jahre zuallererst ein der Bevölkerung Gazas aufgezwungener Massensuizid ist, katalysiert und unermüdlich vorangetrieben seitens der religiösen Verirrung des Islamo-Faschismus und der davon beseelten und motivierten, unbestreitbar todessehnsüchtigen und mit ziemlicher Sicherheit genozidal eingestellten Hamas.

Der besagte Facebook-post schließt mit folgender Fanfare ab:

„Gerade in diesen Tagen ist es uns ein Bedürfnis diese Haltung zu unterstreichen. Frankfurts Partnerstadt ist Tel Aviv. Wir werden immer ein Safe Space unserer israelischen Freunde bleiben. Genauso wie wir es für die Stadtgesellschaft, Kunst, Kultur, Sport & Rock’n Roll sind. Selbstverständlich verurteilen wir (nicht erst seit gestern) jegliche Art von Terrorismus.“

Oh ja. Und selbstverständlich provozierte diese Entschiedenheit nicht nur Zustimmung, sondern auch Widerspruch.

Augenblicklich fiel bei mir ein besonders begnadeter Kommentator mit dem christlichen Vornamen Christian in Ungnade, widersetzte er sich doch Florian mit den folgenden Worten:

„Krass so ein Post in diesen Tagen .. ist das zeitgemäß? Barcelona hat ihre Partnerstadt mit Tel Aviv auf Eis gelegt. Ich bleibe lieber in Barna“.

Es war das allzu stupide Fragezeichen-Argument „Ist das zeitgemäß?“, welches in mir den zornigen Eifer des Rhetorikers und die folgende Tirade entfesselte:

Die Hexenverbrennungen, die grauenhaft-unmenschliche Tortur und Folter zeitigte, waren – zeitgemäß. Genauso zeitgemäß wie die Judenverfolgungen der letzten anderthalb abendländischen Jahrtausende; und so zeitgemäß wie das Wegschauen im Dritten Reich, als unsere jüdischen Nachbarn enteignet und zusammen mit den sogenannten Zigeunern in den Osten abtransportiert wurden.

Es ist total zeitgemäß und demgemäß kontraproduktiv und destruktiv, wenn die Stadtväter Barcelonas ihre Kollaboration mit Tel-Aviv unterbinden, einer der weltoffensten, modernsten und tolerantesten Städte des immer noch recht freien Westen, deren überragende Mehrheit die außer Rand und Band geratene israelische Regierungskoalition des höchstwahrscheinlich korrupten Bibi Benjamin Netanyahu und seiner ultrareligiösen und faschistischen Spießgesellen verabscheuen, die allwöchentlich das ganze Jahr 2023 bis zum Ausbruch des Krieges Anfang Oktober zu Tausenden und Hunderttausenden auf die Straße gingen, eine der LGBTQ-Regenbogen-Metropolen des Westens sind, und wie gesagt, das Rückgrat im Kampf für die Demokratie und gegen die illiberale Demolierung des Justizsystems seitens der scheußlichsten Regierung, die Israel sich jemals aufgebürdet hat.

Ein ebenso zeitgemäßes Trauerspiel verunstalten die etwa 4000 Filmschaffenden, darunter Oscar-Preisträger wie Emma Stone, Ava DuVernay, Joaquin Phoenix und der sich besonders gerne mit schwarz-weißen Schal und in Rage hervortuende Javier Bardem, die sich jüngst hinter den Aufruf der Initiative Film Workers for Palestine stellten und nicht länger gewillt sind mit israelischen Kollegen zu kooperieren, sie der Komplizenschaft von Apartheid und Kriegsverbrechen beschuldigen, erste internationale Festivals in Europa und Lateinamerika dem bereits nachgekommen sind und auch Streaming-Plattformen ihre Kooperationen überdenken.

Wenn andererseits der Kinofilm „The Sea“ des Regisseurs Shai Carmeli-Pollak, ein Drama über einen palästinensischen Jungen aus dem Westjordanland, der vergeblich versucht, das Meer zu erreichen und an israelischen Checkpoints scheitert, jetzt gerade im September mit dem Ophir, dem israelischen Oskar ausgezeichnet wird; daraufhin der nationalistische Kultusminister in pervertierten Patriotismus dagegen wettert, man täte „den eigenen Soldaten ins Gesicht spucken“; dann kann einem nur noch übel werden bei diesem super-zeitgemäß-symptomatischen Schulterschluss möchtegern-antigenozidaler, pseudo-linksliberaler, im Grunde antizionistischer Hollywood-Dummheit mit – den diktatorischen Tendenzen anti-demokratischer Polit-Schurken.

In die Zange wird dabei die hochqualitative israelische Kinoindustrie genommen, die wohl wichtigste Stimme der progressiven, linkspolitisch-menschrechtsversierten und demokratischen Kräfte Israels, die nicht nur dessen jüdischen, sondern auch arabischen Bürgern eine Stimme gibt.

Oft wiederholt, aber von vielen nicht gewusst, sollte dabei erneut darauf hingewiesen werden, dass letztere im Übrigen im Judenstaat Richter und Parlamentsabgeordnete stellen, sie, im krassen Gegensatz zu allen anderen, nicht-demokratischen arabischen Nationen die normalen Privilegien freiheitlicher Selbstbestimmung genießen, die im Westen eine Selbstverständlichkeit sind.

Alles in allem erinnert es ein bisschen an das unangenehm-zeitgemäße Einvernehmen zwischen den ultralinken German-Guilt-Verneinern und dem, sich auf zweifelhafter politisch-rechtsradikaler Mission verirrten, rebellischen Elon Musk, der in seiner öffentlichen Gesprächsshow, die er vor einigen Monaten auf seiner, von Twitter zu X kastrierten Lügenplattform abhielt, der adretten AfD-Führerin Alice Weidel versicherte, sie müsse ihr deutsches Gewissen nicht mehr wegen des Judenmords ihrer Nazi-Väter belasten.

Äußerst zeitgemäß wird der zionistische Staat des Weiteren allenthalben und bedenkenlos in einem Atemzug mit dem verbrecherischen Kreml genannt, völlig außer Acht lassend, dass die hohe Dichte an regimekritischen Journalisten und NGOs, die in Israel vorzufinden ist, in Putins dunklem Reich schon längst verfolgt, inhaftiert, gar getötet worden wäre. Angesichts der bislang einer Millionen Gefallenen, die als Kanonenfutter rücksichtslos gegen eine technologisch überlegene Ukraine verheizt wurden, um den geistig zurückgebliebenen Invasionswillen dieses im 19. bzw. ersten Hälfte des 20.Jahrhundert steckengebliebenen totalitären Regimes durchzusetzen, offenbart diese Gleichsetzung umso abstruser, realitätsverzerrender und verleumderischer die pathologische Israel-Abneigung einer verwirrten, frustrierten, polemischen und erblindeten Linken.

Bei all der medialen und post-biblischen Fixiertheit auf den Bösewicht Israel trieft es dann geradezu von zeitgemäßer Menschenverachtung und blindwütiger Ignoranz wenn die Keffia-Träger in frohlockender Demonstrationslaune mit ihren viralen memes letzte Jahr dazu aufriefen alle Augen auf die Untaten der IDF in Rafah oder jetzt in Gaza City zu richten, jedoch das humanitär-menschlich zuallererst zu Erwähnende unerwähnt ließen, dass die Hamas nämlich nicht nur eine Handvoll israelischer, sondern vor allem ihre mehr als zwei Millionen zählende Bevölkerung in Geiselhaft genommen hatte; letztere bereits seit der gewalttätigen, von Mord, Totschlag und Vertreibung der Opposition geprägten Machtergreifung in Gaza anno 2006.

Im Verein mit nicht zu wenigen Mainstream-Medien wird es geflissentlich übersehen, oder Al-Jazeera–mäßig schlicht nicht zur Kenntnis genommen, wenn die Anführer von Protestkundgebungen gefoltert oder ermordet werden. Jene Oppositionellen, die sich der Demokratie, Toleranz und dem Humanismus verpflichtet fühlen, ins Ausland geflohen sind und sich unter anderem in einer Initiative wie RealignForPalestine formierten, verlieren kaum ein gutes Wort für den scheinheiligen Pro-Palästina Massenhype.

Genauso wenig wie für Francisca Albanese, die spektakuläre Fehlbesetzung des so wichtigen Postens einer UN-Sonderberichterstatterin für die palästinensischen Gebiete, von der SPIEGEL-Autorin Nicola Abe in einem entlarvenden Portrait vor kurzem  als  „Menschenrechtspopulistin“ charakterisiert, die von UN-Watch als radikalisierende einseitige Anti-Israel-Hetzerin gebrandmarkt wird, eben weil sie das Aufbegehren der Opposition im leidgeprüften Gaza ignoriert, eben weil sie die initiale Verantwortlichkeit primär der Hamas für den Horror der vergangenen zwei Jahre niemals thematisierte, eben weil sie hingegen deren Propaganda und Sendungsbewusstsein maßgeblich-zeitgemäß und unaufhörlich mit ihrem, die Völkermord-Anschuldigung predigenden Pathos forciert. Gemäß der immensen Tragweite des von ihr bekleideten UN-Posten und ihrem Hochhalten der internationalen Gerichtsbarkeit sollte sie ein tiefes Verständnis dafür zeigen, dass nicht die Gelehrten und NGOs, sondern die dafür zuständigen Juristen den Genozid-Vorwurf nach mehrjährigem Prozess zu bestätigen oder zu verwerfen haben.

Sie würde mehr Verantwortung für Frieden und Versöhnung zwischen den beiden Völker zeigen, wenn sie vor dieser voreiligen und ausufernden Begriffsverwendung, die nur weitere Unversöhnlichkeit schürt, warnte.

Aufgrund ihrer militanten Israel-Antipathie ein recht naiver Verweis, die – ich wiederhole – sie scheinbar nicht oder nur ganz gering gegen eine Hamas hegt, die das Volk seit bald 20 Jahren in ihren Klauen hält, ihm die Katastrophe der beiden vergangenen Jahre eingebrockt hat. Solche Imbalance macht sie mit so vielen anderen zusammen nicht zum Freund, sondern Feind der Menschen Gazas; ein Argument, für das mich ihre riesige verblendete Gefolgschaft, die sie als Kandidatin für den Friedensnobelpreis anpreiste, wahrscheinlich steinigen würde – wenn sie es denn dürften.

In ungleich zeitgemäßerer und noch widerwärtigerer Manier kümmert sich insofern kaum einer in den Medien um die horrende, seit mehr als zwei Jahren andauernde Bürgerkriegskatastrophe im Sudan, resultierend in dem mit Abstand größten humanitären Desaster auf unserem Planeten.

Die Rede ist von schätzungsweise 14 Millionen Vertriebenen und 25 Millionen, die an Hunger leiden. Dem Morden, Vergewaltigen und ethnischen Säuberungen insbesondere in der Provinz Darfur sind aller Wahrscheinlichkeit nach weitaus mehr als 150 Tausend Menschen zum Opfer gefallen; all dies steht im Übrigen in der anderthalb Jahrtausende alten arabischen Tradition, ihre schwarzhäutigen und nicht-muslemischen Nachbarethnien zu verfolgen, zu unterdrücken und zu versklaven.

Wie gesagt ist das weltweite Schweigen sicherlich auch auf die, all dies überschattende Gaza-Genozid-Fixiertheit der europäischen Massen und des linksliberalen Mainstreams zurückzuführen. Eine Untersuchung des Magazins Tablet konstatiert, dass kein anderer Konflikt der jüngeren Geschichte so inflationär mit dem Begriff „Genozid“ belegt wurde; aufzufinden in 1,43 % aller Artikel in der New York Times, häufiger als „white supremacy“ während der US-Debatten 2020, neunmal häufiger als zu Zeiten des Völkermords in Ruanda, sechsmal häufiger als in den Nuller-Jahren in Darfur; auch der Guardian überschreitet mit über 1 % den bisherigen Maßstab deutlich.

Der Darfur-Genozid kostete etwa 300 Tausend Menschen das Leben und dauerte von 2003 bis 2008 an, das Jahr der Pekinger Olympiade. Die SaveDarfur-Koalition rief zum Boykott der Spiele auf, da China, der damalige Hauptabnehmer des sudanischen Erdöls und Hauptwaffenlieferant des später gestürzten Diktators und Menschheitsverbrechers Omar al-Baschir war.  Bei den Großsponsoren wie z.B. Coca-Cola, Visa oder McDonalds stieß dies auf taube Ohren. Hätten sie ihre großzügige Unterstützung unterlassen, wenn es zu einem derart trotzigen Aufschrei gekommen wäre, wie heute seitens der – ich werde es nicht müde zu wiederholen – post-abendländischen Öffentlichkeit, die, vom mittelalterlichen Brauch getrieben sich nur dann ihre Wut aus dem Leibe schreit, wenn diese von den ungläubigen Bibelnachfahren und den vermeintlichen Mördern des Jesuskind provoziert wird?

Zurück in die gleichermaßen grausame Gegenwart Darfurs, die sich, wie gesagt zeitgemäß anti-humanitär, weitgehend unbeachtet im Medienabseits abspielt.

Hier mussten zu Anfang des Jahres die allermeisten sogenannten food-kitchens, welche die hungernden am Leben hielten, schließen. Dies lag an der zeitgemäßen Zerstörungswut seitens der White-House-Gang, mit der sie sich bei ihrer Wählerschaft profilierte. Quasi über Nacht wurde zu Anfang des Jahres der Versuch unternommen USAID, der größten Hilfsorganisation weltweit den Garaus zu machen. Unvermittelt und ohne Vorankündigung ergingen Kündigungsemails an tausenden ihrer Mitarbeiter.

Amerika ließe sich nicht mehr ausnehmen, hieß es. Eine absurde und verlogene Verzerrung der Realität, da das 42.8 Milliarden Budget in 2024, gerade mal 0.63 Prozent des Gesamtetat der US-Regierung ausmachte. Wobei wir dann beim ganz besonders zeitgemäß und moralisch-verkommenen allerletzten angelangt wären, dem reichsten Mann der Welt und seiner symptomatisch-zeitgemäßen Psychopathie, die sich in Gestalt seiner zeitgemäß höchst symbolischen Kettensägen-Aggression an den Allerärmsten austobte. Kurzes googeln genügt, um herauszufinden, dass nach diesem bösartigen Überraschungscoup durch den abrupten Wegfall der Hilfeleistungen ab etwa Februar, März dieses Jahres in den nun folgenden Wochen und Monaten wohl an die hundert, vielleicht zweihundert oder gar dreihundert Tausend Menschen verstarben, die von Malaria, TBC, Aids und Hunger bedroht waren. Die für die diesbezügliche Recherche in Frage kommenden Institutionen sind wegen der Kürzung der Mittel nicht mehr in der Lage präzisere Zahlen und Schätzungen zu liefern.

Und nochmal: Es ist abstoßend und ungeheuerlich, wie wenig Aufmerksamkeit, geschweige denn Entrüstung der Todeszoll derjenigen, die mit dem härtesten und schlimmsten Elend auf unserem hellblauen Raumschiff bestraft sind, in der Weltöffentlichkeit erregt. Dafür aber ziehen sich Hunderttausend Amsterdamer uniform rote Hemden über, um sich beim Demonstrationszug zur Befreiung Palästinas insgeheim darüber zu freuen, dass wie einst Jesus Christus nunmehr die Kinder Gazas für unsere Sünden geopfert werden, und man sich deswegen den lautstarken Hass auf das post-biblische Israel gestatten darf.

Wie kann es einem wachsamen, wahrlich antifaschistischen, nicht von Blindheit geschlagenen, sondern sensitiven Zeitgenossen eigentlich NICHT auffallen, wie faschistoid die Massen der Palästina-Bewegten anmuten? Wenn sie sich auf den Massenzusammenkünften der Festivals und Konzerte dieses Sommers krankhaft-enthusiastisch, den palästinensischen Nationalfarben hinterherjauchzend, unisono, mehrmals hintereinander mit dem erdumspannenden „Free Free Palestine“ Schlachtruf in der Klimax der vermeintlichen Solidarität mit dem Opfervolk der zionistischen Moderne hineinsteigern?

Geradezu utopisch bis naiv und realitätsfern, gar bemitleidenswert kommt einem dann das phantasmagorische Verlangen vor, all diese Menschen hielten an Stelle dessen bedrückt-trauernde, Ewigkeiten anhaltende Schweigeminuten ab, prangerten die Gleichgültigkeit und mangelnde Empathie an, die auch unsere europäische Gefilden dominiert, erfüllt von tatsächlich heiliger, in sich gehender, zorniger Trauer; besäßen die emotionale Intelligenz und globale Umsichtigkeit wie gesagt a) der Ceasefire-Forderung diejenige nach Niederlegung der Waffen erstmal AUCH der ANDEREN Seite voranzustellen, regten im gleichen Atemzug b) allumfassenden Generalstreiks an, welche die Regierungen des alten Kontinents dazu anhielten in die, von den anti-menschlichen, höchst unchristlichen DOGE-Maßnahmen des zwiespältigen Multi-Milliardärs-Monstrum Elon Musk geschlagene Bresche zu springen, um die USAID-bedürftigen, sprich den Ärmsten der Armen im Süden unseres Planeten in ihrer Not beizustehen, dem ehernen Gebot der Nächstenliebe Folge zu leisten – und um verdammt nochmal weitere Hunderttausende, wenn nicht gar  – sollte es so weitergehen – ein, bis zwei bis drei Millionen Menschen vor dem Verenden zu bewahren.

Und nochmal zum Sudan-Kollaps, über den die renommierte Journalistin Anne Applebaum nach ihrem, vor kurzem dahin unternommenen Trip in der Zeitschrift „The Atlantic“ resümierte. Für die Autorin von „Die Achse der Autokraten“, ihr letztes Buch, welches unser Augenmerk auf das, neben der Klimakatastrophe wohl drängendste Menschheitsproblem lenkt, verkörpert der dort stattgefundene fatale Mix aus Anarchie, Gier und Nihilismus die implodierende liberale Weltordnung. Sie sieht darin keine isolierte Tragödie, sondern eine Warnung, wie es weitergeht, wenn diese Erosion von den westlichen Supermächten, allen voran der USA, aber auch der EU zugelassen wird. Unter anderem zwecks Zugangs zu Goldvorkommen oder strategischem Einfluss am Roten Meer schleusen Autokratien wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Ägypten, die Türkei, Iran oder Russland Geld, Waffen und Kämpfer in dieses riesige Land. Eine kriminelle Miliz wie die Wagner-Gruppe (inzwischen „Africa Corps“ genannt) tauscht Gold gegen Waffen; der Iran liefert Drohnen, die Emiratis unterstützen trotz ihrer Dementis die RSF, die Rapid Support Forces, die heutzutage ihre Gräueltaten wider die Menschlichkeit verüben, so wie einst ihre meuchelnde Vorgängermiliz, die s.g. Dschanjaweed während des oben beschriebenen Darfur-Genozids.

Oh nein und oh ja, wir wissen um die Gleichgültigkeit eines moralisch-ethisch kaputten Finanzsystems, welches ausbeutendes gar mörderisches Handeln allzu oft begünstigt. Wir sehen die chaotische Gesetzlosigkeit in weiten Teilen unseres kleinen bedrohten Planeten. Sei es die, nicht im Geringsten in Frage gestellte Selbstverständlichkeit der kommerziellen Gewaltverherrlichung oder die Weltuntergangshoffnungen der spirituell verhungernden und lebensmüden in unserer erbarmungslosen Leistungsgesellschaft, wo ein fatales Übermaß an unnötigen Konsumprodukten sowie die Herstellung unökologischer, ungesunder Ernährung an Biotopen und Lebenserwartung nagt.

Warum haben wir nicht schon längst begonnen an einer allumfassenden BDS-App zu feilen? Jenem Zauberkürzel für Boykott, Divestment und Sanktionen, welches, total missbraucht, bislang lediglich vom Zynismus eines geistig beschränkten Anti-Zionismus okkupiert wird, ergo einer irrenführenden Bewegung, die der Bundestag in politisch logischer Konsequenz unserer zeitgeschichtlichen Nazi-Verirrung als latent antisemitisch einstuft.

Man stelle sich vor – so schwer ist das nicht –unser altkluges Smartphone täte uns subito updaten, inwieweit unser jeweiliger Einkauf sich gegebenenfalls an den Menschenrechten vergeht, oder/und zu Umweltzerstörung oder/und weiterer unnötiger Erhitzung unseres Klimas beiträgt; eine solche app also Wegbereiter wäre für das Streben nach dem Utopia einer dementsprechend globalen Gesetzlichkeit. Es wäre dies die unbestreitbar menschlichste Endlösung für den Exit aus der desaströsen Sackgasse unserer Gegenwart. Eine diametral entgegensetzte zu der am romantischen Berliner Wannsee von den Machern des Dritte Reichs beschlossenen Endlösung, die im Geiste des Herrenrassenwahns jegliches sogenanntes Untermenschentum ausmerzen sollte, die Entsorgung sogenannten unwerten Lebens einleitete, somit für die Nachwelt diesen Begriff erstmal richtigerweise zum Tabu unserer Umgangssprache machte.

Oh ja und oh nein, es ist uns allzu klar, wie sehr die Psychologie des HomoSapiens, der sich die Welt untertan gemacht hat und demnächst den Weltenraum, gemessen an unseren technokratisch-technologischen Wirkungs- bzw. Vernichtungskräften in diesem ersten Viertel unseres Einundzwanzigsten in eine beängstigende Kriminologie gemündet ist. In sehr unzeitgemäßer und zurückgebliebener Weise kann dies zu übelerregender Unanständigkeit, am bitteren Ende zur Entstellung unseres Menschentums hinführen. Das vorläufige Endresultat ist jener Bogen pathologischer Aggression, der sich von der Vernarrtheit in Schusswaffen, sprich, in das gefühlslos, ratternde Geräusch vieler Menschen umnietenden, im Nu deren Leben auslöschendes Schnellfeuergewehr; bis hin zu der gemeingefährlichen Religiosität, einem Glauben, der auf Intoleranz und gender apartheid fusst, in den sich die Ärmeren vor allem auch in den muslemischen Teilen der Welt flüchten.   

Dies werden wir mit Therapie und einem humanitären Kreditsystem abschaffen. Oder nicht. Die Gabelung jeder Zeitperiode ist eine Endzeit – oder ein Neubeginn.

Womit wir den Kreis zu dem irrwitzigen, mich inspirierenden, ominösen Kommentar jenes Christian und seinem Kniefall gegenüber dem „Zeitgemäßen“ schließen. Die in ihrer Illusion der Allgerechtigkeit befangenen, in der Regel ungebildeten Pro-Palästina-Mitläufer, all die entrüsteten Leserinnen und Leser meiner erhabenen Zeilen haben nun zweifelsohne kapiert, dass der Irrweg nicht das Ziel ist, und korrigieren ihren Pfad, korrekt? Zur guten Menschheitsentwicklung können sie nur als Geläuterte beitragen. Der Teufel sollte im Detail stecken, uns aber nicht zu bösen Taten oder Unterlassungssünden anstiften. Amen.

Jossi Reich ist Herausgeber und Mitbegründer des non-profit-Magazins für Menschenrechte und Umwelt fairplanet.org und einer der Sänger und Gründer der satirischen Post-Punk-Band „The Jewish Monkeys“ aus Tel-Aviv.