Geistiges Gift mit Depotwirkung

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Die Kognitionsforscherin Monika Schwarz-Friesel legt eine um die Erkenntnisse der Post-10/7-Epoche erweiterte Neuauflage ihres Werkes „Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen“ vor.

Von Christoph David Piorkowski

Antisemitismus ist das neue Normal. Das Massaker der Hamas am Schwarzen Schabbat entriegelte den kollektiv gehemmten Affekt, auch bei denen, die das Grauen aus der Ferne inspizierten. War Judenhass auch vorher allenthalben präsent, gab es doch diese postnationalsozialistische Tabuzone offener Feindschafts-Bekundung. Deren immer schon brüchige und bröckelnde Mauern sind mit dem 7. Oktober kollabiert. Der Vernichtungsantisemitismus der Mörder hat auch den Wohnzimmer-Antisemitismus der Gesellschaften rund um den Globus befeuert.

Auch jener Judenhass, der selbst keiner sein will – nicht zuletzt jener der Salons und Feuilletons – tritt seither immer salienter zu Tage. Und doch sind wir noch nicht in einem Stadium angelangt, da „Antisemit“ in der Breite der Gesellschaft zur selbstbewussten Eigenbezeichnung avanciert ist. Noch immer gibt es ganze Kohorten von „Experten“, die Antisemitismus eskamotieren, und versuchen, ihn begrifflich in der Schwebe zu halten.

Dass der Antisemitismus ein klar umrissener Phänomenbereich ist und die empirische Forschung seit vielen Jahren ein ziemlich eindeutiges Bild davon hat, was antisemitisch ist und was nicht, hat neben vielen anderen die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel gezeigt. Deren 2022 publiziertes Werk „Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen“ erscheint nun in einer zweiten und um die Erkenntnisse der Post-10/7-Epoche erweiterten Auflage.

Mit dem für ein breiteres Publikum geschriebenen Buch beschloss die TU-Professorin nach „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ (mit Jehuda Reinharz) und ihrer Studie zu „Judenhass im Internet“ ihre Trilogie zu antisemitischen Kommunikationsformen.

Im Titel des Buches klingt bereits an, was Schwarz-Friesel dann auf Basis ihrer Forschung in nunmehr 18 Kapiteln ausbuchstabiert: Es gibt nicht wirklich einen neuartigen Antisemitismus, der Judenhass von heute ist der Judenhass von einst. Mit einigen zeitgemäßen Variationen wurde das „Gerücht über die Juden“ (Adorno) im kommunikativen Gedächtnis tradiert und prägt seit über 18 Jahrhunderten die allgemeine Wahrnehmung christlich geprägter und später auch muslimisch geprägter Gesellschaften.    

Das Interessante an Schwarz-Friesels Unternehmen ist, dass sie Befunde der historischen und sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung mit Erkenntnissen der Neuro- und Kognitionswissenschaften zusammendenkt.

In seiner Frühphase versuchte das aufstrebende, aber noch wenig konsolidierte Christentum, das Judentum, dem es sein Dasein verdankte, theologisch aus dem Felde zu schlagen, vom Markt der Religionen zu verdrängen. Im Rahmen einer strategisch intendierten Ablösungstheologie wurde die Ursprungsreligion als verderbt und von Gott verworfen abgekanzelt. Die Kirchenväter erfanden „den Juden“ als Archetypus des Bösen. Ein dämonologisches Geflecht aus Gedanken wurde so über das Medium der Sprache in neuronale Systeme gespeist, ein kollektives Hass-Bewusstsein gezüchtet und eine erfundene Geißel der Menschheit bald als wirkliches Übel empfunden. 

Die immer gleichen Sätze, stets aufs Neue rezitiert, schaffen Gedanken, die wieder gedacht, Gefühle die wieder gefühlt werden. Das antijüdische Ressentiment schleppt sich durch Generationen hindurch, malt sich in die christliche Ikonographie, schreibt sich in zahllose Kulturgüter ein. Auch im Anschluss an die Aufklärung bleibt es virulent, in vermeintlich rational-säkularer Gestalt, bekommt im 19. Jahrhundert einen rasse-biologischen und seit der Gründung des Staates Israel einen geopolitischen Mantel. Die Sprache stellt hier eine Wirklichkeit her, die sich für die leidenschaftlich Gehassten bis heute als grausam und verhängnisvoll erweist.

Schwarz-Friesel erläutert wiederholt, wie Sprache im Gehirn verarbeitet wird. Ehe Tonzeichen kognitiv ausgewertet werden – ein Vorgang der vor allem den Kortex beansprucht – aktivieren die Sprach-Einheiten schon Gefühle im limbischen System. Antisemitische Gefühls- und Gedankenmuster seien derart tief im kollektiven Habitus verankert, dass antijüdisch konnotierte Begriffe sie gleichsam automatisch aktivierten. Unabhängig davon, wer sie gerade äußere und was die Intention des Sprechenden sei.

Da „antisemitisch“ seit dem Holocaust eben nur selten als Eigenbezeichnung benutzt wird und Antisemiten – oft auch vor sich selbst – ihren Antisemitismus zu verschleiern versuchen, greifen diese meist auf Euphemismen zurück. Vermeintlich „semantisch engere Termini“ wie „Globalisten“ oder „Zionisten“, sind die einschlägigen Nebelkerzen, mit denen man doch implizit „den Juden“ adressieren und antisemitische Gefühle triggern kann.

Schon Jean-Paul Sartre hatte den Antisemitismus als eine „leidenschaftliche Weltanschauung“ analysiert. Da hier „der Jude“ als Verursacher des Bösen fungiert, geht das antisemitische Ressentiment über Vorurteile hinaus. Es liefert ein Welterklärungsmodell, eine allumfassende Verschwörungserzählung.

Hier zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus: Sie verlaufen auf verschiedenen historischen Achsen, die sich zwischenzeitlich kreuzen, aber auch wieder trennen, und haben differente psychologische Codes. Die Hassobjekte des Antisemitismus werden anders als jene des Rassismus als mächtige Weltenlenker imaginiert.

Außerdem sprenge das Judenphantasma – so Schwarz-Friesel und viele andere Forschende – die klassischen Wir-Die-Dichotomien. Die Juden würden nicht nur als „Andere“ gelesen, sondern als ein ewiges Gegenprinzip, und als nicht zu akzeptierende Form der Existenz.

Vom christlichen Antijudaismus, über den modernen Antisemitismus bis zur fanatischen Israel-Feindschaft – die Grundformel des „geistigen Gifts“ sei dieselbe, der Judenhass, der in letzter Konsequenz stets auf die Vernichtung des Jüdischen ziele, eine „unikale Weise des Denkens und Fühlens“.

Diese sei nicht nur am gesellschaftlichen Rand, bei extremistischen Rechten und Linken sowie radikalen Islamisten präsent, sondern auch in der sogenannten Mitte vorhanden – und hier, so Schwarz-Friesel, ist sie besonders gefährlich. Denn sie gibt sich meist besonnen und intellektuell, verbirgt sich in Formeln wie „Freiheit der Kunst“, „Meinungsfreiheit“ und „Diskurspluralismus“.

Ohne große Mühe beschreibt Monika Schwarz-Friesel hier auch den Unterschied zwischen legitimer Kritik an Formen israelischer Politik und israelbezogenem Antisemitismus, der dämonisierend, delegitimierend sowie mit doppelten Standards verfährt und Israel als „kollektiven Juden“ adressiert. Eine wichtige Erweiterung des handgerechten 3-D-Tests von Natan Scharanski vollzieht Schwarz-Friesel mit der Einführung eines vierten D’s, nämlich der radikalen Derealisierung, die mitnichten erst seit dem 7. Oktober, doch seither in nochmals gesteigerter Form, zum Modus der Betrachtung des „Nahostkonflikts“ wurde.

Denn die Derealisierung von Geschichte und Gegenwart ist gleichsam die einschlägige Möglichkeitsbedingung von Dämonisierung und Delegitimierung, da sie diese scheinbar plausibilisiert. Nur wenn man, wie Legionen an intellektuellen Ticketdenkern und selbsternannten Nahostexperten unserer Zeit, wesentliche Aspekte der vernichtungsantizionistischen Gewaltgeschichte des panarabischen Nationalismus, der palästinensischen Nationalbewegung und des Islamismus ausblendet und das hochkomplexe Konfliktgeschehen zwischen dem jüdischen Staat und seinen Nachbarn aus einer radikalen Tunnelperspektive betrachtet, ist die existenzabsprechende Verteufelung Israels als vermeintlichem Kolonial-, Terror- oder gar Nazistaat überhaupt möglich. Oft aber braucht es diese gar nicht explizit, da die Derealisierung letztlich genügt, damit der Staat der Juden als „das Böse“ erscheint.

Auch wenn vor allem die Netzhemisphäre gleichsam vor Vernichtungsfantasien überquillt und es an Memes, die Netanjahu mit Fangzähnen zeigen, sich gütlich tuend am Blut palästinensischer Kinder, auf Facebook, Instagram und TikTok nicht mangelt, ist vor allem das Mittel der Derealisierung zur beliebteren Form eines weniger plumpen und scheinbar seriösen „Kritisierens“ geworden, auch weil es sich schwerer kontern lässt als die anderen.

Wenn etwa der Historiker Omer Bartov zusammen mit Akteuren wie Stefanie Schüler-Springorum und Dirk Moses bereits im November 2023 einen offenen Brief unterschreibt, in dem eine Kontextualisierung des Massakers vom 7. Oktober gefordert wird – und dabei auf die Staatsgründung, die Besatzung seit 1967 und die Blockade des Gaza-Streifens verwiesen wird – fällt auf, dass jene völlig einseitig ist, der Kontext ein radikal selektiver bleibt, der Kontext des Kontextes unerwähnt bleibt – was es einfach macht, Israel zum Bösen zu erklären. Ferner fügt sich der wohlfeile Ruf nach dem Kontext in die für den Antisemitismus typische Täter-Opfer-Umkehr und die antisemitische Eigentümlichkeit, den Jüdinnen und Juden für deren anvisierte oder durchgeführte Vernichtung die Schuld zuzuweisen.

In ihrem nach wie vor lesenswerten Buch stellt Monika Schwarz-Friesel noch einmal klar, was nicht nur linksliberale Kulturschaffende, sondern auch zahlreiche Wissenschaftler zu verleugnen suchen: „Israelbezogener Antisemitismus ist Antisemitismus und nichts Anderes. Er weist alle Kennzeichen des klassischen Judenhasses auf, De-Realisierung, Differenzkonstruktion, Stereotypprojektion und kollektive Entwertung, ist also (…) nichts Neues – bis auf seine vehemente Leugnung auf allen Ebenen der Gesellschaft.“

Mittels Textkorpus-Analysen – der quantitativen und qualitativen Auswertung von hunderttausenden von Texten im Netz – konnten Schwarz-Friesel und ihre Mitarbeitenden dabei schon vor Jahren zeigen, das israelbezogener Antisemitismus dessen heute dominante Erscheinungsform ist. Nichts wird so ubiquitär kritisiert, wie der allseits gehasste israelische Staat als Sinnbild jüdischer Wehrhaftigkeit. Doch noch immer, selbst heute, da der Genozid-Vorwurf als faktenresistente Positionierung der ehrbar-antisemitischen Subjekte, ja als gemeinschaftsstiftende Meinung, in weiten Teilen der Gesellschaft grassiert, wird man mit dem seinerseits antisemitischen Phantasma des Tabus von Kritik konfrontiert. Am kollektiven Wahn, der der Judenhass ist, gelangt die Aufklärung an ihre Grenzen.

So merkte man Monika Schwarz-Friesel – die in diesem Buch bewusst das verbale Korsett nüchterner Wissenschaftlichkeit aufsprengt – bereits in der ersten Ausgabe die Verzweiflung darüber an, dass sie ihre Forschung so oft erläutert und doch so wenig Gehör findet. Ein Gefühl, das nun noch einmal verstärkt worden ist. Denn selbst Menschen, die sich seit vielen Jahren mit den Dynamiken des Antisemitismus auseinandersetzen, wurden von der Wucht und dem Ausmaß der antisemitischen Enthemmung im Anschluss an den Schwarzen Schabbat überrascht. Und doch, das weiß auch Monika Schwarz-Friesel, gibt es für die seriöse Antisemitismusforschung zur Sisyphos-Arbeit der Aufklärung keine Alternative.

Monika Schwarz-Friesel, Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen, 2. akt. u. erw. Auflage, Narr Francke Attempto 2025, Euro 19.99, Bestellen?