1948

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Benny Morris‘ wegweisende Arbeit über den ersten arabisch-israelischen Krieg liegt nun in deutscher Übersetzung vor

Manchmal bekommt man das Gefühl, dass in Deutschland jeder zweite ein ausgewiesener Nahostexperte ist. Mit großer Hingabe diskutieren diese Nahostexperten, wie und was zu tun sei, damit „da unten“ endlich Frieden einkehrt. Mit den Fakten und genauen historischen Zusammenhängen sind sie dabei nicht immer vertraut. Eines des wichtigsten Werke, um die israelische Geschichte und den Ausgangspunkt des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern zu verstehen, liegt jetzt im Hentrich & Hentrich Verlag auf Deutsch vor und sei jedem zur Lektüre empfohlen.

Autor Benny Morris gehört zu den sogenannten „neuen Historikern“, die Ende der 1980er Jahre antraten und die gängigen zionistischen Narrative in Frage stellten. Die Öffnung von Archiven ermöglichte damals einen neuen Blick auf Themen wie die Staatsgründung, den Unabhängigkeitskrieg, aber auch den Holocaust und die israelische Gesellschaft in ihrer Zusammensetzung. Während Avi Shlaim und Ilan Pappé, die neben Morris, mittlerweile emeritierter Professor der Geschichte an der Ben-Gurion-Universität des Negev, zu den führenden Vertretern der „neuen Historiker“ zählen, antizionistische Positionen vertreten, versuchte Benny Morris in seinen Arbeiten durch die Auswertung der nun zugänglichen Archivbestände einen klaren, dokumentarischen und objektiven Blick auf die israelische Geschichte zu werfen. Was ihm auch gelingt. „1948. Der erste arabisch-israelische Krieg“ stellt die Hintergründe und Konstellationen, von der UN Resolution zur Teilung Palästinas bis zum Ende des ersten israelische-arabischen Kriegs dar.

Seine Forschung ist für die aktuellen Diskussionen zum Nahostkonflikt zentral, beispielsweise in Hinblick auf die Frage der Flüchtlinge. Morris zeigt, dass es während des Krieges Vertreibungen von Palästinensern gab und „eine Atmosphäre herrschte, die man später als ethnische Säuberung bezeichnete“, diese Vertreibungen aber nie allgemeine oder erklärte zionistische politische Leitlinie waren, sondern vielmehr von jüdischer Seite allgemein als Krieg ums Überleben angesehen wurden. Auf der anderen Seite „vertrieben palästinensische Milizionäre, die an der Seite der Arabischen Legion kämpften, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die jüdischen Einwohner und zerstörten eroberte Orte, wie im Etzion-Block und im Jüdischen Viertel der Altstadt von Jerusalem. Die arabischen Armeen verhielten sich nachfolgend ähnlich.“ Die Quellen zeigen die Komplexität des Konflikts, dessen Ursprünge bis heute nachwirken.

Weniger sorgfältig, das sei hier noch angemerkt, ist der Umgang von Morris mit anderen Quellen, beispielsweise in Bezug auf Theodor Herzl. In „1948“ nur angedeutet, vertritt er in „The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited“ die These, die frühen Zionisten hätten einen Transfer der arabischen Bevölkerung geplant. Das diese These zumindest in Bezug auf Theodor Herzl völlig haltlos ist, hat der kanadische Historiker Derek Penslar gezeigt. Auch der Hinweis darauf, dass Herzl 1904 „(möglicherweise an Syphilis) als gebrochener Mann“ starb, ist unnötig. Herzl scheint bei Morris keine guten Karten zu haben.

Davon abgesehen ist diese Monografie, die Übersetzung wurde von der Gesellschaft für kritische Bildung ermöglicht, ein Muss, für jeden, der sich für den Nahostkonflikt interessiert. Das dem Buch vorangestellte Interview mit Morris fasst seine Themen nochmals kompakt zusammen. Im Nachwort stellt Stephan Grigat die weitere historische Entwicklung in den Grundzügen dar.

Das Jahr 1948, so Benny Morris in seiner Schlussfolgerung, habe „die arabische Welt in den tiefsten Schichten der kollektiven Identität, des Egos und des Stolzes heimgesucht und tut es immer noch. Der Krieg war eine Demütigung, von der sich diese Welt bis heute nicht erholt hat – die Antithese zu den glorreichen Tagen der arabisch-islamischen Vorherrschaft im Nahen Osten und im östlichen und südlichen Mittelmeerraum.“

Im Hinblick auf den 7. Oktober hat diese These eine besondere Bedeutung. Denn Morris macht klar, dass der Krieg von 1948 nicht nur eine Auseinandersetzung zwischen zwei nationalen Bewegungen um einen Landstrich war. Er war auch, so Morris, „– und sei es nur, weil viele, wenn nicht sogar die meisten Araber es so sahen und noch heute so sehen – Teil eines allgemeineren, globalen Kampfes zwischen dem islamischen Osten und dem Westen, in dem das Land Israel/Palästina als eine Hauptkampffront galt und immer noch gilt.“ – al

Benny Morris: 1948. Der erste arabisch-israelische Krieg, Hentrich & Hentrich 2023, 646 S., Euro 32,00, Bestellen?

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