Milieutherapie und autobiografische Prägung

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Vor 120 Jahren wurde Bruno Bettelheim geboren

„Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

Dem 1903 in Wien geborenen jüdischen Psychoanalytiker Bruno Bettelheim gelang nach einer elfmonatigen Haftzeit im Konzentrationslager Dachau die Flucht in die USA. Dort wurde er mit 16 Büchern und unzähligen Zeitschriftenbeiträgen ein immens produktiver, gut lesbarer Publizist zu einem breitgefächerten pädagogischen, gesellschaftlichen und psychologischen Themenspektrum. Zentraler Schwerpunkt seines milieutherapeutischen Engagements bildete seine Tätigkeit von 1944 bis 1973 als Leiter der Chicagoer Orthogenic School für emotional schwer gestörte Kinder und Jugendliche. Für diese versuchte er ein umfassendes therapeutisches Milieu zu schaffen, was als eine Pionierleistung verstanden wurde. Hierbei griff der streitbare und zahlreiche Kontroversen auslösende Bettelheim auf eigene Erfahrungen und Prägungen im Freudschen Wien zurück. Seine gewaltsame Vertreibung als Jude prägte ihn zeitlebens. Auch seine Schriften wurden hierdurch nachdrücklich geprägt.

Von Roland Kaufhold

Der 1903 in Wien geboren und in einer jüdisch-assimilierten Familie aufgewachsene Psychoanalytiker, Pädagoge und Publizist Bruno Bettelheim wurde durch seine elfmonatige Gefangenschaft in Dachau und Buchenwald geprägt (Kaufhold 2001). Nach seiner durch einflussreiche amerikanische Freunde ermöglichten Emigration in die USA baute er ab 1944 in Chicago die Sonia Shankman Orthogenic School in eine Modelleinrichtung für emotional schwer gestörte Kinder um. Hierbei entwickelte er, unter Bezugnahme auf Wiener und amerikanische psychoanalytische Erfahrungen, das Konzept der Milieutherapie. Hierüber publizierte Bettelheim mehrere Bücher, die eine hohe Verbreitung fanden und teils kontrovers diskutiert wurden. Auch nach der Beendigung seiner Tätigkeit in der Orthogenic School im Jahr 1973 publizierte Bettelheim weiterhin über pädagogische, psychoanalytische und gesellschaftskritische Themen. Seine Studie Der Weg aus dem Labyrinth (1975) ist sein umfangreichstes Werk über Milieutherapie. Weiterhin schrieb Bettelheim immer wieder, von seinen KZ-Erfahrungen ausgehend, über die Psychologie der Extremsituation. Mit seine befreundeten Kollegen Rudolf Ekstein, Ernst Federn – beide in Wien aufgewachsen – sowie David James Fisher (Los Angeles) stand er in einem engen Austausch, durch den er seelisch an seine Kindheit in Wien verbunden blieb, aus der er als Jude gewaltsam vertrieben worden war.

Biografische Zugänge

Bruno Bettelheim, 1903 in Wien geboren, wächst in einer jüdisch-assimilierten Familie auf. Durch Begegnungen mit jungen, eher links orientierten Psychoanalytikern wie Otto Fenichel und den ungestümen linken Psychoanalytiker und Marxisten Wilhelm Reich interessiert er sich früh für die Psychoanalyse und für die u.a. von Siegfried Bernfeld, August Aichhorn, Willi Hoffer, Anna Freud und Edith Buxbaum geprägte Wiener psychoanalytisch-pädagogische Aufbruchbewegung. Freuds Schriften liest er ab seinem 14. Lebensjahr unmittelbar nach deren Erscheinen. Maßgeblich geprägt wird er auch durch seine ein Jahr ältere Cousine Edith Buxbaum, mit der er in Wien in nahezu familiärer Weise (Buxbaum: „Wir sind wie Geschwister aufgewachsen. Bruno und ich mochten einander sehr“, in Kaufhold 2018) gemeinsam aufwächst. Buxbaum war eine Wiener Gymnasiallehrerin und Psychoanalytikerin, engagierte sich politisch gegen die Nationalsozialisten und emigrierte 1937, unmittelbar vor ihrer bevorstehenden Inhaftierung, in die USA; sie wirkte zuerst in New York und danach in Seattle (Kaufhold 2018). Da sich in Seattle keine emigrierten, prominenten deutschsprachigen Psychoanalytiker niederließen blieb Edith Buxbaum eine Vergessene (Kaufhold 2018).

1937 vermag Bettelheim, der parallel zu seinem Studium als Kaufmann arbeitet, seine Promotion („Das Problem des Naturschönen und die moderne Ästhetik“) noch abzuschließen. Nach der Besetzung Österreichs durch die Deutschen versucht er zu fliehen, wird an der tschechoslowakischen Grenze jedoch festgehalten. Er wird durch die SS verhört, in Wien inhaftiert und am 3.6.1938 als „politischer Jude“ in das Konzentrationslager Dachau verbracht. Am 23.9.1938 wird er mit einem „Prominententransport“ weiter in das bei Weimar gelegene Konzentrationslager Buchenwalt transportiert, wo er seinen Mithäftling, den Wiener Ernst Federn, Sohn der Psychoanalytikers und Freud-Stellvertreters Paul Federns, kennenlernt. Gemeinsam entwickeln sie in nächtlichen Gesprächen die Grundlagen einer Psychologie des Terrors (Kaufhold 2014). Am 14.4.1939 wird Bettelheim Dank Initiativen von einflussreichen Freunden – es wurde vermutlich auch Lösegeld gezahlt – entlassen und muss ohne seinen Besitz Österreich verlassen. Auch seine Promotion wird ihm aberkannt, was die österreichischen Behörden ein halbes Jahrhundert lang „vergessen“. Am 11.5.1939 kommt er in New York an, seine Cousine Edith Buxbaum erwartet ihn und macht ihn mit dem Land und der neuen Kultur vertraut. Europa war für Bettelheim erst einmal ausgelöscht.

Milieutherapie

1943 veröffentlicht Bettelheim in den USA die erste psychoanalytische Studie über die deutschen Konzentrationslager, hierbei schöpft er auch aus seinen Gesprächen und gemeinsamen Beobachtungen in Buchenwald mit Ernst Federn. Durch seine KZ-Studie, sie erscheint im August 1944 noch einmal gekürzt in der progressiven, auflagenstarken Zeitschrift Politics, wird er in den USA sehr bekannt. Dann verfasst er – im engen Austausch mit den jüdischen Emigranten Max Horkheimer und Adorno, welcher sich in zahlreichen Briefen an Horkheimer widerspiegelt – Studien über den „autoritären Charakter“. 1944, fünf Jahre nach seiner Emigration in die USA, übernimmt Bettelheim die Leitung der Orthogenic School in Chicago. Bettelheim erkennt rasch, dass diese praktische, Integrations- und Heilungsprozesse einleitende Arbeit auch für ihn selbst eine zutiefst befriedigende Tätigkeit war, was er in seinen Schriften immer wieder hervorhebt. Integration von eigenen Erfahrungen, dies war seine zentrale professionelle Kategorie. Der vertriebene Jude erinnert sich an seine Arbeit in Wien mit einem amerikanischen autistischen Mädchen, welches er gemeinsam mit seiner Ehefrau von wohl 1931 bis 1938 in sein Familienleben aufnahm. Durch seine Verschleppung nach Dachau wurde dieses Engagement radikal abgebrochen, das Mädchen kehrte in die USA zurück. Dessen in den USA einflussreiche Mutter war eine der Personen, die Bettelheims Freilassung aus Buchenwald ermöglichte.

Im Rückblick wurde Bettelheim deutlich, dass eine Familie von einer so schwierigen Arbeit mit einem autistisch-psychotischen Kind letztlich überfordert sei. Diese Erkenntnis bildete für ihn den Ausgangspunkt hin von der individuellen Psychotherapie zur Milieutherapie. Rasch versammelt Bettelheim in Chicago – wo sich zahlreiche deutschsprachige Emigranten niedergelassen hatten – interessierte Kollegen um sich, darunter die aus Wien gebürtige Psychologin Emmy Sylvester. Gemeinsam verfassen sie zumindest sechs klinische Studien, darunter 1948  den Zeitschriftenbeitrag „A Therapeutic Milieu“. Bettelheim tauscht sich auch brieflich mit Anna Freud über seine milieutherapeutischen Erfahrungen aus und bittet sie „to give us the privilege of a lecture“ (Aichhorn in Kaufhold 2003, 81). Es war ein Versuch, die Zerstörung seiner bürgerlichen Existenz in Wien und seine traumatischen Erfahrungen in Dachau und Buchenwald konkret handelnd zu „bewältigen“. Ein weiterer enger befreundete Kollege war für ihn der Psychoanalytiker Fritz Redl, mit dem er in engem Austausch stand und der regelmäßig die Orthogenic School als Supervisor besuchte.

Insbesondere in seinen Gesprächen mit seinem befreundeten Kollegen David James Fisher (Fisher, 2003) kurz vor seinem Suizid nach schwerer Krankheit (1990) sprach er immer wieder hierüber.

Seine milieutherapeutische Arbeit hat Bettelheim insbesondere in „Liebe allein genügt nicht“ (1950), „So können sie nicht leben (1955), „Die Geburt des Selbst (1967/dt. 1977) und „Der Weg aus dem Labyrinth“ (1975) dargestellt; alle vier Werke erschienen kurz nach der englischen Originalausgabe auch auf deutsch als Taschenbücher; und vier seiner Werke erfuhren auch hierzulande eine breite, kontroverse Rezeption.

In „Liebe allein genügt nicht“ stellt Bettelheim ihre gemeinsamen, tastenden Bemühungen dar, ein therapeutisches Milieu zu gestalten. Entscheidend sei die Herstellung von Beziehungen der Mitarbeiter zu den Kindern. Überschriften wie „Vom Traum zum Wachen“, „Nahrung: das hervorragende Mittel zur Sozialisierung“, „Allein und in der Gruppe“ sowie „Schlafenszeiten“ verdeutlichen den Versuch, den gesamten Alltag pädagogisch-therapeutisch zu verstehen und zu gestalten.

Bereits seinerzeit wurde in Buchbesprechungen (in Kaufhold 2001, 156f.) die von Bettelheim praktizierte weitgehende Trennung der Kinder von ihren Eltern kritisch hinterfragt. Der Tübinger Sozialtherapeut Michael Maas hat diesen Aspekt 50 Jahre später gleichfalls kritisch betrachtet. In seinem Beitrag über den „Einfluss Bettelheims auf die Genese der „Gesprengten Institution“ Hagenwörth“ (in Kaufhold 2003, 199-220) referiert er Bettelheims, Rudolf Eksteins und Ernst Federns Einfluss auf ihre psychoanalytisch-sozialarbeiterische Tätigkeit mit autistisch-psychotischen Kindern und Jugendlichen in Tübingen und Rottenburg.

Ekstein und Federn waren zeitlebens enge Freunde und Kollegen von Bettelheim; ihre viele Jahrzehnte überdauernde Freundschaft aber auch ihr Wissen um ihre vergleichbare therapeutische Arbeit mit biografisch „Entwurzelten“ war sehr persönlicher Art und stellte einen Versuch dar, den Bruch der Vertreibung, der Ermordung von so schrecklich vielen ihrer jüdischen Freunde, besser ertragen zu können. Sie wollten ihr kontaminiertes Wiener Erbe nicht ganz aufgeben. Gemeinsam war ihnen dies eher möglich.

Bettelheims umfangreiche, kontroverse Autismus-Studie „Die Geburt des Selbst“, 1967 in den USA und 1977 auf deutsch erschienen, nimmt eine Sonderstellung in seinem Gesamtwerk ein. Bettelheim formuliert hierin, auf seine Tätigkeit in der Orthogenic School Bezug nehmend, eine spezielle Position zum frühkindlichen Autismus: Dieser sei, ganz im Gegensatz zu der vorherrschenden psychiatrischen Lehrmeinung, keine unhe­ilbare organis­che Krankh­eit sei, sondern könne durch eine milieu­thera­peutische Betre­uung gebess­ert wer­den. „Heilung“ war hingegen eine Kategorie, die Bettelheim eher nicht erwähnte. „Mehr als fünfundachtzig Prozent aller, mit denen wir gearbeitet haben, sind dem normalen Leben zurückgegeben“, konstatiert er in seinem Vorwort (1985, S. 12) Und er benennt seine eigenen biographischen Motive für diese belastende und zeitaufwendige Arbeit: „Ich habe bereits gesagt, dass es häufig die Introspektion, die sehr persönliche Erfahrung ist, die zur Beobachtung und Forschung motiviert. Ein `Experiment´ wie die Behandlung autistischer Kinder beginnt nicht zufällig. Neben den vielen `wissenschaftlichen´ Gründen, die eine Untersuchung dieser einschneidenden Entwicklungshemmung so wichtig machen, entsprang mein Interesse auch einer persönlichen Neigung. Was mich als erstes verwirrte und mein Interesse für diese Kinder weckte, war die Tatsache, dass sie offenbar der Menschheit und der Gesellschaft vorsätzlich den Rücken kehren. Wenn ihre Erfahrung der Wirklichkeit dazu führte, dass sie diese völlig ablehnen, lag hier eine sehr wichtige Erkenntnis in bezug auf diese Wirklichkeit oder auf den Teil dieser Wirklichkeit, der jene Ablehnung auslöste“ (Bettelheim 1977, S. 6).

Die deutschsprachige Übersetzung dieser herausfordernden Studie zum frühkindlichen Autismus erscheint Dank des Engagements des Münchner Kinderanalytikers Jochen Stork. Stork war mit Bettelheim befreundet und hatte ihn dazu bewegen können, sich 1985 – da war Bettelheim 82 Jahre alt – an Storks Münchner Symposium „Das Märchen – ein Märchen“ aktiv zu beteiligen. Deutschland vermochte der vertriebene Jude zu genießen. Wien hingegen, wo er auch verschiedentlich auftrat, weckte in ihm Ängste und Traumata.

Milieutherapie in der Orthogenic School

Seinen wohl tiefgründigsten Beitrag zum therapeutischen Milieu hat Bettelheim in dem 500-seitigen Werk „Der Weg aus dem Labyrinth. Leben lernen als Therapie“ (1975) vorgelegt. Das Buch erscheint ein Jahr nach Beendigung seiner Arbeit in der Orthogenic School, seinem Lebenswerk. Auch aus historischer Perspektive schreibt Bettelheim hierin über „Die Idee des psychiatrischen Krankenhauses“ sowie über die räumliche Ausgestaltung der Orthogenic School; es folgen Reflexionen zur „Schaffung des therapeutischen Milieus“; den Abschluss bilden Gedanken über die Auswahl der Mitarbeiter sowie deren Motivationen und Kompetenzen.

Bettelheim eröffnet seine Studie mit einer Anklage gegen die lebensunwürdigen Zustände, in denen viele psychisch kranke Menschen leben müssten: „Unsere Anstalten für Geisteskranke sind beschämende, eitrige Wunden der Gesellschaft, die ab und zu schockartig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit einbrechen und schnell wieder vergessen werden, bevor sie unser Gewissen ernsthaft beunruhigen“ (1975, S. 9). Diese Empörung wendet er jedoch sogleich in eine konstruktive Deutung über unsere innere Ambivalenz: „Das alles kann nur mit der Zwiespältigkeit unserer Einstellung zu Geistesgestörten erklärt werden, deren Wurzel in unserer eigenen Angst vor der Geisteskrankheit liegt. Wir wollen, dass der geistig oder seelisch gestörte Mensch human behandelt wird, aber wir wollen auch, dass der Friede unserer Seele nicht durch Gedanken an psychische Krankheiten gestört wird. Die Art, in der solche Menschen zu existieren gezwungen sind, erschüttert uns.“ (S. 9)

Der professionelle Umgang mit seelischen Krankheiten unterscheide sich grundlegend vom Umgang mit körperlichen Erkrankungen, weil er uns mit unserer eigenen Biografie wie auch mit unserem Menschenbild konfrontiere: „Das unheimliche Gefühl, das wir bei der Konfrontation mit ihm haben, beweist nur allzu deutlich, dass wir uns nicht so sehr durch den Kranken gefährdet fühlen als durch die Vorstellung, wir könnten wie er sein oder so werden.“ (ebd.). „Solange wir unsere Einstellung zu den psychisch Kranken von der Angst um unsere seelisch-geistige Gesundheit bestimmen lassen“, hebt Bettelheim hervor, werde sich „nie etwas ändern“. Diese Überlegung veranlasste ihn, sich mehrfach auch auf den ab den 1970er Jahren viel diskutierten englischen „Antipsychiater“ Ronald D. Laing zu beziehen.

Bettelheim hat immer wieder von der Schaffung eines „totalen therapeutischen Milieus“ in der Orthogenic School gesprochen, ohne hierbei deren Kehrseite – die von dem Triester Antipsychiater Franco Basaglia („Die negierte Institution oder die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen“, 1971) in scharfer Weise formuliert wurde – zu verheimlichen. Bettelheim verwendet mehrfach die Metapher einer Leiter, die der Therapeut benutzen müsse, um zu dem psychisch Kranken, in dessen Welt voller abgründiger und zeitloser Schrecken, herab zu steigen: „Der Patient muss – gegen seine Überzeugung, es gäbe keinen Ausweg – zuerst zu dem Glauben gebracht werden, dass dies wirklich ein Weg ist, der ihn aus seinem Gefängnis führt, und er muss schließlich auch versuchen, ihn zu benutzen“ (S. 13). Hierbei misstraue der Kranke uns, halte uns vielleicht für einen heimtückischen Verführer, der ihn „in ein noch schlimmeres Gefängnis“ führen wolle. Deshalb versuche er, diese Leiter gezielt zu zerstören. Unsere professionell aufgearbeitete eigene Lebenserfahrung stelle das zentrale therapeutische Hilfsmittel dar: „Im Laufe der Jahre kamen wir zu dem Ergebnis, dass jeder Mitarbeiter, der wirklich erfolgreich schwerstgestörten Patienten helfen konnte, Erfahrungen hinter sich hatte, die aus irgendeinem Grund diese Art Arbeit für ihn so anziehend machte, dass er die damit verbundenen extremen Härten akzeptieren konnte. Wo andere vielleicht versagt hätten, konnte er helfen“ (S. 15).

Unser therapeutischer Größenwahn, unser „infantiler oder größenwahnsinniger Rettungswahn (17) sei eher ein Hindernis als eine Hilfe bei der Behandlung. Immer wieder kommt Bettelheim in seinen Werken – gerade auch in seinen mich auch heute noch sehr berührenden Spätwerken „Ein Leben für Kinder“ (1987) und „Themen meines Lebens“ (Kaufhold 2001, S. 205 – 222) – auf seine KZ-Erfahrung als die ihn prägende traumatische Sequenz zurück: „Die Erfahrungen des Lagers hatten meine Ansicht vom Leben und den Verlauf meines eigenen Lebens radikaler verändert als meine mehrjährige und tiefgehende Lehranalyse vorher.“ (1985, S. 17) Die „willkürliche Vernichtung des Lebens so vieler, von denen leicht eines das eigene Leben hätte sein können“ (ebd.) habe zu seinem leidenschaftlichen therapeutischen und wissenschaftlichen Engagement geführt.  Dieses Trauma habe „starke Gefühle“, ein „leidenschaftliches Engagement“ in ihm geweckt. Hierüber habe er auch immer wieder mit seinen Mitarbeitern gesprochen, was in ihnen die „unbeirrbare Entschlossenheit“ geweckt habe, „dass die Arbeit nicht zusammenbrechen dürfe.“ (S. 18) Die Problematik dieser Prinzipien und Herangehensweise dürfte offenkundig sein.

Bis ins Detail und in umfassender Weise beschreibt Bettelheim auf 500 Seiten den Lebensalltag in seiner „Schule“, die Bedeutung, die die reflektierte Gestaltung etwa der Küche oder der Essenssituationen zukomme. Der Patient sei auf „zentrale Bezugspersonen“ angewiesen, sowie auf eine regelmäßige gemeinsame Reflektion der schwierigen Erfahrungen im Mitarbeiterstab. Eine therapeutische Einrichtung dürfe deshalb nicht zu groß sein, sie dürfe ihren privaten, überschaubaren Charakter nicht verlieren. Kunst – etwa Skulpturen, die in der Schule vielfältig vorhandengewesen waren wie auch großformatige Wandbilder – sei für sie in Chicago ein zentrales milieutherapeutisches Hilfsmittel gewesen, um das Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen zu steigern und um die Dimension des Unbewussten in der konkreten Lebensumwelt einziehen zu lassen. Exemplarisch sei folgende Passage zitiert: „An den am besten sichtbaren Stellen dieses Treppenhauses befinden sich die Darstellungen zweier mythischer Tiere: das Einhorn, das bereitwillig seine phallische Kraft aufgibt, wenn es wahrer Liebe begegnet, und der Phönix, der Vogel, der sich aus der eigenen Asche selbst neugebiert und dadurch aus eigenem, freiem Willen seine vorige Existenz um einer neuen, besseren willen abstreift.“ (S. 134)

Er habe schrittweise alle Symbole entfernt, die die Kinder an eine Unfreiheit, an eine Fremdbestimmung hätten erinnern können. Deshalb hätten sie zuerst einmal alle geschlossenen Türen entfernt. Jeder habe jederzeit die Schule verlassen können, betont Bettelheim: „Die sogenannten „Sicherheitszellen“ haben eine symbolische Bedeutung, die über das ganze Dasein des Patienten einen Schatten wirft“ (S. 141). Beziehungsangebote seien viel wirksamer als Sicherheitsmaßnahmen, selbst in den schwierigsten und gefährlichsten therapeutischen Situationen. Deshalb hätten sie auch das Umfeld der Schule, etwa die Polizei und die Feuerwehr, über die Besonderheit ihres Ortes informiert.

In „Der Weg aus dem Labyrinth“ finden sich ausführliche Reflexionen zur Bedeutung von „stummen Botschaften“ für die Behandlung: „Je gestörter ein Mensch ist, um so weniger glaubt er, was wir sagen, um so misstrauischer ist er gegen das, was wir tun. (…) Da der Patient weiß, er lügt, um seine wahren Gefühle zu verbergen, ist er um so mehr davon überzeugt, dass er dem, was jemand anderes sagt, nicht wirklich trauen darf. Eher traut er unseren Handlungen und unserer Art, mit ihnen umzugehen. Am ehesten aber glaubt er dem, was er selbst mit eigenen Augen, durch Berührungen und vor allem durch eigenes Tun erlebt“ (S. 105) hebt Bettelheim hervor.

Bettelheim beschreibt ausführlich die besonderen Anforderungen, die an die Mitarbeiter eines milieut­herapeu­tisch arbeitenden Projekts gestellt werden. Sie müssen Härten und Belastungen auf sich nehmen, was immer die Gefahr des Scheiterns beinhaltet. Hieraus könnten sie jedoch auch großen persönlichen Gewinn ziehen: „Die erfolgreichsten Betreuer waren (…) diejenigen, die von Anfang an spürten, dass ihnen die Arbeit eine einzigartige Gelegenheit bot, einige ihrer eigenen Probleme zu lösen. (…) Der sicherste Hinweis auf die Eignung waren der tiefe Wunsch, persönliche Autonomie zu erreichen, und die Erkenntnis, dass dies möglich ist, indem man seine persönlichen Schwierigkeiten löst. Derjenige Mitarbeiter, der sich am ehrlichsten bemühte, sich selbst gegenüber wahrhaftig zu sein (…) war stets am besten geeignet, die gleichen Fähigkeiten bei den Patienten zu entwickeln“ (S. 275). Vergleichbares findet sich immer wieder in seinen Werken.

An anderer Stelle schreibt Bettelheim, auf August Aichhorn Bezug nehmend: Das Hauptproblem der Milieutherapie liege darin, „wie man ein Milieu schaffen kann, in dem sich die Mitarbeiter nicht gegen die emotionalen Verheerungen wehren müssen, welche die Patienten und ihre Bedürfnisse bei ihnen anrichten.“ (S. 310)

Alle Mitarbeiter hätten erst nach einer mehrjährigen Tätigkeit die Reife, die persönliche Integration zu entwickeln vermocht, um aus dieser schwierigen Tätigkeit auch einen persönlichen Nutzen zu ziehen. Entscheidend seien die alltäglichen sowie die psychoanalytisch strukturierten Gespräche der Mitarbeiter gewesen. Auch eine schriftliche Fixierung der täglichen Belastung habe sich als ein wertvolles Hilfsmittel gewesen.

Der Wiener Psychoanalytiker Thomas Aichhorn (2003) hat Bettelheim im autobiografischen Rückblick in den Kontext der „Wiener Tradition“ gestellt und ihn als den „bekanntesten und erfolgreichsten psychoanalytischen Pädagogen“ (Aichhorn in Kaufhold 2003, S. 72) bezeichnet.

Ich empfehle, Bettelheims Werke, gerade seine beiden Spätwerke (s.o.), in Ruhe zu lesen. Bettelheims Werke bieten vielfältige Anregungen zur Selbstreflektion. Aber sie sind zugleich auch ein stilistischer Genuss.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Jugendhilfe 57/2019. Wir danken den Herausgebern für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

–> haGalil-Themenschwerpunkt Bruno Bettelheim

Foto: Bruno Bettelheim 1985 auf dem von Prof. Jochen Stork veranstalteten Symposium „Das Märchen – ein Märchen?“, © Psychosozial Verlag, Roland Kaufhold, Prof. Dr. Dr. Jochen Stork

Literatur

Bettelheim, Liebe allein genügt nicht. Die Erziehung emotional gestörter Kinder. Stuttgart 1971
Bettelheim, So können sie nicht leben. Die Rehabilitierung emotional gestörter Kinder, München 1973
Bettelheim, Aufstand gegen die Masse, Frankfurt/M 1964
Bettelheim, Die Geburt des Selbst, Frankfurt/M 1967
Bettelheim, Der Weg aus dem Labyrinth, Stuttgart 1975
Bettelheim, Kinder brauchen Märchen, Stuttgart 1976
Bettelheim: Erziehung zum Überleben, München 1980
Bettelheim, Ein Leben für Kinder, Stuttgart 1987
Fisher, Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele des Menschen. Essays über Bruno Bettelheim, Gießen 2003
Kaufhold (Hg.), Annäherung an Bruno Bettelheim. Mainz 1994
Kaufhold, (Hg.): Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors. Gießen 2014
Kaufhold, Bettelheim, Ekstein Federn, Gießen 2001
Kaufhold (Verf.): haGalil-Themenschwerpunkt Bruno Bettelheim, März 2010, Internet: http://www.hagalil.com/2010/03/bettelheim-einfuehrung/
Kaufhold: Überleben in Extremsituationen. Vor 115 Jahren wurde der Psychoanalytiker und Kinderpsychologe Bruno Bettelheim geboren, Jüdische Allgemeine 27.8.2018: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/ueberleben-in-extremsituationen/ sowie haGalil: https://www.hagalil.com/2018/08/bettelheim-2/
Kaufhold, Edith Buxbaum (1902-1982), haGalil, Dez. 2018, Internet: http://www.hagalil.com/2018/12/edith-buxbaum-2/
Kaufhold & Löffelholz, „So können sie nicht leben“ – Bruno Bettelheim (1903-1990), Ztschr. für Politische Psychologie (1-3/2003) (Neuauflage Psychosozial Verlag 2019)

Autor

Dr. Roland Kaufhold, von 1989 bis 2016 Sonderschullehrer, seitdem Publizist, lebt in Köln, mehr:28 https://www.psychosozial-verlag.de/catalog/autoren.php?author_id=104