Bettelheims Psychologie der Extremsituation

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Ein Mensch verfügt im Normalfall nach Bettelheim über persönliche wie auch soziale Schutz- und Abwehrmechanismen, um starken Belastungen, die durch Fremdzwänge, durch äußere Gewalt von anderen Menschen, durch ungünstige Lagen verursacht sind, gewachsen zu sein. Allerdings können solche Schutz- und Abwehrmechanismen zusammenbrechen, wenn der äußere oder innere Druck zu stark wird (vgl. Bettelheim 1990a, S.19f.). Bettelheim selbst war einer solchen Belastungsprobe ausgesetzt.

Von Kersten Reich

Er war von 1938-39 Gefangener in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald und ist nur mit Glück der Vernichtung entgangen. In solchen Situationen äußeren Drucks ist es schon schlimm genug, wenn das Vertrauen in Mitmenschen und die Gesellschaft sich als Illusion erweist und zusammenbricht. Katastrophal ist die Situation des dabei erfundenen Verlassenseins und die Erfahrung eines unmittelbar bevorstehenden Todes, der keine natürliche Ursache kennt. Der gleichzeitige Zusammenbruch der Schutz- und Abwehrmechanismen, „die gegen die Angst vor dem Tod errichtet worden sind“, bringt den Menschen in eine Lage, die Bettelheim „Extremsituation“ nennt (ebd., S. 20).

Die Bestimmung dieser Extremssituation aus einem psychologischen Blickwinkel heraus erlaubt es, von einer Psychologie der Extremsituation zu sprechen. Bettelheim hat sich nach seiner Erfahrung im Konzentrationslager Zeit seines Lebens immer wieder mit einer solchen spezifischen Psychologie beschäftigt:

– als klassisch kann sein erster Versuch gelten, in dem Aufsatz „Individuelles und Massenverhalten in Extremsituationen“ Grundmomente einer solchen Psychologie festzuhalten (in Bettelheim 1990a) [1];
– in zahlreichen Aufsätzen kam Bettelheim bis zu seinem Tod immer wieder auf seine Erfahrungen der Extremsituation und der daraus ableitbaren Schlußfolgerungen zurück; die wichtigsten dieser Arbeiten sind in dem Sammelband „Erziehung zum Überleben“ (Bettelheim 1990a) und in dem Buch „Themen meines Lebens“ (Bettelheim 1990b) zusammengefaßt worden;
– in seinem Buch „Aufstand gegen die Masse“ (Bettelheim 1989) hat Bettelheim seine ursprüngliche Arbeit über „Individuelles und Massenverhalten in Extremsituationen“ stark erweitert und eine vielschichtige psychologische Phänomenologie der Extremsituation entworfen.

Fragen nach der Rolle von Opfer, Tätern und Überlebenden sollen im Mittelpunkt der nachfolgenden Überlegungen stehen, um Bestandteile dieser Theorie, Schwierigkeiten im Aufbau dieser Theorie und ihre Bedeutung für weitere Forschungen zu diskutieren.

Der Name des Schreckens

Wer sich mit Dämonen und Geisterwelten beschäftigt, die die Menschheit vor allem in früherer Zeit in Angst und Schrecken zu versetzen imstande waren, der weiß, daß bereits die Namensgebung eine erste Distanzierungsform des Schreckens – meist des durch Menschen (ein)gebildeten – war. Neben dem imaginären Schrecken hat die Menschheit aber auch immer reale Schrecken, die von Menschen verursacht wurden, hervorgebracht. Für beide Arten finden wir Namen, um etwas für uns Furchtbares, vielfach Unbegreifliches auszudrücken. Bereits die Wiedergabe des Namens oder Begriffes, den wir finden, ersetzt uns das unheimliche oder bedrückende Gefühl, das wir empfinden. Wenn wir heute den Begriff Holocaust für die Schrecken der Naziherrschaft benutzen, „nehmen wir das Ereignis intellektuell, denn die ungeschminkte Wirklichkeit würde uns emotional überrollen“ (Bettelheim 1990a, S. 103). Es ist eine sprachliche Umschreibung, die nicht einmal stimmig ist, weil der Begriff Holocaust ursprünglich Brandopfer bedeutet und in der Sprache der Psalmisten alte Rituale von tiefer religiöser Natur bezeichnet. Diesen Begriff auf die Opfer des Massenmordes zu übertragen, erscheint Bettelheim als äußerst problematisch, obgleich er es in seinen Arbeiten auch tut. Aber wie sollte auch ein Begriff angemessen sein? In den Nürnberger Prozessen war technisch kühl von Genozid die Rede. Auch der Begriff Konzentrationslager, so belastet er uns erscheinen mag, verharmlost die eigentlichen Tragödien des KZ: Ausrottung, Vernichtung, Tod, Massenmord.

So bemerken wir gleich zu Beginn unserer Beschäftigung mit der Extremsituation – dies ist auch nur ein künstlicher und rationalisierter Begriff – unsere Sprachlosigkeit, die wir überwinden, um mittels der Distanz von Sprache uns einen Rest zu bewahren und zu reflektieren, der in der Einzigartigkeit eines jeden Schicksals aufgehoben ist. Bettelheim ist sich dieser Problematik bewußt. So hielt er es für eine sinnvolle Erinnerung, die Namen der Opfer in ein Mahnmal einzumeißeln, statt ihrer bloß allgemein zu gedenken. Der Name bleibt hier als eine Spur der Einzigartigkeit des Schicksals – auch wenn dadurch nichts wieder gut wird. Aber wenn das Allgemeine zu allgemein bleibt – hier des individuellen Namens beraubt wird -, dann fällt es uns immer schwerer, noch begreifen zu können, welche Ungeheuerlichkeiten sich hinter diesem Allgemeinen in ihrer Besonderung, in ihrer Individualität verbergen. Es entspricht dies der Unfähigkeit des Menschen, in seinem Alltag auf grausame Ereignisse zu reagieren, wenn sie ihm massenhaft vorgeführt werden. Sterben Millionen an Hunger, so sagt uns das wenig. Sehen wir den Einzelfall eines tragischen Unglücks, dann werden unsere Sympathien geweckt (ebd., S. 268). So mögen uns Tausende von Namen in den Mahnmalen unserer Städte mehr erschrecken als Sonntagsreden über ein allgemeines Elend.

Aber zugleich distanzieren wir solche Mahnungen, weil sie uns im Verdrängungsprozeß – und muß man nicht jeden Schrecken irgendwie verdrängen, um sich eine aufsteigende Angst zu nehmen? – verunsichern. Wir reden von historischen Ereignissen. Vielleicht ist es uns auch unbegreiflich, was geschah.

Nun sind Extremsituationen aber keine historischen Ereignisse. Der Versuch der SS in den Vernichtungslagern, den Häftlingen jegliche Autonomie zu nehmen, um ihre Persönlichkeit aufzulösen, ihre Schutz- und Abwehrmechanismen zu zerstören, sie damit ihrer Individualität zu berauben, war besonders erschreckend und in einem bisher unbekannten Umfang durchgeführt. Aber dies war weder der erste noch der letzte Versuch in der Menschheitsgeschichte. Politische Systeme, die aufgrund ihrer totalitären Struktur mehr auf Fremd- denn auf Selbstzwänge der Menschen vertrauen müssen, benötigen den Schrecken für bestimmte Gruppen, um die Angst vieler zu schüren und die Macht damit zu kontrollieren. Bettelheim war überzeugt, daß der Terror von Konzentrationslagern ein inhärentes Potential von technologisch ausgerichteten und totalitär orientierten Massengesellschaften sei, dem nur die Tendenz von Menschen entgegenwirken könne, moralische Skrupel aus eigenen Autonomiebestrebungen zu verwirklichen (vgl. ebd., S. 49f.).

Opfer: Zerstörung der Persönlichkeit oder Bewahrung der Selbstachtung

Die ersten Konzentrationslager wurden von den Nazis im Jahre 1933 eingerichtet. Die Lager dienten in erster Linie dem Terror jenen Menschen gegenüber, die dem Regime Widerstand entgegenbrachten. Es entstanden im Laufe der Jahre mehrere Lagertypen, wobei man Arbeitszwangslager, Terrorlager und reine Vernichtungslager unterscheiden kann. Dort, wo die Terrorlager anfangs noch der Umerziehung von Regimegegnern und Vernichtung von Personen dienten, die sich der Zerstörung ihrer Persönlichkeit widersetzten, entstanden ab 1942 vielfach reine Vernichtungslager. Ein Teil der Lagerinsassen überlebte nur, weil die Ausbeutung von Arbeitskräften im Sinne der Sklaverei bis zum Ende des Krieges immer auch eine Funktion behielt.[2] Bettelheim unterteilt das Lagerschicksal, das sich für seine Erfahrungen als Terror und Umerziehungsversuch darstellte, in zwei Phasen, die durch mehrere Unterphasen charakterisiert sind:

a) die Phase des Schocks der ersten Gefangennahme, des Transports und der ersten Anpassung; hier wurden die physischen und psychischen Weichen gestellt, ob man die erste Zeit im Lager überlebte;
b) die Phase der langfristigen Anpassung an das Lagerleben, denn niemand wußte zu sagen, wie lange er bleiben mußte.[3]

Er macht für die unterschiedlichen Gruppen, die in die Lager kamen, deutlich, welche Terrormaßnahmen dazu führten, daß die Persönlichkeit bis an die Grenze ihrer Zerstörung oder zur tatsächlichen Vernichtung geführt wurde. Dabei sind es physische und psychische Maßnahmen des Terrors [4], mit denen die Häftlinge konfrontiert waren. Grundlegend war immer die Traumatisierung, die die SS-Wachen in allen unmenschlichen Formen agierten. Dahinter stand der einheitliche Zweck der Zerstörung der Persönlichkeit. Dies wurde vor allem auf drei Wegen angestrebt: Die erste Methode bestand darin, „die Häftlinge zu zwingen, sich wie Kinder zu verhalten. Die zweite zielte darauf ab, daß die Häftlinge ihre Individualität aufgeben und sich in eine amorphe Masse eingliedern sollten. Die dritte bestand darin, jedwede Möglichkeit der Selbstbestimmung zu beseitigen, dem Häftling die Möglichkeit zu nehmen, die Zukunft vorherzusagen und sich auf sie vorzubereiten“ (Bettelheim 1989, S. 144). An einer anderen Stelle beschreibt Bettelheim, daß durch die Lager nicht nur der individuelle Widerstand gebrochen werden sollte, um eine gefügige Masse zu erzielen, sondern daß dies auch und zugleich unter der Bevölkerung Terror verbreiten sollte, um politische Macht zu demonstrieren. Für die Nazis selbst waren die Konzentrationslager zugleich Exerzierplatz und Versuchslabor für ihre menschenverachtenden Strategien und Handlungen (vgl. Bettelheim 1990a, S. 59f.). Unterschiede zwischen alten und neuen Häftlingen halfen Bettelheim, Wandlungsprozesse in der Anpassung an die Fremdzwänge des Lagers und ihre Verinnerlichung in Selbstzwänge zu umschreiben. Dabei war es für ihn besonders auffällig, daß diejenigen, die ein festes Welt- oder Glaubensbild mitbrachten, eher mit der Situation auskamen als diejenigen, denen schon die Verhaftung und ihr individuelles Schicksal unklar blieben, weil sie die politischen Beweggründe und Abgründe des neuen Systems nicht durchschauten. Sie stellten für das Feindbild der Wachen eine besondere Bedrohung dar, da allein schon die Frage nach der Ursache einer Verhaftung oder Qual von der SS abgewehrt werden mußte, um das Bild von Kriminellen, vom Abschaum der Menschheit und ähnlichen Zuschreibungen sich selbst aufrecht zu erhalten. Neben dem Glück, das man immer brauchte, um zu überleben, denn wer der persönlichen Laune eines Sadisten und pathologischen Mörders ausgesetzt war, der hatte kaum einen Verhaltensspielraum, hing das Überleben in erster Linie davon ab, den eigenen Lebenswillen zu aktivieren. Eine gute körperliche Verfassung war angesichts der Unterernährung, harter Arbeit, vielerlei unsäglicher Quälereien und Strafen die Grundlage für den Überlebenskampf. Entscheidend aber war, sich selbst in der Freiheit seiner Entscheidungen zu behaupten, um die Qualen zu überstehen.

Bettelheim beschreibt immer wiederkehrend diesen Existenzkampf, der schon damit beginnt, sich frei dafür zu entscheiden, widerliche Nahrung zu sich zu nehmen, sich dem Zwang einer willkürlichen Ordnung zu unterwerfen, die die grundlegendsten Bedürfnisse – wie den Gang zur Latrine – durchgehend schickaniert, sich der Sexualnot zu stellen, ohne in der Angst um die eigene Potenz zu verzweifeln, sich der Unsicherheit der Zukunft so auszusetzen, daß der eigene Wille den Körper immer noch beherrscht. Es mag paradox erscheinen, hier überhaupt noch von freien Handlungen zu sprechen, aber Bettelheim betont dies ausdrücklich (Bettelheim 1989, S. 163). Sich zum Essen zu zwingen, dies resultiert aus inneren Werten, die den Respekt vor der eigenen Person bewahren, die Aktivität ausdrücken. Hingegen Verrat an Kameraden zu begehen, um sich irgendwelche Vorteile zu verschaffen, folgt den Zwängen der SS und nicht der eigenen Werthaltung – schwächt mithin nicht nur die notwendige Kameradschaft im Überlebenskampf, sondern auch die Selbstbehauptung der eigenen Persönlichkeit. Sich dem Elend passiv hinzugeben, erspart den Mördern auch noch die Kugel, deren Wert sie immer vor den Gefangenen behaupteten [5], denn Selbstmord war für die Wachen die bequemste Lösung. Sehr viele Häftlinge gaben ihren Lebenswillen auf. Sie wurden als Muselmänner [6], als wandelnde Leichen bezeichnet, die sich ergeben in ihr Schicksal fügten, indem sie ihre Selbständigkeit aufgaben. Sie dienten jenen Häftlingen als ständige Gefahr vor Augen, die Selbstachtung zu verlieren, obgleich doch ein jeder auf den Übergang hin zu ihnen war, denn die letzte menschliche Freiheit riskierte meist das eigene Leben im Aufbäumen gegen die Schickanen der SS.

Es erhebt sich hier die Frage, warum Millionen in den Tod gingen, ohne sich gegen die Mörder hinreichend zu wehren. Bettelheim erfragt dies auf mehreren Ebenen: Warum gab es nicht schon Widerstand bei der Verhaftung? Waren die Hoffnungen zu groß, einen Irrtum zu unterstellen? Hatte man die schon vorliegenden Berichte unterschätzt?[7] Warum gingen mehrere Hundert Gefangene neben wenigen Wachen einher, ohne diese zu überwältigen? War dies eine Angst vor dem unmittelbaren Tod, wo der mögliche Tod noch verdrängt in der Ferne lag? Warum gab es nur wenige Versuche, die Mörder direkt an der Stelle des Mordes – den eigenen Tod direkt vor Augen – zu beseitigen?

Immerhin gab es Widerstand. So etwa das 12. Sonderkommando, Häftlinge, die in den Gaskammern arbeiteten und wußten, daß sie die nächsten Todeskandidaten sein würden. Sie töteten 70 SS-Leute. Oder das Beispiel einer Tänzerin, die vor der Gaskammer tanzen mußte und sich dabei der Waffe eines SS-Mannes bemächtigen konnte und ihn tötete. Sie alle fanden daraufhin den Tod, der sie ohnehin erwartete. Aber wenn Millionen im Widerstand gehandelt hätten, wären die Lager dann nicht gescheitert?

Diese Fragen werden von Bettelheim immer wieder radikal in seinem Buch „Aufstand gegen die Masse“ gestellt: „Trotz den Hunderttausenden von lebendigen Toten, die sich ruhig auf ihre Gräber zubewegten, zeigt dieses eine Beispiel (er spielt hier auf die Tänzerin an, d.Verf.) – und es gab mehrere -, daß die alte Persönlichkeit sofort wieder erlangt werden kann, daß die Zerstörung der Persönlichkeit aufgehoben wird, wenn wir uns selbst dazu entschließen, nicht mehr Einheiten eines Systems sein zu wollen“ (Bettelheim 1989, S.285).

Aber ist dies nicht genau die Falle, die die Lager so wirksam machte? Sind wir nicht Zeit unseres Lebens darauf hin geprägt und erzogen worden, uns an das System anzupassen, das man als Umwelt, Kultur oder Zivilisation bezeichnet? Werden wir nicht wehrlos, wenn sich dieses in Barbarei verwandelt?

Zur Frage der Moral

Wer überhaupt soll von einer Extremsituation, von einem Konzentrationslager im besonderen, schreiben, wenn er nicht dabei gewesen ist? Es beschleicht uns Unbehagen, wenn jemand es versuchen würde, der es nicht direkt erfahren hat. In einer Zeit, in der vieles von solcher Erfahrung abhängig gemacht wird, um emotionale Glaubwürdigkeit zu versichern, setzen wir sehr auf die Gewährsleute, die dann auch moralisch ein Recht besitzen, Urteile zu fällen. Bettelheim ist es hier gelungen, Ansätze zu einer Psychologie der Extremsituation zu entwickeln, die sich aus dem Schema bloßer Verurteilung, aus der Zuschreibung von Gut und Böse, aus der Vereinfachung bloßer Verdrängung eines Ungeheuerlichen löst. Wenn man seine Texte als Unbeteiligter an Lagern liest, dann ist man zugleich erstaunt, mit welcher Härte er stellenweise gerade die Opfer betrachtet und wie sich die entmoralisierende Beschreibung des Wechselspiels von Tätern und Opfern in moralische Urteile wendet. So findet er das Tagebuch der Anne Frank und seine Verbreitung als problematisch, weil hier eine jüdische Familie gezeigt wird, die sich nicht wehrte. Für ihn belegt gerade das Schicksal der Anne Frank und ihrer Familie, „wie ein Mensch seine eigene Vernichtung noch beschleunigen kann, indem er ein Privatleben führt und alles, was außerhalb dieses Lebens in der Gesellschaft passiert, ignoriert“ (Bettelheim 1990a, S. 253). Er kontrastiert es mit den Versuchen anderer, die in die Freiheit gingen, indem sie flohen oder unterzutauchen versuchten oder sich dem Kampf im Untergrund stellten.

Bettelheims Forderungen gewinnen ihre Qualität aus der persönlichen Erfahrung heraus, die Extremsituationen schonungslos zu beschreiben versucht, ohne die Moral aus der Geschichte zu nehmen. Totalitäre Regime sind möglich, Streben nach menschlicher Autonomie, nach Menschenrecht und Toleranz ist notwendig und wäre damals stärker notwendig gewesen, hier erscheinen moralische Appelle. Bettelheims Schriften sind prinzipiell von der hier sichtbar werdenden Ambivalenz getragen. Da ist einerseits der Psychoanalytiker, der entmoralisierend die Ereignisse der menschlichen Psyche interpretiert, uns dabei eine Phänomenologie des Schreckens zwischen Tätern und Opfern entwickelt, und da ist andererseits der Mensch Bruno Bettelheim, der ein Lagerschicksal erlebte, der überlebte, wo andere starben, und der daraus einen persönlichen Kampf gegen die Gleichgültigkeit des Vergessens, gegen die Verdrängung und Abwehr damit zusammenhängender Emotionen machte, was ihn als moralisierenden Menschen erscheinen ließ, der Mitarbeitern und Kollegen oft die Meinung sagte und dabei auch schroffe Formen wählen konnte. Dieser Kampf rührt zugleich an ein Dilemma der Psychoanalyse, mit der sich destruktive Kräfte analytisch beobachten und beschreiben lassen, mit der der gute Mensch jedoch nicht hergestellt werden kann. Bettelheims Arbeiten nach dem Krieg zeigen bis weit in die sechziger Jahre immer wieder die – für die amerikanische Psychoanalyse ohnehin gängige – Frage, wieviel wir vom Ich des sozialen Menschen wissen müssen, damit nicht wieder Unmenschlichkeit sei. Damit kam der Ruf nach der Beschreibung einer sozialen, guten Persönlichkeit auf, die eher vom Ich als von der Trieblehre Freuds her gedeutet wurde.[8] Es lag Bettelheim aufgrund seiner Lebenserfahrung nahe, sich solcher Suche zuzuwenden. Zugleich aber zeigte seine psychoanalytische Arbeit aber auch die andere Ebene, die der Entmoralisierung bedurfte, um zu begreifen, was geschah. Gerade seine Arbeiten über die Extremsituation bieten dafür einen Anlaß, den er sich schaffen konnte, weil er selbst Betroffener war: es gelang ihm die Verstrickung von Opfern und Tätern zu beschreiben, das heißt Erklärungen für beide Seiten des Verhaltens und ihr Zusammenwirken zu entwickeln.

Systemische Betrachtung von Opfern und Tätern

Federn (1989) machte besonders auf die atavistischen Triebe des Menschen aufmerksam, auf seine Aggression, die durch die Taten der SS Angst bei den Häftlingen hervorbringt und für sich nutzt, um Macht zu gewinnen, um den Menschen zur Regression zu bringen, zu demütigen, seine seelische Widerstandskraft zu brechen. Nun wäre es zu einfach, die SS als die böse Seite und alle Häftlinge als gute Seite zu beschreiben. Aus psychoanalytischer Sicht wird die Debatte um Gut und Böse stark entmoralisiert und der Blick frei sowohl für die inneren und äußeren Verhältnisse eines Opfers oder Täters als auch für die systemische Wechselwirkung zwischen beiden. Sowohl die Arbeiten von Bettelheim als auch Federn sind hierfür ein deutliches Beispiel. Allerdings gebrauchen die psychoanalytisch orientierten Autoren den Begriff systemisch nicht. Ich möchte ihn hier verwenden, um auf mindestens dreierlei aufmerksam zu machen:

1) es gibt bei der Beschreibung von Verhalten – auch im Konzentrationslager – nicht nur eine Seite des Aktiven und eine des Passiven, sondern ein besonderes Zusammenspiel in der Interaktion und Kommunikation von Opfern und Tätern, wobei Aktivität und Passivität, äußerer Druck und innerer Druck – und andere Beschreibungskategorien, die wir anwenden – wechseln können;
2) dieses Zusammenspiel folgt bestimmten Regeln, die sich für das System des Zusammenwirkens bezeichnen lassen;
3) es bedarf der ausgewiesenen Rolle eines Beobachters, solche Regeln zu (rekonstruieren – gleichgültig ob er Teil des beschriebenen Systems oder Außenstehender ist.

Wenn wir Bettelheims Analyse den nachfolgenden Aussagen zugrunde legen, dann beziehen wir uns als Außenstehende auf einen Beobachter, der Teil des Systems war, das er beschreibt.

Bettelheim versteht es, die Fragen nach dem Zusammenwirken im System von Opfern und Tätern – nachfolgend auch als systemisches Zusammenwirken bezeichnet – von zwei Gesichtspunkten aus differenzierend zu beantworten. Das Verhalten in Extremsituationen unterliegt einerseits dem Zwang und andererseits der Abwehr. Beide greifen ineinander und lassen sich nicht voneinander trennen, die unterschiedenen Aspekte dienen uns jedoch dazu, Extremsituationen psychologisch besser zu verstehen.

Die Nazis verstanden es geschickt, die durch ihre Barbarei erzeugten Aggressionen bei den Gefangenen auszunutzen, indem sie sie gegen die Häftlinge selbst wendeten. Die masochistische, passiv-abhängige, regressive Verhaltensweise der Häftlinge wurde durch und durch gestärkt, was umgekehrt dazu führte, daß der aggressivere SS-Mann sich sicher gegen Auflehnung wähnen konnte. Dies bedeutete, daß Häftlinge in kindliche Hilflosigkeit und Abhängigkeit gebracht werden mußten, so daß sie weder über die Alltäglichkeiten des Lebens bestimmen konnten noch ihrer eigenen Zukunft unabhängig von der SS sicher sein durften. Das Erziehungsmittel ständiger Angst, die durch reale Traumata erhärtet und am Leben erhalten wurde, vermittelte sich größtenteils über Sprache. Drohungen waren im KZ der allgegenwärtige Begleiter jeder Handlung. Dabei dominierte die Analsphäre in Schimpfwörtern – „Arschloch“ und „Stück Scheiße“ waren Anredeformen, die von den Häftlingen selbst angenommen wurden. Der Gang zur Latrine war mit väterlicher Willkür geregelt. Wer außerhalb der festgesetzten Zeiten mußte, der war von der Laune der Wache abhängig. Vielfach wurden sinnlose Arbeiten dazu benutzt, den Willen zu brechen. Älteren Gefangenen wurden eher sinnvollere Arbeiten zugestanden, weil ihre Anpassung weiter vorangeschritten war. Alle Versuche der SS zielten darauf ab, die Selbstachtung zu brechen und die Regression zu fordern. Der äußere Zwang wurde im Lager in innere Zwänge umgesetzt. Dieser doppelte Charakter des Zwanges bedingte eine komplizierte Dialektik der Begegnung von Opfern und Tätern.

Beispielgebend ist für Bettelheim an dieser Stelle sein eigener Versuch, ins Krankenrevier zu kommen, um Erfrierungen behandeln zu lassen. Er stand mit mehreren Gefangenen vor einem SS-Mann, der über die Zulassung entschied. Die Gefangenen machten sich Gedanken, legten sich Strategien zurecht, wie sie am besten eine Zulassung erreichen könnten. Einige verwiesen auf ihre Dienstzeit in der deutschen Armee, andere auf Wunden, die sie für das Vaterland erlitten hatten, andere auf die Schwere ihrer Krankheiten. Bettelheim hielt es nicht für klug, sich vorher einen Plan zu machen, was seine Mitgefangenen ärgerte, da sie dachten, daß er einen besonders guten Trick sich ausgedacht hätte, um den bösen und dummen SS-Mann auszuspielen. Bettelheim hingegen war davon überzeugt, daß ein SS-Mann keineswegs wie der andere ist, daß damit die Reaktion situationsabhängig zu beurteilen wäre. Als er an die Reihe kam, schrie ihn der SS-Mann sofort an, daß Juden nur bei Arbeitsunfällen ins Revier könnten. Er war durch die Geschichten der anderen verärgert. Bettelheim brachte sachlich vor, daß er mit den Erfrierungen nicht arbeiten könne, daß daher das tote Fleisch abgeschnitten werden müßte. Daraufhin folgte der SS-Mann einem zunächst sadistischen Impuls und versuchte selbst die eitrige Haut abzuziehen. Da dies nur schwer gelang, entließ er Bettelheim ins Revier, um ihn dort aber scharf zu beobachten. Nur weil er dort seinen Schmerz unterdrückte und sich anschließend anschickte, das Revier zu verlassen, durfte er behandelt werden; er erhielt jetzt sogar eine Karte zur Weiterbehandlung der Wunde.

Bettelheim analysiert dieses Beispiel ausführlich. Der SS-Mann als Aggressor, als Täter, und das Opfer verhalten sich in einem wechselseitigen Kontext. Ein fundamentaler Unterschied ist es allerdings, daß der Ursprung des Verhaltens für die Opfer durch den Fremdzwang des Lagers gegeben war, der Aggressor sich hingegen stärker gegen Gefahren verteidigte, die in ihm selbst lagen: häufig eine eigene Angstabwendung durch Projektion auf Führerfiguren, die als Vaterersatz für eigene ichschwache Anteile gelten können. Kommen Opfer und Täter zusammen, so ergibt ihre Kommunikation eine Eskalation des Verhaltens. Das Opfer verteidigt sich in Gegenreaktionen zunächst gegen die Gefahren des Fremdzwanges, was in der Taktik der SS bewußt vorgesehen wird, denn die größten Grausamkeiten erleben die Gefangenen bereits auf dem Transport, damit ihr Selbstverständnis zutiefst erschüttert wird. Die SS quälte die Gefangenen hier systematisch, zögerte den Transport hinaus, um jeden Gefangenen in irgendeiner Form physisch und psychisch zu verwunden. Ziel dieses Prozesses war die Verinnerlichung der Abwehrreaktion der Angst durch Anpassung an alles, was gefordert wird: blinder Gehorsam. Hier aber decken sich die Sphären, denn die SS folgte genauso einem Schema blinden Gehorsams, einer unabweisbaren Logik von Gewalt und Angst. In ihrem systemischen Zusammenwirken erzeugten beide Seiten mm Gemeinsam-keiten, die einem Außenstehenden als paradox erscheinen müssen. Dies betrifft mehrere Ebenen, die Bettelheim an verschiedenen Stellen hervorhebt und die ich hier aus meiner Sicht systematisieren möchte. Dazu wähle ich eine Einteilung in fünf Schritten, was ohnehin keine vollständige kategoriale Erfassung bedeuten kann, aber wichtige Analyseschwerpunkte – die dialektisch ineinander greifen – verdeutlichen soll.[9]

Zunächst einmal gelten zwei – eher formal zu betrachtende – Grundmuster der wechselseitigen Beschreibung:

1) Zuschreibungen: Opfer wie Täter hielten sich gegenseitig für „sadistisch, ungehemmt, einer niederen Rasse angehörig und sexuellen Perversionen ergeben“ (Bettelheim 1989, S. 240). Sie beschuldigten die andere Seite, bloß materialistisch orientiert zu sein und keine moralischen Werte zu kennen. Der Andere wird für dumm, kulturlos und entartet gehalten.

2) Stereotypisierungen: die jeweils andere Seite wurde mit einfachen Begriffen der Schwaz-Weiß-Malerei beschrieben, was eine realistische und situationsbezogene Einschätzung meist verhinderte.

Diese beiden Leistungen erscheinen – inhaltlich gefüllt und emotional gefühlt – in verschiedenen Verhaltensmustern:
3) Projektionen: um die eigene Abwehr in der äußeren und inneren Zwangssituation aufrecht erhalten zu können, schien es darauf anzukommen, das eigene (Feind-)Bild unbedingt zu erhalten, weil nur darauf sich eine sichere Prognose wagen ließ, wie die andere Seite reagieren würde. Für die Häftlinge war dies sehr schwierig, weil jede Individualisierung der SS die Berechenbarkeit der Reaktionen erschwerte und Pläne zunichte machen konnte. Aus der Abwehr heraus wurde die stereotype Zuschreibung damit zu einer Projektion eigener Wünsche: sich einen SS-Mann auszumalen, der auf der Basis der eigenen Denkweise doch anerkennen müßte, daß der Gefangene eigentlich auch Deutscher, Soldat, vaterlandsliebend und dergleichen mehr gewesen sei, vielleicht sogar selbst nationalsozialistisch eingestellt. Der SS-Mann jedoch benötigt – individuell unterschiedlich – eigene Abwehrmechanismen, um die Situation zu bewältigen. Seine stereotype Zuschreibung führt ihn dazu, insbesondere Juden als verschlagen, verlogen, faul usw. anzusehen, so daß alle Argumente a priori in einem anderen Licht erscheinen. Er fürchtet sich nicht vor dem einzelnen Juden, aber vor dem Stereotyp des Juden, in das eigene unerwünschte Neigungen projiziert und durch die Verfolgung zugleich abgewehrt werden (ebd., S. 244ff.). Der Jude erwies sich hierzu als besonders geeignet, da er als Feind innerhalb der eigenen Gesellschaftsstruktur lebte, die Bedrohung also ständig spürbar projiziert werden konnte.

Wenn diese beiden Sichtweisen aufeinandertrafen, dann waren die SS-Leute aufgrund ihrer Macht und Gewalt fast immer die Sieger. Dies führte die Opfer dazu, ihnen zwar in der Regel eine moralische und intellektuelle Unterlegenheit zuzuschreiben, aber gleichwohl eine Überlegenheit zuzugestehen: Unmenschlichkeit und verschwörerische Allmacht.

Bettelheim berührt einen der schwierigsten Punkte in der Analyse der Lager, wenn er aus dieser Situation ableitet, daß die Gefangenen in diesen projektiven Vorgängen auch eigene unerwünschte Motive und Eigenschaften projizierten. Dies verhinderte, „den SS-Mann als eine wirkliche Person zu sehen. Sie zwang dazu, die SS nur als Alter ego des reinen Übels zu sehen“ (ebd., S. 243). Bettelheims Erfahrungen, die allerdings nicht die eines reinen Vernichtungslagers waren, zeigten hingegen, daß es zwar gefährliche und grausame SS-Leute gab, daß aber viele nur töteten oder grausam waren, wenn es ihnen befohlen wurde oder wenn sie glaubten, daß die Vorgesetzten dies von ihnen erwarteten. Die Projektion der Häftlinge führte zu einem Vermeidungsverhalten, das vielen das Leben gekostet hat. Entweder war ihre Angst so groß vor der SS, daß sie Aufgaben nicht richtig erfüllten oder sich nicht meldeten, wenn sie gerufen wurden, was regelmäßig drastische Strafen nach sich zog. Oder sie waren den Tod vor Augen nicht mehr in der Lage, einen letzten Widerstand zu zeigen, weil die Allmacht des Gegners in der eigenen Vorstellung dies verhinderte (vgl. ebd., S. 243).

Insoweit wird der Fall vor dem Krankenrevier verständlicher. Der SS-Mann wehrte die Juden nach seinem Stereotyp ab: man hatte ihn dazu gebracht, alle Juden für Feiglinge und Schwindler zu halten. Der gesamte Antisemitismus beruhte auf solchen Feindbildern.[10] Und der SS-Mann mußte sein eigenes Mitgefühl ständig abwehren, was an der Heftigkeit seiner verbalen Abwehr deutlich spürbar war: er schrie und schnauzte herum, so als ob er sich mit der Lautstärke selbst noch überzeugen müßte über das, was er tat. Bettelheims sachliches Verhalten ihm gegenüber bot wenig Angriffsfläche, so daß Bettelheim sein Ziel erreichte. Allerdings wäre dies bei einem wirklich sadistischen SS-Mann sicherlich anders verlaufen. Besonders dort, wo Fremdartiges aufeinanderstieß, wo eine stereotype Zuschreibung auf eine andere traf und projektiv in einen Verfolgungswahn getrieben wurde, da wurde auch die Möglichkeit eines auf Tatsachen basierenden Umgangs verunmöglicht. Die Häftlinge waren dann letzten Endes immer die Benachteiligten.

4) Regression: das kindliche Abhängigkeitsverhältnis von der SS stilisierte SS-Männer zu Vaterfiguren, von denen kleinste Aufmerksamkeiten dankbar aufgenommen wurden. Oft wurden SS-Leute als gerecht und anständig imaginiert, um die Hoffnung auszudrücken, daß man doch nicht der Willkür bloßer Menschenverachtung ausgesetzt war. Die Legenden, die sich daraus im Lager bildeten, waren nach Bettelheim oft mitleiderregend (ebd., S. 190). Eine andere Form der Regression waren Gedächtnisverluste bei Häftlingen, die Orte, Namen und Ereignisse aus ihrer Vergangenheit oft nicht erinnern konnten. Die Haltung gegenüber der Familie, die ambivalent wurde, erschwerte den Umgang mit der eigenen Herkunft, weil der Bruch zwischen dem Leben im Lager und draußen durch keinen Brief gelindert, sondern immer nur gesteigert werden konnte [11]. Kindliche Wunschvorstellungen in Form von Wachträumen waren häufig. Es gab zu wenig konkrete Hoffnungen, um die Träume zu fesseln. Die Regression wurde von der SS gefördert, die damit ihre Macht kontrollierte; durch die innere Abwehr der Häftlinge gestärkt, weil sie nur durch diese Anpassung überleben konnten; schließlich durch die Häftlingsgruppe verstärkt, weil diese durch die kollektiven Bestrafungsmethoden darauf sehen mußte, daß die Anpassung funktionierte (vgl. ebd., S. 185). Die Regression zeigte sich in den Zielen der Gefangenen: „essen, schlafen und ausruhen. Wie Kinder lebten sie in der unmittelbaren Gegenwart. Sie verloren das Zeitgefühl, sie konnten nicht mehr für die Zukunft planen oder auf eine geringe Befriedigung um eine größere in naher Zukunft willen verzichten“ (ebd., S. 186). Freundschaften unter ihnen blieben brüchig und wechselhaft, großsprecherisches Verhalten wechselte mit schnellem Verdrängen, wenn man bemerkte, daß ihre Geschichten bloß erfunden waren. Die zu verrichtenden Arbeiten waren oft sinnlos, was zu Gefühlen der Erniedrigung beitrug (vgl. Bettelheim 1990a, S. 86ff.).

Die Regressionsleistungen der SS spielten sich auf einer anderen Ebene ab. Die Unterwerfung unter eine starke Autorität, der Wunsch nach einer Stärke nach außen, die durch Degradierung anderer erreicht wird, die Uniformierung der eigenen Person, um die Identität durch formellen Status zu sichern bzw. zu erhöhen, die Sicherung der eigenen Moral, eigener Werte und Ziele durch die Behauptung ihrer Unumstößlichkeit, bei gleichzeitiger Akzeptanz, daß sie von anderen vorgegeben werden, dies alles zeigt nicht eine ichstarke Persönlichkeit, die durch das Streben nach Autonomie, nach Differenziertheit in der Beurteilung von Verhaltens- und Interessenlagen, nach Toleranz dem Mitmenschen gegenüber strebt. Es zeigt sich eine Regression in der Suche nach einem Vaterersatz, der einem sagt, wo es langgeht. Gleichzeitig erhebt sich der SS-Mann auf der Basis seiner Ideologie über jene Personen, die den eigenen Konventionen nicht folgen. Sie werden zum Beleg für die Richtigkeit der eigenen Auffassung, zum Sündenbock, an dem man beweisen muß, daß man recht hat.

Im systemischen Zusammenwirken beider Regressionsseiten wird Verständigung dadurch unmöglich gemacht, daß die wechselseitige Behauptung einer Ursachenzuschreibung (der andere ist schlecht etc.) den Blick dafür nimmt, sich selbst als Gefangenen im Banne regressiver Tendenzen zu sehen. In der Interaktion von Täter und Opfer verstärken sich hingegen die regressiven Tendenzen: die Eskalation der Gewalt in den Lagern zwingt die Gefangenen in immer mehr regressives Verhalten, die SS in die Behauptung einer „Endlösung“, die sie auf Befehl in pedantischer Kleinlichkeit durchführen. Die Autobiographie des Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höss, und der Prozeß gegen Eichmann zeigen eindringlich dies regressive Verhalten (vgl. Bettelheim 1990a, S. 266ff.; Federn 1969). Gehorsam als Haupttugend bedingte eine autoritäre Unterwürfigkeit, die sich bedingungslos allen Zielen stellte und diese akurat umsetzte. Bettelheim beschreibt die fatale Regressionsleistung in ihrem systemischen Zusammenwirken: der gehorsame Diener Hitlers verkörpert durch die SS und der Häftling, der sich seinem Schicksal ergab und zur Gaskammer trottete, sie beide sind Symbole des totalitären Staates. „Der entlohnte Knecht und der ermordete Häftling – beide hatten ihren freien Willen eingebüßt“ (Bettelheim 1990a, S. 276). Doch die Folgen waren für beide unterschiedlich.

5) Identifikationen: sie sind der verrückteste Ausdruck der Abwehr. Viele Gefangene identifizierten sich mit der Allmacht der SS, wobei die Häftlingshierarchie ihnen eine gewisse Teilhabe an der Macht auf Umwegen bescheren konnte. Wie in einer Art Psychose liehen sich diese Häftlinge Macht durch die Verinnerlichung der SS-Werte, was zugleich begrenzt ihre Eigenliebe in einer unsicheren und vorläufigen Form stärkte (vgl. ebd., S. 244). Bettelheim berichtete von Gefangenen, die die SS imitierten, indem sie sich ähnlich zu uniformieren versuchten und typische Verhaltensweisen annahmen. Selbst in ihrer sehr begrenzten Freizeit ahmten sie die SS nach. In Gesprächen mit vielen Gefangenen hatte er herausgefunden, daß nur sehr wenige 1938 überhaupt wollten, daß über die Lager in ausländischen Zeitungen berichtet werden sollte (vgl. ebd., S. 187ff.). Beinahe alle nichtjüdischen Gefangenen glaubten auch im Lager an die Überlegenheit der deutschen Rasse. Schwächlinge oder für das Lager untaugliche Personen wurden von den Gefangenen meist abgelehnt, weil sie mit Bestrafungen von der SS rechneten, wenn jemand aus ihrer Gruppe auffiel. Der äußere Zwang setzte sich in einen inneren um: Abweichler wurden im Lager oft genug von der eigenen Gruppe liquidiert. Ein besonders makaberer Scherz wurde mit Neuankömmlingen öfter inszeniert. Da die Sexualnot sehr groß war und viele Potenzängste herrschten, wehrten ältere Gefangene diese Angst dadurch ab, daß sie Neuankömmlingen mitteilten, sie seien kastriert worden. Nach den schrecklichen Erfahrungen der Mißhandlungen auf dem Transport verstärkte dies die Angst bei neuen Gefangenen. Aus der eigenen Angstabwehr heraus erfolgte damit eine Identifikation mit den Drohungen der SS, hier mit einer Kastrationsdrohung. Oft erließen SS-Leute unsinnige Befehle, wie z.B. die Schuhe innen und außen mit Wasser und Seife zu waschen. Auch wenn die SS daran bald kein Interesse mehr zeigte, so gab es Gefangene, die zwanghaft solche Normen zu erfüllen bestrebt waren und andere beschimpften, wenn sie nicht ihrem Beispiel folgten. Die Lagerorganisation bestärkte solche Tendenzen, da z.B. der Tagesbeginn mit Bettenbau verbracht werden mußte, wobei mit größter Kleinlichkeit die Gefangenen schikaniert und bestraft werden konnten. Dies führte zu einem Kampf aller gegen alle, weil nur derjenige, der sein Bett richtig gemacht bekam, sich waschen konnte, den Morgenkaffee erhielt und den Gang zur Latrine schaffte. Angesichts der engen Verhältnisse im Schlafraum war man aufeinander angewiesen, zugleich aber auch aggressiv gegeneinander, weil der innere Druck kaum Geduld entwickeln ließ. So führte der innere Zwang letztlich oft zu einem Verhalten, das die SS von den Gefangenen erwartete. Die Menschen verhielten sich chaotisch, undiszipliniert und aggressiv. Die SS fühlte sich in ihrem Bewußtsein hierdurch bestärkt, ohne zu begreifen, daß die Organisation des Lagers und ihr Verhalten Ursache für das Verhalten der Gefangenen waren. Die einseitige Konstruktion von Wirklichkeit in den Köpfen der Wächter führte dazu, daß die unmenschlichen Prophezeiungen ihres Führers sich erfüllten. Nur sehr organisierten Abteilungen vor allem politischer Gefangener konnte es gelingen, den gnadenlosen Kampf aller gegen alle abzuschwächen.[12]

Umgekehrt waren die Identifikationen, die in der SS verlangt wurden, ebenfalls durch starke autoritäre Unterwürfigkeit, durch Anpassung und Abwehr eigener Schwächen von autoritärer Aggression charakterisiert.[13] Das totalitäre System bedingt eine strikte hierarchische Ordnung. Das Über-Ich-System, das jeder aus seinem Elternhaus kennt, wird durch politische Über-Ich-Surrogate des Systems ersetzt. Der Führer, Polizei, Lehrer bzw. hier die SS funktionieren dann als Über-Ich-Surrogat, wobei das ursprüngliche Anerkennungsmuster aus der Kindheit nun auf diese neuen Autoritäten übertragen wird. Bettelheim (1990a, S. 344f.) leitet hieraus ab, daß die Konformität, die von der SS in besonderem Maße wie von jedem Bürger oder auch den Häftlingen verlangt wurde, hierauf zurückgeht. „Ein Über-Ich, das persönliche Verantwortung und Entscheidungsfreiheit für einen fordert, kann unangenehme, ja bedrohliche Züge annehmen, da man sich nie völlig sicher sein kann, ob man das Richtige tut. So aber entsteht der Wunsch, daß einem gesagt wird, was man tun soll. Befehlsgehorsam enthebt einen einer inneren Entscheidung, die zu Konflikten führen könnte und später entweder verinnerlichte Schuldgefühle oder aber – in einem totalitären Staat – die reale Gefahr der eigenen Vernichtung nach sich ziehen kann. Wenn wir dagegen lediglich Forderungen erfüllen, die uns von außen auferlegt werden, können wir uns frei von Schuld und sicher fühlen“ (ebd.).

Nur weil die Nazis die Gewaltmittel in den Händen hielten, konnten sie im Lager ihre Macht, die selbst in einer Unterwerfung unter Führertum und strikte Hierarchie bestand, ausleben. Die Abwehr gegen die eigene Ohnmacht bei gleichzeitiger Entlastung des Schuldgefühls führte ihrerseits zu Grausamkeiten, die systemisch eskalierten: im Wechselspiel von Täter und Opfer war auf der Fremdzwangseite immer die Ursache der Gewalt- und Machtanwendung zu erkennen, im Bild des inneren Zwanges aber entfaltete sie ihre eigene Dynamik, was sich auf die äußeren Zwangsmaßnahmen stabilisierend oder eskalierend auswirkte. Letztlich folgte die Identifikation mit dem Aggressor der gleichen Regression, die dieser in seinem Über-Ich aufrichten und verleugnen mußte.

Die Rolle des psychoanalytischen Beobachters

Bettelheims Beobachtungen und Beschreibungen helfen uns, das Wesen von Extremsituationen besser zu verstehen. Es ist ein komplexes Zusammenwirken, das aus äußeren und inneren Zwängen zusammengesetzt ist, wobei der Fremdzwang zunächst die Menschen überhaupt in solche Situationen treibt [14], das Abwehrleistungen produziert, wobei Zuschreibungen und Stereotypisierungen einfache formale Muster sind, die sich in Projektionen ausmalen lassen, in Regressionen ein Grundmuster der Ichschwäche aufzeigen, nach Identifikationen verlangen, die das eigene Ich ruinieren können. Diese Aspekte sind nicht mehr als Unterscheidungshilfen, verschiedene Blickwinkel, den namhaft gemachten Schrecken zu beschreiben und zu verstehen. Sie werden in weiteren Arbeiten zu diesem Themengebiet immer als eine Ausgangsbasis dienen können.

Bettelheims Beobachtungen an seinen Mitgefangenen und seiner eigenen Person werden von ihm als eine Abwehrreaktion gegen die Extremsituation beschrieben, der er ausgesetzt war (Bettelheim 1989, S. 124). Hierin lag ein Schlüssel dafür, seine Selbstachtung zu erhalten, sich als etwas Besonderes in der egalisierenden Lagerwelt zu behaupten und seinen Lebenswillen immer wieder zu aktivieren. Sein Aufenthalt war im Vergleich zu anderen sehr kurz, aber er kam zu ähnlichen Schlüssen wie die Langinhaftierten (vgl. etwa Federn 1989). Aus der Rolle des Beobachters möchte ich zwei Gesichtspunkte herausgreifen, die weniger die Lageranalyse selbst betreffen, sondern Folgerungen für die Theorie und Praxis der Psychoanalyse erlauben. Der erste Gesichtspunkt verweist auf methodologische Probleme und Schwächen der Beobachterposition selbst, der zweite verdeutlicht die Bedeutung der KZ-Erfahrung für Bettelheims spätere Praxis mit autistischen Kindern.

a) Bettelheims Kritik an der Psychoanalyse

Bettelheim, der sich vor seiner Inhaftierung mit der Psychoanalyse intensiv beschäftigt hatte, war von ihr während seines Lageraufenthaltes einerseits fasziniert und andererseits enttäuscht. Die Faszination beschreibt er vielfältig, indem er unbewußte Motive menschlichen Verhaltens in Extremsituationen analysiert. Die Enttäuschung drückt sich darin aus, daß die Theorie ihm nicht die geringste Sicherheit im Überlebenskampf brachte, daß er mit ihr wenig Strategien sinnvollen Handelns in Extremsituationen Voraussagen konnte. Hier fehlte vor allem, daß sie außerhalb des therapeutischen Rahmens schwer in die Praxis umzusetzen war, ferner, daß sie Mängel bei der Frage aufwies, was überhaupt eine wohl integrierte Persönlichkeit sei – sozusagen um eine positive Richtschnur fürs Leben zu haben (vgl. Bettelheim 1989, S. 26).

Um diese Kritik zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß Psychoanalyse für Bettelheim hier dreierlei war: „eine Beobachtungsmethode, eine Therapie und ein System von Theorien über das Verhalten und die Persönlichkeitsstruktur des Menschen“ (ebd., S. 25). Nach seinem Lageraufenthalt meinte er, daß die Beobachtermethode ihm geholfen hat, daß aber insbesondere die Theorie über die Persönlichkeit das schwächste Glied sei und gründlich revidiert werden müsse.[15] Die Psychoanalyse ist für ihn erstens keine wirksame Methode einer Persönlichkeitsveränderung, zweitens konnte sie zu wenig erklären, was eigentlich in den Häftlingen vor sich ging (vgl. ebd., S. 24f.). Bettelheim stellte fest, daß der Aufenthalt in einer bestimmten Umwelt sehr viel bestimmtere Veränderungen bewirken kann, als die Psychoanalyse.

Bei dieser Beschreibung ist kritisch einzuschränken, daß Bettelheim in das KZ mit einer Übererwartung an die Psychoanalyse eingetreten war: Er erwartete hier gleichsam eine Welt- und Lebenstheorie, die alle Auskünfte über den „wahren“ Menschen (vgl. ebd.) gibt, was die Psychoanalyse im Sinne Freuds gar nicht intendierte. Da er weniger durch politische Formen, als vielmehr durch private Initiativen (vgl. ebd., S. 16) gesellschaftliche Veränderungen zu einer „guten“ Gesellschaft anstrebte, erschien ihm in der Psychoanalyse der Gegensatz einer destruktiven Theorie gegenüber den Erfordernissen eines positiven Weltaufbaus. Positives Denken im Sinne der Gestaltung der Umwelt nach einem begründeten Muster (ebd., S. 31) spricht wesentliche Aufgaben in der sozialen Gestaltung der Welt an, überfordert allerdings die klassische Psychoanalyse erheblich. Hier wiederholen sich Ungenauigkeiten in der theoretischen Konstruktion, die ich bereits für seine Arbeit „Symbolische Wunden“ festgestellt habe.[16] Insbesondere bleibt eine Unentschlossenheit gegenüber der Triebtheorie Freuds festzustellen, die für die Analyse der Extremsituation nicht schlüssig aufgearbeitet wurde. Bettelheim erwähnt zwar psychoanalytische Grundkategorien wie Sexualtrieb, Aggression usw., aber er verbindet diese Konstrukte kaum oder nur undeutlich mit den Phänomenen, die er beschreibt. Auch die ansonsten benutzten Kategorien wie Abwehr, Zwang, Regression, Projektion, Identifikation bleiben eher unverbundene Beobachter- und Beschreibungskategorien. Dies hat neben dem Nachteil einer schweren Nachvollziehbarkeit des Zusammenhangs der Argumente allerdings den Vorteil, daß die Komplexität selbst nicht hinter bloßen Kategorien verschwindet. Daß Bettelheim seine Psychologie der Extremsituation im Entwurfstadium belassen hat, liegt gewiß an seinem Engagement in der Behandlung von Kindern, die auf einer konkreteren Ebene Hilfe in ihrer Extremsituation erfahren konnten.

b) Die Übertragung der KZ-Verhältnisse auf die Behandlung psychisch Kranker

Ernst Federn hält es für möglich, daß nicht nur in totalitären, sondern in allen Gesellschaften Menschen auftreten, die Störungen wie jene zeigen, die wir als KZ-Mörder verabscheuen. „Manche Autoren glauben, völliger Mangel an zärtlicher Zuwendung könne beim Kind eine Schizophrenie bedingen. Die klinische Erfahrung dagegen lehrt, daß nicht jedes Kind, das elterliche Liebe entbehrt, schizophren wird. Dennoch kann man annehmen, daß der Mangel an elterlicher Fürsorge eine Reihe von Ich-Störungen bedingt, die sich vielleicht lange nicht bemerkbar machen, bis politische, soziale oder persönliche Umstände ihre fürchterlichen Folgen auslösen“ (Federn 1969, S. 639). Bettelheim zieht ähnliche Schlußfolgerungen (Bettelheim 1990a, S. 126ff.). Er beschreibt die Umwelt des Kindes als sehr entscheidend, wobei er die systemischen Wechselwirkungen von Mutter und Kind als bedeutsam ansieht. Dabei ist das Kind aktiv beteiligt, so daß eine bloße Ableitung aus dem Kontext der Kind-Mutter-Beziehung problematisch wäre. Wenn man versuchen will, Kindheitspsychosen als spontane psychische Entwicklungen des Kindes deutlicher ins Auge zu fassen, dann nützen die Erkenntnisse aus der Psychologie der Extremsituationen, weil sie sich auf vergleichbare Phänomene beziehen: Unausweichlichkeit, ungewisse Dauer des Ereignisses, Unvorhersagbarkeit bei gleichzeitiger Lebensbedrohung und Hemmung der eigenen Bewältigungsmöglichkeiten (vgl. ebd., S. 129). Auch die Bildung der Symptome in den Lagern lassen sich durchaus mit Kindern vergleichen, die Autismus und Schizophrenie erleiden – es waren dies auch für Häftlinge Reaktionsmöglichkeiten. Wesentliche Unterschiede zwischen den Kindern und Häftlingen in Extremsituationen sind damit allerdings nicht ausgeräumt, aber Bettelheim stellt fest, daß die Konstruktionen von Wirklichkeit sowohl in ihrer realen Verankerung eines Lagers als auch in der imaginären eines sich verfolgt fühlenden und belasteten Kindes ihre Mächtigkeit haben.

Mit Fallbeispielen beschreibt er das systemische Zusammenwirken, das solche Mächtigkeiten auslöst und das wir aus der Beschreibung von Täter und Opfer weiter oben schon kennen. Die Orthogenic School wurde ein Ort, die Ohnmacht, die Produkt solcher Mächtigkeiten ist, zu bekämpfen, ein Lager mit umgekehrten Vorzeichen (vgl. Federn in diesem Band). Druckverminderung und das Erkämpfen von Autonomie, das waren wesentliche Ziele psychoanalytischer Behandlung, die Bettelheims Weg als Konsequenz seiner eigenen Lagererfahrung begleiteten und ihn hierin zu einem streitbaren Verfechter werden ließen. Dabei entdeckte er allerdings, daß Generalisierungen schwierig sind, „denn jedes Verfahren muß in jedem Einzelfall abgestimmt werden auf das chronologische und emotionale Alter des Kindes, auf seine Persönlichkeit, auf die Beschaffenheit seiner Störung, sowie auf seine Symptome“ (ebd., S. 136). Hier begegnete Bettelheim einer eigentümlichen Parallele zwischen seiner therapeutischen Internatspraxis und dem Lager: es braucht lange Zeiträume für die schizophrenen Kinder, um sich sicher zu fühlen, etwa so lange, wie es ohnehin in der normalen Entwicklung eines Kindes dauert. Die entlassenen Gefangenen konnten ihr Leben auch nicht dort wieder aufnehmen, wo sie es vor der Inhaftierung verlassen hatten.

Die Überlebenden

Die Reintegration traumatisierter und in ihrer Persönlichkeit „zerstörter“ Menschen war nach dem Krieg für Bettelheim ein wichtiges Arbeitsgebiet. 1955 verbrachte er dazu mehrere Monate an der Frankfurter Universität, sein Aufsatz „Individual Autonomy and Mass Controls“ (später in Bettelheim 1989) erschien in einem Band, der Max Horkheimer zum sechzigsten Geburtstag gewidmet war (Adorno/Dirks 1955). Bettelheim, dessen Nähe zur Kritischen Theorie immer auf psychoanalytische und Vorurteilsstudien begrenzt blieb und dessen eigene Theorie eher Defizite im Blick auf soziologische Dimensionen aufzeigt, wollte damals Deutsche befragen, die den Konzentrationslagern entkommen waren. Sein Vorhaben scheiterte jedoch an der Komplexität. Er bemerkte mm, daß nicht nur die in den Lagern Gefangenen eine Traumatisierung erlebt hatten, sondern daß alle Deutschen in dem totalitären System, in dem sie gelebt hatten, in einer Art Lager gewesen waren (vgl. Bettelheim 1990b, S. 248f.). Die Abwehr gegen das erfahrene Trauma ist jedoch unterschiedlich: die einen leugnen die Tatsache der Lager, die anderen unterliegen weiterhin der erlebten Traumatisierung.

Für die ehemaligen KZ-Häftlinge wird die Reintegration zur entscheidenden Aufgabe in ihrer Lebensbewältigung (vgl. Bettelheim 1990a, S. 28ff.). Dies galt auch für Bettelheim selbst: Einerseits bemerkte er nach dem Krieg die Verdrängungsleistungen vieler ehemaliger Häftlinge, die so das Grauen distanzierten, indem sie ihm jegliche weitere Bedeutung für die Gegenwart bestritten. Andererseits stieß er immer wieder auf Schuldgefühle, die darin wurzelten, überlebt zu haben, wo doch so viele gestorben waren. Ihm wurde dadurch klar, daß das Thema der Psychologie der Extremsituation neue Dimensionen aufwirft, die über eine Betrachtung von Täter und Opfer humusreichen und die auch diejenigen einschließen, die im historischen Prozeß gar nicht beteiligt waren. Es gibt keinen Vorteil einer „späten Geburt“, wie man sich auszudrücken pflegt, um neue Verdrängungsleistungen heraufzubeschwören. Extremsituationen sind wiederkehrend, das Ausmaß bei den Vernichtungslagern war in der bisherigen Geschichte einmalig, aber Wiederholungen sind nicht auszuschließen.

Vielen ehemaligen Häftlingen war das „Überlebthaben“ eine schwere Hypothek. Drei Bewältigungsstrategien sind auffällig (vgl. ebd., S. 37): Zerstörung einer möglichen Reintegration durch das Erlebte; Verdrängung, die die Geschehnisse in ihrer fortdauernden Wirkung abwehrte; lebenslange Beschäftigung mit dem Erlebten. Viele scheiterten an der Reintegration, weil ihr Leben jeglichen Sinn verloren hatte, die nächsten Angehörigen z.B. waren ermordet worden, man selbst hatte Dinge getan, die unverzeihlich erschienen. Sehr oft ergaben sich hieraus psychotische Reaktionen, die durch die äußere Gewalt der Umwelt erzwungen, verinnerlicht wurden, und die man als KZ-Überlebenssyndrom bezeichnete. Derjenige, der schon in den Lagern die größten Qualen erleiden mußte, wurde auch nach seiner Befreiung nicht frei von Leid. Dies erscheint als eine der größten Ungerechtigkeiten gegenüber den anderen Überlebenden des Krieges, denen diese psychologischen Schwierigkeiten erspart blieben, als deren Verursacher sie im totalitären, im faschistischen System jedoch beteiligt waren. Etlichen gelang die Reintegration nicht und viele von ihnen begingen Selbstmord. Andere – vielleicht die Mehrheit – bevorzugten Verleugnung und Verdrängung, was aber dazu führte, daß ihr Standpunkt leicht wieder von außen zu erschüttern war (vgl. ebd., S. 40f.). Nicht nur die Opfer wählten diesen Weg, sondern vor allem die Mehrheit der Bevölkerung, der Völker. Der ständige Kampf gegen die Lagererfahrung brachte die dritte Gruppe dazu, sich etwas abzugewinnen, das die Lager unter einem positiven Aspekt erscheinen ließ (ebd., S. 43f.). Bettelheims Bemühungen um kranke Kinder beweisen für ihn seine Versuche der Reintegration, sein Eifer hierbei zeigt die Stärke dieses Bemühens an.

Als die Welt von den Greueltaten der Konzentrationslager erfuhr, entfaltete sie eigene Abwehrmechanismen, um die Greueltaten zu verarbeiten. Bettelheim beschreibt drei typische Reaktionen: 1) der Terror schien so unheimlich, daß er auf eine kleine Gruppe perverser und geistesgestörter Personen beschränkt wurde; 2) es wurde bestritten, daß die Berichte aus den Lagern wahr seien; 3) man glaubte zwar den Berichten, aber verdrängte das Wissen, so schnell es ging. Bettelheim beklagte mehrfach bitter, daß der Westen viel zu wenig politisches Asyl den Flüchtenden gewährte, was viele zusätzlich in den Tod trieb.[17] Hinter all diesen Abwehrmechanismen steckt das Eingeständnis der modernen Zivilisation, daß die Unmenschlichkeit Teil des Zivilisationsprozesses geblieben war. Der moderne Mensch war nicht in der Lage, seine Grausamkeit zu beherrschen. Dieses Eingeständnis aber forderte eben jene Abwehrweisen heraus, die auch nach der Entdeckung der Lager durch die Allierten, nach den Nürnberger Prozessen bis in die Gegenwart weiter wirken (vgl. Bettelheim 1989, S. 272).

Neben dieser Abwehrleistung des Auslands ist es wichtig, auch die Abwehr der Deutschen in den Blick zu nehmen. Da die Konzentrationslager gerade dazu dienten, auch die Deutschen einzuschüchtern, ist es eine gigantische Verdrängungsleistung, wenn nach dem Kriege behauptet wurde, man habe von nichts gewußt. Damit war in der Regel auch nur gemeint, daß man das Ausmaß der Greueltaten im Detail sich nicht vorstellen konnte, gleichwohl aber Angst vor den Lagern empfand. Wenn dann allerdings im Ausland gesagt wurde, daß die Deutschen nun logen, um sich ein Alibi zu verschaffen, dann wird dies nach Bettelheim der Situation auch nicht gerecht. Er beschreibt die systemischen Wirkungen, die zwischen Lüge und der Angst auf Bestrafung im Zusammenhang mit psychischen Prozessen herrschen, die wir auch von Kindern kennen. Kinder gebrauchen oft Lügen, um uns zum Narren zu halten, weil sie sich selbst zum Narren halten. Auch hier regiert eine Abwehrhaltung: aus der Angst vor Strafe, aus dem Wissen, daß sich die Wahrheit nicht immer wird verbergen lassen, entsteht der Impuls, sich selbst einzureden, daß die Missetat niemals hätte geschehen können oder geschah. Darin reflektiert sich vielfach unbewußt, daß Strafen dann höher ausfallen, wenn wissentlich gehandelt wurde (vgl. Bettelheim 1989, S. 311f.). Und was nützt der Katalog der Strafen? Je härter die Strafen sind, desto stärker wird die psychische Abwehr herausgefordert. Zudem ist zu berücksichtigen, daß nicht nur die Deutschen Schuld auf sich geladen haben – was nicht als Entschuldigung für Greuel gelten kann, sondern nur als Erklärung für Verhalten -, daß es vielmehr darauf ankommt, zu erkennen, „daß ein unterdrückendes Regime die Persönlichkeit erwachsener Menschen so sehr desintegrieren kann, daß sie aus reiner Angst das fest glauben können, was sie als falsch erkennen würden, wenn ihnen dies die Angst erlaubte“ (ebd., S. 312).

Adorno leitete aus einer ähnlichen Einsicht ab, daß es oberstes Erziehungsziel einer „Erziehung zur Mündigkeit“ sein müsse, daß nie wieder Auschwitz sei. Die Geschichte nach 1945 zeigte sehr schnell, daß die sogenannte Zivilisation des 20. Jahrhunderts diesem Ziel nicht standhalten konnte. Vielfältig haben seither Diktaturen Menschen in Lager gesperrt, gefoltert, ermordet – und damit immer wieder Abwehrleistungen herausgefordert. Die Psychologie der Extremsituationen bedarf weiterer Differenzierung, bedarf auch eines viel größeren Forscherinteresses als bisher, um auf der Basis ihrer Klassiker (vgl. auch Fischer o.J.), zu denen Bettelheim gehört, uns nicht blind in der Abwehr gegen das zu belassen, was Menschen täglich bedroht und auch uns eines Tages wieder direkt bedrohen könnte.

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Roland Kaufhold, (Hg.): Annäherung an Bruno Bettelheim. Mainz (Grünewald) 1994. Wir danken für die Genehmigung zur Veröffentlichung. Einzelne Exemplare des Buches können für Euro 10,- zzgl. Porto beim Herausgeber bestellt werden.

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Bild oben: Bruno Bettelheim während seiner aktiven Tätigkeit in der Orthcigenic School, ca. 1970, Foto: © Psychosozial-Verlag & Roland Kaufhold

Literatur
Adorno, Th.W. / Dirks, W. (Hg.): Sociologica. Aufsätze, Max Horkheimer zum sechzigsten Geburtstag gewidmet. Stuttgart (Europäische Verlagsanstalt) 1955 Adorno, Th. W.: Studien zum autoritären Charakter. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1973 Bettelheim, B.: Freud und die Seele des Menschen. München (DTV) 1986 Bettelheim, B.: Aufstand gegen die Masse. Die Chance des Individuums in der modernen Gesellschaft. Frankfurt a.M. (Fischer) 1989 Bettelheim, B.: Erziehung zum Überleben. Zur Psychologie der Extremsituation. München (DTV) 1990 a (4. Aufl.)
Bettelheim, B.: Themen meines Lebens. Stuttgart (Deutsche Verlags-Anstalt) 1990 b Federn, E.: Einige klinische Bemerkungen zur Psychopathologie des Völkermords. In: Psyche, 23. Jg. (1969), S. 629-639
Federn, E.: Versuch einer Psychologie des Terrors. In: Psychosozial, 12. Jg. (1989), Heft 37
Fisher, D.J.: Toward a Psychoanalytic Unterstanding of Fascism and Anti-Semitism: Perceptions from the 1940’s. Manuskript Los Angeles o.J. (Mittlerweile auf französisch erschienen in: Rev. Int. Hist. Psychanal. 1992, 5, S. 221-241)
Reich, K.: Zur Psychologie extremer Situationen bei Bettelheim und Federn. In: psychosozial Nr. 53 (1/93)

Anmerkungen:
[1] Individual and Mass Behavior in Extreme Situations. In: Journal of Abnormal and Social Psychology, 38, 1943, S. 417-452. Die Arbeit war von zahlreichen – insbesondere psychoanalytisch orientierten – Herausgebern abgelehnt worden, weil ihr nicht geglaubt wurde, man die Aussagen für übertrieben oder einfach unzumutbar hielt (vgl. Bettelheim 1990a, S.23). Gordon Allport schließlich veröffentlichte die Arbeit. Eisenhower befahl später, daß alle Offiziere der US-Militärregierung, die in Deutschland stationiert waren, den Essay lesen mußten (vgl. ebd., S. 27, Anm. 7).
[2] Zur Geschichte der Konzentrationslager vgl. Bettelheim 1990a, S. 47 ff. und 1989, S. 118 ff.
[3] In den ersten Jahren konnten noch jüdische Häftlinge von den Familien freigekauft werden. Bettelheim selbst hatte das Glück, freizukommen und auswandern zu können.
[4] Ernst Federn, der sieben Jahre in Buchenwald und Dachau verbrachte, entwickelte Ansätze zu einer „Psychologie des Terrors“, in der er neben den physischen vor allem die psychischen Qualen als Terrorinstrumente hervorhob. Vgl. Federn (1989). Federn war neben Alfred Fischer ein wichtiger Gesprächspartner von Bettelheim im Lager.
[5] Die SS betonte gegenüber Häftlingen immer wieder, daß das Erschießen dem deutschen Volk zu viele Pfennige für die Kugel kosten würde, daß mithin die Kugel zu schade für den Häftling sei.
[6] Der Begriff spielt auf Mohammedaner an, die sich fatalistisch in ihr Schicksal fügen. Auch wenn die Zuschreibung selbst schon fragwürdig und diskriminierend ist, so ist vor allem zu bemerken, daß die Lage der „Muselmänner“ nie eine der freien Wahl war, sondern durch den Fremdzwang des Lagerterrors sich ergab.
[7] Bettelheim war auf den Lageraufenthalt nicht unvorbereitet gewesen. Dennoch ist es gewiß heikel, aus der Gegenwart heraus solche Vergangenheit zu beschreiben und zu beurteilen. Dazu gleich mehr.
[8] Vgl. dazu meine Ausführungen in dem Aufsatz über Bettelheims „Symbolische Wunden“ in diesem Sammelband. Im Spätwerk kehrt er eher zu Freuds ursprünglichen Ansichten zurück, vgl. Bettelheim (1986,1990b).
[9] Im Vergleich der Arbeiten Bettelheims mit der „Psychologie des Terrors“ von Ernst Federn erweitere ich die Kategorien; vgl. Reich (1993); vgl. auch weiter unten Anmerkung 13.
[10] Bettelheim setzte sich über den Fall Eichmann mit Hannah Arendt auseinander, deren Erklärungen er überwiegend für sinnvoll hielt (vgl. Bettelheim 1990 a, S. 266 ff.). Besonders stimmte er der Deutung zu, daß es das Wesen des totalitären Staates ist, durch den Aufbau der Macht eine „normale, ja eher mittelmäßige Person wie zum Beispiel Eichmann dahin“ zu bringen, „daß sie eine so entscheidende Rolle bei der Ausrottung von Millionen Menschen spielt“ (ebd., S. 268). Zugleich stimmt er ihr auch zu, daß die Opfer selbst teilweise mit den Nazis verstrickt waren, insbesondere durch Judenführer, die Aufsichtsaufgaben in den Lagern übertragen bekommen hatten, was in besonders tragischer Weise die Wechselwirkung zwischen Tätern und Opfern beleuchtet. Eichmann hatte zugegeben, daß ohne Mithilfe der Juden die Vernichtung gar nicht hätte durchgeführt werden können. Solche Tatbestände festzuhalten, darf allerdings nicht mit Schuldentlastungen verwechselt werden. Arendts Studien über den Antisemitismus differenzieren viele der Bettelheimschen Überlegungen auf einer allgemeineren, politischen Ebene.
[11] Die SS nutzte dies durch die Zensur von Briefen und durch Weiterleitung von falschen Informationen an die Angehörigen schamlos aus.
[12] Bettelheim wehrte sich sehr gegen Vereinfachungen in der Beschreibung des Lagerlebens, wie sie in der Nachkriegszeit häufiger in Filmen gezeigt wurden. Solche Filme verfahren meist nach stereotypen Zuschreibungen und erschienen ihm nicht geeignet, die komplizierten psychischen Mechanismen verständlicher zu machen.
[13] Adorno (1973) führt neben diesen drei Variablen noch Anti-Intrazeption (Abwehr des Subjektiven, Fantasievollen, Spontanen), Aberglaube und Stereotypie, Machtdenken und „Kraftmeierei“, Destruktivität und Zynismus, Projektivität und Sexualität als untersuchenswerte Kategorien an, um autoritäre Charakterstrukturen zu beschreiben. Bettelheim war an diesen Studien beteiligt, da er im Rahmen der umfassenden „Studies in Prejudice“, die in fünf Bänden 1949 und 1950 erschienen, mit Janowitz die „Dynamics of Prejudice“ am Beispiel von Veränderungen der Charakterstruktur und Vorurteilsbildungen unter besonderem Druck und Angst bei ehemaligen Kriegsteilnehmern untersuchte.
[14] Der innere Zwang aber in Fragen der Entstehung einer Psychose von gleicher Mächtigkeit sein kann; vgl. dazu weiter unten.
[15] Einen Teil dieser Revision hat Bettelheim in der Relativierung des Ödipuskomplexes geleistet. Vgl. dazu meinen Aufsatz in diesem Sammelband.
[16] Vgl. den Artikel in diesem Sammelband.
[17] Hinsichtlich der Ermordung von Geisteskranken hatte es weltweite Proteste gegeben; bei den Juden hingegen hatte die Weltöffentlichkeit in etlichen ihrer Repräsentanten – insbesondere der Papst und die Geistlichen – geschwiegen. Vgl. Bettelheim 1990a, S. 102f., S. 114.