Jakob Wassermann – „Ich bin Deutscher – und ich bin Jude“

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„Es kommt eine finstere Zeit. Seit einem Jahrtausend war keine ähnliche.“ Diese Prophezeiung legte Jakob Wassermann in einem letzten Roman „Joseph Kerkhovens dritte Existenz“ seinem Protagonisten in den Mund. Das Buch wurde 1933 beendet und erschien posthum ein Jahr nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten in einem Exilverlag. Ab Mai 1933 standen alle Werke von Wassermann in Deutschland auf der „Schwarzen Liste“.

Erschienen bei: bavaria-judaica: Internetportal zur bayerisch-jüdischen Geschichte

Jakob wurde am 10. März 1873 als Sohn des Kaufmanns Adolf Wassermann und seiner Frau Henriette im fränkischen Fürth geboren. Nach dem Besuch der Realschule begann er eine kaufmännische Ausbildung in der Fabrik seines Onkels in Wien, die er jedoch bald abbrach, da er Schriftsteller werden wollte. Nach einem einjährigen Militärdienst war der junge Mann kurzfristig als Versicherungsagent tätig, danach irrte er ziellos durch Süddeutschland und lebte in ärmlichsten Verhältnissen. 1894 lernte Wassermann den Schriftsteller und Lektor Ernst Freiherr von Wolzogen in München kennen, bei dem er eine Stellung als Sekretär antrat. Von Wolzogen erkannte sein literarisches Talent und machte ihn 1896 mit dem Verleger Albert Langen bekannt, der Wassermanns ersten Roman „Melusine“, eine Liebesgeschichte, verlegte. Der Erfolg blieb nicht aus, der Schriftsteller trat in die Redaktion der renommierten Zeitschrift Simpliccisimus ein. 1897 legte Wassermann seinen Roman „Die Juden von Zirndorf“ vor. Einleitend erzählt der Autor die Geschichte der Zirndorfer Juden im 17. Jahrhundert, und verbindet sie mit dem Pseudomessianismus, der auch bei den fränkischen Juden durch den selbernannten Erlöser Schabbatei Zwi ausgelöst wurde. Nach dem Vorspiel wird das Leben des Zirndorfer Jungen Agathon erzählt, der sich als eine Reinkarnation des Schabbatei Zwi sieht.

Immer wieder kehrt Jakob Wassermann in seinen Büchern zu seinen fränkischen Wurzeln zurück. Die Region wird etwa Hintergrund für seine Romane: „Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzen“ (1908) oder „Das Gänsemännchen“ (1915). „Es ist nicht Heimatkunst in dem engen Sinne“, schrieb das Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Berlin zu seinem 60. Geburtstag, „bei Wassermann ist es aus Heimatsgefühl und Kenntnis heraus nur die Wand, großartig genug in ihrer Farbigkeit; davor aber agiert das allgemein Menschliche, mit den ewigen, von jedem Dichter stets neu geschaffenen Leidenschaften und Konflikten.“

1898 war Wassermann von München nach Wien gezogen, von wo er als freier Schriftsteller und Theaterkritiker auch für die Frankfurter Zeitung schrieb. 1919 übersiedelte er nach Altaussee in Österreich, dort lebte er bis zu seinem Tod. Jakob Wassermann war einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller in der Weimarer Republik, seine Bücher erreichten eine Gesamtauflage von eineinhalb Millionen. „Der neue Wassermann ist eingetroffen“ schrieb ein Kritiker der Zeitschrift Die Literatur. „Auf diese Kunde hin entsteht ein Auflauf um den Schreibtisch, der Bücherstoß wird von gierigen Händen nach dem Wassermann durchwühlt, jeder sucht ihn dem anderen abzujagen. So geht es nun seit Jahren.“

Insbesondere sein Roman „Der Fall Maurizius“ (1928) über einen Justizirrtum, den sein Schriftstellerkollege Georg Hirschfeld als „Kampfbuch der Wahrhaftigkeit“ bezeichnete, wurde auch international ein Erfolg und in den 1950er Jahren sogar verfilmt. Wassermann stand im engen Kontakt zu bedeutenden Intellektuellen wie etwa Gustav Mahler, Sigmund Freud, Thomas Mann, Arthur Schnitzler oder Hugo von Hofmannsthal und war ab 1926 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

1921 erschien Wassermanns Biografie „Mein Weg als Deutscher und Jude“, die zwar Diskussionsstoff lieferte, aber nicht so erfolgreich war, wie seine anderen Bücher. Als deutsch-jüdischer Schriftsteller war er schon früh dem zunehmenden Antisemitismus ausgesetzt. Wassermann sah sich als Deutscher und Jude, „eines so sehr und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen“ schrieb er über die von ihm als Doppelexistenz empfundene Identität und fügte verbittert hinzu: „Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausende neue zutage.“

Was Wassermann in seiner Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude“ zwölf Jahre vor der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten zu Papier brachte, wurde ab 1933 brutale Realität. Opfer des damit verbundenen Zivilisationsbruchs zu werden, dieses Schicksal blieb ihm jedoch erspart. Jakob Wassermann starb am 1. Januar 1934 im Alter von nur 60 Jahren in Altaussee. Marcel Reich-Ranicki würdigte „Mein Weg als Deutscher und Jude“ als „ein großes, ein immer noch ergreifendes Zeitdokument, es ist Bekenntnis und Darstellung, Klage und Anklage in einem.“

Nach 1945 waren Jakob Wassermanns Werke in Vergessenheit geraten. Erst in den letzten Jahren und aktuell zum 150. Geburtstag des Schriftstellers rückt der Autor wieder ins öffentliche Bewusstsein – denn einige der Werke „des radikalen Moralisten“ haben bleibenden Wert – es lohnt sich, ihn neu zu entdecken.

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Quellen:
Jakob Wassermann, Mein Weg als Deutscher und Jude, Berlin 1921.
Fritz Engel, Jakob Wassermann 1873–1933, in: Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, März 1933.
Jakob Wassermanns Heimattreue. Zu seinem 60. Geburtstag am 10. März 1933, Bayerische Israelitische Gemeindezeitung, 1. März 1933.
Georg Hirschfeld, Erinnerungen an Jakob Wassermann. Ein Gedenkblatt zum ersten Todestag, in: Der Morgen 10/1935.
Dirk Niefanger/Gunnar Och/Daniela Eisenstein (Hg.), Jakob Wassermann Deutscher – Jude – Literat, Göttingen 2007.
Thomas Kraft, Jakob Wassermann, München 2008.